Rezension über:

Norbert Frei: Konrad Adenauer. Kanzler nach der Katastrophe, München: C.H.Beck 2025, 319 S., 29 s/w-Abb., ISBN 978-3-406-83723-4, EUR 29,90
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Friedrich Kießling: Adenauer. Dreieinhalb Leben. Biografie, München: dtv 2025, 542 S., 42 s/w-Abb., ISBN 978-3-423-28468-4, EUR 30,00
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Holger Löttel: Konrad Adenauer. Leben in Zeiten des Umbruchs, Berlin: BeBra Verlag 2025, 207 S., 35 s/w-Abb., ISBN 978-3-89809-275-3, EUR 24,00
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Rezension von:
Gunnar Take
Universität Stuttgart
Empfohlene Zitierweise:
Gunnar Take: Drei neue Biografien zum 150. Geburtstag von Konrad Adenauer (1876-1967) (Rezension), in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 1 [15.01.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/01/40771.html


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Drei neue Biografien zum 150. Geburtstag von Konrad Adenauer (1876-1967)

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Anlässlich der 150. Wiederkehr von Konrad Adenauers Geburtstag am 5. Januar 1876 erschienen im Herbst 2025 drei neue Biografien. Alle sind populärwissenschaftlich angelegt und bieten weder innovative methodische Zugänge oder neue Quellen noch grundlegend neue Deutungen. Einsteigen möchte ich daher mit der Frage, warum mit Norbert Frei, Friedrich Kießling und Holger Löttel gleich drei Zeithistoriker neue Lebensdarstellungen eines Mannes publizieren, der bereits in epischer Breite, in aller Kürze sowie in vielen Zwischenstufen biografiert worden ist. [1]

Löttel, in der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus an der Herausgabe der "Rhöndorfer Ausgabe" zentraler Dokumente über Adenauer beteiligt, gibt an, von der Geschäftsführerin aufgefordert worden zu sein, eine Biografie als "knapp gehaltene Einführung im erzählenden Stil" zu verfassen. (Löttel, 206) Dabei orientiert er sich weitgehend an den Deutungen konservativer Historiker wie Hans-Peter Schwarz und dekonstruiert die eingeflochtenen Zitate Adenauers sowie die Historisierungsversuche aus dessen Umfeld nur sehr zurückhaltend.

Frei, mit Publikationen zur "Vergangenheitspolitik" und zuletzt zu den Bundespräsidenten einem breiteren Publikum bekannt, weist die Initiative dem Cheflektor von C.H. Beck zu, der "mit der Idee des Weges kam". (Frei, 279) Hinsichtlich der eigenen Motive bleibt Frei vage, schreibt von einem "frische[n] Blick auf den ersten Kanzler" und davon, eine Reihe "eingeschliffener Meinungen, Urteile und Vorurteile [...] noch einmal abzuwägen". (Frei, 9) Das tut er jedoch kaum, sondern arbeitet auf 317 Seiten, ähnlich wie Löttel in weitgehend chronologischer Ordnung, eine enorme Vielzahl von Themen in meist sehr knapper Form ab. So behandelt er beispielsweise auf nur 24 Seiten dicht gedrängt Wiederbewaffnung, Moskau-Reise, Informationsministerium und Adenauer-Fernsehen, BND-Inlandsspionage, Rentenreform und Wahlkampf 1957 sowie Atombewaffnung. Da Frei jeweils neue Akteure einführen sowie die Kontexte erläutern muss, behindert die schiere zeithistorische Themenbreite eine tiefgreifendere Betrachtung der Person Adenauer.

Kießlings Biografie bietet unter den dreien den größten analytischen Gehalt. Dies liegt nicht nur am Umfang von 543 Seiten, sondern auch an der Gliederung, die zäsurübergreifende Unterkapitel wie "Ideenwelten nach 1945" oder "Katholisch - wie katholisch?" enthält. Außerdem interessiert sich Kießling, dem Untertitel "Dreieinhalb Leben" entsprechend, auch am stärksten für die Zeit vor Adenauers Nachkriegskarriere und widmet ihr über die Hälfte seines Buches. In Freis "Kanzler nach der Katastrophe" werden die ersten 69 Lebensjahre bis 1945 dagegen im ersten Sechstel des Buches abgehandelt. Bei Löttel umfassen sie ein Drittel.

Laut Kießling habe die aktuelle "Diskussion um tiefere Wurzeln der Demokratie in Deutschland" neue "Themen und Fragen" (Kießling, 13 f.) für eine Adenauer-Biografie hervorgerufen. Dies liest sich zwar ähnlich vage wie bei Frei, aber Kießlings zeitliche Schwerpunktsetzung sowie die Art der Darstellung scheinen besser für eine historische Reflektion einiger der gegenwärtigen politischen Probleme geeignet. Dazu würde ich insbesondere das Verhältnis konservativer Parteien, Medien und gesellschaftlicher Strömungen zum Rechtsextremismus zählen. Kießling betont immer wieder die "widersprüchlichen Erfahrungen" Adenauers, dessen "Anpassungen bestehender Ideenbestände" und die Schwierigkeit, Kontinuitäten hinsichtlich "Haltungen oder politische[n] Zugänge[n]" zu identifizieren. (Kießling, 12, 322, 455) Frei präsentiert in seinem Fazit "Der Patriarch" dagegen mit großer Selbstsicherheit eine Gesamtdeutung. Bei aller Kritik an Adenauers Politikstil, die er im Hauptteil mehrfach ausgesprochen scharf formuliert, mündet dies in der Behauptung, Adenauers "Führungsstärke [...] und das Engagement für Europa [...]: Beides wäre heute so nötig wie zu Adenauers Zeit." (Frei, 276) Kießlings offene Form der Darstellung bietet für die Leserinnen und Leser bessere Möglichkeiten zur Bildung eigener Urteile und insbesondere zur Reflexion des Verhältnisses zwischen dem Fortgang der Geschichte und der Entwicklung eines Individuums. Im Zuschnitt enger und zu einer multikulturellen Einwanderungsgesellschaft nicht recht passend erscheint dagegen Freis Ansatz "zu verstehen, wie wir seit 1949 wurden, was wir sind: [...] im Umgang mit unserer Vergangenheit." (Frei 9, Hervorhebung des Rezensenten)

Wie unterschiedlich die Herangehensweisen der Autoren an viele Teile von Adenauers Biografie ist, kann exemplarisch an dessen sozialer Herkunft aufgezeigt werden - gerade weil diese neben den kulturellen und religiösen Prägungen meist weniger Beachtung findet. Bei Frei war Adenauer der "Sohn eines kleinen Beamten" und "aus kleinen Verhältnissen", den es "in die städtische Politik verschlug", weil "sich ihm der erhoffte Weg in ein bequemes Notariat auf dem Lande nicht eröffnete" (Frei, 13 f., 267). Kießling stellt dies anders dar. Er kann sich zwar nicht entscheiden, ob Adenauer "einer bürgerlichen Elite" oder "dem mittleren Bürgertum" (Kießling, 48, 63) entstammte, weist aber darauf hin, dass er wie seine zwei Brüder zu jenen nur zwei Prozent seines Geburtsjahrgangs gehörte, die ein Abitur erwerben konnten. Auf seine Kontakte in die Spitzen der Verwaltung und der Zentrumspartei Kölns gestützt, vermochte es der Vater, allen Söhnen ein mehrjähriges Studienstipendium zu verschaffen sowie den beruflichen Ein- und Aufstieg zu erleichtern. Alle Biografien führen Adenauers enormen Aufstiegswillen auf Prägungen durch seinen Vater zurück. Während Kießling dies anhand von dessen Vernetzung in die kommunalen Eliten veranschaulicht, greifen Frei und Löttel auf das überkommene Narrativ einer angeblichen "letzte[n] Empfehlung" des Vaters drei Tage vor seinem Tod an den just zum Beigeordneten in der Kölner Stadtverwaltung ernannten Sohn zurück: "Konrad, jetzt musst du dir vornehmen, Oberbürgermeister von Köln zu werden." (Löttel, 21; Frei, 15) Frei reklamiert allerdings keine Authentizität dieses überaus zweifelhaften Zitats, während es bei Löttel als belegter Fakt erscheint.

Hinsichtlich der von allen drei Autoren aufgeworfenen Fragen zu Adenauers demokratischen Überzeugungen und Praktiken sind die Schilderungen der späten Weimarer Republik besonders interessant. Frei sieht im Kölner Oberbürgermeister Adenauer "eine schwankende Figur", dessen Politik durch "eine tiefe politische Verunsicherung und Ratlosigkeit" gekennzeichnet gewesen sei. (Frei, 28, 26) Ähnlich liest sich dies bei Löttel, der seine Deutung auch hier von Schwarz übernimmt. (Löttel, 55) Kießling beschreibt Adenauer dagegen als deutlich konsequenteren Verteidiger der demokratischen Ordnung und des Rechtsstaats. Er misst der Betätigung als Präsident des Preußischen Staatsrats eine sehr große Bedeutung bei und folgert hinsichtlich der ersten Wochen von Hitlers Reichskanzlerschaft: "Nun profilierte er [Adenauer] sich öffentlich als klarer Gegner der neuen Regierung." (Kießling, 231)

Derartige Vergleiche der Schilderungen bestimmter Ereignisse und Entscheidungen ließen sich viele ziehen. Im Folgenden möchte ich exemplarisch auf die BND-Inlandsspionage sowie die Personalpolitik und NS-Belastung eingehen und aufzeigen, inwiefern die Autoren die jüngere zeithistorische Forschung in ihren Adenauer-Deutungen rezipieren. Auf Klaus-Dietmar Henkes Erkenntnisse zum BND ("Adenauers Watergate") nehmen erwartungsgemäß alle Bezug. Frei rückt die "ganz und gar gesetzeswidrige Ausforschung der SPD-Zentrale" (Frei, 190) ins Zentrum seines Kapitels "Autoritäre Machenschaften und ein totaler Sieg". Aber wie an anderen Stellen mündet auch diese Beschreibung der "monströsen Affäre" (Frei, 190) in eine schludrig formulierte Schlussfolgerung: Es bleibe "das Faktum", ein Bekanntwerden nach der Bundestagswahl 1957 hätte "wohl seinen Rücktritt erzwungen" (Frei, 192, Hervorhebung des Rezensenten). Kießling betrachtet die Spionage im Zusammenhang mit Adenauers "Versuchen zur Presse- und Öffentlichkeitslenkung" (Kießling, 390). Beide Aktivitäten "bedeuteten einen Machtmissbrauch der Exekutive in der parlamentarischen Demokratie" (Kießling, 392). Löttel sieht dies ähnlich. Als einziger geht er auch auf die Ausspionierung der FDP ein, weil im Umgang mit einem Koalitionspartner Adenauers Nutzung der Informationen besser aufgezeigt werden könne als mit Blick auf die Opposition.

In der Betrachtung von Adenauers Personalpolitik und seinem Umgang mit NS-Belastungen konzentrieren Frei und Löttel sich wie die meisten ihrer Vorgänger auf Kanzleramtschef Hans Globke. Beide wiederholen im Wesentlichen die seit vielen Jahrzehnten bestehenden Deutungen eines "vergangenheitspolitischen Zynismus" (Frei, 151) und einer "Ambivalenz der personellen Kontinuitäten" (Löttel, 116). Löttel sieht in der "Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten in den Staatsdienst" zwar einen "moralischen Makel". In der dadurch erreichten Domestizierung liege "aber auch ein Grund für die rasche Stabilisierung der politischen Institutionen" (Löttel, 116). Frei bezweifelt aus unklaren Gründen, "dass Adenauer Globke auch 1956 noch eingestellt hätte" (Frei, 149).

Alle drei Historiker haben die jüngere (Behörden-)Forschung wahrgenommen, aber nur bei Kießling haben die Ergebnisse signifikante Auswirkungen. Ausgehend von "Adenauers Vorliebe, Politik als personalpolitisches Machtspiel zu betreiben", beschreibt er den "Wiederaufbau der Ministerialbürokratie in Kontinuität zur Zeit vor 1945" nicht nur als Re-Integrationsgeschichte (Kießling, 441, 352). Zusätzlich schildert Kießling auch die von Adenauer führend betriebene systematische Verdrängung unbelasteter bizonaler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die mit hoher Priorität betriebene Auflösung des Personalamts als einer Kontrollstelle gegen Falschangaben von NS-Belasteten. Adenauers Zynismus sowie das "Misstrauen gegenüber den eigenen Landsleuten" (Löttel, 8) bleiben damit Determinanten seiner Politik, werden aber etwas herabgestuft. Aufgewertet wird die intrinsische Motivation, solche ehemaligen Nationalsozialisten in den öffentlichen Dienst zu holen, die Adenauers autoritäre Demokratievorstellungen teilten und politisch meist dem rechten CDU-Flügel zuzuordnen waren.

Unter den allfälligen Kritikpunkten sind jene zu Kießling von nachrangiger Bedeutung. So hätten etwa die "dreieinhalb Leben" sich durchaus in der Gliederung niederschlagen können. Auch hätte ein sorgfältigeres Lektorat einige Redundanzen getilgt. Bei Löttel sind die Monita substanzieller. Die Quellenkritik ist teils zu schwach ("Letztlich hat man seiner [Adenauers] rückblickenden Erzählung zu vertrauen"; Löttel, 66), und einige der Spekulationen können nicht überzeugen: So sei beispielsweise "anzunehmen, dass auch Adenauer [1918] von einer Angst vor bolschewistischen Verhältnissen ergriffen wurde - einer Angst, die sich in seinem späteren Antikommunismus nahtlos fortsetzte" (Löttel, 32). Vor derartig vereinfachenden Interpretationen warnt Kießling, und auch Frei vermeidet diese.

Bei Letzterem fällt der Dank an eine Mitarbeiterin auf, die bei "Spezialrecherchen [...] einiges Neue entdeckte über den [...] Aufenthalt Adenauers und seiner Familie 1934/35 in Neubabelsberg" (Frei, 280). In den Endnoten zur betreffenden Passage findet sich aber nur eine bislang offenbar unbekannte Entschädigungsakte, aus der Frei keine neuen Fakten oder Interpretationen gewinnt. Ohne auf jene Quelle zurückzugreifen, schildert Kießling die Geschichte der betreffenden Immobilie sowie das Verhältnis zwischen Adenauer und seinem Vermieter detaillierter und mit höherer analytischer Relevanz.

Unter den drei Autoren hatte ich nur beim Lesen von Kießlings Biografie den Eindruck, dass er auch selbst bei der Arbeit ein substanziell besseres Verständnis von Adenauer als Person und Politiker erlangen wollte. Diese Neugier schlägt sich in einem ansprechenden und gleichwohl anspruchsvollen Leseeindruck nieder. Frei und Löttel sind zweifellos ebenfalls hervorragende Kenner der Materie, liefern jedoch - in Löttels Fall der ausdrücklichen Zielsetzung entsprechend - routinierte Überblicksdarstellungen. Mit seiner ausführlicheren Quellenkritik, dem Abwägen verschiedener Deutungsmöglichkeiten sowie den diachronen Vergleichen ist Kießlings Buch zwar mit Abstand das längste. Es bleibt gleichwohl kurzweilig und ist ähnlich preisgünstig wie Freis und Löttels Biografien. Alle Bücher sind ansprechend gestaltet und enthalten mehrere Dutzend Fotos, ein Personenverzeichnis sowie einen bei Frei und Löttel sehr schlanken, bei Kießling 80 Seiten umfassenden Apparat mit Endnoten.


Anmerkung:

[1] Vgl. etwa Hans-Peter Schwarz: Adenauer. Der Aufstieg: 1876-1952, Stuttgart 1986, ders.: Adenauer. Der Staatsmann: 1952-1967, Stuttgart 1991, oder Henning Köhler: Adenauer. Eine politische Biographie, Frankfurt a. M. 1994, und Marie-Luise Recker: Konrad Adenauer. Leben und Politik, München 2010.

Gunnar Take