Rezension über:

Gregor Maier / Walter A. Ried (Hgg.): Hartmut XII. und die Reformation. Beiträge zum 500. Jahrestag der Belagerung Kronbergs 1522 (= Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte; Bd. 199), Darmstadt: Hessische Historische Kommission Darmstadt 2025, 158 S., 8 Farbabb., ISBN 978-3-88443-356-0, EUR 18,00
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Rezension von:
Tilman Moritz
Institut für Katholische Theologie, Universität Paderborn
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Tilman Moritz: Rezension von: Gregor Maier / Walter A. Ried (Hgg.): Hartmut XII. und die Reformation. Beiträge zum 500. Jahrestag der Belagerung Kronbergs 1522, Darmstadt: Hessische Historische Kommission Darmstadt 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 10 [15.10.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/10/41387.html


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Gregor Maier / Walter A. Ried (Hgg.): Hartmut XII. und die Reformation

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Jubiläen sind für die Geschichtswissenschaften ein zwiespältiger Anlass. Der Zufall der Zahlen allein bietet noch kein Erkenntnisinteresse. Allerdings verschaffen Jahrestage historischen Themen öffentliche Aufmerksamkeit und dem Fach eine Bühne. Umso drängender stellt sich die Frage, was wissenschaftliche Perspektiven zur mal mehr, mal weniger feierlichen Erinnerungskultur beisteuern können.

Eben diese Frage bestimmt den vorliegenden Band, der auf ein Symposium anlässlich des 500. Jahrestags der Belagerung (und Eroberung) Kronbergs zurückgeht. Das Ereignis selbst dürfte fast nur lokalgeschichtlich bekannt sein: Hartmut XII. von Kronberg (1488-1549) hatte sich als Unterstützer des Feldzugs hervorgetan, den Franz von Sickingen 1522 gegen Kurtrier führte. Damit geriet er ins Visier einer rasch gebildeten Fürstenkoalition, bei deren Gegenschlag der Kronberger Stammsitz von Landgraf Philipp von Hessen kassiert wurde. - Hier schließen sich mikrohistorische Fragestellungen an, etwa nach der Bedeutung des Gewaltakts für die Menschen vor Ort, ihren Besitz und Status, die der Band allerdings nicht verfolgt. Stattdessen konzentriert er sich auf Vorbedingungen und Nachwirkungen. Gleich im ersten Beitrag formulieren Holger Th. Gräf und Alexander Jendorff - "[s]tatt einer Einführung" (9) und in Vertretung der Herausgeber - das entsprechende Programm: Deutlich werden soll, dass sich gerade an dem partikularen, um nicht zu sagen: marginalen Gegenstand relevante historische wie historiografische Prozesse aufzeigen lassen. Dazu seien die "regional- und reichspolitischen, standes- und wirtschaftspolitischen sowie die kirchen- und religionspolitischen Kontexte" (13) zu betonen.

Am stärksten gelingt dies dort, wo der Band Hartmut aus der späteren Bekennerlegende herauslöst und in zeitgenössische Zusammenhänge stellt. Jendorff etwa fragt nach den Handlungsbedingungen eines Ritteradligen, dessen Familie durch Eigenbesitz, Kirchen- und Fürstendienst sowie weitreichende Beziehungen wirtschaftlich und sozial bestens aufgestellt war. Hartmuts Eintreten für reformatorische Anliegen erscheint so als Ausdruck adliger Eigenmacht - und zugleich als Risiko für das Haus. Die schwindende Anschlussfähigkeit seiner Politik erklärt schließlich, warum seine religiösen Impulse im Familiengedächtnis weitgehend getilgt wurden. Jendorff bewegt sich hier entlang der inzwischen etablierten Adelsforschung, die gerade für die Zeit um 1500 Niedergangserzählungen dadurch ersetzt hat, Ritteradlige als eigenmächtige Akteure und Teilhaber von Herrschaft vorzustellen.

Komplementär dazu untersucht Christine Reinle Hartmuts Fehdetätigkeit und seine Beteiligung am Sickingen-Zug. Auch hier wird eine ältere Viktimisierung korrigiert. Hartmut war weder rechtlos verfolgter Glaubenszeuge noch gegen gesellschaftlichen Bedeutungsverlust wütender "Raubritter". Reinles dichter, quellenbasierter Beitrag verortet ihn vielmehr in einem straff organisierten Beziehungsnetz, das auch "Fehdeunternehmern" wie Sickingen zuarbeitete, vor allem aber in einer geregelten Rechts- und Konfliktpraxis. Hartmuts Protest gegen die Kriminalisierung der Fehde und die fürstliche Deutungshoheit in Fragen der Friedenswahrung wird so noch einmal schärfer konturiert. Besonders aufschlussreich ist, wie Hartmut sich nach dem Verlust Kronbergs zum Märtyrer und Opfer einer Verschwörung von Klerus und Fürsten stilisierte, dieses "Reformations-Framing" (113) später jedoch aufgab, wohl um seine Verhandlungsfähigkeit wiederherzustellen.

In dieser Perspektive gewinnen auch die übrigen Beiträge ihren Platz, allerdings nicht immer mit gleicher Überzeugungskraft. Thomas Mückain rekonstruiert Luthers Reise zum Wormser Reichstag 1521. Als Hintergrund für Hartmuts reformatorisches Engagement ist das nachvollziehbar. Näher gelegen hätte vielleicht, die gleichzeitige publizistische Orchestrierung von Luthers Auftritt durch den "Ebernburg-Kreis" [1] in den Blick zu nehmen. Die Verbindung zum eigentlichen Thema des Bandes bleibt entsprechend schwach. Hinzu kommen sachliche Fehler wie die Aufwertung der "Reichsritterschaft" zum "eigenen Reichsstand" (27).

Anders liegt der Fall bei Gräfs weit ausgreifendem Beitrag zu Philipp von Hessen. Für sich genommen führt auch er vom Kronberger Geschehen weg: Im Zentrum stehen Prozesse der Fürstenreformation, europäischen Bündnispolitik und inneren Herrschaftsverdichtung, die später zum Gründungsmythos eines modernen, tatsächlich ebenso künstlichen wie historisch uneinheitlichen "Hessen" verdichtet wurden. Im Band gibt dieser Exkurs die Folie ab, vor der die Causa Kronberg noch einmal auf den Tisch kam: Jan Martin Lies stellt Martin Bucer als Kommunikator und Moderator vor, der das in Theologenkreisen wachgehaltene Anliegen Hartmuts dem Landgrafen erneut vortrug. Durch geschickte Rhetorik brachte er politische Interessen und religiöses Selbstverständnis des Fürsten und seines ritteradligen Gegenübers miteinander in Einklang. Zum Ausgleich kam es freilich erst, als sich Philipp nach dem Bigamie-Skandal von 1540 mit dem alten Kronberger einen dankbaren Alliierten verschaffen konnte.

Dass sich Zusammenhänge nicht durchgängig organisch entwickeln, ist einem Tagungsband kaum vorzuwerfen. Dennoch wünscht sich der Rezensent, dass die im Wesentlichen chronologische Ordnung - vom "Vorspiel" zu Worms 1521 bis zur Restitution Kronbergs 1541 - begründet würde oder dass den einleitenden Überlegungen ein Fazit oder resümierender Kommentar gegenübergestellt wäre. Ebenso gerät bei der Fokussierung auf Hartmut von Kronberg als typischen Standesvertreter seine individuelle Agenda etwas aus dem Blick. Das mag der insgesamt "eher unbefriedigenden Quellenlage" (47) geschuldet sein. Dennoch fällt auf, dass Hartmuts gedruckte Schriften in mehreren Beiträgen zwar als Informationsquelle genutzt, doch kaum als eigenständige Medien der Selbstdeutung und Selbstpositionierung sichtbar gemacht werden. [2]

Die Anlage zeigt, dass das schmale Bändchen auf zwei Adressatenkreise zielt. Der Form nach ist es gleichermaßen handlich wie günstig, dabei ansprechend gestaltet, darüber hinaus mit Farbabbildungen bereichert und durch ein verlässliches Personenregister erschlossen. Inhaltlich sammelt es in der Sache ausgewiesene Expertise und fachlich relevante Fragen. Für eine breite Rezeption dürfte diese Sammlung jedoch zu wenig Orientierung und Synthese bieten. Fachlich dagegen leistet sie weniger Innovation, als dass sie bewährte Forschungsperspektiven am konkreten Beispiel ausbuchstabiert.

In dieser Ambivalenz liegt vielleicht der eigentliche Erkenntnisgewinn des Vorhabens. Der geschichtswissenschaftliche Blick kann die Heldenlegende relativieren, indem er Kontingenzen, Konflikte und konkurrierende Interessen freilegt. Deshalb bieten die Beiträge viele Neubewertungen im Detail, dekonstruieren Erinnerungsfiguren, indem sie sie historisieren. Doch wie etwa Jendorffs Feststellung, solche Traditionskritik führe eher "zu einer ernüchternden Bilanz" (78), zeigt, rechnet man damit, Erwartungen zu enttäuschen. Eben das ist das Dilemma: Fachlich überzeugt der Denkmalsturz, während offenbleibt, welche integrative Kraft daraus entstehen kann. Gerade darüber nachzudenken, gibt der Band Anlass.


Anmerkungen:

[1] Thomas Kaufmann: Sickingen, Hutten, der Ebernburg-Kreis und die reformatorische Bewegung, in: Ebernburg-Hefte 49 (2015), 35-96.

[2] Grundlegend entwickelt bereits durch Steffen Krieb: Schriftlichkeit, Erinnerung und ritterschaftliche Identität. Die Herren von Eyb im 15. Jahrhundert, in: Adelige und bürgerliche Erinnerungskulturen des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit, hg. von Werner Rösener (= Formen der Erinnerung; Bd. 8), Göttingen 2000, 79-96. Vgl. auch Claudius Sittig: Überlegungen zu einer Literaturgeschichte des Adels in der Frühen Neuzeit, in: Die "Kunst des Adels" in der Frühen Neuzeit, hgg. von Claudius Sittig / Christian Wieland (= Wolfenbütteler Forschungen; Bd. 144), Wiesbaden 2018, 127-145.

Tilman Moritz