Rezension über:

Markus A. Denzel: Die Rechnungsbücher der Danziger Loitz 1566-1570 (= Deutsche Handelsakten des Mittelalters und der Neuzeit; Bd. 25), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2024, 535 S., ISBN 978-3-515-13810-9, EUR 92,00
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Rezension von:
Bart Holterman
Forschungsstelle für die Geschichte der Hanse und des Ostseeraums, Lübeck
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Bart Holterman: Rezension von: Markus A. Denzel: Die Rechnungsbücher der Danziger Loitz 1566-1570, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/09/41546.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Markus A. Denzel: Die Rechnungsbücher der Danziger Loitz 1566-1570

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Die Stettiner Kaufmannsfamilie Loitz hat in der Wirtschaftsgeschichte zum südlichen Ostseeraum im 16. Jahrhundert eine fast mythische Bedeutung erlangt: Die "Fugger des Nordens" hätten eine im Hanseraum einmalige Handelsgesellschaft nach oberdeutschem Modell gegründet, mit Niederlassungen in Stettin, Danzig und Lüneburg, und weitverzweigten Geschäften in den Niederlanden, Polen und Dänemark, dabei im großen Stil als Kreditgeber für unterschiedliche Fürstenhäuser (unter anderem Brandenburg und Polen) auftretend. Das durch den Zusammensturz dieser Kreditkonstruktionen verursachte "Bankrott" der Loitz soll 1572 hohe Wellen geschlagen und einige Fürsten und Unternehmen mit sich in den Ruin gerissen haben. Dabei gibt es nur wenige direkte Quellen, die genauere Aussagen über die Geschäfte der Familie erlauben. Lediglich die im Danziger Stadtarchiv erhaltenen 14 Rechnungsbücher des Danziger Zweigs der Familie über den Zeitraum 1566-1570 gewähren einen tieferen Einblick in ihre Unternehmungsstruktur und buchhalterische Praxis. Diese Bücher wurden vor einigen Jahren durch ein Forschungsteam um Aleksandra Lipińska in dem kunsthistorisch ausgerichteten Projekt "GeldKunstNetz" (2017-2019) [1] digital ediert und sind im vorliegenden Band nun auch als Druckversion veröffentlicht (203-466).

Der eigentliche Zusatzwert des gedruckten Werkes ist jedoch die durch Markus A. Denzel mithilfe der Rechnungsbücher durchgeführte Analyse der Geschäftsstruktur und -praxis der Danziger Loitz und die daraus folgende Neubewertung dieser Handelsfamilie. Der Verfasser hat sich dabei ganz offensichtlich zum Ziel gesetzt, mit dem Mythos, der die Familie Loitz umgibt und der vor allem auf die Arbeiten von Johannes Papritz [2] zurückgeht (10-13), abzurechnen. Er sieht dabei eine fehlerhafte Bewertung der Familie Loitz auf zwei Ebenen: Erstens sollen sie nicht als "Fugger des Nordens" gesehen werden, sondern als ganz normale Kaufleute des südlichen Hanseraums, die sich der dort bereits breit etablierten Handelsstrukturen bedienten, wenn auch ihre Unternehmungen ungewöhnlich umfangreich waren. Zweitens sei die Bedeutung des Bankrotts der Stettiner Zweig der Familie von 1572 sowohl von Zeitgenossen als auch späteren Forschern überschätzt worden.

Markus A. Denzel geht in drei gut strukturierten Hauptkapiteln vor. Nach einer ausführlichen kodikologischen Beschreibung der 14 Rechnungsbücher, die Marcin Grulkowski übernommen hat, folgt im zweiten Kapitel eine Beschreibung der einzelnen Handelszweige, in denen die Loitz aktiv waren, in Unterkapiteln nach den Hauptniederlassungen der Familie geordnet: Die Anfänge als Stettiner Handelshaus liegen im 15. Jahrhundert, hauptsächlich aktiv im Heringshandel in Schonen, das Geschäft wurde dann unter den vier Söhnen von Hans II. aufgeteilt. Hans III. und Stefan I. führten die Familiengeschäfte in Stettin weiter und waren hauptsächlich im Montansektor und dem Boisalzhandel auf der Oder aktiv. Zudem verliehen sie in großem Stil Geld an den Brandenburger Kurfürsten Joachim II. Die Söhne Simon I. und Michael II. ließen sich in Danzig nieder, heirateten dort und beschäftigten sich mit dem Handel von Getreide und polnischem Salz aus den Minen in Wieliczka und Bochnia bei Krakau. Auch von Danzig aus war man langfristig an Kreditvergaben beteiligt, unter anderem an den polnischen König. Stefan I. Loitz versuchte zudem, sich in Lüneburg an der Salzproduktion zu beteiligen, war aber dort auf Dauer wenig erfolgreich.

Im dritten Kapitel geht der Verfasser genauer auf das Danziger Haus der Familie Loitz ein, wobei er sich auf die in der Edition vorliegenden Rechnungsbüchern bezieht. Er behandelt die Unternehmensstruktur vor dem Hintergrund der damals üblichen Erscheinungsformen des Gesellschaftshandels im Hanseraum und stellt fest, dass sich die Struktur der Loitzschen Unternehmungen von jener der süddeutschen Handelsgesellschaften, mit Niederlassungen an unterschiedlichen Orten, durchaus unterschieden habe. Die Handelspartner, die an den unterschiedlichen Orten als Akteure in Erscheinung treten, sollten nicht als Leiter einer Niederlassung gesehen werden, sondern lediglich als Handelsdiener. Zudem handelten die einzelnen Familienmitglieder auf eigene Rechnung, und es ist keine übergeordnete Gesellschaft erkennbar. Der Verfasser verwendet in diesem Zusammenhang den modernen Begriff "Unternehmensgruppe", um die Eigenheiten der Struktur des Loitzschen Familienunternehmens zu kennzeichnen (136). Hinsichtlich der Frage, wie die Rechnungsbücher in der Praxis geführt wurden, stellt Markus A. Denzel eine einfache Art der Buchhaltung fest, die typisch für den Hanseraum sei. Überraschend ist die buchhalterisch bereinigte Berechnung der Einnahmen und Ausgaben, woraus ersichtlich wird, dass das Danziger Haus der Loitz in den fünf Jahren der vorliegenden Rechnungsbücher ein (kleines) Verlustgeschäft war, was dem Verfasser zufolge auch ein Grund für die Auflösung der Danziger Geschäfte nach 1570 gewesen sein könnte. Außerdem analysiert er die Verwendung von Geldwechseln als Überweisungs- und Kreditinstrument und beschließt das Kapitel mit einem sehr hilfreichen Überblick über die in den Büchern benutzten Maße und Gewichte.

Im vierten Kapitel nimmt Markus A. Denzel eine Neubewertung der Loitz anhand der zuvor gewonnenen Einsichten vor. Neben der bereits erwähnten Einordnung der Unternehmensstruktur und Buchführungsspraxis als nicht untypisch für den Hanseraum im 16. Jahrhundert, wird der "Bankrott" von 1572 näher untersucht. Der Verfasser schildert überzeugend, dass hier lediglich eine Liquiditätskrise der Stettiner Loitz vorgelegen habe, die durch eine Kombination von risikoreichen Kreditvergaben, Preisschwankungen im Salz- und Getreidehandel und die Neuausrichtung der herrschaftlichen Finanzen nach Regierungswechseln in Brandenburg und Polen ausgelöst worden sei. Als Folge zog sich die Familie Loitz aus dem Großhandel zurück und widmete sich der Gutswirtschaft.

Trotz des oft komplizierten Sachverhalts ist die Abhandlung leserlich geschrieben und verständlich argumentiert, auch dank der strukturierten Diagramme. Ein wenig störend für den Lesefluss sind lediglich die oft akribisch anmutenden Beschreibungen der Lebens- sowie Regierungszeiten der einzelnen Fürsten in Klammern, die für ein Verständnis des Textes nicht unbedingt notwendig sind.


Anmerkungen:

[1] GeldKunstNetz. Rechnungsbücher der Stettin-Danziger Kaufmannbankiersfamilie Loitz. Kommentierte Online-Edition und Netzwerkanalyse, München, https://doi.org/10.24344/geldkunstnetz.

[2] Johannes Papritz: Das Stettiner Handelshaus Loitz im Boisalzhandel des Odergebietes unter besonderer Berücksichtigung seiner Beziehungen zum brandenburgischen Kurhause, Berlin 1932; Johannes Papritz: Das Handelshaus der Loitz zu Stettin, Danzig und Lüneburg, in: Baltische Studien N.F. 44 (1957), 73-94.

Bart Holterman