Rezension über:

Andrea Beghini: [Chione], Lettere. Saggio introduttivo, edizione critica, traduzione e commento (= Diotima. Studies in Greek Philology; Vol. 13), Baden-Baden: Verlag Karl Alber 2025, 460 S., ISBN 978-3-495-99139-8, EUR 124,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Tobias Hirsch
Technische Universität Nürnberg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Tobias Hirsch: Rezension von: Andrea Beghini: [Chione], Lettere. Saggio introduttivo, edizione critica, traduzione e commento, Baden-Baden: Verlag Karl Alber 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/09/41289.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andrea Beghini: [Chione], Lettere

Textgröße: A A A

Die kaiserzeitliche Sammlung von siebzehn pseudepigraphischen Briefen Chions von Herakleia zeichnet in Schreiben des Protagonisten an verschiedene Persönlichkeiten dessen Lebensweg von der Abreise aus Herakleia über das Studium der Philosophie bei Platon bis hin zu den Anschlagsplänen gegen Klearch, den Tyrannen seiner Heimatstadt, nach. Die vorliegende Monographie Andrea Beghinis will Entstehungszeit, Intention und historische Verortung der Sammlung klären (9) und zu diesem Zweck den Text auf neuer textkritischer Grundlage edieren und kommentieren. Dieser dreifache Anspruch bestimmt Aufbau und Wert des Buches. Auf kurze einführende Bemerkungen folgen der Saggio introduttivo (13-148), die Darstellung der Textüberlieferung und der Editionsgrundsätze (149-204), Text und Übersetzung (207-256) sowie der Stellenkommentar (257-425). Nach der Bibliographie erschließen ein Personen- und Sachregister sowie ein Handschriftenindex den Band. Die Untersuchung fügt sich in das wachsende Forschungsinteresse an pseudepigraphischen Briefsammlungen und den narrativen Strategien antiker Epistolographie ein. [1]

Von den Hauptteilen des Werks gibt der Saggio introduttivo am meisten Anlass zur Kritik. Die einleitende Darstellung der Rezeptionsgeschichte der Chionbriefe (13-45) ist verwirrend gegliedert: Beghini beginnt mit den Memoiren Giuseppe Ricciardis von 1857 (13), kehrt zu einem Beitrag von 1826 und von dort zur 1816 erschienenen Edition des Schweizers Orelli zurück, behandelt anschließend verschiedene Renaissance-Humanisten, gelangt dann erneut zu Orelli (32) und schreitet schließlich bis zur aktuellen Forschungsliteratur fort. Zudem verwendet der Autor nicht weniger als acht Seiten (17-24) auf die Darstellung der für die Interpretation der Chionbriefe eher marginalen Bemerkungen Henri Estiennes. Gegenüber dieser Ausführlichkeit fällt das Fehlen einer übersichtlichen und zusammenhängenden Inhaltsangabe aller siebzehn Briefe, die die Benutzung des Bandes erleichtert hätte, umso stärker ins Gewicht. Übersichtlicher und besser gelungen ist der folgende Überblick über die antiken Nachrichten und Quellen zu Chion, Klearch und Herakleia (46-77) mit einem Anhang zur Datierung Memnons (143-148). Ausführlichere Berücksichtigung hätte hier der siebte Isokratesbrief an Timotheos, den Sohn Klearchs, verdient: zum einen wegen des brieflichen Mediums, zum anderen als einzige erhaltene nahezu zeitgenössische Schriftquelle über die rhetorisch-philosophische Ausbildung und Herrschaft Klearchs. [2]

Im interpretativen Teil des Saggio introduttivo (78-142) vertritt Beghini die These, bei den Chionbriefen handle es sich "se non forse dell'unico vero e proprio romanzo epistolare che ci sia giunto della letteratura greca antica, certamente del meglio riuscito" (88, Anmerkung 33). Angesichts dieses weitreichenden Urteils wäre eine aus den Briefen selbst entwickelte Darstellung ihrer Funktionsweise als zusammenhängende, sequenzielle Erzählung zu erwarten gewesen. Obwohl Beghini einige entsprechende Ansätze der Sekundärliteratur anführt, versäumt er zu zeigen, welche Entwicklung die Figuren und die Handlung in der Abfolge der siebzehn Briefe durchlaufen. [3] Dieses Defizit wird auch durch die im Kommentar verstreuten Hinweise auf punktuelle Zusammenhänge zwischen einzelnen Passagen, Motiven und Briefen nur bedingt ausgeglichen. Positiv hervorzuheben sind hingegen die Überlegungen zu den Parallelen zwischen den Chionbriefen und dem antiken Roman Kallirhoe (86-88).

Uneingeschränktes Lob verdient dagegen der zweite Hauptteil zur Textüberlieferung und Textkritik. Beghini beschreibt die Handschriften klar, hat einen großen Teil der relevanten Manuskripte neu kollationiert und berücksichtigt darüber hinaus zwei Textzeugen, die in der bislang maßgeblichen Edition Dürings fehlen. [4] Dadurch gelingt es ihm, die Verwandtschaftsverhältnisse der Handschriften, insbesondere ihre Zuordnung zu den beiden Subarchetypen α und γ, erheblich präziser zu bestimmen. Das neue Stemma (200) stellt gegenüber demjenigen Dürings eine wesentliche Verbesserung dar. Überlieferungsgeschichtlich interessant ist zudem die von Beghini plausibel begründete Hypothese, die Chionbriefe seien Teil einer spätantiken Ursammlung pseudepigraphischer Korrespondenzen gewesen (173).

Die italienische Übersetzung liest sich flüssig und ist nicht ohne ästhetischen Reiz. Der übersichtliche kritische Apparat und der Testimonienapparat machen die Ausgabe gut benutzbar. Beghinis textkritische und sprachliche Expertise zeigt sich in mehreren gelungenen oder zumindest erwägenswerten Verbesserungsvorschlägen für korrupte Stellen sowie in dem sorgfältigen Stellenkommentar, der sowohl sprachliche Besonderheiten als auch intertextuelle Bezüge beleuchtet. Diskussionsbedürftig bleiben einige weitergehende Eingriffe. So lässt sich das in Brief 3,1 nach οὗτος γάρ getilgte ὁ Ξενοφῶν (210; 274) aus der Erzählsituation erklären: Dem Adressaten ist Xenophon zwar bekannt, Chion ist er aber erst vor kurzem erstmals begegnet und daher noch fremd. Auch die Tilgung von χαίρειν in den Anfängen der Briefe 1, 9 und 17 (208; 228; 252) und die darauf aufbauende Deutung, ein fiktiver Herausgeber habe die Sammlung vorgefunden und entsprechend für die Publikation angepasst (259-260), überzeugen nicht vollends. Im Rahmen der pseudodokumentarischen Gestaltung der Sammlung wäre ebenso denkbar, dass der fiktive Chion sein Archiv selbst zur Publikation vorbereitete, wozu die Ausmalung seines Nachruhms in Ep. 17,2-3 passen würde.

Vor allem auf diesem letzten Brief beruht Beghinis Deutung der Chionbriefe als einer "riscrittura controfattuale dell'effettiva vicenda storica" (416; siehe auch 88-94). Er nimmt an, zwischen Klearchs Machtergreifung und Ermordung läge statt der historisch bezeugten zwölf Jahre (364/363-353/352) lediglich etwa ein Jahr (zwischen Ep. 12 und Ep. 17), was Chions Überlegung im vierzehnten Brief widerspiegele, ein Tyrann müsse möglichst bald nach seinem Machtantritt beseitigt werden. Tatsächlich erfährt der Leser jedoch nicht, wie viel Zeit zwischen dem sechzehnten und siebzehnten Brief vergeht; die Formulierung πολιτευσάμενος ἐκ πολλοῦ ἀνύποπτος αὐτῷ γενέσθαι (Ep. 17,1) lässt sogar an mehrere Jahre denken. Die Sammlung mag den Leser zwar durchaus zu kontrafaktischen Überlegungen anregen, ist aber hinsichtlich des Tyrannenmordes selbst keine kontrafaktische Erzählung. Weiterführend wäre eine Untersuchung der narrativen Funktion tatsächlicher oder suggerierter Anachronismen hilfreich, zu denen auch die Verbindung zu dem mutmaßlich mit Bion von Borysthenes zu identifizierenden Adressaten von Brief 9 und die Begegnung mit Xenophon in Byzanz (Brief 3) zu rechnen sind. [5]

Die Verdienste der Monographie, die Dürings Edition vollumfänglich als Referenzausgabe der Chionbriefe ablöst, liegen vor allem in der recensio, dem verbesserten Apparat und Text sowie dem verlässlichen Stellenkommentar. Damit bietet die Arbeit zugleich die Grundlage für künftige Beiträge zu der von Beghini offengelassenen Frage nach der Funktionsweise der Sammlung als Briefroman.


Anmerkungen:

[1] Siehe etwa Janja Soldo / Claire Rachel Jackson (eds.): res vera, res ficta. Fictionality in Ancient Epistolography (Trends in Classics - Supplementary Volumes; 149), Berlin / Boston: De Gruyter 2023; Anna Tiziana Drago / Owen Hodkinson (eds.): Ancient Love Letters. Form, Themes, Approaches, Berlin / Boston: De Gruyter 2023; Zilong Guo: Commentary on the Pseudonymous Letters of Aeschines (Themes and Forms in Graeco-Roman Literature; 8), Tübingen: Mohr Siebeck 2025.

[2] Isoc. Ep. 7,2; 12-13. Siehe Tobias Hirsch: Die Briefe des Isokrates. Politische Ratschläge und soziale Netzwerke im vierten Jahrhundert v. Chr. (Hypomnemata; 223), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2025, 366-415.

[3] Hilfreich hierzu wären der im Literaturverzeichnis nicht angeführte Beitrag von Roy Gibson: On the Nature of Ancient Letter Collections, in: The Journal of Roman Studies 102 (2012), 56-78 sowie eine intensivere Auseinandersetzung mit Owen Hodkinson: "Les lettres dangereuses": Epistolary Narrative as Metafiction in the "Epistles" of Chion of Heraclea, in: Ian Repath / Fritz-Gregor Herrmann (eds.): Some Organic Readings in Narrative, Ancient and Modern. Gathered and Originally Presented as a Book for John (Ancient Narrative Supplementum; 27), Groningen: Barkhuis 2019, 127-153.

[4] Ingemar Düring (ed.): Chion of Heraclea. A Novel in Letters. Edited with Introduction and Commentary, Gothenburg: Wettergren & Kerber 1951.

[5] Siehe Tim Whitmarsh: Anachronism and Untimeliness in the Letters of Theano, in: Émeline Marquis / Peter von Möllendorff (Hgg.): Brief und Macht. Pseudonyme Briefsammlungen der Antike (Millennium-Studien; 109), Berlin / Boston: De Gruyter 2025, 219-231.

Tobias Hirsch