Sigrun Lehnert / Anke Steinborn (Hgg.): Die deutsche Konsumgesellschaft Ost und West der 1950er bis 1980er Jahre. Bedingungen - Ausprägungen - (audio)visuelle Repräsentationen (= Konsum und Kultur - Geschichte und Gegenwart; Bd. 1), Baden-Baden: NOMOS 2026, 224 S., zahlr. s/w-Abb., ISBN 978-3-7560-3327-0, EUR 59,00
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Die neuere historische Forschung hat gezeigt, dass sich in Deutschland bereits in den 1890er Jahren "Züge einer Konsumgesellschaft" [1] herausbildeten, auch auf dem Lande. Damit sind frühere Interpretationen korrigiert worden, die davon ausgegangen waren, dass sich dieser Prozess erst in den 1920er Jahren vollzog. Auch wichtige Voraussetzungen des Massenkonsums haben zunehmend Beachtung gefunden, so verbesserte hygienische Bedingungen, ein breites Spektrum von Handelsformen, Kleinkredite, Reklame und Mode. Damit holte Deutschland bis zu den 1930er Jahren den Vorsprung der Pionierländer Großbritannien und Frankreich hinsichtlich des Erwerbs langlebiger Güter und der Nutzung von Dienstleistungen - so zur Freizeitgestaltung - weitgehend auf.
Nachdem der Hunger und die Not, die am Ende des Zweiten Weltkriegs und in den ersten Jahren nach 1945 das Alltagsleben der Deutschen geprägt hatten, überwunden waren, knüpften sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR an die vorangegangene Expansion der Konsumgesellschaft an, aber mit unterschiedlichem Vorzeichen. In der westdeutschen Marktwirtschaft bildete sich seit den 1950er Jahren vor allem unter dem Einfluss der USA ein Massenkonsum heraus, ohne dass dabei gesellschaftliche Unterschiede eingeebnet wurden. Von diesem affirmativen Konsummodell distanzierte sich das SED-Regime, das einen - von den Machthabern definierten - vernünftigen, verantwortungsvollen "sozialistischen Verbrauch" proklamierte. Besonders in Berlin war der Konsum deshalb schon vor dem Mauerbau auf beiden Seiten überaus politisiert. Das offizielle Ziel der führenden Partei- und Staatsfunktionäre in Ost-Berlin, den nicht näher festgelegten Grundbedarf zu erfüllen, erwies sich in der Konkurrenz mit der westdeutschen Konsumkultur aber letztlich als nicht attraktiv genug, um die Bevölkerung dauerhaft an die die DDR und deren Führung binden zu können. Aufgestaute Konsumbedürfnisse führten in der zunehmenden Mangelwirtschaft vielmehr zu einer Unzufriedenheit, die maßgeblich zum Zerfall der SED-Diktatur beitrug und auch die Prozesse der Wiedervereinigung und Transformation ab Ende 1989 beeinflusste.
Der von Sigrun Lehnert und Anke Steinborn herausgegebene Band hat den Anspruch, die Geschichtsschreibung zu diesem Feld erweitern. Die Beiträge untersuchen, wie sich in der Bundesrepublik und in der DDR "eine Konsumgesellschaft herausbildete und welche Rolle audio/visuelle Medien dabei spielten" (5). Wie die Herausgeberinnen in ihrem Vorwort außerdem erläutern, zielen die Aufsätze im Einzelnen darauf ab, Formen der medialen Repräsentation und Inszenierung im Konflikt zwischen den beiden deutschen Staaten zu analysieren. Darüber hinaus gehen die Herausgeberinnen davon aus, dass Konsumpolitik und -praxis nicht nur in der DDR, sondern auch in der Bundesrepublik divergierten, wo das Leitbild des Massenkonsums vor allem in den 1960er und 1970er Jahren auf eine marxistisch inspirierte Konsumkritik traf. Allerdings propagierte die Bundesregierung keineswegs durchweg einen ungehemmten Konsum, sondern wiederholt "Maßhalten", besonders Bundeskanzler Ludwig Erhard 1965. Überdies bleibt zu diskutieren, ob die behaupteten "überraschende[n] Parallelen" (7) zwischen den beiden deutschen Staaten hinsichtlich der Konsumkritik nicht auf unterschiedlichen Ebenen gelagert waren, zumal die mediale Berichterstattung in der DDR im Gegensatz zur Bundesrepublik umfassend politisch gesteuert wurde. Im Hinblick auf diese Probleme ist hinderlich, dass in dem nur drei Seiten umfassenden Vorwort "Konsumgesellschaft" nicht definiert wird. Auch fehlt eine Begründung der Auswahl der inhaltlichen Schwerpunkte mit Hinweisen auf den Forschungsstand. Überzeugend (wenngleich nicht völlig neu) ist demgegenüber die Überlegung, dass die Medien "aktiv an der Definition, Förderung und kritischen Reflexion der Konsumgesellschaft beteiligt" (7) waren.
Die einzelnen Beiträge bieten durchaus weiterführende Befunde und Einsichten. Die Bandbreite der - hier nicht vollständig zu behandelnden - Aufsätze reicht von Repräsentationen des Konsums in der Stadtplanung und -architektur in Berlin (Anke Steinborn) über Hauswirtschaftsausstellungen (Judith Riemer), mediale Darstellungen des Konsums im westdeutschen Auslandsmagazin Deutschlandspiegel (Jan Uelzmann), der Konsumkritik in Kino-Wochenschauen und TV-Dokumentationen (Sigrun Lehnert) sowie im 1970 in der Bundesrepublik ausgestrahlten Fernsehfilm "Das Millionenspiel" (Adrian Wetter). Darüber hinaus widmet sich Miriam Bräuer-Viereck dem Konsumverhalten von Studierenden in den beiden deutschen Staaten, für die Jonathan Voges das Konzept "Luxus" konturiert. Interesse weckt auch Brigitte Rigaux-Pirastrus Beitrag zur Darstellung der Konsumgesellschaft in der Krimireihe "Polizeiruf 110", die ab 1971 in der DDR ausgestrahlt wurde. Hierzu zeigt die Verfasserin, dass Geld und Konsum - entgegen dem offiziellen Leitbild des "sozialistischen Verbrauchs" - in vielen Folgen eine wichtige Rolle spielten. Offen wurde auch gezeigt, dass Mangel und Korruption, die das Leitbild der egalitären Gesellschaft konterkarierten, Verbrechen wie Diebstähle verursachten. Der Widerspruch zum Ideal der überlegenen "sozialistischen Persönlichkeit" sollte mit Hinweisen auf eine "sozialistische Konsumethik" (192) überbrückt werden, die auf Bedarf, Haltbarkeit und Bescheidenheit abhob. Wie die Autorin überzeugend argumentiert, vermittelte der "Polizeiruf 110" nicht nur Widersprüche in der ostdeutschen Gesellschaft, sondern auch konträre Vorstellungen zum Konsumentenverhalten zwischen offiziellen Vorgaben und alltäglichen Praktiken.
In konzeptioneller Hinsicht weiterführend ist auch der von Jonathan Voges verfasste Aufsatz über mediale Darstellungen des "Luxus" in der Bundesrepublik und DDR. Er zeigt nicht nur konkret, dass der Begriff durchweg situativ verwendet und mit moralischen Wertungen verbunden wurde. "Luxus" war überdies ein relatives Konzept, sowohl mit Bezug auf andere Gruppen innerhalb der beiden Staaten als auch im Hinblick auf die Auseinandersetzung zwischen ihnen. In der DDR war "Luxus" ein "Kampfbegriff" (156), der gegen den Westen gerichtet war, aber die Distinktionsbedürfnisse der Ostdeutschen nicht beseitigen konnte. Letztlich erlaubten ihnen die Ost-Berliner Machthaber sogar, aktiv "Luxusräume" einzurichten, "bei denen man aus volkswirtschaftlichen Gründen das Egalitätsversprechen aufgab" (159). So wurden Autos der Marken Trabant und Wartburg auch als Versionen "de Luxe" erzeugt. In der Bundesrepublik schwankte die Vorstellung von "Luxus" zwischen Verheißung und Gefahr, wie Voges anhand der Darstellung des Münchener Milieus der Reichen in der Fernsehserie "Derrick" belegt.
Leider fehlt in dem Band eine abschließende Zusammenfassung der wichtigsten Befunde und Einsichten, die im Vorwort allenfalls angedeutet werden. Aus der Sicht des Rezensenten führen viele Beiträge vor allem durch die mediale Darstellung und Vermittlung verschiedener Formen und Stile des Konsums über den Forschungsstand hinaus. Auch wenn die eingangs erwähnte prägende Rolle und Wirkung der jeweils behandelten Medien nicht durchweg deutlich werden, tritt doch hervor, dass die Untersuchung medialer Repräsentationen und Inszenierungen des Konsums tiefe Einblicke in die deutsch-deutsche Politik- und Gesellschaftsgeschichte eröffnet, vor allem in die Widersprüche in den beiden Staaten und die Konflikte zwischen ihnen. Aufschlussreich sind auch die Hinweise auf Analogien zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Dabei müssen jedoch die unterschiedlichen politischen Rahmenbedingungen der beiden Medien- und Konsumgesellschaften umfassender und systematischer berücksichtigt werden als in der Konzeption des Bands.
Anmerkung:
[1] Michael Prinz: Am Ende Münster? Einsichten und offene Fragen der neueren Konsumgeschichtsschreibung, in: Die vielen Gesichter des Konsums. Westfalen, Deutschland und die USA 1850-2000, hg. von Michael Prinz, Paderborn 2016, 9-39, hier 33.
Arnd Bauerkämper