Katalin Krasznahorkai / Johanna Schüller / Björn Stockleben (Hgg.): Erinnern an den Holocaust / Remembering the Holocaust. »In Echt?« Digitale Technologien für Vermittlung, Bildung und Praxis / »For real?« - Digital Technologies for Education, Outreach and Engagement (= Public History - Angewandte Geschichte; Bd. 29), Bielefeld: transcript 2026, 349 S., ISBN 978-3-8376-7978-6, EUR 40,00
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Für die 1980er konnte noch die "Era of the Witness" [1] proklamiert werden, in der Zeitzeug:innen nationalsozialistischer Verbrechen in Erinnerungskultur, Forschung und Bildungsarbeit an Bedeutung gewannen. Seit den 2010ern wird hingegen von einem Übergang in eine Post-Witness-Era [2] gesprochen, die auf neue Formen der Repräsentation von Holocausterfahrungen jenseits lebender Zeug:innen angewiesen ist. In diesem Kontext entstanden Projekte wie "Dimensions in Testimony" (USC Shoah Foundation) und "The Forever Project" (National Holocaust Museum). In Deutschland folgten "Lernen mit digitalen Zeugnissen" (LMU) und jüngst "In Echt? - Virtuelle Begegnung mit NS-Zeitzeug:innen". Sie knüpfen an Initiativen der 1990er an, die bereits versuchten, Zeitzeug:innenerzählungen videografisch zu bewahren und weitergehend digital aufzubereiten, zu systematisieren und öffentlich zugänglich zu machen. Gleichzeitig setzen sie auch neue Schwerpunkte. Es geht nicht mehr um ein Bereitstellen fixierter Zeugnisse, sondern darum, Interaktionsmöglichkeiten zu schaffen und die Zeugenschaft durch technische Mittel zu verlängern.
"In Echt?" ist ein Projekt der Brandenburgischen Gesellschaft für Kultur und Geschichte (Johanna Schüller, Katalin Krasznahorkai) und der Filmuniversität Babelsberg (Björn Stockleben). 2022 bis 2025 wurden Interviews mit Ruth Winkelmann, Kurt Hillmann, Charlotte Knobloch, Inge Auerbacher und Leon Weintraub als VR-Erlebnis aufbereitet. Begleitend wurde ein mobiles Ausstellungskonzept entwickelt, implementiert und beforscht, das auf Brandenburg- und dann Bundestour ging. Ziel war es zu erkunden, wie sich Lebensgeschichten von Zeitzeug:innen durch innovative Technologien würdig als "Angebot an die nächste Generation" bewahren lassen und wie ein erklärtes "zukunftsweisendes Modell für die Erinnerung nach der Zeitzeugenschaft" (23) demokratische Bildung in strukturschwachen Regionen stärken kann.
Der von den drei Personen der Projektleitung herausgegebene Band "Erinnern an den Holocaust. In Echt?" dokumentiert nicht nur das gleichnamige Unternehmen, sondern macht seine Entstehung, pädagogische Anlage und wissenschaftliche Begleitung zum Gegenstand. Er zeigt sich nicht als ein Berichts- oder Tagungsband, der vorrangig Forschungsergebnisse für den akademischen Diskurs bündelt, sondern als publikumsorientierte Publikation, die Inhalte attraktiv und zugänglich aufbereitet. Der Band bietet eine Keynote sowie insgesamt fünf kurze, essayistische Beiträge. Die Essays verzichten auf Literaturverweise und Fußnoten und behandeln die Gestaltung von Ausstellung und Bildungsangebot, die VR-Produktion sowie Holocaust-Vermittlung über verschiedene Medien. Hinzu kommen persönliche Sichtweisen aus drei Interviews mit Beteiligten und Interessensvertreter:innen sowie sieben Beiträge zur forschenden Einordnung einzelner Themen. Auch diese sind kurz gehalten und verzichten auf umfangreiche Diskussionen disziplinärer Bezüge oder theoretischer Konzepte. Zahlreiche fotografische Einblicke in den Beiträgen sowie auf Impressionsseiten und kurze Testimonials illustrieren das Buch. Schließlich liegt der gesamte Band als wendbare Ausgabe auf Deutsch und Englisch vor.
Es scheint wenig zielführend, einen solchen Band nur entlang akademischer Kriterien zu diskutieren. Empirisch vermag er nicht nachzuweisen, ob mit dem Konzept von "In Echt?" neue Maßstäbe für Erinnerungsarbeit und Geschichtsvermittlung gesetzt werden. Der Anspruch zukunftsweisender und innovativer Bildung wird zwar mehrfach plausibilisiert, aber nicht systematisch diskutiert. Für ein fachliches Publikum bleiben viele Beiträge knapp und wenig konturiert. Dem Anspruch, das Konzept einem breiten Publikum zugänglich zu machen, wird der Band hingegen gerecht. Seine Stärken liegen in der anschaulichen Dokumentation und selbstreflexiven Perspektiven, etwa hinsichtlich der Fragen, ob volumetrische Videos ein probates Mittel zukünftiger Holocaust-Erinnerungen sind, inwieweit die Zeug:innen die Technologie und ihre Implikationen selbst voll erfassen und welche Bedingungen die Rezeption der Zeugnisse stellt.
Aufgrund des Umfangs können hier nur einige Beiträge exemplarisch gewürdigt werden. In der Keynote skizziert Aleida Assmann die Implikationen des Wandels von gelebter Erinnerung der Zeitzeug:innen hin zu einer abstrakteren Geschichte und Medialisierung. Sie referiert die zentralen Entwicklungslinien von Zeitzeug:innenschaft und erinnerungskulturellen Praktiken sowie des akademischen und gesellschaftlichen Diskurses angesichts Digitalität, Migrationsdebatten und Demokratiesorgen. Damit erhält das Publikum eine fundierte, informative Einführung mit Überblickscharakter.
Der Essaybeitrag zur Entwicklung des VR-Erlebnisses (Zipfel und Stockleben) bleibt technisch vage. Es geht daraus hervor, dass "In Echt?" nicht auf algorithmisch verarbeitete Antworten zu Einzelfragen zurückgreift [3], sondern auf einstündige, narrative Interviews. Weitgehend unklar bleibt dann aber, wie hierzu Fragen von einer Schulklasse ausgewählt und für die VR-Integration aufbereitet wurden. Dafür berichten die Autoren die diversen Überlegungen zur Ethik und Pragmatik von "In Echt?" und zeigen die Unterschiede zu anderen Ansätzen. Besucher:innen können Fragen auswählen und vordefinierte Interviewsegmente ansehen. Ein "begehbarer Dokumentarfilm" soll also belegen, was die Zeug:innen "an einem bestimmten Tag gesagt haben - nicht mehr und nicht weniger" (109). Damit grenzt sich das Projekt etwa von LediZ und DiT ab, die den Anschein interaktiver Gespräche fokussieren. Zipfel und Stockleben erklären die nüchterne Präsentation der Überlebenden mit Transparenz und Reflexionsanlässen, da über die nachempfundene Aufnahmesituation die technische Gemachtheit offengelegt werden soll. Sie benennen den zentralen Punkt, dass für Besucher:innen aufgrund des gänzlich anderen Erfahrungskontextes eben kein authentisches Erleben des Erzählten möglich sein kann.
Zwei weitere Essaybeiträge widmen sich der Gestaltung des zugehörigen Bildungsangebots für Schüler:innen (Wegner) und Erwachsene (Baumann). Hervorzuheben ist, dass der Workshopentwurf an die Designentscheidungen anknüpft und zeigt, dass für beide Gruppen Wert auf eine reflexive Perspektive gelegt wurde. Durch die Integration von Making-of-Videos und Video-Rohmaterial wird skizziert, wie eine Debatte über VR in der Holocaustvermittlung bzw. zu digitaler Erinnerungskultur und eigener Erinnerung angestoßen werden kann.
Die akademischeren Beiträge reichen von Projektempirie (Tummescheit, Stockleben und Yurtaeva-Martens), die die wahrgenommene Relevanz, Anschlussfähigkeit und Reflexionsanregung des Projekts sowie die Bedeutung der Vermittler:innen andeutet, über weitere Projekte (Asmus) zu zentralen theoretischen Bezugspunkten. Beiträge zu XR (Günther), KI in der digitalen Erinnerungsarbeit (Pnacek(ova)) und zu moralisch-ethischen Grenzen virtueller Zeug:innen (Brüning) bieten eine wichtige externe Einordnung, während die künstlerische Holocaust-Vermittlung über Comics (Dreyfus, Börnchen) interessant ist, aber eher unverbunden bleibt. Hervorzuheben sind Christina Brünings gelungene kritische Perspektive auf zukünftige Entwicklungen interaktiver Angebote (143-150) und Christian Günthers Beitrag (75-85). Er entwickelt Grundzüge einer Typologie für XR-Anwendungen mit Zeitzeug:innen entlang deren kommunikativ-situativem Fokus und legt dabei eine Überblicksanalyse der bestehenden Angebotslandschaft vor.
Die Querperspektive "Stimmen" durchzieht den Band auf illustrierten Doppelseiten. Sie reicht von eröffnenden Zitaten der Zeitzeug:innen (18-19) über Besucher:innenstimmen (36-37, 58-59) bis zu Reflexionen von Praktiker:innen (140-141) und schließt den Band mit einem Stimmenquerschnitt (164-165). Die Testimonials präsentieren stellvertretend die Motive Überlebender für ein Engagement als Zeitzeug:innen und bieten eine persönliche Annäherung. Außerdem dokumentieren sie die Spannweite der Besucher:inneneindrücke von emotionaler Nähe - aber auch Distanz - über die Faszination der Technologie bis zu gegenwartsgesellschaftlichen Haltungen. Manche unangenehmen politischen Aussagen unterstreichen zudem die Problematik und Notwendigkeit von Erinnerungskultur und Einzelstimmen stehen dafür Pate, wie eine mobile VR-Ausstellung auch jene erreichen kann, die von bestehenden Bildungsangeboten nicht angesprochen wurden. Die Selbstansprüche des Projekts werden so für eine breite Leserschaft veranschaulicht, ohne sie systematisch zu belegen oder zu kategorisieren, wie es in akademischen Formaten üblich wäre.
Ähnlich vermittelt auch die umfangreiche fotografische Dokumentation vor allem anschauliche Eindrücke. Die Projektleiterin Schüller und die Tourmanagerin Preiss geben in wechselseitigen Interviews noch Einblicke in Hintergründe der Projektarbeit und unterstreichen mit weiteren persönlichen Erfahrungen dessen Relevanz. Die personalisierte Perspektive wird abschließend durch ein Gespräch von drei Vertreterinnen institutioneller Erinnerungsarbeit ergänzt. Dieses lenkt den Blick auf Fragen zukünftiger Entwicklung, Deutungshoheit sowie Fälschungsgefahr angesichts fortschreitender Medialisierung von Zeitzeug:innenschaft.
Wer ein Forschungsjournal sucht, wird in diesem Band nicht fündig. Sein besonderer Beitrag liegt darin, die verschiedenen Ebenen der Produktion der VR-Erlebnisse, der Gestaltung der Ausstellung, des Erlebens der Besucher:innen und Lernenden sowie ausgewählte Forschungsbezüge publikumsorientiert aufzubereiten. Er stellt sich somit als ambitionierte Wissenschaftskommunikation dar, die wichtige Themen der digitalen Erinnerungskultur und der Holocaust-Erinnerung in überschaubaren Einheiten und beispielgespickt zusammenführt.
Anmerkungen:
[1] Annette Wieviorka: The Era of the Witness, übers. v. Jared Stark, London 2006.
[2] Vgl. u.a. Diana Popescu / Tanja Schult (eds): Revisiting Holocaust Representation in the Post-Witness Era, New York 2015.
[3] Vgl. u.a. Markus Gloe / Fabian Heindl: Zeitzeug*innen des Holocaust - Digital?, in: Inken Heldt / Wolfgang Beutel / Dirk Lange (Hgg): Demokratie auf Distanz. Digitaler Wandel und Krisenerfahrung als Anlass und Auftrag politischer Bildung, Frankfurt a. M. 2023.
Heike Bormuth