Rezension über:

Vlad Bedros / Barbara Crostini / Andrei Dumitrescu et al. (eds.): From Prophet to Miracle-Working Saint. Dynamic Approaches to Elijah in Ancient and Medieval Cultures (= Contexts of Ancient and Medieval Anthropology; Vol. 12), Paderborn: Brill / Ferdinand Schöningh 2025, XXXVIII + 452 S., 93 Farb-Abb., ISBN 978-3-506-79823-7, EUR 129,00
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Rezension von:
Edeltraud Klueting
Theologische Fakultät Paderborn
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Edeltraud Klueting: Rezension von: Vlad Bedros / Barbara Crostini / Andrei Dumitrescu et al. (eds.): From Prophet to Miracle-Working Saint. Dynamic Approaches to Elijah in Ancient and Medieval Cultures, Paderborn: Brill / Ferdinand Schöningh 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/09/40933.html


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Vlad Bedros / Barbara Crostini / Andrei Dumitrescu et al. (eds.): From Prophet to Miracle-Working Saint

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Der hier anzuzeigende magistrale Sammelband ist im Wesentlichen aus drei Tagungen hervorgegangen: der 57th Conference of Medieval Studies at Western Michigan University, Kalamazoo (Mai 2022), einem nachfolgenden Workshop an dem von Barbara Crostini geleiteten Newman Institute Research Seminar in Late Ancient and Byzantine Cultures, Uppsala (Juni 2022) und der Association for the Study of Saints, Cults, and Hagiography, Rom (Januar 2023). Weitere Beiträge sind im Lauf des Entstehungsprozesses des Bandes hinzugekommen, der nun 18 Aufsätze vereint, deren inhaltliche Aspekte und spezifische 'Sehepunkte' auf Elija kaum zwischen zwei Buchdeckeln zu fassen sind. So kann diese Rezension auch nur eine Auswahl aus der Materialfülle vorstellen, um eine reine Aufzählung der Titel zu vermeiden.

Als Intention der Veröffentlichung nennt Barbara Crostini in ihrer Einleitung "to highlight the central position of the prophet Elija as negotiator of intercultural dynamics between faith communities during the centuries" (XIII). Somit grenzt sie ihren Forschungsansatz von anderen Studien ab, die Elija als interreligiöse Figur darstellen. Die Essays, die aus einer interdisziplinären Zusammenarbeit erwachsen sind, gehen über die Schriftbelege hinaus und widmen sich den verschiedenen Bereichen, in denen Elija eine wichtige Rolle im religiösen Bewusstsein ganzer Generationen spielte. In den Aufsätzen wird erörtert, wie das Andenken an Elija in visueller und materieller Form immer wieder aufgegriffen wurde und wie seine Präsenz dadurch das kulturelle Bewusstsein und die kulturellen Ausdrucksformen nachhaltig prägte. Das Herausgeberteam hat den Band in vier Abteilungen gegliedert: Inscribing Elijah in Faith Traditions (I), Elijah in Eastern and African Traditions (II), Elijah in Byzantine Traditions (III), Elijah in Western European Traditions (IV).

Diese vierte Sektion, deren Beiträge hier näher gewürdigt werden sollen, eröffnet Éliane Poirot, Le Prophète Élie dans les commentaires patristiques et médiévaux latins de l'Apocalypse (325-351), mit einer Studie zum letzten Buch des Neuen Testaments, der Offenbarung des Johannes. Sie geht der Frage zur Identität der beiden prophetischen Zeugen nach, die in Offb 11,3-14 genannt, aber nicht namentlich bezeichnet werden. In den patristischen und den früh- und hochmittelalterlichen Kommentaren - herangezogen werden 29 Werke - werden die beiden Zeugen bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts als die Repräsentanten der christlichen Gemeinde, im Gegenpol aber seit Cassiodors Kommentar (ca. 580) fast ausschließlich mit Elija und Henoch oder Elija und Mose identifiziert. Während die Gestalt des Elija in den Texten der Patristik die eines Mönch-Archetyps war, ist in den zahlreichen mittelalterlichen Kommentaren zur Apokalypse das Bild eines Kämpfers gegen den Antichristen mit den Waffen der Predigt vorherrschend.

Daran schließt Erica Loik, The Sons of the Prophets: From Witnesses to Monastic Exemplars in Late Antique and Early Medieval Word and Image (353-374), an. Sie analysiert die Ikonographie der Prophetenjünger in den Illuminationen der im frühen 11. Jahrhundert im Skriptorium des Klosters Santa Maria de Ripoll (Katalonien) entstandenen Bibelhandschriften. Die Untersuchung nimmt insbesondere die Rolle in den Blick, die diese alttestamentliche Bruderschaft für monastische Gemeinschaften spielte. Die Darstellungen der Söhne der Propheten als 'Protomönche' luden die Leser und Betrachter zu Nachvollzug und Nachahmung der Rolle der Prophetenjünger ein. Dabei ermöglichten die großformatigen bebilderten Bibelhandschriften es den Lesern, der alttestamentlichen Gemeinschaft beim gemeinsamen Studium und bei der Rezitation 'eine Stimme zu verleihen' und sich in ihr wiederzufinden. Die Vergegenwärtigung der biblischen Vorbilder für das Mönchtum prägte nicht nur das Schriftverständnis der Mönche, sondern auch ihr Selbstverständnis als Glieder einer ehrwürdigen Tradition. Die Gemeinschaft der Leser und Betrachter der Klosterbibeln formierte sich so zum Abbild der Prophetengemeinschaft.

Chana Shacham-Rosby, Elijah the Prophet as Envisioned by Medieval Ashkenazi Jewry (375-398), greift Aspekte ihrer PhD-Dissertation von 2019 auf. Sie betrachtet die Vorstellungen der Gestalt des Propheten Elija im mittelalterlichen aschkenasischen Judentum. Dabei kann sie herausarbeiten, wie die bildlichen Darstellungen des Propheten Elija, die von den in West- und Mitteleuropa lebenden Juden im Mittelalter geschaffen wurden, in der Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen christlichen Bildwelt und deren Adaptation entstanden. Die Identifizierung des Elija redivivus mit Johannes dem Täufer als Wegbereiter für den Messias (nach Mt 11,14) ging aus den christlichen Bildwerken - abgebildet wird u. a. der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald - in die Ikonographie einiger illuminierter Handschriften der Haggada ein. Als Gegenpol "to the positive use of symbols associated with John the Baptist, the typological iconography of Elijah himself was rejected and its theological meaning refuted in the Jewish illustrations" (393). Hier wird die Auffahrt des Elija zum Himmel in einem feurigen Wagen (2 Kön 2,11) nicht übernommen. So wird in der Zweiten Nürnberger Haggada aus dem 15. Jahrhundert der Prophet auf der Erde stehend dargestellt, als er beim Auszug der Israeliten (Exodus) in das Widderhorn (Schofar) bläst. Die Verfasserin deutet dies als "a distinct break from the Christian typological iconography of the biblical Prophet" (398) und als Aufbau eines Gegennarrativs zu der Botschaft des Christentums.

Der Beitrag von Mihnea Alexandru Mihail, Claiming a Prophet: Elijah between the Franciscans and the Carmelites (399-422), nimmt den Rang Elijas in der Schrift- und Bildtradition der Franziskaner und der Karmeliten im 13. Jahrhundert in den Blick. Er konstatiert unterschiedliche Prinzipien der Eingliederung des alttestamentlichen Propheten in die jeweiligen Ordensnarrative. Die ursprünglich als Gruppe von Eremiten 'an der Quelle des Elija' im Karmelgebirge lebenden Karmeliten wandten sich nach ihrer Übersiedlung nach Europa von den eremitischen Lebensformen ab. Daraus erklärt sich ihr Bemühen, eine Identität als Mendikantenorden und eine Gründergestalt zu etablieren. Den 'Vater' fanden sie in Elija, mit dem ihr Orden sich auf einen prophetischen Gründer und ein unvergleichlich hohes Alter berufen konnte. Die Franziskaner hingegen betonten die Parallelen zwischen Franziskus und Elija sowie die eschatologische Bedeutung des Ordens und des Ordensstifters. Mihail stellt heraus, dass die Franziskaner bestrebt waren, die Verbindung von Franziskus und Elija auch visuell darzustellen. Die Karmeliten betonten in ihren bildlichen Darstellungen hingegen weniger die Gestalt des Elija, sondern stärker ihre Verbundenheit mit der Gottesmutter, wie es in dem 1327/28 entstandenen Altar von Pietro Lorenzetti zum Ausdruck kommt.

Ein umfangreicher Anhang mit Personen-, Orts-, Handschriften- und Bibelstellenregistern erschließt den Inhalt des Werkes. Der facettenreiche Band eröffnet mit seinem innovativen interkulturellen Ansatz vielfältige Perspektiven für die weitere Forschung.

Edeltraud Klueting