Börries Kuzmany: Vom Umgang mit nationaler Vielfalt. Eine Geschichte der nicht-territorialen Autonomie in Europa, Berlin: De Gruyter 2024, XI + 473 S., 15 Farb-, 7 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-131443-3, EUR 79,95
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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.
Manfred Klein: Preußens Litauer. Studien zu einer (fast) vergessenen Minderheit, Hamburg: Verlag Dr. Kovač 2017
Dietmar Müller / Adamantios Skordos (Hgg.): Leipziger Zugänge zur rechtlichen, politischen und kulturellen Verflechtungsgeschichte Ostmitteleuropas, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2015
Das auf Ergebnisse eines European Research Council-Projekts aufbauende Buch ist für zukünftige Forschungen zu multinationalen Imperien und zur Entwicklung von Staatsverständnis, Minderheitenschutz und Sprachenpolitik gleich in mehrerer Hinsicht zentral. Es widmet sich den rechtlichen Regelungen und administrativen Praktiken ebenso wie den zeitgenössischen Diskursen zu Nationalitätenfragen, Sprachminderheiten und möglichen Lösungsansätzen für einen Interessensausgleich und zur Konfliktvermeidung. Es kombiniert dazu in neuartiger Form Befunde zu drei Beispielfällen, die bisher in einer Monografie in Hinblick auf die gegenseitigen Verflechtungen noch nicht untersucht worden sind: 1) die Habsburgermonarchie nach 1848 (mit Schwerpunkten auf dem Austromarxismus und den regionalen Arrangements in Mähren, der Bukowina, Galizien-Lodomerien und Bosnien-Herzegowina), 2) das Russländische Reich (das späte Zarenreich sowie die Phase von der Februarrevolution bis zur Gründung der Sowjetunion) und 3) die Minderheitenschutzsysteme beziehungsweise Autonomievorstellungen der Zwischenkriegszeit (mit Beispielen aus Lettland, Estland, dem Europäischen Nationalitätenkongress und den Autonomiekonzepten der Sudetendeutschen Volkspartei).
Für das Buch wurden zahlreiche Quellen aus einer ganzen Reihe von Archiven neu erschlossen (in Estland, Österreich, Polen, Russland, der Schweiz, der Ukraine und Ungarn). Besonders hervorzuheben ist die sorgfältige und nuancierte Auswertung der umfangreichen zeitgenössischen Primärliteratur, darunter auch solcher Beiträge, die in der Forschung bislang unbekannt waren. Der Text ist flüssig geschrieben, ohne dabei die oft sehr komplexen Sachverhalte zu sehr zu vereinfachen. Zum Einstieg bietet die Einleitung eine sehr präzise Begriffsdefinition und eine generelle Einordnung. Börries Kuzmany gelingt es, in einer solchen Weise durch die mitunter spröde Materie zu manövrieren, dass alle relevanten Perspektiven Berücksichtigung finden und die Kommunikationswege und Bezugnahmen zwischen den Akteuren deutlich herausgearbeitet sind.
Kuzmany stellt im österreichischen Staat der Habsburgermonarchie eine zunehmend institutionalisierte Ethnisierung der Politik fest, wobei das Ausmaß der Selbstverwaltung der nationalen Kollektive bis zum Schluss begrenzt geblieben sei. Die Positionen im Lager der Austromarxisten (vor allem von Karl Renner) finden sich klar umrissen und verständlich dargestellt, von sehr nützlichen Grafiken unterstützt, ohne dabei Nuancen zu verwischen. Diese werden der "nationalen Realpolitik" gegenübergestellt, die sich vor allem auf die kleinen Ausgleiche bezieht, dabei aber erstmals Bosnien-Herzegowina miteinbezieht. Der Autor zeigt hier klar die Grenzen der Implementierung des Modells auf - nationale Autonomie bestand nur innerhalb der über ein Zensuswahlrecht bestellten einzelnen Landtage. Ferner wird sehr klar auf das Problem der nationalen Zuordnung einzelner Staatsbürger, auf die öffentliche Diskussion und die Überlegungen im Inneren der Staatsverwaltung eingegangen. Ein eigenes Unterkapitel widmet sich Erzherzog Franz Ferdinand und dem Belvedere-Kreis.
Es wird insgesamt deutlich, dass in der Habsburgermonarchie wie auch im Russländischen Reich im Rahmen der Staatsreformdebatten eine überraschende Vielfalt nicht-territorialer Autonomiemodelle diskutiert wurde, wobei das Zarenreich in deren Anwendung deutlich weniger systematisch und keineswegs einheitlich vorging, sondern vor allem dem russischen Verständnis der Hierarchie zwischen einzelnen Gruppen folgte. Entsprechend waren hier Maßnahmen nicht wie im österreichischen Staat darauf ausgerichtet, einen ethnischen Proporz und Interessensausgleich über autonome Rechte zu ermöglichen, sondern die Stärkung des Russischen und der loyalen Kräfte in der Duma zu erreichen. Zum revolutionären Russland (1917-1922) demonstriert der Autor dann die Anwendung des Autonomieprinzips an fünf Beispielen: der jüdischen Nationalautonomie 1917/18, dem sehr weitgehenden Minderheitenschutz in der Ukraine (mit dem ersten Gesetz über national-personale Autonomie überhaupt), den Muslimen Russlands und der Autonomie Sibiriens sowie der Fernöstlichen Republik.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stand das nationalstaatliche System Autonomien, die über staatsbürgerliche Rechte im Rahmen der neuen demokratischen Verfassungen hinausgingen, ablehnend gegenüber. Kuzmany entwickelt nun vier Beispielfälle (die Ukrainische Volksrepublik, Lösungsansätze in den drei baltischen Staaten, Sowjetrussland und das Programm der Sudetendeutschen Partei) getrennt zu folgenden Aspekten: der verfassungsmäßigen Verankerung von Autonomieregelungen, der Ausgestaltung von entsprechenden Gremien, der Frage der nationalen Zugehörigkeit und des Nationsverständnisses, Legitimitätsfragen bei der Implementierung und ideengeschichtliche Verflechtungen (am häufigsten unter Bezugnahme auf das austromarxistische Denken in affirmativer oder abwehrender Weise). Das abschließende Kapitel widmet sich dem internationalen Minderheitenschutzsystem, konkret den Friedensverträgen von Paris und dem Europäischen Nationalitätenkongress. Kuzmany macht hier die Stoßrichtung der durch den Völkerbund geschaffenen Ordnung klar: Es sollte aus Minderheiten zufriedene und loyale Staatsbürger machen, um den Frieden zwischen den Staaten zu erhalten. Ziel war daher eine sanfte Integration der Minderheitenangehörigen in den jeweiligen Nationalstaat, nicht aber der langfristige Erhalt nationaler Vielfalt.
Als Ergebnis lässt sich festhalten, dass das Buch in erfreulicher Weise über die Synthese von bereits weitgehend Bekanntem hinausgeht. Es stellt eine Vielzahl von neuen, teils überraschenden Befunden vor und macht so die Relevanz der debattierten Autonomiemodell deutlich. Kuzmany weist auf bisher unentdeckte Transferlinien und Akteursgruppen hin, etwa auf den Beitrag jüdischer Vereinigungen und Personen als Vermittler und Translatoren dieser Konzepte. Es gelingt ihm auch zu zeigen, dass sich das Konzept der nicht-territoriale Autonomie ideologisch als überaus anpassungsfähig erwies. Angesichts der Fülle an wertvollen Befunden fällt der zusammenfassende Teil am Ende etwas bescheiden aus - hier wäre es durchaus wünschenswert gewesen, die wichtigen Ergebnisse in ihrer konzeptionellen Relevanz noch einmal ausführlicher und prononciert zu bündeln, auch um Vergleichsperspektiven auf weitere Beispielfälle zu eröffnen. Dennoch bleibt festzuhalten, dass Kuzmany mit seinem Werk den Vergleich zwischen den Beispielfällen mit Bravour gemeistert und in beeindruckender Weise Tradierungslinien und Verflechtungen zwischen in der Forschung bislang nur lose verbundenen Fällen herausgearbeitet hat.
Peter Haslinger