Dana Eichhorst: Kabbalah from Medieval Ashkenaz and Renaissance Christian Theology. Eleazar of Worms (c. 1165 - c. 1238) and Egidio da Viterbo (c. 1469 - 1532) (= Contact and Transmission; Vol. 5), Turnhout: Brepols 2025, 223 S., ISBN 978-2-503-61844-9, EUR 85,00
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Das vorliegende Werk geht auf eine Dissertation zurück, welche die Autorin im Jahre 2020 an der Tel Aviv University eingereicht hat. Es widmet sich der esoterischen Literatur der Chassidé Aschkenas, einer in der judaistischen Forschung nur wenig beachteten Schriftengruppe, und deren Rezeption innerhalb der christlichen Kabbala. Dabei konzentriert sich die Untersuchung auf die Sodé Rasaja (etwa: "verborgene Geheimnisse"), das Hauptwerk des Eleasar von Worms und ihre Rezeption in den bisher nicht betrachteten Autographen des Egidio da Viterbo (11).
Über die philologische und komparatistische Analyse der genannten Texte hinaus zielt Eichhorsts Untersuchung darauf, den (religions-)historischen Kontext der Chassidé Aschkenas und ihrer christlichen Rezipienten zu erhellen und in diesem Zusammenhang eine aktualisierte Perspektive auf die Kabbala zu erarbeiten, die auf die esoterischen Traditionen der Juden im Rhein-Main-Donau-Gebiet ("Aschkenas") Bezug nimmt (12).
Die Einleitung (Introduction, 9-17) umreißt die Ziele des Werks, benennt die zugrunde gelegten Quellen und bietet neben den Forschungsfragen (16) einige knappe methodologische Anmerkungen. Der Anspruch, einen paradisziplinären Ansatz ("para-disciplinary approach", 15) zu verfolgen, wird ein wenig nebulös als ein historischer, ideen- und rezeptionsgeschichtlicher Zugang charakterisiert. Die Autorin präsentiert außerdem zwei interessante Hypothesen (12), die im Folgenden unterfüttert werden sollen: (1) Eine neue Definition der Kabbala unter Einbezug der Chassidé Aschkenas hätte bedeutenden Einfluss auf die wissenschaftliche Deutung der christlichen Kabbala; (2) Die Werke des Eleasar von Worms sollten als Teil der kabbalistischen Tradition neu gelesen werden.
Der erste Schritt der Untersuchung dient der Darstellung des historischen Hintergrunds der Chassidé Aschkenas (Chapter 1: The Medieval Hasidic Masters - Construction of a Myth, 9-49). Dabei wird der Anspruch eines "concise overview of the historical development of the medieval Ashkenazi Judaism" (19) nur zum Teil eingelöst. Die Darstellung setzt gute Vorkenntnisse der Materie voraus und bietet neue Einsichten und eine gelungene Zusammenschau bisher eher separat betrachteter Phänomene. Dies betrifft insbesondere die Herkunft und Verbreitung der für die aschkenasische Geschichte so bedeutsamen Familie Kalonymos, für die Dana Eichhorst - auch mittels legendarischer Quellen - eindrucksvoll Querverbindungen in den südfranzösischen Raum (Narbonne) und somit in das Ursprungsgebiet der klassischen Kabbala herstellt (33-41). Sehr instruktiv ist die (auch am Ende der anderen Buchkapitel platzierte) Zusammenfassung, welche die Einzelergebnisse jeweils einordnet, ergänzt und weiterführende Forschungsfragen formuliert.
Im Mittelpunkt der zweiten Etappe stehen Person und Werk des Eleasar von Worms, desjenigen Gelehrten in der Trias der Chassidé Aschkenas, von dem das umfangreichste Œuvre erhalten ist. Nach einer Zusammenstellung der wenigen Informationen, die zu ihm und seiner Familie erhalten sind (51-52), konzentriert sich Eichhorst auf die gründliche Einführung in dessen "Hauptwerk" Sodé Rasaja - eine Kompilation mehrerer seiner esoterischen Traktate, die, wie sehr viele Texte innerhalb der jüdisch-esoterischen Überlieferung als ein "offenes Werk" betrachtet werden muss. Damit ist gesagt, dass der Text nicht als in dieser Form abgeschlossen gelten kann, sondern auf Fortschreibung hin angelegt war.
Die fünf Traktate der Sodé Rasaja haben in der Forschung eine sehr unterschiedliche Aufmerksamkeit erfahren. Während zwei von ihnen wenigstens (teil-)ediert und übersetzt worden sind, fristen die übrigen ein wissenschaftliches Schattendasein. Insofern bleibt zu hoffen, dass die umfängliche und dichte Darstellung des Inhalts sämtlicher Teile der Sodé Rasaja durch Dana Eichhorst (55-105) das Interesse der Judaist/innen für diese bedeutsamen Texte wecken möge.
Mit dem dritten Schritt ihrer Untersuchung lenkt die Autorin den Blick auf die in der Forschungsgeschichte entwickelten Definitionen des Begriffs Kabbala und ihrer Beschreibungen des Phänomens. Dabei bezieht sie geschickt die (trotz z.T. negativer Urteile) bedeutsamen Perspektiven der "Wissenschaft des Judentums" in ihre Betrachtung ein. Mit Gershom Scholem, sagt Scholem, beginne ein Neuansatz in der Kabbalaforschung - was Eichhorst kritisiert, auch weil die Chassidé Aschkenas nicht mehr als kabbalistische Strömung gesehen wird (109). Nun ist Scholem-Bashing in der Kabbala-Forschung recht verbreitet, aber Eichhorst sieht mit ihrem Hinweis auf die zu rigiden Kriterien auf jeden Fall Wichtiges (112). Anstatt die (vermeintliche?) Dichotomie zwischen der südfranzösisch-nordspanischen Kabbala und der aschkenasischen Chassidé Aschkenas unter Hinweis auf die "Mystik" als übergreifenden Begriff zu lösen, wie Scholem es tut, verweist Eichhorst auf die Tora ha-Sod ("the secret lore"), die esoterische Bedeutungsebene der Offenbarung als gemeinsamen Nenner. Sie kommt zu einer neuen Definition der Kabbala unter Einschluss der Chassidé Aschkenas als einer "secret oral tradition or divine mysteries revealed to Moses" (128).
Mit einer Reflexion über gemeinsame Traditionen zu zentralen Begriffen und Konzepten des Schöpfungsmythos wie logos/davar, Sophia/Chokhma und Offenbarung lenkt die Autorin auf gemeinsame Positionen jüdischer und christlicher Kabbala (129-132). Auch die Überzeugung, dass dem Hebräischen als himmlischer Ursprache eine besondere Bedeutung bei der Entschlüsselung göttlicher Mysterien zukommt, teilten beide Gelehrtengruppen.
Damit ist der Boden bereitet für eine Darstellung der christlichen Hebraistik und Kabbala, wie sie den letzten Teil der Untersuchung bestimmt (Kapitel 5 und 6). Es geht in erster Linie um das Leben und Werk Egidios da Viterbo - und dessen Rezeption der Sodé Rasaja. Getreu der eingangs bestimmten Linie wird zunächst das historische Umfeld beschrieben (143-148), bevor es um Leben und Werk Egidios und dessen Werdegang als eines bedeutenden Hebraisten und christlichen Kabbalisten geht. Mit seiner Rezeption von Eleasar von Worms und dessen Hauptwerk kommt Eichhorst an ihr Ziel. Sie kann zeigen, dass und wie Egidio da Viterbo an das Manuskript der Sodé Rasaja gekommen ist (160-174) und wie intensiv er damit arbeitete (183-185). Welche theologischen Schlüsse er aus dieser Befassung zog, geht allerdings zwischen Manuskriptgeschichte und Anmerkungen zum ideengeschichtlichen Kontext ein wenig unter.
In der knappen Zusammenfassung (191-193) kommt Dana Eichhorst auf ihre Hauptthese, den Einbezug der Chassidé Aschkenas in die geistesgeschichtliche Strömung der Kabbala, zurück und benennt die beträchtlichen Desiderata auf dem von ihr bearbeiteten Forschungsfeld.
Es ist m.E. nicht restlos klar geworden, ob mit der von ihr vorgeschlagenen deutlich breiteren Bestimmung der Kabbala ein definitorischer Vorzug erreicht werden kann. Was die Autorin aber zweifellos eindrucksvoll zeigen konnte, ist der überaus lebendige Austausch von theologischen Konzepten und Manuskripten, auch über die oft durch die Wissenschaft postulierten regionalen Grenzen hinaus. Schon dafür lohnt sich die Lektüre des Buches, die aber erhebliche Vorkenntnisse im Feld jüdischer Religions- und Geistesgeschichte erfordert.
Susanne Talabardon