Benny Morris : Die Geburt des palästinensischen Flüchtlingsproblems. Eine Neubetrachtung. Aus dem Englischen übersetzt von Hartmut Lenhard, mit einem Nachwort von Philipp Lenhard und einem Interview mit Benny Morris, Berlin / Leipzig: Hentrich & Hentrich 2025, 825 S., ISBN 978-3-95565-702-4, EUR 35,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Helen Pluckrose / James Lindsay: Zynische Theorien. Wie aktivistische Wissenschaft Race, Gender und Identität über alles stellt - und warum das niemandem nützt. Aus dem Englischen übersetzt von Sabine Reinhardus und Helmut Dierlamm, München: C.H.Beck 2022
Simon Goeke: »Wir sind alle Fremdarbeiter!«. Gewerkschaften, migrantische Kämpfe und soziale Bewegungen in Westdeutschland 1960-1980 , Paderborn: Ferdinand Schöningh 2020
Delphine Horvilleur: Überlegungen zur Frage des Antisemitismus. Übersetzt aus dem Französischen von Nicola Denis, München: Carl Hanser Verlag 2020
Das hier besprochene Buch musste fast vier Jahrzehnte auf seine deutsche Übersetzung warten. Als es in den späten 1980er Jahren auf Englisch erschien, wurde sein Autor von allen Seiten attackiert. Auf der politischen Rechten galt er als linker Nestbeschmutzer, während ihn linke und arabische Publizisten als apologetischen Zionisten kritisierten. Die Kontroversen um seine Person ziehen sich bis in die Gegenwart, wie die Absage eines Vortrags zu "The 1948 War and Jihad" an der Universität Leipzig 2024 zeigt. Sogenannte propalästinensische Aktivisten warfen Morris Rassismus und Kolonialismus vor und sprachen Drohungen gegen die Veranstalter der Ringvorlesung aus, die daraufhin die Veranstaltung absagten.
Der 1948 geborene Benny Morris gilt als einer der Protagonisten der neuen israelischen Historiker, die sich kritisch mit den Gründungsmythen und hegemonialen zionistischen Narrativen in Israel auseinandersetzen. In diesem Zusammenhang ist auch das akribisch recherchierte Buch des bis zu seiner Emeritierung an der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva lehrenden Historikers zu sehen. Die zehn Kapitel rekonstruieren detailliert die Flucht, die Vertreibung und den Exodus der arabischen Bevölkerung aus dem späteren Staatsgebiet Israels von Ende 1947 bis in den Herbst 1949. Der Autor zeigt, dass es sich dabei keineswegs um einen einheitlichen Prozess handelte, sondern um ein komplexes Geschehen, das regional sehr unterschiedlich ablief.
Auf der einen Seite beschreibt Morris deutlich, "dass der jüdische Staat zutiefst gewaltvolle Voraussetzungen hat, die sich in seine Existenz eingeschrieben haben" (801), wie Philipp Lenhard im Nachwort betont. Diese Tatsache unterscheidet Israel aber nicht grundlegend von anderen Nationen, die in ihrer Mehrheit ebenfalls auf Gewalt, Vertreibungen und Kriegen basieren; eine Gründungsgeschichte von Nationalstaaten, die meist ausgeblendet wird, außer bei Israel. Auf der anderen Seite arbeitet Morris akribisch heraus, dass die zionistischen Führer keinen allgemeinen, gezielten Plan verfolgten, die arabische Bevölkerung in Gänze zu vertreiben. Die vielfältigen Gründe für ihre Flucht ergaben sich nicht zuletzt aus der Dynamik der kriegerischen Auseinandersetzung, dem Gründungskrieg, den Israel zu führen gezwungen war, nachdem mehrere arabische Länder und Milizen den jungen Staat direkt nach Ausrufung der Unabhängigkeit im Mai 1948 durch David Ben Gurion überfielen und von der Landkarte tilgen wollten.
Die Konfrontation zwischen der jüdischen und arabischen Bevölkerung in Palästina begann allerdings schon früher, wie der Autor im ersten Kapitel zur Vorgeschichte der Staatsgründung beschreibt. Bereits in den frühen 1920er Jahren und von 1936 bis 1939 fanden heftige Unruhen statt, die in antijüdischen Pogromen mündeten. Morris zeichnet auch die Konkurrenz innerhalb der arabischen Bevölkerung im britischen Mandatsgebiet zwischen den führenden Familienclans nach; dabei wurde der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin Al Husseini, nach gewalttätigen Auseinandersetzungen zur unbestrittenen Führungsfigur. Später unterstützte er aus ideologischen und antikolonialen Motiven das nationalsozialistische Regime, floh nach Berlin ins Exil, mobilisierte muslimische Freiwillige für die Waffen-SS und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Kriegsverbrecher kurzfristig festgenommen. Außerdem war er der Lehrer und Förderer von Jassir Arafat, dem Anführer der Palästinensischen Befreiungsorganisation.
Das folgende Kapitel diskutiert die Idee eines "Transfers" der arabischen Bevölkerung in zionistischen Führungszirkeln vor der Staatsgründung. Diese Idee war durchaus präsent als eine Möglichkeit eine "fünfte Kolonne" in einem zukünftigen jüdischen Staat zu verhindern. Allerdings lässt sich nach Morris daraus kein "Masterplan" (106) ableiten, der dann bei Gelegenheit in die Tat umgesetzt wurde. Zugleich ergab sich aber daraus auch, dass nur wenig Protest vernehmbar war, als Vertreibungen stattfanden.
Der Rest des Buchs widmet sich chronologisch den vier Wellen des Exodus der arabischen Bevölkerung aus dem israelischen Staatsgebiet, um mit den gescheiterten diplomatischen Versuchen zur Lösung des Flüchtlingsproblems zu enden.
Den militärischen Auseinandersetzungen voraus ging im November 1947 der Teilungsbeschluss der UN-Vollversammlung des britischen Mandatsgebiets in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Während die jüdische Seite die Entschließung bei allen Vorbehalten akzeptierte, lehnte die arabische Seite ihn rundheraus ab. Das Arabische Hohe Komitee als politische Vertretung rief zu einem Generalstreik und weiteren Widerstandsmaßnahmen auf. Der Zeitraum bis März 1948 war schließlich charakterisiert von arabischen Angriffen und jüdischen Verteidigungs- und Vergeltungsmaßnahmen. Zugleich strukturierten sich die jüdischen Verteidigungsstreitkräfte, die Haganah, um, wurden effizienter und konnten mithilfe von Waffenlieferungen ab April dann vermehrt in die Offensive gehen. In dieser Phase floh vor allem die arabische Mittel- und Oberschicht aus den größeren Städten. Andere Bewohner verließen das Land aufgrund von Befehlen oder Ratschlägen arabischer Militärkommandanten. Sie gingen davon aus, nach einem arabischen Sieg wieder zurückkehren zu können.
Obwohl anfangs qualitativ und quantitativ den arabischen Milizen und Freischärlern unterlegen, erwiesen sich die bewaffneten jüdischen Formationen als effektiver, waren organisierter und kämpften entschlossener, aus einem naheliegenden Grund: "Der Jischuv kämpfte um sein Überleben" (234), wie Morris es formuliert. Eine Niederlage hätte das sofortige Ende einer jüdischen Staatlichkeit und die massenhafte Vertreibung und Ermordung der Juden bedeutet, wie es die arabischen Anführer beständig verkündeten.
Ferner rechnete die jüdische Führung mit einem Angriff arabischer Armeen; vor diesem Hintergrund veränderte sich ihre Politik. Der sogenannte Plan D sah vor, das Hinterland und die Hauptstraßen zu sichern und schloss die Vertreibung der als potenzielle Bedrohung angesehenen arabischen Bevölkerung ein. Seinerzeit verübten vor allem revisionistisch-zionistische Gruppierungen auch Massaker, das berüchtigtste am 9. April 1948 in dem Dorf Deir Jassin mit etwa 100 Toten. Derartige Gewalttaten verbreiteten Angst und Schrecken und erhöhten die Fluchtbereitschaft. Bald setzte eine Diskussion über eine mögliche Rückkehr der Geflüchteten ein, auch innerhalb der zionistischen Führungszirkel. Sie vertraten in dieser Hinsicht keine einheitliche Position.
Vor allem blickten seiner Zeit alle gespannt auf den 15. Mai, das von der britischen Kolonialmacht angekündigte Abzugsdatum. An jenem Tag rief David Ben Gurion schließlich die Unabhängigkeit Israels aus. Unmittelbar danach überfielen mehrere arabische Länder den jüdischen Staat. Der große Krieg hatte begonnen, und unter diesen Umständen gewann die Position die Überhand, die geflohene arabische Bevölkerung nicht zurückkehren zu lassen. Morris schreibt: "Innerhalb Israels war der Kriegszustand ausschlaggebend für die sich herausbildende Entscheidung, eine Rückkehr zu verwehren." (444)
Verstärkt wurde dieser Beschluss noch dadurch, dass Israel hunderttausende Flüchtlinge aufnahm, die aus arabischen und nordafrikanischen Ländern vertrieben wurden. Er führte außerdem zur Zerstörung verlassener arabischer Dörfer, zur Aufteilung des arabischen Lands auf bestehende jüdische Siedlungen und zur Umsetzung neuer Projekte. Damit verblasste die auf der zionistischen Linken gehegte Hoffnung einer friedlichen jüdisch-arabischen Koexistenz zusehends.
Morris zeichnet detailliert und differenziert den Kriegsverlauf an den unterschiedlichen Fronten im Norden, im Zentrum und im Süden nach, beschreibt die auf beiden Seiten begangenen Verbrechen und die zu weiteren Vertreibungen führenden israelischen Offensiven. Am Ende des Konflikts, der mit einem Sieg Israels endete, standen an die 650.000 bis 700.000 aus dem israelischen Kernland vertriebenen Araber und etwa die gleiche Anzahl vertriebener Juden aus Nordafrika und den arabischen Staaten.
Im abschließenden Kapitel skizziert Morris noch die diplomatischen Bemühungen auf internationaler Bühne, das Flüchtlingsproblem einer allseits akzeptierten Lösung zuzuführen, die jedoch allesamt scheiterten. Als Gründe führt er an: "die mangelnde Bereitschaft beider Seiten, sich schnell auf einen Kompromiss zuzubewegen - geboren aus arabischer Verweigerungshaltung und einem tiefen Gefühl der Demütigung sowie aus israelischer Siegestrunkenheit und materiellen Bedürfnissen, die vor allem durch den jüdischen Flüchtlingsstrom bestimmt wurden." (748) Das Buch endet mit einem Fazit, Anhängen, unter anderem über die Anzahl der palästinensischen Flüchtlinge, dem Nachwort und schließlich einem Interview mit dem Autor.
Die Recherchen von Benny Morris sind nach wie vor die profundesten und akribischsten zur Entstehung des palästinensischen Flüchtlingsproblems. Sie machen deutlich, wie komplex und verworren die Situation seinerzeit war. Einfache und einseitige Antworten lassen sie nicht zu. Es wäre begrüßenswert, wenn ein derartig differenzierter Blick die Debatte über den Nahostkonflikt bestimmen würde. Leider läuft sie aber hoch emotionalisiert und wenig faktenbasiert ab. Ergänzt werden sollten die Ergebnisse von Morris, der ausschließlich israelische Archive auswerten konnte, noch stärker durch die arabische Sichtweise. Hierfür müssten die arabischen Regierungen allerdings Zugang zu ihren Materialien gewähren. Leider steht die Wissenschafts- und Informationsfreiheit in der arabischen Welt aber nicht allzu hoch im Kurs.
Sebastian Voigt