Rezension über:

C.T. Mallan (ed.): Studies in Byzantine Epitomes and the Greek Epitomizing Tradition (= Mnemosyne. Supplements - Late Antique Literature; Vol. 493), Leiden / Boston: Brill 2025, XI + 242 S., ISBN 978-90-04-73182-0, EUR 119,84
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Rezension von:
Martin Hinterberger
University of Cyprus
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Martin Hinterberger: Rezension von: C.T. Mallan (ed.): Studies in Byzantine Epitomes and the Greek Epitomizing Tradition, Leiden / Boston: Brill 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/09/40643.html


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C.T. Mallan (ed.): Studies in Byzantine Epitomes and the Greek Epitomizing Tradition

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Als Epitome bezeichnet man allgemein die Kurzfassung eines Werkes oder einen Auszug daraus; sie stellt keine Gattung dar, sondern eine Form. Christopher Mallen hält einleitend folgende Merkmale fest: enge Beziehung zum Quellentext und Abhängigkeit von diesem; durch verschiedene Techniken (Wegschneiden, Exzerpierung, Paraphrasierung) herbeigeführte Kürze; Selbständigkeit und eigene, die intendierte Absicht des Epitomators widerspiegelnde Logik; Nützlichkeit und erhöhte Zugänglichkeit.

Im Rahmen der Altertumskunde und der Klassischen Philologie werden Epitomen oft als Lückenbüßer für verlorene Originale angesehen, während man kaum Interesse für deren Entstehungsumstände aufbringt. Aus der Sicht der Byzantinistik wiederum stellen diese Werke bloße Reflexionen der Bedeutung der Antike innerhalb der byzantinischen Kultur dar und werden aus diesem Grund selten genauer untersucht.

Im Mittelpunkt des acht Kapitel umfassenden Bandes stehen byzantinische Epitomen, die grundsätzlich auf antiken Werken beruhen, wobei deutlich wird, dass diese Kurzfassungen ein wesentliches Element der literarischen Kultur waren. Wichtig ist, dass Epitomen von Interessen angetrieben werden und daher gesellschaftlich geprägte Formen der Wissensübermittlung darstellen.

Werke aus vorbyzantinischer Zeit werden im ersten Kapitel überblicksmäßig von Christopher Mallen dargestellt. Die Zusammenstellung von insgesamt 74 antiken Epitomen zeigt, dass diese hautsächlich in Alexandrien und später in Rom, vor allem ausgehend von philosophischen Werken verfasst wurden und zwar oft von führenden Schriftstellern. Letzteres bedeutet, dass das Epitomisieren eine anerkannte intellektuelle Aktivität war. Dementsprechend stellen Epitomen eher ein Zeichen lebendiger literarischer und intellektueller Kultur (insbesondere des 3. Jahrhunderts vor Christus sowie des 2. Jahrhunderts nach) denn kulturellen Rückzugs dar.

Im Vergleich zu den späteren Jahrhunderten ist beachtenswert, dass im Bereich der Medizin Epitomen erst in byzantinischer Zeit nennenswert werden sowie, dass Epitomen des eigenen Werks eines Schriftstellers, wie sie früher zumeist von Philosophen erstellt wurden, in Byzanz kaum mehr vorkommen. Dagegen entwickeln sich Epitomen zu einem Medium für die Weitergabe eher von altem als von zeitgenössischem Wissen.

Die berühmte Bibliotheke des Photios ist eine Sammlung von Inhaltsangaben, Epitomen und Auszügen von Werken des 5. vorchristlichen bis zum 9. Jahrhundert nach Christus (darunter auch einige antike Epitomen). Laura Pfuntner untersucht einerseits Photios' Arbeitsweise als Epitomator und erkennt andererseits in der Bibliotheke eine Anleitung (ein "pädagogisches Projekt") dazu, was und wie man lesen soll. Photios' Eingriffe als Epitomator zielen darauf ab, Aspekte hervorzuheben, die sein Publikum interessant finden wird, sie spiegeln Photios' Geschmack und Interessen wider ebenso wie allgemeinere intellektuelle, politische und theologische Strömungen seiner Zeit.

Epitomen von Aristoteles' Werk, insbesondere des Organon, spielten eine grundlegende Rolle im byzantinischen Philosophieunterricht. Melpomeni Vogiatzi zeigt anhand von derartigen Epitomen, die von Nikephoros Blemmydes, Georgios Pachymeres und Ioannes Chortasmenos verfasst wurden, wie diese byzantinischen Autoren Aristoteles kreativ interpretierten und durch Umstellungen der behandelten Materie und Ergänzungen ihre eigenen philosophischen Ansichten zum Ausdruck brachten.

Innerhalb der byzantinischen Medizin und dem Rechtswesen waren Epitomen aus praktischen Erwägungen unentbehrlich. Die Originalwerke waren in vollem Umfang nicht nur zu kostspielig, sondern auch zu unhandlich für den täglichen Gebrauch durch Arzt oder Jurist. Dieser stark praxisorientierte Aspekt stellt ein besonderes Merkmal dieser weit verbreiteten Art von Epitome dar.

Aufgrund der immensen Bedeutung von Epitomen innerhalb des medizinischen Schrifttums kommt der von Isabel Grimm-Stadelmann verfasste Überblick einer Geschichte der byzantinischen medizinischen Literatur gleich, der zugleich Einblicke in das hoch entwickelte byzantinische Gesundheitssystem (etwa Hospitäler) gewährt. Grundlage der Epitomen bildeten das Corpus Hippocraticum und Galen, erweitert um alexandrinische Medizinphilosophie. Das übernommene Wissen wurde an die sich wandelnden Verhältnisse angepasst, aber auch in Einklang mit der christlichen Anthropologie gebracht. Hervorzuheben sind die Epitomen, die Oreibasios, Paulos von Aigina und Ioannes Zacharias erstellten. Byzantinische Trends des von medizinischen Institutionen geprägten Schrifttums setzten sich bis in die Osmanische Zeit fort.

Auf die Erfordernisse der Anwendung sowie des Unterrichts des geltenden Rechts reagierten die von Marios Tantalos vorgestellten Epitomen. Insbesondere von den Novellen Justinians, aber auch von denen Leons VI. kursierten verschiedene Kurzfassungen, die wiederum in spätere Kompendien des weltlichen byzantinischen Rechts einflossen. Auf ähnliche Weise wurde auch das kirchliche Recht handlich aufbereitet, wobei das Syntagma des Matthaios Blastares besondere Erwähnung verdient.

Um einen rein literarischen Text handelt es sich bei Athenaios' Deipnosophistae. Von dieser Wiedergabe der bei einer Dinnerparty geführten Gespräche verfasste ein unbekannter Autor des 10./11. Jahrhunderts eine Epitome, die fehlende Teile der unverkürzten Version abdeckt und für den Rest teilweise bessere Lesarten bietet. Chrysanthos Chrysanthou stellt beispielhaft Buch 13 der Epitome dem Original gegenüber, um so die Arbeitsweise des Epitomators herauszuarbeiten. Seine Analyse zeigt, dass die Kohärenz des ursprünglichen Textes, insbesondere der Symposiumshintergrund verloren geht und die zahlreichen Zitate vom Umfeld losgelöst werden. Die Folge ist eine Liste von Auszügen ohne Kontext und oft ohne Zusammenhang. Der offensichtliche Beweggrund des Epitomators war es, nicht das Werk als solches und ganzes zu bewahren, sondern von jedem einzelnen Buch eine separate Kompilation zu den verschiedenen gelehrten Themen herzustellen.

Während im vorhergehenden Falle die Intention des Autors weitgehend im Dunklen bleibt, präsentieren die beiden letzten Kapitel Epitomen mit einer jeweils sehr konkreten Zielsetzung - andererseits tritt das Merkmal Nützlichkeit hier in den Hintergrund. Marion Kruse macht deutlich, dass Ioannes Xiphilinos in seiner Bearbeitung der Geschichte des Cassius Dio Stellung zum Verhältnis von Monarchie und Demokratie bezog, das zu seiner Zeit die Geister beschäftigte, wobei der Autor für eine freiheitliche Monarchie plädierte.

Georgios Gemistos Plethon setzte mit einer Kompilation aus Diodoros Xenophons Hellenika fort. Wie Jeffrey Beneker zeigt, reagierte er damit auf die ausdrückliche Anregung des antiken Autors und ergänzte, ebenfalls im Sinne Xenophons, die Darstellung um biographische Entwürfe von Agesilaos, Dion und Timoleon, die er aus Plutarch schöpfte.

Alle untersuchten Verfasser von Epitomen erweisen sich nicht als einfache Kompilatoren, sondern setzten sich kritisch und kreativ mit ihren Quellen auseinander. Daher stellen ihre Werke wissenschaftliche Fortschritte dar und sind jeweils aus der Zeit ihrer Entstehung, den zu befriedigenden Bedürfnissen sowie den verfolgten Zielen zu verstehen. Folglich sind sie für die Rekonstruktion antiker Texte nur mit Vorbehalten zu benützen. Einerseits kann die Analyse der Umarbeitungstechnik zu einer gesicherteren Rekonstruktion des Originals beitragen, andererseits mahnt die klar zu erkennende Intention der Umarbeitung zur Vorsicht bei jeglichem Rekonstruktionsversuch.

Die Ergebnisse der Beiträge erhellen ähnliche Problemstellungen in Bereichen, die im vorliegenden Band nicht behandelt wurden, weil sie zur antiken Tradition nur wenig Bezug haben. Nach der Lektüre wird man auch die in großer Zahl vorhandenen Epitomen historiographischer und hagiographischer Texte mit gesteigertem Interesse und unter einem neuen Licht betrachten.

Martin Hinterberger