Rezension über:

Elena Khalaf: La chiesa scomparsa di Santa Chiara a Venezia. Le vicende architettoniche, il polittico di Paolo Veneziano, la comunità religiosa e i suoi benefattori nel Medioevo (= Centro Studi Antoniani; 76), Padova: Centro Studi Antoniani 2024, 439 S., 59 Abb., ISBN 978-88-95908-32-8, EUR 78,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Ralf Lützelschwab
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fischer
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Lützelschwab: Rezension von: Elena Khalaf: La chiesa scomparsa di Santa Chiara a Venezia. Le vicende architettoniche, il polittico di Paolo Veneziano, la comunità religiosa e i suoi benefattori nel Medioevo, Padova: Centro Studi Antoniani 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/09/40553.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Elena Khalaf: La chiesa scomparsa di Santa Chiara a Venezia

Textgröße: A A A

Eine gute Presse hatte (und hat) Napoleon in Venedig nicht. Die Auslöschung der Republik, der Umbau der Verwaltung mochten ebenso wie die Auflösung jahrhundertealter sozialer Strukturen bei nicht wenigen auf Sympathien stoßen, aufs große Ganze gesehen lastete man Napoleon und seinen Truppen aber den tiefen Fall von strahlender Größe in die Bedeutungslosigkeit hinein an. Nirgendwo war die napoleonische Verwaltung verhasster als in monastischen Kreisen. Ein Großteil der Klöster Venedigs und der Terraferma wurde aufgelöst, die Besitzungen verstaatlicht und zu Geld gemacht. Ein kurzer Blick auf die von Alessandro Gaggiato 2019 vorgelegte Liste der zerstörten monastischen Institutionen mag einen ersten Eindruck von der Tragweite des Phänomens geben. Zu den aufgehobenen und später zerstörten Klöstern gehörte auch Santa Chiara, Gegenstand der vorliegenden Darstellung. [1]

Das Klarissenkloster Santa Chiara lag im venezianischen Stadtteil Santa Croce, auf einer kleinen Insel am westlichen Ende des Canal Grande, in der Nähe des heutigen Piazzale Roma. Die Anlage geht auf das Jahr 1236 zurück, als der höchsten venezianischen Patrizierkreisen angehörende Giovanni Badoer das Grundstück einer Franziskanerin namens Costanza schenkte, damit dort ein Frauenkloster errichtet werden konnte. Die ursprünglich Santa Maria Mater Dei geweihte Kirche erhielt spätestens ab 1370 den Namen Santa Chiara. Nach einem Brand im Jahr 1574 wurde sie neu errichtet und 1620 geweiht. Im Zuge der napoleonischen Säkularisierung wurden Kirche und Konvent 1806 aufgehoben. Die Kirche wurde schließlich 1819 abgebrochen; auf dem Gelände entstand ein Militärhospital. Vom ursprünglichen Kloster sind nur noch wenige Teile erhalten, die in dem heute von Touristen frequentierten Hotel gleichen Namens verbaut wurden. Es gab Klosterkirchen, deren Ausstattung sehr viel reicher als diejenige von S. Chiara war: doch existierte mit dem kunsthistorisch hochbedeutenden Polyptychon von Paolo Veneziano (vor 1333-nach 1358), das sich heute in den Gallerie dell'Accademia in Venedig befindet, ein Spitzenstück venezianischer Malerei des Trecento innerhalb der Klostermauern.

Das Kloster war in jüngerer Zeit immer wieder Gegenstand der (kunst)historischen Forschung. Elena Khalaf legt mit ihrer, aus einer Dissertation hervorgegangenen Gesamtdarstellung der Klostergeschichte nun nicht nur eine mise à jour der bisherigen Forschungsleistungen vor, sondern ergänzt diese - der akribischen Durchsicht umfangreicher Quellencorpora sei Dank - um bisher völlig unbekannte Aspekte.

Die Arbeit ist in zwei große Teile untergliedert. Während der erste Teil in drei Kapiteln die Geschichte des Klosters beschreibt (Santa Chiara e Venezia, 13-90), gerät im zweiten Teil das von Paolo Veneziano gemalte Polyptychon in insgesamt vier Kapiteln in den Blick (Il Polittico di Santa Chiara di Paolo Veneziano, 91-176). Auf eine knappe Zusammenfassung der Ergebnisse folgt eine Vielzahl von Anhängen, die den dokumentarischen Wert der Arbeit ausmachen. Neben zwei Testamenten und einem aus dem 15. Jahrhundert stammenden Formular zur Einkleidung der Schwestern ist es vor allem die hier erstmals abgedruckte, 1622 verfasste Klosterchronik (185-211), die Einblicke in die Geschicke von Santa Chiara erlaubt. [2] Ergänzt werden diese Schriftquellen durch sieben Tabellen, in denen einige der Ergebnisse der Arbeit kondensiert und visualisiert werden - von der namentlichen Auflistung der in unterschiedlichen Kapitelslisten genannten Schwestern über die archivalischen Erwähnungen der Scuola di S. Chiara bis hin zu den Anfragen auf einen Begräbnisplatz innerhalb der Klosterkirche.

Santa Chiara konnte zwar nie in den Kreis der vornehmsten Frauenklöster der Stadt (mit San Lorenzo an der Spitze) aufschließen, doch vollzog es eine beachtliche Entwicklung von bescheidenen Anfängen hin zu einer Institution, der sich insbesondere seit dem 14. Jahrhundert die Familie der Dandolo verpflichtet fühlte. Zu Beginn scheint sich das Kloster S. Andrea del Lido um die spirituellen Bedürfnisse der Schwestern gekümmert zu haben, doch bald waren es - die geographische Nähe hatte diesen Schritt nahegelegt - die Franziskaner von Santa Maria Gloriosa dei Frari, die Verantwortlichkeiten in und für den Konvent wahrnahmen. Wie die Autorin eindrucksvoll zeigt, waren es aber nicht nur Mönche, die als sindici et actores die Interessen des Klosters (gerade auch in wirtschaftlicher Hinsicht) nach außen vertraten, sondern auch Laien. Letztere konnten als Mitglieder der um die Mitte des 14. Jahrhunderts gegründeten Scuola di Santa Chiara ihre spirituelle Nähe zu den Schwestern im Speziellen, zu den Idealen der Franziskaner im Allgemeinen zum Ausdruck bringen. Die Masse der ausgewerteten, zumeist im Venezianer Staatsarchiv verwahrten Testamente spricht in dieser Hinsicht für sich. Spirituelles Interesse manifestierte sich ganz konkret auch in dem Wunsch, in der Klosterkirche bestattet zu werden.

Was die künstlerische Ausstattung von Kirche und Konventsgebäuden angeht, fließen die Quellen nur spärlich. Die beiden Testamente von Antonio Barloto (1344/1352) aus Verona sind in dieser Hinsicht besonders einschlägig. Wie die Autorin zeigt, ging es Barloto darum, seiner Witwe und seiner Tochter nach seinem eigenen Ableben den Weg ins Kloster zu ebnen. Deshalb versah er Gattin und Tochter nicht nur mit finanziellen Mitteln, sondern gab auch ein Altarbild in Auftrag, das freilich nicht mit dem berühmten Polyptychon von Paolo Veneziano identisch ist: "Quanto emerge dal caso [...] lascerebbe supporre che la monacazione costituisse proprio un'occasione da parte delle comunità religiose per avanzare richieste in merito al finanziamento di opere in utilità del monastero [...]" (85).

Einiges an Scharfsinn wendet die Autorin im zweiten Teil auf, um nicht nur die innerhalb der Kunstgeschichte seit 1924 kaum einmal mehr bestrittene Verfasserschaft des Paolo Veneziano am elaborierten Altaraufsatz, in dessen Mitte sich eine Marienkrönung befand, zu belegen, sondern auch das Schicksal des Polyptychons nach der Auflösung des Klosters 1806 in all seinen Verästelungen nachzuzeichnen. Das Mittelbild, eben die Marienkrönung, gelangte nämlich in die Mailänder Brera, wo nach dem Willen der französischen Verwaltung ein Kunstmuseum von Weltrang, ein zweiter Louvre, entstehen sollte. Für ihn war nur das Beste gut genug. In der Accademia in Venedig beklagte man den Verlust aber nicht nur wortreich, sondern setzte spätestens um die Jahrhundertwende alles in Bewegung, um die Einzelteile wieder in Venedig zusammenführen zu können. In Mailand wusste man um die Gefahren: die Rückgabe der Marienkrönung hätte einen Präzedenzfall schaffen können, der den Beginn einer künstlerischen Ausblutung der Brera selbst bedeutet hätte. Nicht Rückgabe, sondern Tausch war das Gebot der Stunde. Und tatsächlich: 1950 war es so weit - die Marienkrönung kehrte in die Serenissima zurück.

Durch eine minutiöse Interpretation des ikonographischen Programms gelingt es, das Polyptychon im hic et nunc franziskanischer Vorstellungswelten und konventualer Praxis zu verorten. Wie stark die Bildtafeln mit dem Zyklus des Lebens Christi und die Franziskus-Tafeln aufeinander bezogen sind, welche Bedeutung insbesondere die Tafel mit der Einkleidung der Hl. Klara für die Nonnen in Santa Chiara hatte, wird spätestens dann deutlich, wenn mit guten Argumenten gezeigt wird, wo der Altar ursprünglich stand - im Nonnenchor, wo gleichzeitig auch die Einkleidungen stattfanden. Dass Paolo Venezianos Meisterwerk kurz vor dem Klosterbrand 1574 ins Infirmarium und damit in einen Teil des Klosters überführt wurde, der vom Brand verschont blieb, darf als absoluter Glücksfall gelten.

Khalafs Untersuchung reiht sich in die Phalanx von zuletzt erschienenen, einzelnen Klöstern Venedigs gewidmeten Untersuchungen ein [3] und sticht nicht nur durch den sorgsamen Umgang mit bisher unbekannten Quellen, sondern vor allem auch durch die Qualität der Interpretationen hervor, insbesondere denjenigen, die dem Polyptychon gewidmet sind. Hervorragend.


Anmerkungen:

[1] Alessandro Gaggiato: Le Chiese distrutte a Venezia e nelle isole della Laguna. Catalogo ragionato, Venezia 2019, 105-110.

[2] Cronaca compilata da una monaca anonima riguardante le principali vicende del monastero di S. Chiara narrate a partire dal 1525, anno di adesione alla riforma dell'Osservanza (185).

[3] An erster Stelle muss hier die bisher zehn Bände umfassende Reihe 'Le Chiese di Venezia' genannt werden, deren letzter Band, San Nicolò dei Mendicoli gewidmet, 2025 erschienen ist.

Ralf Lützelschwab