Rezension über:

Lisa Moravec: Dressaged Animality. Human and Animal Actors in Contemporary Performance (= Routledge Advances in Theatre and Performance Studies), London / New York: Routledge 2025, xxii + 220 S., ISBN 978-1-032-57485-1, GBP 112,00
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Rezension von:
Jessica Ullrich
Kunstakademie Münster
Redaktionelle Betreuung:
Michael Klipphahn-Karge
Empfohlene Zitierweise:
Jessica Ullrich: Rezension von: Lisa Moravec: Dressaged Animality. Human and Animal Actors in Contemporary Performance, London / New York: Routledge 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/09/40499.html


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Lisa Moravec: Dressaged Animality

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Lisa Moravecs Dressaged Animality: Human and Animal Actors in Contemporary Performance untersucht die Beziehungen zwischen Menschen, Pferden und gesellschaftlichen Disziplinierungsmechanismen anhand zeitgenössischer Performancekunst. Die aus ihrer Dissertation hervorgegangene und in der Reihe Routledge Advances in Theatre and Performance Studies erschienene Monografie verbindet kunsthistorische Fragestellungen mit Performance Studies, Animal Studies, marxistischer Theorie, Feminismus und kritischem Posthumanismus. Das Ergebnis ist eine originelle, theoretisch äußerst fundierte und gedanklich bewegliche Studie, die nicht nur einen wichtigen Beitrag zu den Performance Studies leistet, sondern auch die Animal Studies um ein überzeugendes neues Analyseinstrument bereichert.

Im Zentrum steht die produktive These, dass Dressur weit mehr bezeichnet als das Training von Pferden. Ausgehend von Henri Lefebvres Begriff der "dressage", mit dem dieser die gesellschaftliche Einübung alltäglicher Rhythmen und Gewohnheiten beschreibt, entwickelt Moravec das Konzept der "dressaged animality". Dressur erscheint hier als grundlegender Mechanismus gesellschaftlicher Formierung, der menschliche wie nichtmenschliche Körper gleichermaßen erfasst. Performance wird dabei zur Arena, in der diese Prozesse sichtbar gemacht, reflektiert und teilweise auch unterlaufen werden können.

Das erste Kapitel entwickelt die theoretischen Grundlagen dieses Begriffs. Dressur wird historisch zunächst als Ausbildung von Pferden, insbesondere im militärischen Kontext, rekonstruiert und anschließend auf gesellschaftliche Disziplinierungsprozesse übertragen. In kapitalistischen Gesellschaften werden Körper durch Schule, Arbeit, Militär oder Sport auf Effizienz und Funktionalität hin trainiert. Hier bleibt allerdings stellenweise unhinterfragt, dass Animalität als Gegenpol zu Disziplinierung vor allem mit Spontaneität, Körperlichkeit und Triebhaftigkeit verbunden wird. Dass auch viele andere Tiere unabhängig vom Menschen komplexen sozialen Disziplinierungsmechanismen unterliegen, hätte den zugrunde liegenden Tierbegriff produktiv differenzieren können.

Das zweite Kapitel zeichnet eine historische Genealogie der Dressurpraktiken nach und zeigt überzeugend, wie eng Reitkunst, militärische Ausbildung und Tanzgeschichte miteinander verflochten sind. Moravec arbeitet heraus, dass höfische Reitkunst, Kavallerieausbildung und klassische Tanznotation vergleichbare Verfahren der Körperformung entwickelten und dadurch politische Machtverhältnisse ästhetisch stabilisierten. Dressur erscheint damit nicht lediglich als Technik, sondern als kulturelles Dispositiv.

Im Hauptteil des Buches rekapituliert Moravec kenntnisreich die Geschichte der Performancekunst und zeigt, dass Tiere seit den 1960er-Jahren zunehmend Bestandteil eines erweiterten Performancebegriffs werden und insbesondere seit dem Animal Turn verstärkt zur Kritik anthropozentrischer Weltbilder beitragen. Anhand von Arbeiten von Künstler:innen wie Rose English, Yvonne Rainer, Mike Kelley, Robert Morris, Mark Wallinger, Joseph Beuys oder Bartabas entwickelt sie eine ebenso kluge wie ausgewogene Auswahl von Fallstudien, bei der kaum eine relevante Position vermisst wird. Zugleich verarbeitet sie die einschlägige Forschung aus Kunstgeschichte, Performance Studies und Animal Studies auf beeindruckend umfassende Weise und liest zahlreiche bekannte Positionen für ihre Fragestellung neu.

Besonders überzeugend sind die Analysen von Arbeiten, in denen Menschen Pferdebewegungen imitieren oder sich choreographisch auf Pferde beziehen. So interpretiert Moravec Yvonne Rainers Horses (1968) als Reflexion kultureller Konditionierungen menschlicher und tierlicher Körper, während Rose Englishs Quadrille (1975) als feministische Kritik jener patriarchalen Disziplinierungsmechanismen erscheint, die Frauen- und Tierkörper gleichermaßen kontrollieren. Insbesondere diese Passagen gehören zu den stärksten des Buches. Ihnen ist nicht nur Moravecs intime Kenntnis des künstlerischen Materials anzumerken, sondern ebenso ihre eigene langjährige Erfahrung im Umgang mit Pferden.

Danach richtet Moravec den Blick auf lebende Pferde in Performances und diskutiert die ethischen Probleme ihrer Einbindung. Einerseits können solche Arbeiten Beziehungen zwischen Menschen und anderen Tieren sichtbar machen; andererseits besteht stets die Gefahr erneuter Instrumentalisierung. Moravec analysiert differenziert Strategien, die dieser Problematik begegnen wollen, etwa Situationen des "Non-Acting", in denen Tiere lediglich präsent sind und eben nicht dressiert werden. Zugleich zeigt sie überzeugend, dass vollständige Gleichberechtigung zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteur:innen innerhalb performativer Konstellationen kaum erreichbar ist.

Das fünfte Kapitel widmet sich der technologischen und ökonomischen Dimension der Dressur und untersucht insbesondere Pferderennen als paradigmatische Form kapitalistischer Tiernutzung. Pferde erscheinen hier als biologische Maschinen, deren Leistungsfähigkeit ökonomisch maximiert wird. Künstler:innen wie Robert Morris, Mark Wallinger oder Tamara Grcic legen diese Mechanismen offen und machen zugleich sichtbar, dass menschliche Körper ähnlichen Optimierungslogiken unterliegen. Moravec aktualisiert hier marxistische Kritik in überzeugender Weise für die Animal Studies und scheut auch nicht davor zurück, die Gewalt von Pferderennen oder Pferdeschlachtungen klar zu benennen.

An einzelnen Stellen hätte man sich allerdings eine noch stärkere Einbindung tierethischer Debatten gewünscht. Speziell hinsichtlich der Reiterei selbst sowie bezüglich des Einsatzes lebender Tiere in künstlerischen Arbeiten bieten die Animal Studies inzwischen zahlreiche weiterführende Positionen, die Moravecs Argumentation zusätzlich hätten schärfen können. Interessant wäre darüber hinaus gewesen, Moravecs Analysen von Rose English und Yvonne Rainer mit dem jüngeren Konzept des Animal Drag in Beziehung zu setzen. Zugleich lässt sich das Argument ebenso gut umkehren: Gerade die noch junge Animal-Drag-Forschung dürfte künftig erheblich von Moravecs Konzept der "dressaged animality" profitieren können.

Im Schlusskapitel plädiert Moravec dafür, gesellschaftliche Modelle stärker an körperlichen Bedürfnissen, Kooperation und Responsivität zwischen den Spezies auszurichten, anstatt sie weiterhin primär an Effizienz und ökonomischer Verwertbarkeit zu orientieren - ein Plädoyer, dem man sich nur anschließen kann. Insgesamt versteht Moravec zeitgenössische Performancekunst als ein kritisches Labor gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Ihr Konzept der "dressaged animality", dem eine weite Rezeption innerhalb der Kunstgeschichte, Performance Studies und Animal Studies zu wünschen ist, beschreibt präzise die gemeinsame Formierung menschlicher und nichtmenschlicher Körper durch gesellschaftliche Disziplinierungsprozesse, ohne deren Widerständigkeit aus dem Blick zu verlieren. Die Studie liest sich trotz ihrer theoretischen Dichte ausgesprochen spannend und überzeugt durch ihre souveräne Verbindung historischer, kunstwissenschaftlicher und tierethischer Perspektiven. Sie gehört ohne Zweifel zu den wichtigsten Neuerscheinungen der letzten Jahre im Schnittfeld von Performance Studies und Animal Studies: Neben den grundlegenden Arbeiten von Una Chaudhuri, Jennifer Parker-Starbuck, Lourdes Orozco, Esther Köhring und Maximilian Haas wird künftig auch Lisa Moravecs Buch zu den zentralen Referenzwerken dieses Forschungsfeldes zählen.

Jessica Ullrich