Rezension über:

Matthias Winkler: Revolution und Exil. Französische Emigranten in der Habsburgermonarchie 1789-1815 (= Frühneuzeit-Forschungen; Bd. 26), Göttingen: Wallstein 2024, 544 S., 19 z.T. farb. Abb., ISBN 978-3-8353-5566-8, EUR 69,00
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Rezension von:
Daniel Mollenhauer
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Daniel Mollenhauer: Rezension von: Matthias Winkler: Revolution und Exil. Französische Emigranten in der Habsburgermonarchie 1789-1815, Göttingen: Wallstein 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/09/38945.html


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Matthias Winkler: Revolution und Exil

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Die Begriffe erscheinen uns seltsam vertraut: Aufenthaltstitel, Ausweisung, Sicherheit, Fremdenkontrolle, illegale Grenzübertritte, Integration und Assimilation. Matthias Winkler spricht in seinem bemerkenswerten Buch Revolution und Exil jedoch nicht von den Migrantinnen und Migranten, die Anfang des 21. Jahrhunderts versuchen, in der "Festung Europa" Fuß zu fassen, sondern von den französischen Emigranten, die zwischen 1789 und 1815 aus dem revolutionären Frankreich in die Habsburgermonarchie geflüchtet sind. Ziel seiner auf einer Berliner Dissertation beruhenden Studie ist es, das Forschungsfeld der Emigration aus der "jahrzehntelangen politisch-ideologischen Aufladung" und der Frontstellung von "royalistisch-konservativ-katholischen" und "republikanisch-laizistischen" Interpretationsmustern zu befreien, die es bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt hatte (22f.). Obwohl in den letzten Jahren zahlreiche Studien zu verschiedenen Territorien des Reiches sowie zu nicht-deutschen Aufnahmeländern der Emigranten entstanden sind, bildete die Habsburgermonarchie in ihrer Gesamtheit weiterhin eine Leerstelle der Historiographie, die Winkler mit seiner ambitionierten, kultur- und beziehungsgeschichtlich ausgerichteten Studie füllen will. Methodisch bezieht er sich dabei auf das von Michael Werner und Bénédicte Zimmermann entwickelte Konzept der "histoire croisée"; ihm geht es um die Verflechtungen zwischen den Emigranten und Emigrantinnen sowie der Aufnahmegesellschaft, um Kontaktzonen, gegenseitige Wahrnehmungen, Kulturtransfers, um Prozesse der Kategorisierung und Normierung.

"Emigration in die Habsburgermonarchie", das macht Winkler von Beginn an deutlich, war ein außerordentlich komplexes Phänomen, nicht zuletzt durch die geographisch-staatsrechtliche Heterogenität des Aufnahmelandes, das sich von den grenznahen und kulturverwandten Westprovinzen (österreichische Niederlande; Vorderösterreich) bis an die Adria (Triest) und an die Grenzen des Zarenreiches (Galizien) erstreckte. Entsprechend unterschiedlich gestalteten sich die Herausforderungen, vor denen die Migrantinnen und Migranten standen, je nachdem, ob sie sich in Brüssel oder Konstanz, in Prag oder Wien, in Triest oder in Brünn wiederfanden - und Winkler analysiert diese unterschiedlichen lokalen Bedingungen höchst aufmerksam. Ebenso wichtig ist die zeitliche Dimension: Das politische und diplomatische Geschehen ließ die Regierenden in Wien ganz unterschiedliche Politiken gegenüber den Schutzsuchenden verfolgen. Und immer wieder führte der Kriegsverlauf dazu, dass scheinbar "sichere Häfen" in den französischen Herrschaftsbereich gerieten, so dass die Migrantinnen und Migranten neue Zufluchtsorte suchen mussten. Die Entwicklung in Frankreich selbst führte spätestens nach dem Machtantritt Napoleons dazu, dass die Option einer Rückkehr in die Heimat für viele von ihnen konkrete Gestalt annahm.

Winkler hat seine Untersuchungen in drei weitgehend eigenständige Teile gegliedert. Zunächst widmet er sich der Perspektive der habsburgischen Obrigkeit und diskutiert die normative Regulierung der Migration, wobei er zeitlich weiter ausholt und die Einwanderungspolitik in den Kontext der Modernisierung des Sicherheitsdispositivs der Monarchie durch den habsburgischen Spitzenbeamten und späteren Polizeiminister Johann Anton von Pergen stellt. Überzeugend arbeitet Winkler drei distinkte Phasen dieser "Fremdenkontrolle" heraus: In der ersten Phase der Revolution, als sich die Emigranten vor allem in den Westprovinzen niederließen und mit einer baldigen Rückkehr in die Heimat (und eine Restauration des Ancien Régime) rechneten, dominierte eine liberale Politik der "Hospitalité" und der gegenrevolutionären Solidarität. Dies änderte sich spätestens 1792 mit dem Kriegsbeginn, der folgenden Radikalisierung der Revolution und dem daraus hervorgehenden drastischen Anstieg der Migrantenzahlen. Nun wurden die Emigranten zunehmend als Sicherheitsproblem wahrgenommen: "Lästigen", d.h. mittellosen, und "gefährlichen", d.h. des revolutionären Ideenimports verdächtigen Personen sollte der Pass verweigert werden, der nun zur Voraussetzung für die legale Einreise und den legalen Aufenthalt wurde. Doch Winkler kann zeigen, dass das rigorose Regelwerk, das die Regierung in Wien entwickelte und bis zum Ende der Revolution im Prinzip unverändert blieb, je nach lokalen Gegebenheiten sehr flexibel und pragmatisch gehandhabt wurde: "Durch geschickte Nutzung von Grauzonen, Verhandlungsspielräumen und Nischen (boten sich) für die Emigranten viele Möglichkeiten, sich im habsburgischen Exil zumindest provisorisch einzurichten". (147)

Den Lebenswelten, die für die Migranten dadurch entstanden, ist der zweite, umfangreichste Abschnitt des Buches gewidmet. Hier behandelt Winkler so unterschiedliche Aspekte wie den hochadligen Lobbyismus am Wiener Hof, die Kontaktzonen zwischen Migranten und der Aufnahmegesellschaft, die dabei entstehenden Interaktionsformen, aber auch die Abgrenzungsmechanismen zwischen beiden Gruppen, wirtschaftliche Karrierechancen der Revolutionsflüchtlinge trotz vielfacher Restriktionen (so war ihnen etwa die Tätigkeit als Hauslehrer zumindest de jure untersagt), kulturelle Aktivitäten und "Kulturtransfer". Winkler kann dabei das traditionelle Bild einer Aufnahmegesellschaft, die den fremden Neuankömmlingen überwiegend abweisend oder feindlich gegenüberstand, stark nuancieren: Neben Vorbehalten und Fremdenfeindlichkeit (wie zumindest zeitweise in Prag) erlebten die Emigranten auch Gastfreundschaft, Sympathie, Hilfsbereitschaft und Neugier. In der Publizistik, der Winkler ein ausgesprochen anregendes, ausführliches Kapitel widmet, können sie zudem aktiv in den Diskurs über Revolution, Emigration und Krieg eingreifen.

Geistliche stellten eine (auch quantitativ) wichtige und distinkte Gruppe innerhalb der Gesamtheit der Emigranten dar: Ihre spezifischen Erfahrungen stehen im Zentrum des dritten Abschnittes. Die Entscheidung, ihnen einen eigenen Abschnitt zu widmen, kann nicht in Gänze überzeugen, kommt es doch - etwa, wenn über "Wege, Orte und Richtungen" der Emigration gesprochen wird - unweigerlich zu Überschneidungen mit den vorangehenden Kapiteln. Die Glaubensflüchtlinge konnten auf die Standessolidarität innerhalb der (katholischen) Geistlichkeit zählen und fanden in vielen Fällen Beschäftigungschancen in den kirchlichen Institutionen. Einer langfristigen Integration in den Klerus standen jedoch einerseits die Sprachbarriere, andererseits auch unterschiedliche dogmatische Traditionen im Wege, wie Winkler an vielen Beispielen zeigen kann.

Winkler hat für seine Arbeit eine beeindruckende Dokumentation aus einer Vielzahl von archivalischen und gedruckten Quellen zusammengetragen. Hervorragend gelingt es ihm, Makro- und Mikroperspektive miteinander zu verknüpfen. Er bettet die Thematiken, die er in "Revolution und Exil" behandelt, in die breiteren zeitgenössischen Kontexte ein, verortet sie in den historiographischen und sozialgeschichtlichen Theoriedebatten der Gegenwart und zieht immer wieder Vergleiche zu Migrations- und Exilgeschichten in anderen Regionen und anderen Epochen. Gleichzeitig aber bietet er zahlreiche ausgesprochen anschauliche, quellengesättigte Miniaturen zu einzelnen Aspekten, die nah an den Lebenswelten der Protagonisten sind und die die Herausforderungen, vor denen die Emigranten standen, auf sehr konkrete Weise plastisch werden lassen. Revolution und Exil bietet durch die Einbeziehung der sozialen, religiösen, zeitlichen, räumlichen, kulturellen und politischen Dimension ein enorm facettenreiches, vielschichtiges und differenziertes Panorama der Emigration in die Habsburgermonarchie, das die "tradierten Dichotomien und Pauschalisierungen älterer Historiographien" (479) für die Zukunft obsolet machen wird.

Daniel Mollenhauer