Florian Bock: Pastorale Strategien zwischen Konfessionalisierung und Aufklärung. Katholische Predigten und ihre implizite Hörer-/Leserschaft (circa 1670-1800), Münster: Aschendorff 2023, 411 S., ISBN 978-3-402-24828-7, EUR 64,00
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Die unter der Ägide von Andreas Holzem in Tübingen eingereichte Habilitationsschrift behandelt "Pastorale Strategien" in Predigten des süddeutschen Raums zwischen 1670 und 1800, die von dort gelegenen Kapuzinerklöstern gesammelt wurden. Der Bestand dieser Predigten ist inzwischen an die Universitätsbibliothek Eichstätt gelangt. Mit seiner Auswertung stößt Bock in eine Forschungslücke vor, da die katholischen Predigten im deutschsprachigen Raum in der genannten Periode noch unzureichend erforscht sind, gerade von Seiten der Kirchengeschichte. Dabei versucht Bock mit guten Gründen nicht, die hinter den Predigten stehende soziale Realität der Gemeinde(n) zu rekonstruieren; vielmehr sollen die (gedruckten) Predigten auf die pastoralen Strategien der Prediger hin befragt werden. In Predigten wird religiöses Wissen praktisch, indem sie Wissen vermitteln, Sinn stiften wollen und zu praktischem Verhalten auffordern. Sie zielen also auf eine imaginierte Gemeinde, in deren Lebenspraxis sie übersetzt und handlungsleitend werden sollen. Gedruckte Predigten zielten auf imaginierte Hörerinnen und Hörer. Dies bedingt, dass die Autoren nicht eine einzige Gemeinde, sondern eine ideale, implizierte und in gewissem Sinn abstraktere Zuhörerschaft im Auge haben mussten. Die Predigten sind damit von konkreten Situationen losgelöst; ihre Wirkung konnten sie dennoch nur im Prozess der tatsächlichen Rezeption und Umsetzung entfalten.
Der Verfasser untersucht gedruckte Predigten, die in den Beständen von elf Kapuzinerklöstern im süddeutschen Raum überliefert sind (insgesamt über 30.000 Predigtbände, davon rund 6.000 vor 1800, vgl. 60) und die 1999/2000 von der Zentralbibliothek der Kapuziner in Altötting an die Eichstätter Universitätsbibliothek übergingen. Gesichtet hat er daraus 3.821 Predigten, die freilich "nicht alle ... Eingang in die Studie gefunden" haben (61). Da es der Studie darum ging, "Tendenzen katholischer Predigtkultur ... zu identifizieren", wurden vor allem die meist am Ende der Bände angefügten Register für die Auswahl genutzt. Dabei wurden nur deutschsprachige Predigten herangezogen und die Fest- bzw. Jubelpredigten und die Leichenpredigten ausgeklammert. Ob tatsächlich der eher geringe Schimmelbefall für eine intensive Nutzung der Bände durch die Kapuziner spricht (vgl. 61), sei dahingestellt.
Der Hauptteil der Studie behandelt die Frage, was gepredigt wurde. Rekonstruiert werden soll eine (ideale) katholische Lebenswelt, die die Predigten entwerfen. Insgesamt wird dabei eine ausgefeilte, an der Antike orientierte Rhetorik im Laufe der Zeit eher durch moralisch-psychologisch ausgerichtete Schlichtheit ersetzt. Die Predigten unterschieden sich, je nachdem, ob eine ländliche oder eine städtische Gemeinde adressiert war. Wichtigste Themen waren Jesus Christus, dabei vor allem sein Leiden, aber auch die Eucharistie und Maria. Zur Beichte und Buße wurde aufgerufen und vor Wollust bzw. unkontrollierter Sexualität gewarnt; Ehe und Familie galten als heilig und auf das Ideal eines christlichen Todes wurde immer wieder rekurriert. Ansonsten forderte man vor allem zu Pflichterfüllung im Beruf und zu Untertanentreue auf. Reiche und Arme seien wechselseitig aufeinander angewiesen. Eine Augsburger Besonderheit, die Tradition der dortigen Kontroverspredigten, wird in einem gesonderten Kapitel behandelt.
Die Arbeit ist theoretisch reflektiert und kommt zu plausiblen Ergebnissen. Sie ist - was den Gegenstand angeht - auch ein Stück weit eine Pionierleistung. Methodisch kann man anfragen, ob hier nicht das Ergebnis, eine Art theologische Alltagsanthropologie, schon einmal a priori entworfen wird, für die dann sekundär aus den Predigten einzelne Exempel gewonnen werden. Es ist dabei klar, dass eine große Menge an Predigten kaum anders zu bewältigen ist - aber zusätzliche quantitative Analyseelemente hätten doch die Frage der Repräsentativität des einzelnen Beispiels ein Stück weit klären können. So hätte man beispielsweise nicht nur erfahren, dass Luther als Verfälscher des Guten beschimpft wird, sondern auch einschätzen können, wie häufig und bedeutsam dieses Motiv war etc. Wichtig ist die Reflexion auf die primären Überlieferungsproduzenten und -träger, die bayerischen Kapuziner. Sie werden als großer Predigerorden vorgestellt; die Behauptung, dass diese vor allem auf den Dörfern gewirkt und sich nicht von Stiftungen, sondern vom Betteln (Terminieren) ernährt hätten (vgl. 87 und 90), ist aber zumindest einseitig. Das ältere Standardwerk von Angelikus Eberl hätte hier weiteren Aufschluss geben können.
Zu den spannendsten Aspekten der Studie gehört sicher, die oft statisch entgegengesetzten Strömungen Barock, Jansenismus und Aufklärung gleichsam von unten, aus einem frömmigkeitsgeschichtlich breitenwirksamen Medium, neu so konzipieren und aufeinander beziehen zu können, dass Kontinuitäten sichtbar werden. Dabei war der Jansenismusbegriff ohnehin fluide, wandelte er sich doch nach Zeit und Ort; Bock bezieht sich diesbezüglich konzeptionell auf die Werke von Peter Hersche, der aber vor allem die späte Phase in den Habsburger Gebieten im Blick hat. Die Ergebnisse zu diesem hätten durch französischsprachige Titel, die dessen pastorale Strategien herausarbeiten, noch gewinnen können, insbesondere durch die bedeutende Studie über die Pastoralstrategien der jansenistischen Pfarrer in Paris [1]. Zum deutschsprachigen Jansenismus sollte man die Studie von Marcel Albert [2] ergänzen. Jansenismusbezogene Untersuchungsthemen hätten dann etwa auch noch Kontritionismus, rigorose Moral, gerade in Bezug auf Ehe und Sexualität, und das Einschärfen des seltenen, genau erwogenen Kommunionempfangs sein können: Themenfelder, die in den Predigten wohl durchaus berührt werden. Zur sog. "katholischen Aufklärung" hätten die älteren Studien von Eduard Winter helfen können, den inneren Zusammenhang der Theologie des 17. (die rationaler war, als meist angenommen) und des 18. Jahrhunderts (die eben bei aller Barockkritik auf diesen aufbaute) noch weiter zu konturieren.
Solche Anregungen und Ergänzungen sollen das Lob für die reflektierte und wichtige Studie aber nicht infrage stellen. Zu deren wichtigsten Resultaten gehört nicht nur, dass sich Epochengrenzen in der gelebten religiösen Praxis nur schwer ausmachen lassen, sondern ebenso, dass der Katholizismus im untersuchten Zeitraum durchaus eine gewisse interne Pluralität ertragen konnte. Sehr klug zeigt Bock, wie die Prediger Glaubenswissen in die Alltagspraxis der meist in ländlichen Gebieten lebenden Hörerinnen und Hörer übersetzen wollten und deshalb deren kulturelle Lebenswelten genau kennen mussten. Diese Codes und Strategien herausgearbeitet zu haben, ist die große Leistung dieser Pionierarbeit.
Anmerkungen:
[1] Marie-José Michel: Jansénisme et Paris, 1640-1730, Paris 2000.
[2] Marcel Albert: Nuntius Fabio Chigi und die Anfänge des Jansenismus 1639-1651. Ein römischer Diplomat in theologischen Auseinandersetzungen, Rom u. a. 1988.
Klaus Unterburger