Rezension über:

Florian Staffel: Zwischen Konkurrenz und Kooperation. Die "Japanische Herausforderung" und die deutsche Unterhaltungselektronikindustrie 1950-1987 (= Schriftenreihe zur Zeitschrift für Unternehmensgeschichte; Bd. 39), Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2025, VIII + 344 S., 36 Tbl., ISBN 978-3-11-169830-4, EUR 79,95
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Rezension von:
Matthias Höfer
Luxemburg
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Matthias Höfer: Rezension von: Florian Staffel: Zwischen Konkurrenz und Kooperation. Die "Japanische Herausforderung" und die deutsche Unterhaltungselektronikindustrie 1950-1987, Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8 [15.07.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/07/41001.html


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Florian Staffel: Zwischen Konkurrenz und Kooperation

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Zwischen den späten 1950er Jahren und Mitte der 1980er Jahre veränderte sich die Stellung westdeutscher Firmen auf dem Unterhaltungselektronikmarkt fundamental: Aus der Wachstumsbranche war ein Industriesektor in der Strukturkrise geworden. Ein zentraler Einflussfaktor für diese Entwicklung stellte der Wettbewerb mit japanischen Konkurrenten auf dem Binnenmarkt sowie auf den europäischen Exportmärkten dar, der sich ab Ende der 1960er Jahre intensivierte. Ausgehend von dieser Beobachtung geht Florian Staffel in seiner von der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte ausgezeichneten Dissertation der Frage nach, "wie die deutsche Unterhaltungselektronikindustrie auf die zeitgenössisch sogenannte 'Japanische Herausforderung' reagierte" (3).

Um diese Frage zu beantworten, bespricht Staffel zunächst die generelle Entwicklung der westdeutschen Unterhaltungselektronikindustrie in einem Überblickskapitel. In diesem skizziert er darüber hinaus den steigenden Einfluss japanischer Unternehmen auf den europäischen Markt, die Faktoren für ihren Erfolg und den Diskurs über die "Japanische Herausforderung". Diese Ausführungen bilden den Rahmen für zwei empirische Fallstudien zu den branchenprägenden Unternehmen Grundig und Telefunken, die im Zentrum der Arbeit stehen. Staffel leistet wertvolle Grundlagenarbeit für die Unternehmensgeschichten beider Firmen, wobei der Fokus auf ihrem Umgang mit der neuen Konkurrenz sowohl auf der "realökonomischen" als auch auf der "diskursiven" (4) Ebene liegt.

Diese Betrachtungsebenen prägen Staffels Ansatz über das Buch hinweg. Ihn interessiert der internationale Wettbewerb ebenso wie die zeitgenössischen Narrative zur "Japanischen Herausforderung". Dabei konzentriert er sich nicht nur auf die Unternehmen, sondern blickt auch auf die sie umgebenden Systeme und Akteure im Sinne einer industry history. So gelingt es ihm, die Vernetzungen großer Industrieunternehmen mit Gewerkschaften oder politischen Institutionen auf nationaler und europäischer Ebene sichtbar zu machen und über das Einzelunternehmen hinaus zu blicken.

Um diese Interessensgruppen und Verknüpfungen berücksichtigen zu können, rekurriert Staffel auf eine breite Quellengrundlage. Sie umfasst Akten des Bundesministeriums für Wirtschaft, der Europäischen Kommission, des Historischen Archivs der Europäischen Union und der IG Metall sowie Zeitschriften und Marktforschungsstudien. Für Telefunken konnte Staffel auf die Firmenbestände im Deutschen Technikmuseum Berlin zurückgreifen. Für Grundig war es hingegen notwendig, Bestände des Rundfunkmuseums Fürth, aus dem Konzernarchiv der Firma Philips und aus dem Nachlass des Aufsichtsratsmitglieds und bayerischen Wirtschafts- und Finanzministers Otto Schedl zu kombinieren.

Auf Basis dieser Quellen verfolgt Staffel zwei Forschungsziele. Zum einen möchte er Unternehmensgeschichten zu Grundig und Telefunken vorlegen und einen Beitrag zur Geschichte der Branche im Strukturwandel der 1970er und 1980er Jahre leisten. Zum anderen versteht sich Staffels Arbeit als Beitrag zur Globalisierungsgeschichte der Bundesrepublik. Erklärtes Ziel ist es, die "vernachlässigte internationale Dimension des Strukturwandels" (29) sowie die Krisenwahrnehmungen und -reaktionen einer Branche sowie bestimmter Unternehmen näher zu beleuchten.

Die Studie ist eng mit Carina Glieses kurz zuvor erschienener Arbeit über den Umgang der westdeutschen Unterhaltungselektronikindustrie mit dem Strukturwandel verwandt. Wie Staffel behandelt auch Gliese den Wettbewerb mit Japan als zentrales Thema, wobei sie ebenfalls eine Fallstudie zu Telefunken vorlegt. Die parallel verfassten Arbeiten greifen daher teils auf dieselben Quellenbestände zurück und kommen in Teilbereichen auch zu ähnlichen Ergebnissen. Aufgrund unterschiedlicher Schwerpunkte lesen sich die Studien dennoch komplementär: So arbeitet Gliese auch mit japanischsprachigen Quellen und ist vor allem innovationshistorisch orientiert, während Staffel die Diskursebene stärker berücksichtigt und mit der Grundig-Fallstudie die deutsche Perspektive erweitert.

Das Schließen der Forschungslücke zu Grundig als ein prägendes Unternehmen der Nachkriegsjahrzehnte ist positiv hervorzuheben. Zu bemängeln ist jedoch angesichts des Anspruchs, eine Geschichte des Unternehmens zu schreiben, dass die Entwicklung von den späten 1980er Jahren bis zur Insolvenz 2003 mit einem einzigen Satz abgehandelt wird. Die Entwirrung internationaler Verflechtungen gelingt Staffel dafür durchweg überzeugend. Unter Berücksichtigung zahlreicher Akteure und Institutionen bespricht er erfolgreiche sowie gescheiterte und verworfene Verhandlungen und Projekte.

Hierbei kristallisieren sich - wie bereits im Buchtitel anklingt - Konkurrenz und Kooperation als Handlungsmodi der westdeutschen Firmen heraus. Staffel zeigt, dass sowohl Grundig als auch Telefunken die "Japanische Herausforderung" früh antizipierten, auf sie aber mit unterschiedlichen Strategien reagierten. Grundig setzte auf Konfrontation, verfolgte europäische Kooperationsprojekte und sprach sich für protektionistische Maßnahmen aus. Im Fall Telefunken tritt demgegenüber die Kooperation mit japanischen Unternehmen stärker in den Vordergrund, wobei sich im Untersuchungszeitraum die Richtung des Technologietransfers umkehrte: Der frühere Innovator und Patentgeber Telefunken lernte später von seinen japanischen Partnern.

Ungeachtet ihrer unterschiedlichen Ansätze gelang es jedoch keiner der beiden Firmen eigenständig zu bleiben: Während Telefunken vom französischen Staatskonzern Thomson übernommen und letztendlich nur als Marke weitergeführt wurde, kam Grundig unter das Dach des niederländischen Philips-Konzerns. Staffel sieht darin eine "Europäisierung als Reaktion und Folge der 'Japanischen Herausforderung'" (311).

Zum zeitgenössischen Diskurs um die Herausforderung arbeitet Staffel heraus, dass dieser von zwei Leittopoi geprägt war: der "Notwendigkeit zum Lernen von Japan" und der "Japan AG als unfairer Wettbewerber" (304). Diese zentralen Themen prägten den Diskurs über die zwei Phasen hinweg, in denen er am intensivsten geführt wurde: um 1970, als die Herausforderung absehbar, aber noch nicht akut war, sowie um 1980, als die zuvor antizipierten Wettbewerbsverhältnisse Realität geworden waren.

Während das Buch inhaltlich viel bietet, leiden roter Faden und Argumentationsklarheit etwas unter seiner Fülle an Details und Akteuren. Die Unterscheidung zwischen wichtigen und kontextgebenden Informationen ist nicht immer klar. Eine größere Zahl strukturierender Unterüberschriften und orientierender Ausführungen hätte hier geholfen. Auch werden stellenweise Fakten und Fremdaussagen eher aneinandergereiht als analytisch verknüpft, wodurch die Stimme des Autors manchmal zu stark in den Hintergrund rückt.

Insgesamt leistet Staffel dennoch einen wichtigen Beitrag zur westdeutschen Wirtschafts-, Unternehmens- und Globalisierungsgeschichte. Die größte Stärke seines Buches liegt in der detaillierten Rekonstruktion der antizipativen sowie reaktiven Auseinandersetzung mit den neuen Verhältnissen in Diskurs und unternehmerischer Praxis durch Grundig und Telefunken, die in ihre politischen und gesellschaftlichen Kontexte auf nationaler und internationaler Ebene eingebettet werden.

Matthias Höfer