Günter Vogler: "Als der Bauer aufstand im Land". Bäuerlicher Widerstand als Kampf für Rechte und Freiheiten vom 9. bis zum 18. Jahrhundert (= Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte; Bd. 108), Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2025, 320 S., Diverse Farbabb., ISBN 978-3-579-01173-8, EUR 79,00
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Karl Härter: Strafrechts- und Kriminalitätsgeschichte der Frühen Neuzeit, Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2018
Magnus Eriksson / Barbara Krug-Richter (Hgg.): Streitkulturen. Gewalt, Konflikt und Kommunikation in der ländlichen Gesellschaft (16. - 19. Jahrhundert), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2003
Stephen Cummins / Laura Kounine (eds.): Cultures of Conflict Resolution in Early Modern Europe, Aldershot: Ashgate 2016
Das vorliegende Buch ist das literarische Vermächtnis eines langen und produktiven Forscherlebens, so Irene Dingel und Markus Friedrich in ihrem Geleitwort. Kurz vor Erscheinen dieses seines letzten Buches verstarb Günter Vogler im Alter von 91 Jahren im Januar des Jahres, in dem sich der Bauernkrieg zum fünfhundertsten Mal jährte. Der Aufstand von 1525 bildete den wichtigsten Fixpunkt in seinem weitgespannten Œuvre. [1] Im Gedenkjahr 1975 stand Vogler in der ersten Reihe der DDR-Historiographie und vertrat prononciert das Konzept der "Frühbürgerlichen Revolution". Zugleich aber suchte er den wissenschaftlichen Austausch mit Kollegen aus der Bundesrepublik und den USA. Nach der Wende wurde Voglers HU-Professur trotz positiver Evaluation vorzeitig abgewickelt. Gleichwohl blieb er ebenso aktiv wie produktiv. Seinen weiten Horizont bezeugt z.B. der von ihm verfasste Band zum "Handbuch der Geschichte Europas" über den Beginn der Frühen Neuzeit. [2] Aber auch seinem Leib- und Magen-Thema blieb er treu, vor allem als Gründungsvorsitzender der "Thomas-Müntzer-Gesellschaft" ab 2001. Unter den zahlreichen Veröffentlichungen der letzten Jahrzehnte ragt die zusammen mit dem Theologen Siegfried Bräuer verfasste Biographie Müntzers hervor, wohl für sehr lange Zeit das Standardwerk zum Thema. [3]
In der Darstellung bäuerlicher Unruhen in Europa vom Frühmittelalter bis zum Ende des Ancien Régime verbindet sich nun die Kompetenz des Bauernkriegs-Spezialisten mit dem weiten Horizont des Handbuchautors. Das Buch füllt durchaus eine Lücke, denn wirklich komparative Analysen zum Thema sind im deutschen Sprachraum dünn gesät. [4] Seine Gliederung ist eingängig und plausibel. Das erste Kapitel ruft knapp die Grundstrukturen und Konfliktlinien der vormodernen ländlichen Gesellschaft ins Gedächtnis. Die vier folgenden Kapitel präsentieren dann das Aufstandsgeschehen in verschiedenen Phasen, angefangen von der Zeit des 9. bis zum 15. Jahrhundert (II) über die Bauernkriegszeit (III) und den darauffolgenden Zeitabschnitt inklusive des Dreißigjährigen Krieges (IV) bis hin zur letzten Etappe des Ancien Régime (V). Schwerpunkt der Betrachtung bilden immer die Gebiete des Alten Reiches, ergänzt jeweils durch einen Abschnitt zu Unruhen "im europäischen Umfeld". Am Ende steht ein systematisches Kapitel über "Revolten, Aufstände und Bauernkriege im Vergleich". Auf diese Art entfaltet Vogler vor den Augen der Leser ein großes Panorama, das vom Stellinga-Aufstand in Sachsen 841/2 und dem Stedingerkreuzzug ab 1229 bis zum sächsischen Bauernkrieg von 1790 reicht bzw. von der französischen "Jacquerie" von 1358 bis zum russischen Kosaken-Aufstand ab 1772. Die dichte Reihe von knappen Porträts der jeweiligen Unruhen und Aufstände macht das Buch zu einem wertvollen Nachschlagewerk, das über ein detailliertes Register auch gut erschlossen ist.
Zugleich lädt es natürlich ein, nach zeitlichen Entwicklungen und typischen Gemeinsamkeiten oder Unterschieden zu fragen. Deutlich erkennbar ist eine zeitliche Verdichtung der Unruhen im Spätmittelalter, sodass der Bauernkrieg von 1525, in vielerlei Hinsicht ein Angelpunkt der Darstellung, fast als logische Folge erscheint. Die zahlreichen Beispiele für Unruhen und Revolten nach 1525 belegen überdies, dass die Niederschlagung des Bauernkriegs keineswegs ein Ende von Untertanenprotesten und erst recht keine jahrhundertelange "Friedhofsruhe" bedeutete. [5] Vielmehr kam es nun auch im Osten des Reiches aufgrund der veränderten Agrarverfassung (Stichwort "zweite Leibeigenschaft") verstärkt zu Revolten. Als eine der signifikanten Veränderungen im Laufe der Frühen Neuzeit diagnostiziert Vogler eine Zunahme von Widersetzlichkeit jenseits größerer Tumulte in Form von Fronstreiks, Flucht oder gerichtlichen Auseinandersetzungen mit den feudalen Machthabern. Ihre Einordnung als "niedere Formen" bäuerlichen Widerstands schmeckt noch ein wenig nach der (ab-)wertenden Formel von den "niederen Formen des Klassenkampfes" in der marxistischen Geschichtswissenschaft. Neben den alltäglichen Widersetzlichkeiten herrschte aber auch im 17. und 18. Jahrhundert an größeren gewaltsamen Aufständen kein Mangel, wie die Vorgänge in Oberösterreich 1625/6, im Schweizerischen Bauernkrieg von 1653 und im bayrischen Aufstand von 1705/6 gegen die österreichische "Fremdherrschaft" belegen.
Voglers Buch basiert auf einer imponierenden Fülle an internationaler Fachliteratur, bietet aber zugleich in seinen erzählenden Teilen einen gut lesbaren und auch für Nichtspezialisten zugänglichen Überblick. Seine bibliophile Gestaltung und die zahlreichen hochwertigen Abbildungen erhöhen zusätzlich die Attraktivität. Angesichts der großen Spannweite der Darstellung ist es wohl unvermeidlich, dass einzelne Akzentsetzungen zumindest diskutabel erscheinen. So wird z.B. die genuin antijüdische Stoßrichtung des Armlederaufstandes von 1336 zwar benannt, als "entscheidend" aber die Absicht herausgestellt, "sich gegen Verschuldung zu wehren" (32). Gelegentlich lässt der Autor selbst durchblicken, dass nicht alle betrachteten Phänomene mit gleichem Recht als "bäuerliche Erhebung" eingeordnet werden können. Häufig reichten bei einer Unruhe die Trägergruppen über den Kreis der Bauern im eigentlichen Sinne hinaus; und verschiedentlich wurzelten die Motive und Ziele der Aufständischen nicht primär in der feudalen Belastung durch Grund- oder Landesherren.
Auch und gerade in den eher systematischen Teilen des Buches dominiert ein wohltuend nüchterner und abwägender Ton. Häufig kommen Stimmen aus der jüngeren Forschung in langen Originalzitaten zu Wort, während der eigene Standpunkt eher zurückhaltend formuliert wird. Instruktiv ist der Versuch, im letzten Kapitel die Vielfalt der Begriffe (von "Unruhen und Tumulten" über "Revolten und Rebellionen" bis zu "Aufständen und Bauernkriegen") auf eine Intensitätsskala zu ordnen und in Beziehung zueinander zu setzen. Vogler verteidigt den Terminus "Bauernkrieg" - wie ich finde zu Recht - als Etikett für den Aufstand von 1525 gegen neuere Kritik (129f.); weniger überzeugend erscheint mir sein Versuch, ihn zugleich als analytischen Begriff zu generalisieren. Verwunderlich ist auch, dass im breiten Spektrum einschlägiger Begriffe der prominenteste Terminus, nämlich "Revolution", fast vollkommen abwesend ist, obwohl Vogler ihn andernorts intensiv diskutiert. [6] Die abschließende Systematisierung beschränkt sich nicht auf Begriffsexegese, sondern versucht auch, idealtypische Ablaufmuster zu identifizieren und die wichtigsten Ursachen für Unruhen herauszupräparieren. Genannt werden vor allem "die Einführung oder Verschärfung der Leibeigenschaft, die Steigerung der Frondienste, die Einschränkung der Allmendnutzung, de[r] Gesindezwangsdienst und die Erhöhung finanzieller Leistungen" (255). Als relevante gesellschaftliche Veränderungsprozesse in der Frühneuzeit benennt er vor allem die stärkere Einbindung der Bauern in das Marktgeschehen und ihre höhere finanzielle Belastung durch die entstehenden Staaten.
Die meisten Protest- und Aufstandsbewegungen sind, misst man sie an den eigenen Ansprüchen, gescheitert. Regelmäßig fielen ihre Protagonisten blutigen obrigkeitlichen Strafmaßnahmen zum Opfer. Trotzdem, so Vogler, seien sie nicht vergebens gewesen, denn die Erhebungen hätten die Intensität von Ausbeutung und Herrschaft zu begrenzen vermocht und durchaus einen Warneffekt für die Herrschenden gehabt, es nicht zu weit zu treiben (269). Ausdrücklich bezieht der Verfasser in dieses Urteil auch den Aufstand von 1525 mit ein. Dem Bauernkrieg gelten auch die letzten Seiten des Buches. Einerseits sei er kein singuläres Ereignis gewesen, so Vogler, sondern reihe sich in ein gesamteuropäisches Aufstandsgeschehen ein, das vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert reiche. Was ihn aber von anderen Unruhen abhebe, sei "der zeitliche Zusammenfall mit den reformatorischen Bewegungen" (270).
Ohne Reformation kein Bauernkrieg: Mit diesem Urteil befindet sich Vogler in Übereinstimmung mit dem Großteil der aktuellen Forschung. Aber auch bei anderen sozialen Bewegungen sind religiöse Faktoren als zentrale Wirkfaktoren zu beobachten, bei den Hussiten oder der Niklashäuser Wallfahrt von 1476 im Mittelalter ebenso wie in der frühen Neuzeit, wo viele Unruhen nicht nur in der Alpenregion einen starken konfessionspolitischen Aspekt besitzen. Zu diesem Punkt hätte man sich, gerade angesichts des Veröffentlichungsortes, ausführlichere vergleichende Analysen gewünscht. Aber angesichts der gewaltigen Spannweite der Darstellung sind solche Wünsche allzu wohlfeil. Insgesamt ist die Studie von Vogler ohnehin nicht als autoritatives Schlusswort ausgelegt, sondern als eine reflektierte Zwischenbilanz, von der aus neue und vertiefende Forschungen ihren Ausgang nehmen können und sicherlich auch werden.
Anmerkungen:
[1] Instruktiv dazu aus eigener Sicht Günter Vogler: Die frühe Neuzeit im Meinungsstreit zwischen Ost und West, in: Generation im Aufbruch. Die Geschichtswissenschaft in Deutschland im Spiegel autobiographischer Porträts, hg. von Christof Dipper / Heinz Duchhardt, Köln 2024, 53-66; vgl. auch Marion Dammaschke / Thomas T. Müller (Hgg.): Thomas Müntzer im Blick. Günter Vogler zum 90. Geburtstag, Mühlhausen 2023.
[2] Günter Vogler: Europas Aufbruch in die Neuzeit 1500-1650, Stuttgart 2003.
[3] Siegfried Bräuer / Günter Vogler: Thomas Müntzer. Neu Ordnung machen in der Welt: eine Biographie, Gütersloh 2016.
[4] Vgl. für Deutschland aber Peter Blickle: Unruhen in der ständischen Gesellschaft 1300 - 1800, 2. erw. Aufl. München 2010; jüngst Ulrich Niggemann: Revolte und Revolution in der Frühen Neuzeit, Göttingen 2023.
[5] Diese These vertritt Peter Seibert: Die Niederschlagung des Bauernkriegs 1525. Beginn einer deutschen Gewaltgeschichte, Bonn 2025, hier 238.
[6] Günter Vogler: Revolte oder Revolution? Anmerkungen und Fragen zum Revolutionsproblem in der frühen Neuzeit, in: Wege der Neuzeit: Festschrift für Heinz Schilling zum 65. Geburtstag, hg. von Stefan Ehrenpreis u.a., Berlin 2007, 381-413.
Gerd Schwerhoff