Francesco Casini: Tractatus de balneis Senensibus, Pisanis, Lucanis, Viterbiensibus, Romanis et Neapolitanis. Edizione critica, traduzione e commento a cura di Teofilo de Angelis (= Edizione Nazionale dei Testi Mediolatini d'Italia; Vol. 73), Firenze: SISMEL. Edizioni del Galluzzo 2025, 170 S., zahlreiche s/w-Abb., ISBN 978-88-9290-429-3, EUR 48,00
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Die Balneotherapie, also die Anwendung von Wasserbädern (heute unter Balneologie bekannt, da die balneologische Therapieform mittlerweile mit Bewegungsübungen verbunden ist), geht auf die Antike zurück und war auch im Mittelalter äußerst populär. Seit dem 12. Jahrhundert erfuhr sie einen erneuten Aufschwung, wir finden Nachrichten dazu bei Gottfried von Viterbo, ein Gedicht über die Bäder von Pozzuoli von Petrus de Ebulo und auch der gichtgeplagte Pius II. erzählt in seinen Commentarii von seinem vergnüglichen Aufenthalt in den Bädern bei Lucca.
In diese Reihe in der Mediävistik relativ bekannter Autoren tritt nun die von Teofilo de Angelis vorgelegte Edition des Tractatus de balneis Senensibus, Pisanis, Lucanis, Viterbiensibus, Romanis et Neapolitanis des Gelehrten Franzikus Casini ein. Die Edition erschien als 73. Band (= Serie II, Nr. 35) der Edizione nazionale dei testi mediolatini d'Italia. Der von de Angelis edierte Text ist in der Handschrift Bibliothèque nationale de France, ms. lat. 6979 fol. 1r-19r erhalten, wobei der Großteil dieses Manuskripts ein nicht in der Edition enthaltenes Werk Casinis über Vergiftungen beinhaltet, welches im Traktat selbst aber Erwähnung findet.
Von den 170 Seiten der Edition sind 90 der Einführung in das Werk und Leben des Protagonisten gewidmet, wobei eine ausführliche Kartographierung der nahezu sechzig erwähnten Bäder den Umfang der Einführung erklärt. Der mittelalterliche Autor kann als auf mehreren Ebenen ambitioniert gelten. Franziskus Casini (1343-1415), der in Siena geboren wurde, war Hofarzt und Gelehrter, nicht zuletzt auch an der Kurie in Avignon beheimatet, wo er dem Kardinal und Patriarchen von Jerusalem, Philipp II. von Alençon, diente. Auf Veranlassung des Kardinals verfasste Casini den bereits erwähnten Traktat über die Vergiftungen. Der Purpurträger, der dem Papst wohlgesonnen und dem französischen König Karl V. hingegen feindlich gesinnt war, soll Casini aus Furcht vor dem königlichen Zorn und Vergiftungen um diese sehr spezielle Abhandlung gebeten haben, wobei es wohl nicht zur Dedikation kam. Unter Urban V. (1362-1370) soll Casini auf dessen Geheiß als erst vierundzwanzigjähriger Arzt die Bäder von Viterbo persönlich auf deren heilende Qualitäten überprüft haben, als der Papst im Jahr 1367 den Versuch unternahm, die Kurie nach Italien zurückzuführen. Casinis Werke sind nahezu alle medizinisch geprägt; eine Ausnahme bildet lediglich ein verlorener Kommentar zur Nikomachischen Ethik des Aristoteles.
Der Traktat über die Bäder, der auf die Jahre 1397-1398 datiert wurde, beschreibt annähernd sechzig verschiedene Thermalbäder, oft auf der Basis eigener Anschauungen und wurde dem Herzog von Mailand, Gian Galeazzo Visconti (1351-1402) gewidmet. An ihn richtet Casini sich; ihm präsentiert er die gerade unterworfenen Gebiete und ihre natürlichen Schönheiten und bittet den Herzog einzugreifen, um diejenigen Orte wieder zu neuem Glanz zu führen, welche durch die Nachlässigkeit früherer Regenten verfallen seien.
Die lateinisch-italienische Synopse ist einwandfrei übersetzt, wobei dem Latein des Traktats selbst nicht unterstellt werden kann, besonders elaboriert zu sein, was vor allem Ungeübte freuen dürfte, denn der Text liest sich flüssig. De Angelis sieht in der Tatsache, dass Casini lediglich Bäder aus Siena, Lucca, Viterbo, Rom und Neapel beschreibt, ein Politikum. Dem Herzog sollte das Potenzial seines Territoriums vor Augen geführt werden.
Der Traktat beginnt mit einer Art Einleitung, die sich in vier Teile gliedern lässt. Zunächst findet sich die eigentliche Widmung an den Visconti, der zweite Teil erinnert an die Zeit, als der sienesische Arzt im Dienst des Herzogs stand, im dritten Teil finden sich programmatische Vorabinformationen zum Inhalt des Traktats und schließlich kündigt Casini auch die Weitergabe des Buches über die Vergiftungen an, wie sie im Manuskript nach fol. 19r überliefert ist. Casini erweist sich als gut informiert auch über die Personalien am herzoglichen Hof. So preist er die heilenden Eigenschaften eines Bades und empfiehlt dessen Nutzung Viscontis Gattin, Caterina Visconti, rät jedoch dem treuesten Berater des Herzogs, Francesco Barbavara, vom Bad dort ab. Aus medizinhistorischer Sicht ist das tatsächlich interessant und anschlussfähig, da das Bad als sehr kalt beschrieben wird und Casini der Herzogin damit implizit unterstellt, kein gemäßigtes weibliches Temperament zu haben, während der Berater gemäß der Temperamentenlehre als zu alt/kalt kritisiert gelten kann. Aus ärztlicher Sicht des Mittelalters waren das eher keine medizinischen Lobgesänge der Diätetik an hochstehende Personen.
Sind auch die Angaben über die Bäder insgesamt kurz gehalten, erfahren wir, ob das jeweilige Bad kalt oder warm ist, ob eine Trennung nach Geschlechtern vorgenommen wird, welche Qualitäten des Wassers sonst zu erwarten sind, welche Krankheiten kuriert werden können und welche Burg sich in der Nähe befindet.
Die Freude über die Edition wäre perfekt, wenn die Ebenen des Anmerkungsapparates nicht in einer Ebene plus Endnoten ausgeführt worden wären, sondern sich gesamtheitlich unterhalb des Textes befänden. Das Hin- und Herblättern beim Arbeiten schmälert die Benutzungsfreudigkeit erheblich.
Für die medizinhistorische Forschung kann sich die Edition als fruchtbar für das Thema therapeutische/heilende Landschaften erweisen, und wie bereits erwähnt, ist der Traktat auch für die Temperamentenlehre und Viersäftelehre in Bezug auf konkret genannte Krankheiten eine vielversprechende Quelle.
Monja Schünemann