Sabrina Fröhlich: 'The Hidden Jewel in Britain's Military Crown'. Die britische Schießpulvermühle Waltham Abbey und ihre Handwerker 1787 bis 1816 (= Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte; Beiheft 263), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2025, 304 S., 24 Farb, 3 s/w-Abb., ISBN 978-3-515-13983-0, EUR 62,00
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Marian Füssel / Philip Knäble / Nina Elsemann (Hgg.): Wissen und Wirtschaft. Expertenkulturen und Märkte vom 13. bis 18. Jahrhundert, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2017
Wolfhard Weber: Briefe und Berichte eines Industriespions. Friedrich August Alexander Eversmann in England, Essen: Klartext 2019
Gianluca Montinaro: Riscrivere la storia. Francesco Maria II della Rovere, Giovanni Battista Leoni e le biografie dei duchi d'Urbino (1605), Florenz: Leo S. Olschki 2023
Die 2022 an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg als Dissertation angenommene Studie widmet sich der staatlichen Schießpulverproduktion in Waltham Abbey nach der Übernahme der vormals privaten Mühle durch das britische Office of Ordnance im Jahr 1787. Ausgangspunkt der Untersuchung ist ein außergewöhnlich dichter Quellenbestand, insbesondere eine umfangreiche Korrespondenz, die detaillierte Einblicke in Organisation, Produktion und Arbeitsalltag der Manufaktur ermöglicht. Auf dieser Grundlage verfolgt die Autorin einen mikrohistorisch inspirierten Zugang, der programmatisch "back to the original document" (27) führen und die Analyse möglichst eng an der Überlieferung ausrichten soll. Ziel der Studie ist es, die Kommunikations- und Wissenspraktiken der beteiligten Amtsträger und Handwerker sichtbar zu machen und damit jene operative Ebene staatlicher Produktionsorganisation zu erschließen, auf der praktisches Wissen, administrative Steuerung und betriebliche Entscheidungsprozesse ineinandergreifen.
Methodisch verortet sich die Arbeit an der Schnittstelle von Mikrogeschichte, Handwerksgeschichte und Wissensgeschichte. Die Autorin betont ausdrücklich, die Perspektive der Handwerker in den Mittelpunkt stellen zu wollen und verzichtet daher bewusst auf eine Einbeziehung übergeordneter wissenschaftlicher Institutionen wie des Royal Laboratory oder der Royal Society. Stattdessen will sie sich auf die Kommunikationsprozesse innerhalb der Manufaktur konzentrieren: Gespräche zwischen Handwerkern, die Weitergabe von Erfahrungswissen, Konflikte im Arbeitsalltag sowie Interaktionen zwischen Arbeitern, Aufsehern und Verwaltungsinstanzen. Zur begrifflichen Rahmung greift sie dabei wiederholt auf kommunikationstheoretische Überlegungen zurück, insbesondere aus der Systemtheorie Niklas Luhmanns.
Nach einführenden Überlegungen zum methodischen Zugriff rekonstruiert die Autorin zunächst die Arbeits- und Lebenswelt der Beschäftigten. Dabei werden unter anderem Konflikte innerhalb der Belegschaft, Disziplinierungsmaßnahmen oder der Umgang mit Alkoholkonsum anhand einzelner Fallbeispiele nachgezeichnet. Ein weiteres Kapitel widmet sich der Organisation der Produktion und beschreibt detailliert Arbeitszeiten, Lohnstrukturen sowie Qualifikationsunterschiede innerhalb der Manufaktur. Eine für Handwerk und Produktion in epistemischer Hinsicht besonders wichtige Ebene beleuchten Passagen zu den materiellen Grundlagen der Pulverherstellung, etwa zur Beschaffung und Bewertung von Holzkohle, oder zu den Versuchen der Verwaltung, Produktionsprozesse durch Regeln zu standardisieren. Weitere Kapitel behandeln Kommunikationsstrukturen innerhalb der Manufaktur, die Rolle des Storekeepers als zentralem Informationsknotenpunkt sowie Fragen der Ausbildung und Wissensweitergabe unter den Handwerkern.
Insgesamt verfolgt die Studie ein ambitioniertes Ziel: Sie möchte die Produktion von Schießpulver nicht nur als technischen Prozess, sondern als komplexes Geflecht sozialer Kommunikation, praktischer Wissensbestände und administrativer Steuerung sichtbar machen. In dieser Perspektive liegt zweifellos das Potenzial des Ansatzes. Und das zugrunde liegende Quellenmaterial erlaubt diesen seltenen Einblick in die inneren Funktionsweisen einer staatlichen Manufaktur und in die vielfältigen Interaktionen zwischen Handwerkern, Aufsehern und Verwaltungsinstanzen auch prinzipiell.
Dennoch kann das Buch die geweckten Erwartungen nur mit Einschränkungen erfüllen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich die außergewöhnlich dichte Überlieferung im Verlauf der Darstellung zu einem methodischen Problem entwickelt: Die zahlreichen Episoden und Fallbeispiele werden ausführlich referiert, aber nicht immer systematisch auf die übergeordneten Fragestellungen zurückgeführt. Mehrfach wird die Auswahl einzelner Fälle im Wesentlichen damit begründet, dass die Quellenlage hier besonders gut sei. Das ist aus quellenpraktischer Sicht nachvollziehbar, trägt aber nicht in allen Fällen, insbesondere wenn der Anspruch darin besteht, im Sinne einer Mikrogeschichte vom Kleinen auf das große Ganze zu schließen - hier also verallgemeinerbare Aussagen über Produktionsorganisation oder Wissenspraktiken zu gewinnen. So erfährt der Leser zwar, welche Brüche es im Arbeitsalltag geben konnte; inwiefern diese tatsächlich Wirkung über den Einzelfall hinaus entfalteten, wird jedoch nicht immer deutlich.
Hinzu kommt, dass der theoretische Zugriff erstaunlich schwach konturiert bleibt. Die herangezogenen kommunikationstheoretischen Modelle strukturieren die Darstellung zwar begrifflich, erweisen sich jedoch für das eigentliche Erkenntnisinteresse - die Analyse handwerklicher Wissenspraktiken und betrieblicher Entscheidungsprozesse - nur bedingt als geeignet. Das liegt auch daran, dass die entsprechenden Konzepte allenfalls einen interpretativen Rahmen abstecken, der anhand der Quellen dann aber nicht weiter operationalisiert wird. Dadurch entsteht wiederholt der Eindruck, dass das außergewöhnliche Quellenmaterial zwar gründlich ausgewertet und solide präsentiert, aber analytisch nicht ausgeschöpft wird.
Besonders die wissensgeschichtliche Einordnung der Studie wirft Fragen auf. Die Autorin versteht ihre Untersuchung ausdrücklich als Beitrag zu einer Wissensgeschichte des Handwerks und argumentiert gegen eine Vernachlässigung und Geringschätzung handwerklicher Wissensformen in der Forschung. Das ist ohne Frage ein wichtiges Ziel: Nur schreibt sie damit gegen eine Wand an, die von der Wissens- und Technikgeschichte längst eingerissen, ja geradezu dekonstruiert ist. Denn die epistemischen Dimensionen handwerklicher Praxis sind in den letzten Jahrzehnten vor allem von der französischen und englischsprachigen Forschung intensiv beleuchtet worden. Hier haben insbesondere die Studien von Pamela Long, Paola Bertucci oder Liliane Hilaire-Pérez vielfältige Ansätze geliefert, um die enge Verflechtung handwerklicher Tätigkeit, materieller Kultur und Wissensproduktion zu beleuchten. Insbesondere die der histoire des savoirs techniques zugerechnete Forschung hat technische Praxis als eigenständige Form kultureller Wissensproduktion analysiert und hätte ein methodisches Instrumentarium bereitgestellt, mit dem zentrale Thesen der Autorin sowohl theoretisch also auch empirisch gesättigt hätten unterfüttert werden können. Diese wichtigen Arbeiten bleiben in der Studie jedoch unberücksichtigt.
Auch der verwendete Wissensbegriff wirkt überraschend reduziert. Fröhlich verortet Wissen zwischen den Polen von Information und Erfahrung, ohne die vielfältigen Zwischenformen praktischen Wissens stärker zu differenzieren. Dass sich zwischen abstrakter Information und implizitem Erfahrungswissen zahlreiche Abstufungen finden - etwa Routinen, experimentelle Praktiken oder situative Problemlösungsstrategien -, die für das Verständnis handwerklicher Produktionsprozesse zentral sind, wird nicht thematisiert. Davon abgesehen hätte der Band von einem gründlichen Lektorat profitiert.
Ungeachtet dieser Einwände bietet die Studie wertvolle Einblicke in die Organisations- und Kommunikationsstrukturen einer staatlichen Manufaktur des späten 18. Jahrhunderts. Denn anhand der untersuchten Fallbeispiele wird sehr deutlich, wie komplex die Steuerung eines solchen Betriebs war und wie viele Akteure mit unterschiedlichen Interessen, Erwartungen und Handlungsspielräumen in die Organisation der Produktion und den eigentlichen Herstellungsprozess eingebunden waren. Das Buch eröffnet in dieser Hinsicht einen seltenen Blick hinter die Kulissen einer frühindustriellen Staatsmanufaktur. Sein Mehrwert liegt weniger darin, eine neue Wissensgeschichte des Handwerks zu etablieren - entsprechende Ansätze existieren bereits seit längerem. Er erlaubt aber den Zugriff auf ein außergewöhnliches Quellenmaterial und lenkt damit den empirisch fundierten Blick auf die komplexen Aushandlungsprozesse innerhalb einer staatlichen Produktionsorganisation. In dieser Hinsicht kann die vorliegende Studie als Anstoß dienen, die in der Technik- und Wissensgeschichte entwickelten Ansätze künftig konsequenter auch auf die Produktionswelten des 18. Jahrhunderts anzuwenden.
Sebastian Becker