Manfred Grieger / Rainer Karlsch: Treibstoff für den Weltkrieg. Die Deutsche Erdöl AG, 1933-1945, Frankfurt am Main: Societäts-Verlag 2024, 445 S., ISBN 978-3-95542-511-1, EUR 20,00
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Im Zuge der seit den 1990er Jahren stark angewachsenen Forschung zu Unternehmen im Nationalsozialismus, die insbesondere Fragen nach wirtschaftlicher Verstrickung und unternehmerischer Verantwortung in den Mittelpunkt gerückt hat, ist eine Vielzahl detaillierter Fallstudien entstanden, zu denen auch die Unternehmensgeschichte über die Deutsche Erdöl AG (DEA) von Rainer Karlsch und Manfred Grieger zählt. Die 2019 im Rahmen einer Fusion in der Wintershall Dea GmbH aufgegangene DEA war 1911 als Zusammenschluss mehrerer im Mineralölgeschäft tätiger Unternehmen entstanden und expandierte in den 1920er Jahren durch Übernahmen in den Bereich des Steinkohle- und Braunkohlebergbaus. Mit den Ruhrzechen Graf Bismarck (Gelsenkirchen) und Königsgrube (Herne) entwickelte sich der Konzern zu einem großen Steinkohleproduzenten, da ein Wachstum im Mineralölbereich aufgrund der wenigen deutschen Erdölvorkommen nur begrenzt möglich war. Als diversifizierter Rohstoffkonzern profitierte die DEA ab 1933 vom wirtschaftlichen Aufschwung, der durch die nationalsozialistische Autarkie- und Rüstungspolitik massiv angetrieben wurde. Als Lieferant von Kohle und Mineralöl war die DEA von großer kriegswirtschaftlicher Bedeutung und institutionell wie auch personell eng mit dem NS-Regime verflochten.
Die Gliederung folgt dem typischen Konzept einer Studie zur Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte im Nationalsozialismus. So betrachten Karlsch und Grieger zunächst die personellen Veränderungen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten (Kapitel 2), den Versuch von NS-Funktionären, Einfluss auf einzelne Betriebe der DEA zu nehmen (Kapitel 3), die Einbindung des Konzerns in die Autarkiewirtschaft (Kapitel 4 und 5), die Beteiligung an 'Arisierungen' (Kapitel 6), die Expansionsbestrebungen in den besetzten Gebieten sowie die Auswirkungen des Kriegs (Kapitel 7 bis 9), den Einsatz von Zwangsarbeitern (Kapitel 10) sowie den Wiederaufbau des Konzerns in der unmittelbaren Nachkriegszeit (Kapitel 11).
Mit Blick auf die personellen Veränderungen zeigt sich auch im Fall der DEA, dass die jüdischen Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder schrittweise aus dem Unternehmen gedrängt wurden, wenngleich die Ereignisse hier nahelegen, dass dies eher auf staatlichen Druck hin geschah als in vorauseilendem Gehorsam. Ein markantes Beispiel ist der Fall des Vorstandsmitglieds Fritz Haußmann, dessen Vertrag trotz seiner jüdischen Herkunft noch 1936 vom Aufsichtsrat verlängert wurde. 1938 schien der Druck von Seiten des Staates aber zu stark geworden zu sein, sodass der neue Aufsichtsratsvorsitzende Karl Kimmich Haußmanns Pensionierung veranlasste. Haußmann emigrierte daraufhin in die Schweiz und musste in den Folgejahren um die Zahlungen kämpfen, zu denen sich die DEA im Rahmen eines Beratervertrags zugesicherten verpflichtet hatte.
Die DEA profitierte zwar vom NS-Aufschwung, wie auch bei anderen Unternehmen entstanden aber Konflikte mit dem Regime. Beispielsweise war dies der Fall, als NS-Funktionsträger nach der Machtübernahme versuchten, Einfluss auf die Betriebe der DEA zu nehmen. Auf Dauer beeinträchtigten diese Bestrebungen die Entwicklung des Konzerns aber kaum. Dies lag auch daran, dass dieser für die Autarkiebestrebungen einen wichtigen Stellenwert hatte. Die DEA sollte im Rahmen des Reichsbohrprogramms nicht nur die deutsche Erdölförderung erhöhen, sondern sich als Braunkohleproduzent auch an den Investitionen in den Aufbau von Anlagen zur synthetischen Herstellung von Treibstoff unter dem Dach der Braunkohle-Benzin AG (BRABAG) beteiligen. Die Gründung der BRABAG ist insofern von Bedeutung, als sie in der Debatte über die Frage der Handlungsspielräume von Unternehmen im 'Dritten Reich' oft als Beispiel staatlichen Investitionszwangs angeführt wird. [1] Auch Karlsch und Grieger belegen, dass der DEA-Vorstand dem Projekt eher ablehnend gegenüberstand, sich dem staatlichen Druck in diesem Fall aber nicht entziehen konnte und sich, wie auch die anderen Braunkohleproduzenten, an der Gründung schlussendlich beteiligte.
Auch im Fall der DEA gab es wenig moralischen Skrupel, sich an der 'Arisierung' jüdischen Eigentums zu beteiligen. Der DEA gelang es auf diese Weise, kleinere Beteiligungen im Bereich des Kohlehandels zu erwerben. Die angestrebte Übernahme von Teilen des tschechischen Petschek-Konzerns scheiterte jedoch daran, dass hier Friedrich Flick im Zuge eines Deals mit dem staatlichen Reichswerke-Konzern zum Zuge kam. [2] Einzelne Führungsfiguren waren überdies auch privat an 'Arisierungen' beteiligt, wie Karlsch und Grieger am Beispiel des DEA-Vorstandmitglieds Hans Gröber eindrücklich belegen. Als Privatperson übernahm Gröber Beteiligungen an mehreren Kaufhäusern aus jüdischem Eigentum, was in zunehmendem Maße zu Konflikten mit dem Rest der Konzernleitung führte. Moralische Erwägungen spielten hier laut Karlsch und Grieger weniger eine Rolle, sondern eher die Tatsache, dass Gröber nach Ansicht des Aufsichtsrats nicht mehr in der Lage war, seinen Verpflichtungen im DEA-Konzern vollumfänglich nachzukommen.
Karlsch und Grieger legen eine quellengesättigte Studie vor, die auf einer breiten archivalischen Grundlage basiert und bislang nicht oder nur wenig berücksichtigte Unternehmensquellen erschließt. Diese erlauben den Autoren eine differenzierte Rekonstruktion der unternehmerischen Entscheidungsprozesse unter den gegebenen politischen Rahmenbedingungen. Es handelt sich um eine unternehmenshistorische Studie, die im Auftrag der Wintershall Dea GmbH erstellt wurde und an eine vorangegangene Auftragsarbeit zur Wintershall AG im 'Dritten Reich' anknüpft. [3] Diese Art der Auftragsforschung ist für die deutsche Unternehmens- und Wirtschaftsgeschichte einerseits begrüßenswert, da so ein breiteres Spektrum an Unternehmen erfasst wird. So wurden beispielsweise die großen Montankonzerne, die IG Farben wie auch die deutschen Großbanken sehr gut erforscht, wohingegen viele andere Unternehmen, darunter auch die DEA, trotz ihrer Größe und Relevanz lange wenig Beachtung gefunden hatten. Andererseits leidet die unternehmenshistorische Auftragsforschung oft darunter, dass weniger eine klar konturierte analytische Fragestellung im Vordergrund steht als die präzise Dokumentation des Geschehens, insbesondere die Frage, in welchem Umfang die Unternehmen an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt waren. Dies gilt leider auch für diese Studie, die somit über weite Stellen sehr deskriptiv wirkt. Zwar verweisen die Autoren auf Forschungskontroversen wie die Diskussion um die unternehmerischen Handlungsspielräume im 'Dritten Reich' [4], die Studie hätte jedoch davon profitiert, wenn auf diese Debatten noch stärker analytisch Bezug genommen worden wäre.
Die Unternehmensgeschichte der DEA leistet damit einen wichtigen Beitrag zur unternehmenshistorischen Forschung, darüber hinaus ergibt sich für die allgemeine Wirtschaftsgeschichte aber ein eher begrenzter Erkenntnisgewinn. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass es bereits nennenswerte Forschung zur Ölindustrie im Nationalsozialismus gibt [5] und Fragen von breiterer wirtschaftshistorischer Relevanz, wie der Konflikt um die Gründung der BRABAG, bereits als gut erforscht gelten. Bildlich gesprochen liefert diese Studie einen weiteren Mosaikstein zur Rolle der Unternehmen im 'Dritten Reich', der das bereits erkennbare Bild um ein weiteres Element ergänzt, ohne es damit aber erkennbar zu verändern.
Anmerkungen:
[1] Zur Gründung der BRABAG vgl. Jonas Scherner: Die Logik der Industriepolitik im Dritten Reich. Die Investitionen in die Autarkie- und Rüstungsindustrie und ihre staatliche Förderung, Stuttgart 2008, 108-124.
[2] Vgl. Kim Christian Priemel: Flick. Eine Konzerngeschichte vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik, Göttingen 2007, 414-430.
[3] Vgl. Manfred Grieger / Ingo Köhler / Rainer Karlsch: Expansion um jeden Preis Studien zur Wintershall AG zwischen Krise und Krieg, 1929-1945, Frankfurt am Main 2024.
[4] Vgl. exemplarisch Christoph Buchheim / Jonas Scherner: The Role of Private Property in the Nazi Economy: The Case of Industry, in: The Journal of Economic History 66(2), 2006, 390-416.
[5] Rainer Karlsch / Raymond G. Stokes: "Faktor Öl". Die Mineralölwirtschaft in Deutschland 1859-1974, München 2003; Titus Kockel: Deutsche Ölpolitik 1928-1938, Berlin 2005.
Alexander Donges