Luke Daly-Groves: The British and American Intelligence Divisions in Occupied Germany, 1945-1955. A Secret System of Rule, Cham: Palgrave Macmillan 2024, XXV + 373 S., eBook, ISBN 978-3-031-50200-2, EUR 96,29
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Während die Geschichte der Nachrichtendienste trotz einiger Fortschritte in den letzten Jahren in Deutschland meist immer noch außerhalb des Rampenlichts der historischen Forschung steht, erfreuen sich Untersuchungen zu Geheimdiensten im anglo-amerikanischen Sprachraum einer anhaltenden Konjunktur. Mit der aus seiner 2020 an der University of Leeds eingereichten Dissertation hervorgegangenen Arbeit legt Luke Daly-Groves eine quellengesättigte und systematisch angelegte Untersuchung der britischen und amerikanischen Intelligence Divisions (IDs) im besetzten Nachkriegsdeutschland vor. Diese beiden bislang kaum bekannten militärischen Geheimdienste entstanden nach 1945 aus dem gemeinsamen Hauptquartier der britischen und amerikanischen Alliierten in Europa. Wie die Studie zeigt, spielten die IDs nach Kriegsende eine zentrale Rolle bei der Sicherung der britisch-amerikanischen Besatzung und ihrer politischen Ziele in Deutschland.
Die vorliegende Arbeit profitiert von einer sukzessiv verbesserten Quellenlage und kann zahlreiche erstmals freigegebene Akten und Unterlagen aus den National Archives Großbritanniens und der Vereinigten Staaten nutzen. Der Autor begreift Nachrichtendienste auf der Grundlage seiner ausgewerteten Unterlagen nicht ausschließlich als randständige Akteure, sondern als konstitutive Bestandteile politischer, militärischer und administrativer Herrschaftsstrukturen.
Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass Untersuchungen zur westalliierten Besatzung Deutschlands bislang vornehmlich jene Nachrichtendienste in den Blick genommen haben, die entweder institutionell fortbestanden oder aufgrund ihrer späteren Bedeutung besondere Aufmerksamkeit erfahren haben. Hier sind insbesondere die US-amerikanische Central Intelligence Agency (CIA) sowie die britischen MI5 und MI6 zu nennen. Demgegenüber sind die IDs der britischen und amerikanischen Militärhauptquartiere - trotz ihrer zeitweise ganz erheblichen personellen Stärke und ihres Einflusses - von der Historiografie bislang weitgehend unbeachtet geblieben. Daly-Groves versteht seine Untersuchung deshalb ausdrücklich als Korrektiv dieser Forschungslücke. Er argumentiert, dass die IDs eine zentrale Rolle bei der Sicherung, Stabilisierung und politischen Steuerung der westalliierten Besatzung spielten und somit einen bislang unterschätzten Beitrag zur Herausbildung der westdeutschen Nachkriegsordnung leisteten.
Zwei Leitthesen des Autors ziehen sich durch die Arbeit. Erstens interpretiert Daly-Groves die Beziehung zwischen den britischen und amerikanischen IDs als Ausdruck einer weitreichenden und strukturell verankerten angloamerikanischen Geheimdienstkooperation im besetzten Deutschland. Zweitens deutet er diese Kooperation als Bestandteil eines umfassenden "geheimen Herrschaftssystems", das - so die Zuspitzung des Autors - das eigentliche Rückgrat der britisch-amerikanischen Besatzung gebildet habe (29, 232, 314).
Daly-Groves verfolgt in seiner Studie einen institutionsgeschichtlichen Ansatz, der die formalen Strukturen der IDs sowie deren Tätigkeitsgebiete, Arbeitsweisen und Interaktionen berücksichtigt. Hervorzuheben ist, dass er den Untersuchungszeitraum über die unmittelbare Nachkriegszeit hinaus bis in die frühen 1950er Jahre ausdehnt und somit auch die Phase einbezieht, in der sich mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und dem allmählichen Ende des Besatzungsstatuts die Rahmenbedingungen der alliierten Herrschaft grundlegend wandelten.
Das Buch ist in sechs systematisch aufgebaute Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel rekonstruiert die komplexe Organisationsgeschichte der IDs, die durch wiederholte Umbenennungen, Reorganisationen und Unterstellungswechsel gekennzeichnet war. Daly-Groves sieht gerade in dieser institutionellen Fragmentierung einen wesentlichen Grund für die bisherige Vernachlässigung der IDs in der Forschung. Gleichwohl kann er eine organisatorische Kontinuität für die IDs aufzuzeigen und ihnen relativ stabile Stabsorganisationen innerhalb der jeweiligen Militärverwaltungen zuordnen. Die britische ID entwickelte sich aus der Intelligence Group der Kontrollkommission für Deutschland (britisches Element), während die amerikanische ID aus der G-2-Struktur der US-Streitkräfte in Europa hervorging und schließlich dem United States European Command unterstellt wurde. Innerhalb des US-Militärs waren die G-2 Abteilungen der Stäbe für die Sammlung und Auswertung von nachrichtendienstlichen Informationen verantwortlich.
Die folgenden Kapitel widmen sich den Tätigkeitsfeldern der IDs. Daly-Groves unterscheidet hierbei zwischen militärischer Aufklärung, wissenschaftlich-technischer Aufklärung, der Beschaffung von Informationen aus dem Bereich Sicherheit und politischer Aufklärung. Er weist jedoch darauf hin, dass diese Bereiche in der Praxis vielfach ineinandergriffen und analytisch nur bedingt trennscharf sind. Einen besonderen Akzent setzt der Autor auf die militärische Nachrichtengewinnung im Kontext des beginnenden Kalten Krieges. Er vertritt dabei die These, dass die von den IDs erstellten Lageeinschätzungen zu den sowjetischen Streitkräften wesentlich dazu beigetragen hätten, Fehlinterpretationen und eskalierende Reaktionen in Washington und London zu vermeiden. Demgegenüber relativiert er die Bedeutung der wissenschaftlich-technischen Aufklärung für die Westalliierten, deren Stellenwert in der bisherigen Literatur seiner Ansicht nach überschätzt worden sei.
Die Schwerpunkte der Studie sind die Kapitel zur von ihm bezeichneten "Security Intelligence" sowie zur politischen Aufklärung. Hier entfaltet Daly-Groves seine These vom "geheimen Herrschaftssystem" besonders deutlich. Die IDs erscheinen ihm dabei als zentrale Knotenpunkte eines dichten Geflechts aus Militärregierung, Geheimdienstresidenturen und nationalen Nachrichtendiensten, das auf die Überwachung der deutschen Gesellschaft und die Durchsetzung der politischen Ziele der amerikanischen und britischen Besatzungsmächte ausgerichtet war. In den ersten Nachkriegsjahren richtete sich der Fokus der IDs primär auf tatsächliche oder vermeintliche nationalsozialistische Untergrundstrukturen. Eine Gegenüberstellung mit der Tätigkeit der sowjetischen Nachrichtendienste in diesem Bereich in deren Besatzungszone blieb jedoch aus. Dies hätte vielleicht zu einer realistischeren Bewertung der Gefahr eines "potential Nazi revival" geführt, das - so Daly-Groves - durch die Tätigkeit der IDs verhindert worden sei. In den späteren Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt der IDs in diesem Bereich zunehmend auf die Überwachung kommunistische Strukturen.
Ein weiterer zentraler Untersuchungsgegenstand ist der Beitrag der IDs beim Aufbau der westdeutschen Sicherheitsbehörden. Daly-Groves zeigt, dass die Geheimdienste der Besatzungsmächte hier nicht nur beobachtend tätig waren, sondern aktiv an der Formierung jener institutionellen Strukturen mitwirkten, die für die innere und äußere Sicherheit der Bundesrepublik prägend werden sollten. Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Organisation Gehlen. Während die amerikanische ID und später die CIA den ehemaligen Wehrmachtsgeneral Reinhard Gehlen als strategischen Partner betrachteten und seine sogenannte Org. gezielt förderten, begegneten britische Stellen diesem Projekt wegen der personellen Kontinuitäten zur NS-Zeit mit grundsätzlicher Skepsis. Gleichwohl tolerierten sie Gehlens Org. aus machtpolitischen Erwägungen und im Interesse der angloamerikanischen Zusammenarbeit.
Der Fall Konrad Adenauer zeigt, dass die britischen Dienste bei der Einschätzung deutscher Nachkriegspolitiker nicht immer ein glückliches Händchen hatten. Vom US-Geheimdienst als potenziell wertvoller Verbündeter für die Nachkriegszeit eingestuft, ernannte ihn die US-Militärregierung 1945 zum Bürgermeister von Köln. Die Briten setzten ihn allerdings umgehend ab, als sie die Kontrolle über die Stadt als Teil ihrer Besatzungszone übernahmen - wohl auch weil sie befürchteten, Adenauer könne versuchen, "hinter unserem Rücken mit den Amerikanern Politik zu machen" (294). Adenauer vergaß diesen Affront nie. Während seiner Amtszeit als Bundeskanzler von 1949 bis 1963 richtete er Westdeutschland auf die Vereinigten Staaten aus und hielt London auf Distanz.
Trotz ihrer unbestreitbaren Stärken hat die Studie auch einige Schwächen. Daly-Groves tendiert stellenweise dazu, den Einfluss der IDs auf die Besatzungspolitik zu überschätzen und ihnen implizit operative Funktionen zuzuschreiben, obwohl sie doch primär als Stabs- und Koordinationsinstanzen fungierten. Auch seiner Annahme einer grundsätzlichen britischen Dominanz innerhalb der angloamerikanischen Geheimdienstbeziehungen erscheint angesichts konkreter Fallbeispiele nur eingeschränkt überzeugend. Er sieht in den US-Amerikanern lediglich einen sogenannten Juniorpartner der Briten, die zudem von den britischen Nachrichtendienstinformationen abhängig gewesen seien. Gelegentlich ignoriert er zudem Forschungsarbeiten, die seinen zentralen Thesen widersprechen.
Gleichwohl handelt es sich um eine materialreiche und analytisch ambitionierte Studie, die einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der westalliierten Besatzungspolitik und der Frühgeschichte der Bundesrepublik aus dem Blickwinkel der britischen und amerikanischen Nachrichtendienste leistet. Zwar bleibt Daly-Groves den endgültigen Beweis seiner These schuldig, die IDs seien das Rückgrat der Besatzung und Demokratisierung der zukünftigen Bundesrepublik gewesen, doch überzeugt seine Arbeit in weiten Teilen durch ihre empirische Dichte, den systematischen Zugriff und ihre Einbettung in aktuelle historische Debatten. Sein Buch verdeutlicht einmal mehr, dass zeitgeschichtliche Forschungen zum 20. Jahrhundert - und insbesondere zur deutschen Nachkriegsordnung - ohne die Berücksichtigung geheimdienstlicher Akteure und Praktiken unvollständig bleiben müssen.
Matthias Uhl