Rezension über:

Anka Steffen: Am leinenen Faden. Schlesiens Wirtschaft im globalen Kontext der frühen Neuzeit (= Beiträge zur Globalgeschichte; Bd. 5), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2025, 493 S., 16 Farb-, 46 s/w-Abb. 16 Tbl., ISBN 978-3-515-13909-0, EUR 94,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Magnus Ressel
Historisches Seminar, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Magnus Ressel: Rezension von: Anka Steffen: Am leinenen Faden. Schlesiens Wirtschaft im globalen Kontext der frühen Neuzeit, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/02/41029.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Anka Steffen: Am leinenen Faden

Textgröße: A A A

Die vorliegende Monografie, eine an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) entstandene Dissertation, wurde bereits mit drei Preisen ausgezeichnet, dem Martin-Behaim-Dissertationspreis 2023 der Gesellschaft für Globalgeschichte, dem Karin-Biermann-Dissertationspreis 2024 der Stiftung Kulturwerk Schlesien und dem Georg R. Schroubek-Dissertationspreis 2024 des Sonderfonds Östliches Europa. Nach der Lektüre der Arbeit kann man sich dem Urteil der Gutachtenden nur anschließen.

Die Arbeit reiht sich in einen bemerkenswerten Trend der jüngeren Frühneuzeitforschung ein, europäische Wirtschaftsgeschichte vor allem in ihren globalen Bezügen zu betrachten und dabei vielfältige, häufig überraschende Interdependenzen aufzuzeigen. Das Gewebe Leinwand insbesondere hat in der jüngeren Vergangenheit zu manchen einschlägigen Studien mit neuen Perspektiven angeregt. Dabei ist die Bedeutung dieses Stoffes gerade für die deutsche Geschichte ein altbekanntes Phänomen. "Deutschland bezahlte seine Kolonialwaren mit Leinen", dieses Diktum des Wirtschaftshistorikers Josef Kulischer aus dem Jahr 1928 wird häufiger zitiert. In der vorliegenden Arbeit gewinnt es ungemein an Plastizität und historischer Tiefe. Dabei reichen die von Schlesien ausgehenden Leinwandfäden - um beim titelgebenden Wortspiel zu bleiben - nach Westafrika und bis weit in die Plantagen der Amerikas.

Die Tatsache, dass Steffen mit ihrer Arbeit in vielerlei Hinsicht eine Pionierleistung vorlegen kann, hängt natürlich auch mit der Geschichte Schlesiens seit 1945 zusammen. Nicht nur war bis 1990 eine Archivforschung in Schlesien kaum leistbar. Seither ist das zwar wieder möglich geworden, aber die unentbehrlichen Kenntnisse der polnischen Sprache für eine hinreichende Forschungsarbeit (obgleich die hier verwandten Quellen fast alle auf Deutsch sind) und das gesunkene Interesse in Deutschland für die frühneuzeitliche Geschichte Schlesiens haben eingehendere Forschungsarbeiten wohl gehemmt. Schlesien scheint seit dem Zweiten Weltkrieg aus dem deutschen historischen Gedächtnis eher entschwunden, sieht man von der kriegerisch geprägten Politikgeschichte zwischen 1740 und 1763 ab.

Dabei war Schlesien natürlich - wie auch Steffen im auf die Einleitung folgenden Kap. 2 eindrücklich aufzeigt - vornehmlich deshalb ein bedeutender Zankapfel zwischen den zwei deutschen Großmächten des 18. Jahrhunderts, weil diese Provinz ein geradezu unwahrscheinliches wirtschaftliches Potential aufwies. Zentral dafür waren die fünf Gebirgshandelsstädte Hirschberg, Landeshut, Greiffenberg, Schmiedeberg und Waldenburg. Die Böden, die namensgebende, hügelige bis bergige Topographie und das regionale Klima bedingten eine Zone, in der die Leinwand besonders gut erzeugt werden konnte. Neben die natürlichen Voraussetzungen trat eine spezifische soziale Ordnung in der Region: Elitenzuwanderung und regionale familiäre Netzwerksstrategien verbanden sich hier mit Heimarbeit und einer ortsgebundenen, abhängigdienstbaren Arbeiterschaft aus Spinnern und Webern. Die in dieser eher kleinen Region erzeugte Leinwand war hochwertig und doch relativ günstig, so dass sie sich auf den Weltmärkten durchsetzen konnte. Die "Priesterschaft des heiligen Merkur", wie Zeitgenossen die in der Region dominierenden Leinwandkaufleute (meist Protestanten) ehrfurchtsvoll nannten, war dabei die dominante Unternehmerschicht mit relativ viel Bodenbesitz. Sie wird in ihrer wirtschaftlichen Dynamik ebenso lebendig wie in ihrem unternehmerischen Geist - und der Tendenz zur Nobilitierung ohne Rückzug aus dem Geschäftsleben.

Die schlesische Leibeigenschaft bildete eine effiziente Struktur, die den "Merkurpriestern" eine bedeutende Position auf den Weltmärkten verschaffte. Komplementär dazu bedeutete sie für eine große Zahl an Schlesiern ein Arbeitsleben, welches demjenigen der Sklaven in der neuen Welt teilweise nicht unähnlich war. Es fällt dabei auf, wie souverän die Autorin mit der Sekundärliteratur umgehen kann. So werden viele einschlägige Autor:innen und ihre Thesen kritisiert oder direkt widerlegt. Dabei fällt auf, wie sehr die Leinwand einerseits als Zentralprodukt der frühneuzeitlichen Globalgeschichte unterschätzt wurde und wie sich andererseits, angesichts des Mangels an einschlägigen Forschungen, verschiedene Überzeugungen zur Wirtschaftsgeschichte der Provinz etablieren konnten, die eher Klischeevorstellungen zur sogenannten zweiten Leibeigenschaft widerspiegeln. Hart war diese wohl sicher, aber rückständig eindeutig nicht - vom globalen Erfolg des Produkts her bewertet.

Interessant vor allem für weitergehende Forschungen sind die vielen prosopographischen Aspekte der Arbeit. Kaufleute, Adelige und bedeutende Beamte werden ausführlich vorgestellt - auch in ihren verschiedenen verwandtschaftlichen Verhältnissen. An den entsprechenden Abschnitten hätte man sich allerdings gelegentlich genealogische Tafeln gewünscht, oder vielleicht summierende Tabellen, evtl. sogar Netzwerkgrafiken, die solche Verbindungen jenseits der beschreibenden Ebene noch stärker sichtbar gemacht hätten. Auch für die Darstellung anderer Bindekräfte zu verschiedenen Partnern in den bedeutenden Küstenorten Europas wäre eine Visualisierung der beschreibenden Darstellungsform überlegen gewesen. In jedem Falle gelingt Steffen eine Herausstellung dieser Akteure als geschickte Unternehmer, die hier Anerkennung für ihre Leistungen erhalten, deren Härte gegenüber den zahlreichen im Leinwandgewerbe beschäftigten Menschen aber auch nicht bemäntelt wird.

Die Abschnitte des Buches, die den transatlantischen Kontext behandeln (Kap. 3), zeichnen sich durch eine detaillierte Analyse der Rolle schlesischer Leinwand im transatlantischen Sklavenhandel aus. Steffen arbeitet heraus, dass schlesische Leinwand in diesem Zusammenhang als ökonomisch höchst relevante Handelsware fungierte. Sie kann zeigen, wie die Bedeutung der schlesischen Leinwand im Sklavenhandel der Engländer/Briten vor allem in den Jahrzehnten um 1700 übersehen wurde. Dabei kann sie einige tief etablierte Dogmen der Sklavenhandelsgeschichte geradezu nebenbei erschüttern und ein Gegenmodell etablieren. Durch Nutzung von Akten der Royal African Company und privaten englischen wie niederländischen Sklavenhändlern sowie der Middelburgsche Commercie Compagnie (MCC) gelingt ihr die Herausarbeitung der Bedeutung schlesischer Leinwand als eines der wichtigsten Produkte im Dreieckshandel. Schlesische Leinwand fand ihre Kunden unter anderem bei den afrikanischen Herrschern, die ihre Gefangenen an den europäischen Küstenstützpunkten feilboten. Diese waren vor allem an der hohen Qualität und der Farbe (u.a. das sehr helle Weiß) des Stoffes interessiert. Auch die Kundschaft in der Karibik hatte einen hohen Bedarf an diesen Textilien. In den MCC-Listen waren hochwertige schlesische "Platillas" eine der dominierenden Stoffgruppen für die Karibiklieferungen.

Die wirtschaftliche Transformation um 1800 traf Schlesien besonders hart und wird im abschließenden Teil des Buches (Kap. 4) ausgiebig geschildert. "King Cotton" trat seinen Siegeszug just dann an, als die revolutionären Umwälzungen dieser Jahre, die in der Kontinentalsperre kulminierten, die Wirtschaftsstruktur Schlesiens bis ins Mark erschütterten. Steffen kann zeigen, dass hier aber keineswegs ein allgemeiner Niedergang folgte. Die Leinwand verschwand als bedeutendes Produkt, was mit einer Prekarisierung weiter, ohnehin schon eher an der Subsistenzgrenze wirtschaftender Bevölkerungsteile einherging. Dennoch gelang ab 1810 der Übergang zur Industrialisierung auch in Schlesien. Die Region bot durch geringe Löhne und eine an "entfremdete Arbeit" (341f.) gewöhnte Arbeiterschaft ideale Voraussetzungen für eine markante Partizipation an der Industrialisierung. So wurde Schlesien zu einer der bedeutendsten Textilindustrieregionen des Wilhelminischen Kaiserreichs. Dass schlesische Textilwaren um 1900 (erneut) nach Afrika gingen und hier in den deutschen Kolonien Absatzmärkte fanden, zeigt den alten Zusammenhang zwischen der schlesischen Wirtschaft und dem Kolonialismus auf.

Das Buch bringt maßgebliche Erkenntnisgewinne zu einem weiten Feld historischer Themen. Einige Details seien exemplarisch genannt. Die Verbindungen oberdeutscher Handelsgesellschaften mit Schlesien im 16. Jahrhundert werden ebenso thematisiert wie die folgenden von Niederländern im 17. Jahrhundert, was neue Erkenntnisse zur Ablösung des Zeitalters der Fugger durch das niederländische goldene Jahrhundert bringt. Der Handelszug über Hamburg, bisweilen über Amsterdam zeigt sich als der von Schlesiern immer bevorzugte; Stettin kam dagegen nie an. Auch zu den schlesischen Friedenskirchen, in denen nach 1648 noch der protestantische Gottesdienst zugelassen war, erfährt man Neues, so vor allem zu deren Finanzierung. Allgemein lässt sich festhalten, dass die Darstellung häufig zwischen Mikro- und Makroebenen wechselt, wobei die Detailanalysen von einzelnen Sachverhalten oder individuellen Schicksalen meist auf ein übergeordnetes Muster bezogen werden - so etwa Heiratsmuster oder das Selbstbewusstsein der Merkurpriester gegenüber der Obrigkeit.

Der prinzipielle rote (bzw. Leinwand-)Faden, der das Buch durchzieht, ist die Einordnung von Schlesiens Wirtschaftssystem in das globale Gefüge vor allem während der Frühen Neuzeit. Das Werk ist entsprechend gleichermaßen bedeutsam für Forschende der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, der Globalgeschichte sowie der Osteuropaforschung. Es wird auf lange Sicht zu den grundlegenden Studien zählen, die zeigen, wie weit die Fäden der frühen Globalisierung reichten und wie eng sie die lokalen Lebenswelten einer küstenfernen frühneuzeitlichen Region in weltweite Verflechtungen einbanden.

Magnus Ressel