Jan Simon Karstens (Hg.): Werkzeuge der Historiker:innen. Neuzeit (= Werkzeuge der Historiker:innen; Bd. 3), Stuttgart: W. Kohlhammer 2025, 303 S., 18 s/w-Abb., ISBN 978-3-17-043420-2, EUR 28,00
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Martha Howell / Walter Prevenier: Werkstatt des Historikers. Eine Einführung in die historischen Methoden, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2004
Annekatrin Schaller: Michael Tangl (1861-1921) und seine Schule. Forschung und Lehre in den Historischen Hilfswissenschaften, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2002
Die Überarbeitung von Ahasver von Brandts Klassiker "Werkzeuge des Historikers" dringt immer weiter in Epochen vor, die von Brandt nicht berücksichtigt hatte. Der Band "Neuzeit" der Werkzeuge der Historiker:innen widmet sich der Zeit zwischen 1500 und 1800. Natürlich ist sich der Herausgeber Jan Simon Karstens in seiner Einführung der Unschärfen und Probleme dieser zeitlichen Grenzen bewusst. Zudem thematisiert er die Schwierigkeit des Quellenbegriffs, den die Ausweitung der Methoden durch die Kulturgeschichte mit sich gebracht hat und weist hier insbesondere auf die Bedeutung nicht-textueller Quellen hin. Wer den Band fortlaufend liest, wird also gleich zu Beginn richtig eingestimmt.
Danach versammelt der Band in zwei Teilen - "Methoden und Hilfswissenschaften" sowie "Quellen" - reiche Expertise: Im ersten Teil werden Leser:innen in klassische Gebiete eingeführt: Paläographie (Florian Lehrmann, Robert Meier), Aktenkunde (Karsten Uhde), Chronologie (Jan Simon Karstens), Metrologie (Werner Scheltjens), Genealogie (Anett Müller, Katrin Heil) und Numismatik (Sebastian Steinbach). Im Gesamtfeld von Ahasver von Brandts "historischer Geographie" fokussiert sich Thomas Horst auf die "Kartographie". Neu im Kanon ist der Beitrag zur "Uniformenkunde" (Matthias Rogg); dazu unten mehr. Der Band wagt sich aber auch in die Gebiete digitaler Methoden: Simon Dagenais trägt einen ganzen Abschnitt über Stilometrie als Verfahren der Digital Humanities bei. Der Aufschwung der historischen Netzwerkanalyse durch digitale Verfahren wird im Beitrag von Martin Grandjean diskutiert. Außerdem widmet sich ein Abschnitt des Paläographiekapitels den Methoden automatischer Texterkennung, und jeder Beitrag listet in der Bibliographie auch digitale Ressourcen auf.
Passt diese Methodenauswahl? Die Einleitung des Bandes durch den Herausgeber diskutiert gut die Quellenarbeit in der Erforschung der europäischen Geschichte der Frühen Neuzeit. Jan Simon Karstens versucht keine Begründung der Auswahl der Themen des Bandes, was verständlich ist. Das Fehlen der Amtsbücherkunde zu monieren, mag deshalb einem persönlichen Interesse des Rezensenten geschuldet sein. Es ist aber auch aus quellenkritischer Sicht zu bedauern, denn die Frühe Neuzeit gilt zu Recht als das Zeitalter der buchförmigen Informationsorganisation. Sie reicht von den Ein- und Auslaufjournalen der Kanzleien über die umfangreichen Protokollserien, in denen die eigentlichen Beschlüsse vieler kollegialer Organe dokumentiert sind, bis hin zu den verschiedenen wirtschaftlichen Amtsbüchern.
Wie schwierig es ist, eine solide Auswahl zu treffen, zeigt auch der Beitrag von Matthias Rogg zur Uniformenkunde im Abschnitt über die Methoden und Hilfswissenschaften: Kompetent beleuchtet er die kulturhistorische Interpretierbarkeit von Uniformen. Er berichtet von den Entwicklungen des Phänomens, das erst in der Frühen Neuzeit entsteht. Aber es ist natürlich ein kleiner Ausschnitt aus der Vielfalt an Sachgütern, aus denen wir kulturhistorisches Wissen gewinnen können. Kleidung allgemein, Nahrungsmittel, Architektur oder Mobiliar hätten hier ebenso Platz finden können. Vieles davon wäre mit den Methoden der Bildinterpretation zugänglich - und hier fällt die größere Lücke des Bandes auf: Bildquellen finden sich nur im Register, ihnen wird aber kein eigenes Kapitel gewidmet. Dabei gibt es mit den Arbeiten von Heike Talkenberger, Christine Brocks, Rainer Wohlfeil, Peter Burke oder Jens Jäger eine Tradition der "historischen Bildkunde", die über die Kunstgeschichte hinausreicht. Hier ist zu hoffen, dass ein Band 4 der Reihe der Bedeutung quellenkritischer Interpretation von Photographien in der neuesten Geschichte gerecht werden und damit in die Interpretation von Bildquellen generell einführen kann.
Die Amtsbücher sind nun Teil des zweiten Abschnitts über einzelne Quellengattungen, wenn die seriellen Quellen der Wirtschaftsgeschichte ("Rechnungsbücher, Zollregister und Notariatsakten - Massendokumente der Wirtschaftsgeschichte" von Heinrich Lang, Magnus Ressel) vorgestellt werden. Die Themen des Abschnitts "Quellen" sind klug ausgewählt, weil sie für die Frühneuzeit-Forschung gewichtige Gattungen hervorheben. Sie könnten gut eigenständige Hilfswissenschaften entwickeln: Die Frühformen von periodisch erscheinenden Druckpublikationen ("Periodika (Zeitungen und Journale)" von Christian Meierhofer) haben das ebenso wie die Flugpublizistik (Daniel Bellingradt) vielleicht schon erreicht. Briefen (Ursula Lehmkuhl) als historische Quellen hingegen hätte eine "Briefkunde" gut zu Gesicht gestanden. Kriminal- und Gerichtsakten (Rita Voltmer) sind als eine Quelle über die Rechtsgeschichte hinaus von besonderer Bedeutung, benötigen für diesen Einsatz aber einen eigenständigen quellenkritischen Zugang. Lexika und Enzyklopädien (Jan Simon Karstens) sind Gattungen, die einen leichten Zugang zur Geschichte zu bieten scheinen, aber in der Frühen Neuzeit Wissen auf eine höchst eigene Art und Weise konfigurieren. Auch sie haben ihren Abschnitt also verdient.
Das Buch richtet sich an Studienanfänger. Die hohe Kompetenz der Autor:innen hat das manchmal ein wenig aus den Augen verloren: Das Paläographiekapitel hätte von Illustrationen der beschriebenen Formen profitieren können, um die für Anfänger:innen schwierige Fachsprache ("doppelstöckiges a", "Schaftspaltung" u. ä.) besser verständlich zu machen. Ebenso hätte der Beitrag zur Kartographie einiges Fachvokabular systematisch einführen können, hätte der Beitrag zur Flugpublizistik noch mehr medientheoretische und technische Begriffe ("Medienverbund", "kulturkonstitutiv", "orthonym", "Tief-/Hochdruck") erklären oder hätte das Wort "Notariatssignet" im Beitrag zu den Notariatsakten eingeführt oder durch "Notarszeichen" ersetzt werden können.
Die Leser:innen dürfen sich im Band auf mehr als nur methodisches Handwerkszeug freuen, denn die Beiträge bieten insgesamt eine gute Balance zwischen der Beschreibung konkreter historischer Befunde und methodischen Überlegungen. Das ist nicht immer leicht: Das Kapitel zur Metrologie hat es schwer, die große Vielfalt an Maßen in der Frühen Neuzeit zusammenzufassen, und bleibt deshalb eher im Methodischen und Programmatischen. Umgekehrt erzeugt die umfangreiche Auflistung der Quellen der Genealogie ein Ungleichgewicht zu den geringen methodischen Hinweisen zu ihrer Benutzung oder zum Übergang von Genealogie und Prosopographie.
Ein paar Kleinigkeiten sind zu vermerken: Ein sinnvolles Sachregister, in dem leider eine Satzanweisung beim Eintrag zur Gender History stehen geblieben ist, und ein Personenregister schließen den Band ab. Der Beitrag von Simon Dagenais hätte ein gründlicheres Lektorat verdient. Nicht immer sind die Beiträge präzise: Notariatsinstrumente sind keine Register (212), sondern einzelne Urkunden. Diese kleinen Bemerkungen mögen einer Neuauflage des Bands zugutekommen. Sie ist ihm auf jeden Fall zu wünschen. Denn die hier angeführte Kritik ist eher Ergebnis der hochfliegenden Erwartungen des Rezensenten: die Lücke hilfswissenschaftlicher Einführungsliteratur zur Geschichte der Frühen Neuzeit ist groß. Sie wird nun trotz aller Nörgelei des Rezensenten von den Texten dieses Einführungsbuches gut gefüllt. Dass Ritzen in seinem soliden Mauerwerk auszufüllen bleiben, soll dabei nicht überraschen.
Georg Vogeler