Étienne Anheim / David Fiala: Les Saintes-Chapelles du XIIIe au XVIIIe siècle. Arts - Politique - Religion (= Collection >Études Renaissantes<), Turnhout: Brepols 2023, 272 S., 28 Farb-, 76 s/w-Abb., ISBN 978-2-503-60536-4, EUR 95,00
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Gut Ding will Weile haben. Zehn Jahre des Wartens auf die Publikation der aus einer Tagung an der Universität Tours von 2013 hervorgegangenen Tagungsakten haben sich gelohnt. Die 16 Beiträge widmen sich einigen, nicht nur durch die Terminologie verbundenen Kirchen, die im Laufe ihrer Existenz von höchsten Höhen in die Bedeutungslosigkeit hinabsanken: den sogenannten "Saintes-Chapelles". Neun der von Étienne Anheim und David Fiala sorgfältig für den Druck vorbereiteten Beiträge sind allein dem großen Vorbild und Modell, der Pariser Sainte-Chapelle, gewidmet, wobei gleich der erste Aufsatz aus der Feder von Elizabeth A. R. Brown über Benennung und Ausstrahlung des Pariser Gebäudes deutlich macht, dass das, was als "Sainte-Chapelle de Paris" bekannt ist, doch nur das Resultat einer "lente fossilisation, depuis un moment essentiel de lien étroit avec les rois de France jusqu'au temps d'une institution d'Ancien régime liée au Parlement et à la mémoire de la royauté" (12) ist.
Bereits vor der Französischen Revolution wurden die über das gesamte Gebiet der französischen Monarchie verstreuten Saintes-Chapelles aufgelöst: Sie gingen1787 in einem Verwaltungsakt unter, waren aber bereits lange zuvor in ein Schattendasein hinabgesunken. Natur und Funktion dieser Kapellen blieben den meisten verschlossen - "elles ne sont jamais vraiment sorties de la pénombre dans laquelle le monde des Lumières les a plongées" (7), wie Étienne Anheim und David Fiala in ihrem lesenswerten Vorwort mit Blick auf die verfügbare Forschungsliteratur völlig nachvollziehbar urteilen. Zwar weiß man, dass Ludwig der Heilige den Prototyp all dieser "heiligen Kapellen", das auf der Pariser Île-de-la-Cité gelegene Kirchengebäude, als Aufbewahrungsort für die Dornenkrone Christi erbauen und 1248 weihen ließ; und bekannt ist auch, dass ihm in der Folge viele Hochadlige nacheiferten und bis weit in die Zeit der Renaissance hinein immer wieder neue Kapellen errichten ließen. Nahezu unbearbeitet blieb aber das Schicksal all dieser auf Monarchie und Hochadel hin ausgerichteten Gebäude in der Frühen Neuzeit bis zu ihrem Untergang Ende des 18. Jahrhunderts.
So wird also nicht nur das, was Claudine Billot zur mittelalterlichen Existenz der Saintes-Chapelles zu sagen wusste, neu bewertet und um zahlreiche Details erweitert. [1] Einer Neubewertung unterliegt auch die Frage der rechtlichen Verfasstheit dieser Kapellen, deren Prototyp (eben die Pariser Kapelle) ja zunächst eigentlich nichts anderes als eine königliche Palastkapelle war (in der Gründungsurkunde noch ohne das qualifizierende Adjektiv "sancta"). Erst ihre besondere Bestimmung als Reliquienhort führte dazu, dass die auf die Dornenkrone (sacrosancta) und das Heilige Kreuz (sancta) bezogenen Charakterisierungen auf die Kapelle als Ganzes übergingen. Den Herausgebern ist also unbedingt darin zuzustimmen, die "originalité institutionelle de la Sainte-Chapelle de Paris" (9) nicht überzubewerten.
In der Folge wird pragmatisch ergründet, inwieweit das, was sich später ausbreiten und den Namen "Sainte-Chapelle" tragen sollte, tatsächlich dem (Pariser) Modell entsprach. Die historische Komplexität dieser Kapellen kann überzeugend nur in interdisziplinärem Zugriff beschrieben werden. Historiker und Spezialisten der Liturgie, Architektur und Musik haben dazu ebenso beigetragen wie Rechtswissenschaftler oder Kenner der mittelalterlichen Archivverwaltung. Einige thematische Fäden durchziehen die Gesamtheit der Beiträge und schaffen so (nicht immer, aber meistens) ein hohes Maß an Kohärenz. Den Problemen der Terminologie wird ebenso Beachtung geschenkt wie der institutionellen Ausformung und dem in den Kapellen tätigen Personal. Eng verbunden mit diesen soziologischen Fragen ist die Analyse der in und für diese Institutionen entstandenen Archivalien samt ihrer Nutzung und Aufbewahrung. Auch der architektonische Rahmen und die jeweiligen Innenausstattungen lassen vielerlei Rückschlüsse auf ihre dynastische und politische Bedeutung zu. Hier ist es vor allem die Beschreibung der Nutzung in der longue durée, die neue Perspektiven eröffnet - denn frühere Arbeiten haben stets klar die Gründungs- und Entstehungskontexte berücksichtigt. Zu diesen "Nutzungsfragen" gehört die liturgische ebenso wie die musikalische Entwicklung. [2]
Einige Beiträge spüren den Beziehungen zwischen dem Pariser Modell und dem, was andernorts von Mitgliedern der königlichen Familie bzw. den Nachkommen Ludwigs IX. gebaut und mit dem Titel einer "Sainte-Chapelle" versehen wurde, nach. In den Blick gerät hier das Fürstentum Bourbon (Olivier Mattéoni) ebenso wie das Herzogtum Berry (Jean-Vincent Jourd'heuil). Deutlich wird, wie sehr sich nicht nur die Funktionsbestimmungen, sondern auch die Symbolik dieser Gebäude vom 13. bis zum 15. Jahrhundert wandelten. Dany Sandron analysiert die Konkurrenzsituation zwischen der Pariser Sainte-Chapelle und der Kathedrale Notre-Dame zu einem Zeitpunkt, als Paris zum unumstrittenen Zentralort des Königreichs aufstieg. Paul Binski spürt der Frage nach, welchen Einfluss die Architektur der Pariser Kapelle auf große Kirchenbauten in England (vor allem Westminster Abbey) ausübte, und Yves Pauwels widmet sich am Beispiel von Champigny-sur-Veude dem Typus der kleineren Fürstenkapellen, auf die in der Zeit der Renaissance der Titel einer Sainte-Chapelle übertragen wurde und in denen sich vielerlei ästhetische Innovationen dingfest machen lassen. Der Ausstrahlung solcher Kapellen weit über ihren Entstehungsort und -kontext hinaus gehen Julien Noblet, Laura Gaffuri und Paolo Cozzo am Beispiel der vom Haus Savoyen protegierten Sainte-Chapelle von Chambéry nach.
Während Bernard Dompier die in den verschiedenen Saintes-Chapelles gebräuchlichen nachmittelalterlichen Liturgien miteinander vergleicht, fokussiert sich Xavier Bisaro allein auf die liturgische Situation in der Pariser Kapelle im 17. Jahrhundert, analysiert das zeremonielle Geschehen (das bisher nur für die Zeit des späten Mittelalters einer näheren Betrachtung unterzogen wurde) und kommt dabei zu dem Schluss, dass deren "statut cérémoniel [...] est déterminé avant tout par sa faible signifiance" (122). Anders ausgedrückt: Das Absterben nicht nur der Pariser Sainte-Chapelle war ein zwar langsamer, aber beharrlich fortschreitender und unumkehrbarer Prozess.
Der Sammelband liefert keine histoire totale aller Saintes-Chapelles, verteidigt aber überzeugend die Vorstellung, dass es sich bei ihnen nicht zuletzt aufgrund ihres hybriden Status zwischen Hof und Kirche und der langen Zeit ihrer Existenz um ausgesprochen aussagekräftige historische Objekte handelt, die tiefe Einblicke in die spezifisch französische Verbindung von (weltlicher) Macht und Gotteslob gestatten.
Anmerkungen:
[1] Claudine Billot: Les Saintes Chapelles (XIIIe-XVe s.) Approche comparée de fondations dynastiques, in: Revue d'histoire de l'Église de France 73 (1987) 229-248; Claudine Billot: Le message spirituel et politique de la Sainte-Chapelle de Paris, in: Revue Mabillon 2 (1991) 119-141.
[2] Zur musikalischen Entwicklung an der Pariser Sainte-Chapelle vgl. Charles-Yves Élissèche: Le Personnel musical de la Sainte-Chapelle de Paris (XVIe et XVIIe siècles) (Musicologie; 15), Paris 2022.
Ralf Lützelschwab