Rezension über:

Martin Gegner: Die politische Ästhetik der öffentlichen Architektur Berlins. Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Kaiserreichs, Bielefeld: Aisthesis Verlag 2023, 441 S., 127 s/w-Abb., ISBN 978-3-8498-1908-8, EUR 45,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Markus Dauss
Kunsthistorisches Institut, Universität Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Regine Heß
Empfohlene Zitierweise:
Markus Dauss: Rezension von: Martin Gegner: Die politische Ästhetik der öffentlichen Architektur Berlins. Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Kaiserreichs, Bielefeld: Aisthesis Verlag 2023, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/02/39065.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Martin Gegner: Die politische Ästhetik der öffentlichen Architektur Berlins

Textgröße: A A A

Martin Gegners Monografie widmet sich der öffentlichen Architektur Berlins im 19. Jahrhundert und untersucht sie unter dem Gesichtspunkt ihres politischen Gehalts. Der Band greift damit ein Themenfeld auf, das im Kontext von Wiedervereinigung, Hauptstadtbeschluss und der Neubestimmung staatlicher Repräsentation eine neue Konjunktur erfahren und Berlin verstärkt in den Fokus Architektur-, Stadt- und kulturhistorischer Forschung gerückt hat. Öffentliche Architektur wurde in der entsprechenden Forschung nicht nur als bauliches Erbe verstanden, sondern als historischer Referenzraum politischer Selbstvergewisserung gelesen. Damit verband sich die Frage, welche langfristigen Traditionslinien staatlicher Baukultur die 'Berliner Republik' prägen oder auch belasten könnten. Neuere Studien haben in diesem Zusammenhang insbesondere die Rolle administrativer Hintergrundakteure, institutioneller Routinen und langlebiger Governance-Strukturen staatlichen Bauens hervorgehoben. Zugleich wurde - nach der Öffnung der ehemaligen Systemgrenze - öffentliche Architektur zunehmend in einem weit verstandenen (zentral-)europäischen Horizont neu verortet.

Gegner hingegen betrachtet Berlin erneut isoliert und widmet sich der Frage, in welcher Weise sich in ihren öffentlichen Bauten politische Ordnungsvorstellungen, institutionelle Machtansprüche und ästhetische Programme überlagern. Zugleich fragt er danach, wie solche Konstellationen in zeitgenössischen Diskursen wahrgenommen, begründet und bewertet wurden. Der Untersuchungszeitraum reicht vom frühen 19. Jahrhundert bis zum Ende des Kaiserreichs und umfasst damit jene Phase, in der Berlin sich von der preußischen Residenzstadt zur Hauptstadt des deutschen Nationalstaats entwickelte. Öffentliche Architektur wird dabei weniger als solitäres Kunstwerk verstanden, sondern als historisch situiertes Ensemble gesellschaftlich begründeter Bauaufgaben. Ihre Bedeutung erschließt sich wesentlich, so der Ansatz Gegners, aus den sie begleitenden Deutungen, Kommentaren und Kontroversen. Architektur erscheint so konsequent als Teil politischer Praxis: als Instrument der Disziplinierung, der Repräsentation und der symbolischen Selbstvergewisserung staatlicher Macht.

Die Anlage des Bandes wird maßgeblich durch eine sehr umfangreiche und kenntnisreiche theoretische Einleitung bestimmt. Ihr kommt die Aufgabe zu, die im Titel aufgerufenen Begriffe - "Architektur", "Öffentlichkeit", "Politik" und "Ästhetik" - historisch und systematisch zu klären. Gegner entfaltet hierzu ein weit gespanntes Panorama architekturtheoretischer Positionen, skizziert sozialwissenschaftliche Öffentlichkeitsbegriffe und rekonstruiert Konzepte der philosophischen Ästhetik. Der Architekturbegriff wird bewusst grundlegend entwickelt und setzt bereits bei klassischen Referenzen wie Vitruv an, bevor moderne und zeitgenössische Bestimmungen eingeführt werden. Architektur wird dabei als relationale Größe gefasst, in der funktionale Anforderungen, ästhetische Normen und politische Bedeutungszuschreibungen miteinander verschränkt sind. Der komplementäre Begriff der Öffentlichkeit wird nicht auf bloße Zugänglichkeit reduziert, sondern auf Eigentumsverhältnisse, Nutzungsformen und Repräsentationsansprüche der öffentlichen Gewalt bezogen.

Das anschließende Kapitel zur Architekturtheorie des 19. Jahrhunderts rekonstruiert die politischen Dimensionen zentraler theoretischer Debatten von Schinkel bis an die Schwelle der Moderne. Die wiederkehrende Suche nach einem "deutschen Stil" (86), nach "Einheit", "Reinheit" und "Wahrheit" wird als Ausdruck nationaler und staatlicher Selbstverortung auf dem Weg in die Moderne gelesen. Gegner versteht diesen Prozess nicht als linearen Fortschritt oder radikalen Bruch, sondern als Feld konkurrierender und teils widersprüchlicher Entwicklungen: von konservativen Reformpositionen über werkbündische Programmatiken bis hin zu frühen funktionalistischen Ansätzen. Die Moderne erscheint so weniger als klarer Zielpunkt denn als offener Horizont, der sich aus der Überlagerung unterschiedlicher theoretischer, ästhetischer und politischer Suchbewegungen ergibt.

Den empirischen Kern der Studie bilden die nach Bauaufgaben gegliederten Kapitel zu den sogenannten "Anstalten" (65). Kasernen, Schulen, Krankenhäuser, Arbeits- und Waisenhäuser, Polizeibauten, Gerichte und Gefängnisse werden als Architekturen institutioneller Macht analysiert. Besonders der programmatisch an erster Stelle behandelte Kasernenbau fungiert dabei als Referenztypus. Von ihm aus werden, so Gegner, Prinzipien wie Hierarchie, Übersichtlichkeit und Reglementierung auf andere Bautypen übertragen. Die Nähe zu Foucaultschen Konzepten von Disziplinierung, Normalisierung und institutioneller Kontrolle wird bewusst gesucht, allerdings nutzt Gegner Foucaults theoretischen Rahmen, etwa die Ausführungen zur Genese moderner Subjektivität und Biopolitik, nicht vollumfänglich.

Diese selektive Perspektive ermöglicht eine stringente Lesart öffentlicher Architektur als Dispositiv staatlicher Macht. Sie tendiert jedoch dazu, andere Rationalitäten - etwa medizinische, pädagogische oder sozialreformerische Logiken - zurücktreten zu lassen. Stellenweise entsteht so der Eindruck einer eingleisigen Teleologie, in der sich von preußischer Disziplinierung über wilhelminische Institutionalisierung eine Linie zu späteren Totalisierungen staatlicher Macht abzeichnet, ohne dass diese Entwicklung stärker auf Kontingenzen und flankierende Prozesse hin geöffnet würde. Expansive Horizonte - militärische Expansion, imperiale Ordnungsvorstellungen oder Kolonialismus - bleiben relativ randständig.

Ähnlich argumentiert Gegner in den Kapiteln zu Museen, Theatern und Wissenschaftsbauten. Anhand zentraler Beispiele zeigt er, wie historische Stilformen, Monumentalität und Raumdramaturgie eingesetzt werden, um Bildung, Kultur und Wissenschaft als klassenspezifische und nationale Leitwerte zu etablieren und präsentieren. Auch hier fungiert Architektur als Medium kultureller Autorität und eines staatlich getragenen Bildungsanspruchs. Das emanzipative oder oppositionelle Potenzial solcher Institutionen schätzt Gegner hingegen als gering ein, auch wenn er grundsätzlich die prinzipielle Vieldeutigkeit architektonischer Zeichen anerkennt.

Gerade diese Setzung macht jedoch bestimmte Auslassungen erklärungsbedürftig. Dass Reichstag und Dom mit Verweis auf deren intensive Forschungsgeschichte ausgeklammert werden, überzeugt nur bedingt. Insbesondere der Reichstag verkörpert jene prinzipielle Vieldeutigkeit architektonischer Zeichen paradigmatisch, während Museen ihrerseits bereits besonders intensiv erforscht worden sind. Auch Infrastrukturbauten wie Bahnhöfe werden bewusst übergangen, da sie dem Autor weniger griffig für eine politische Deutung erscheinen. Diese Entscheidung schärft zwar das Profil der Studie, steht jedoch in einem gewissen Spannungsverhältnis zu jüngeren Forschungsansätzen, die das Politische gerade in technischen Ensembles der Daseinsvorsorge verorten, die auf dezentralen und netzwerkartigen Strukturen beruhen. [1]

Besonders aufschlussreich sind allerdings jene Passagen, in denen Gegner auf Momente der Irritation innerhalb dieser Repräsentationsarchitekturen hinweist, etwa bei den monumentalen Treppenhäusern der Gerichtsgebäude. Hier kippt die Inszenierung staatlicher Autorität und jurisdiktioneller Hoheit stellenweise ins Ludische oder nahezu Groteske. Gerade in Zonen maximaler Machtasymmetrie deutet sich eine paradoxe Brechung des Beherrschungsanspruchs an. Dieses analytisch produktive Moment einer möglichen Transzendierung institutioneller Repräsentation wird jedoch nur kurz benannt, aber nicht weitergehend gedeutet.

Der Abschnitt zum öffentlichen Wohnungs- und Städtebau fügt sich folgerichtig in die Argumentationslinie ein. Kommunale und genossenschaftliche Wohnungsbauprojekte, Gartenstadtmodelle und städtebauliche Wettbewerbe werden weniger als sozialpolitische Reformansätze denn als ästhetisch und moralisch codierte Ordnungspolitiken interpretiert. Dabei treten die durchaus differenzierten Profile dieser Projekte - zwischen paternalistischer Fürsorge, sozialreformerischem Anspruch und Ansätzen kollektiver Selbstorganisation - klar hervor. Gerade der Wohnungsbau des Kaiserreichs mit seinen Großensembles erscheint so als konfliktreiches Experimentierfeld konkurrierender gesellschaftlicher Modelle. Hier wird ein zentrales Spannungsverhältnis der Arbeit sichtbar. Gegner formuliert programmatisch den Anspruch, Architektur primär über ihre zeitgenössischen Deutungen, Kritiken und Diskurse zu erfassen. Methodisch versteht sich die Studie als wissenssoziologisch informierte Diskursanalyse, die vor allem theoretische Texte, Fachpublikationen, zeitgenössische Kommentare sowie administrative und publizistische Quellen auswertet. In der Durchführung dominiert jedoch häufig, vor allem in den objektmonografischen Kapiteln, ein klassisch objektbezogenes Vorgehen: Bauaufgaben und Bauwerke werden zunächst historisch und typologisch entfaltet, bevor ihre Rezeption vergleichend herangezogen wird. Der diskursorientierte Zugriff wird damit nur teilweise eingelöst; eine explizite medientheoretische Bestimmung von Architektur - jenseits von Zeichen- und Symbolfunktionen - bleibt weitgehend ausgespart; dabei könnte man gerade mit ihr das Zirkulieren von "Architektur" durch unterschiedliche Formate und Kanäle passabel nachvollziehen.

Gerade in dieser Engführung liegt jedoch auch eine besondere Qualität des Buches. Gegner schreibt als Sozialwissenschaftler disziplinär von außen in die Kunst- und Architekturgeschichte hinein. Der starke Fokus auf Institutionen und zeitgenössische Deutungsdiskurse führt zu klaren Akzentsetzungen. Als materialreiche, in Teilen additive, insgesamt jedoch konsequent organisierte Untersuchung der politischen Dimension öffentlicher Architektur im Berliner 19. Jahrhundert stellt Gegners Buch einen gewichtigen Referenzpunkt dar. Die klare Fokussierung auf Institutionen und zeitgenössische Deutungsdiskurse macht den Band zu einem außerordentlich wertvollen Arbeits- und Nachschlagebuch. Dem im Übrigen auch sprachlich sehr gelungenen Werk sind viele Leser zu wünschen.


Anmerkung:

[1] Keller Easterling: Extrastatecraft. The Power of Infrastructure Space, London 2014; Dirk van Laak: Alles im Fluss. Die Lebensadern unserer Gesellschaft - Geschichte und Zukunft der Infrastruktur, Frankfurt am Main 2018.

Markus Dauss