Anja Buschhoff / Marcus Dekiert (Hgg.): Expedition Zeichnung - Niederländische Meister unter der Lupe. Katalog zur Ausstellung, Wallraf- Richartz-Museum & Foundation Corboud (14.11.2025 - 15.3.2026), Köln: Wallraf-Richartz-Museum 2025, 304 S., 266 Abb., ISBN 978-3-910450-01-1, EUR 25,00
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Sonja Brink / Francesco Grisolia (Hgg.): Die Zeichnungen des Giovan Battista Beinaschi: aus der Sammlung der Kunstakademie Düsseldorf am Kunstpalast, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2020
Philipp Demandt / Regina Freyberger / Astrid Reuter u.a. (Hgg.): Fantasie & Leidenschaft. Zeichnen von Carracci bis Bernini, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2024
Simonetta Prosperi Valenti Rodinò / Sonja Brink (Hgg.): Drawings by Carlo Maratti in the collection of the Kunstakademie Düsseldorf at the Kunstpalast, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2024
Die Sonderschau Expedition Zeichnung - Niederländische Meister unter der Lupe zeigt von November 2025 bis März 2026 neunzig graphische Werke von Meistern wie Rubens, Rembrandt und Goltzius im Wallraf-Richartz-Museum Köln. Hierzu ist ein kompakt angelegter Katalog erschienen, der über die Dokumentation einer Ausstellung hinaus eine großartige Würdigung an die zeichnerische Forschung ist. Bereits in den einleitenden Texten wird deutlich, dass es dem Team der Graphischen Sammlung nicht nur um die Aufarbeitung alter Bestände geht, vielmehr darum, sie neu einzuordnen. [1] Somit ist der Katalog der Beleg für eine umfassende wissenschaftliche Praxis.
Bei dem Unternehmen wirken parallel Kunstgeschichte, Restaurierungswissenschaft und Materialanalytik zusammen, um einen Blick hinter die Kulissen musealer Forschung zu geben. Die aus drei Jahren Projektarbeit resultierende 'Forschungsreise' führt mit alternierenden Kapiteln und Beiträgen ('Im Fokus' und 'Spotlights') durch die Welt der niederländischen Zeichnung. Spannend und unterhaltsam erzählen die Autorinnen und Autoren die faszinierenden Geschichten hinter den Arbeiten und machen durch narrative Textstruktur Wissenschaft lesbar.
Einige Kapitel und Zeichnungen seien hervorgehoben: Zum Beispiel hat die Fallstudie zu Wallerant Vaillant und Michiel D. van Limborch (14-17) durch die Infrarotreflektografie die Signatur 'MDLimborch' freigelegt und eine neue Zuschreibung erlaubt. Hier hat Technologie die kunsthistorische Vermutung bestätigt. Auch im Kapitel 'Zeichnungen verstehen' wird eine falsch eingeordnete Zeichnung des Flussgottes IJ durch Wasserzeichenanalyse, stilistische Prüfung und Motivvergleich, etwa der Gegenüberstellung von Zeichnung, Skulptur und Stich, neu verortet und an den bereits vorher angedachten Hubert Quellinus gegeben (21-23). Mit Jan Punts Kartusche mit den Allegorien der Künste werden Reuestriche, übermalte Köpfe, missglückte oder verworfene Ideen aufgedeckt (28-30). Auch hier ergeben die technologischen Befunde und genaue Untersuchungen ein neues Gesamtbild.
Eines der Highlights des Katalogs ist das lokalpatriotisch eingefärbte Kapitel 'Niederländer in Köln' mit dem wunderbaren lavierten Federpanorama Der Rhein bei Mülheim mit Blick auf Köln von Lambert Doomer (34-49) und Hendrik de Leths entzückender Ansicht von Köln aus dem Süden, von Bonn kommend (47-49). Auch an die Erfolgsstory eines seeländischen Wiedertäufers im 'hilligen Kölle' wird mit Zeichnung und Grafik erinnert (35f.): Wie Crispijn de Passe den frömmelnden Kölnern eine Nase drehte. Mit den 'Entdeckungen nah und fern. Landschaften' klingt ein klassisches Thema der Niederländischen Kunst an (56-77). Hier steht unter anderem die 'Reiselust' der niederländischen Maler im Fokus. Pieter Lastman, Tobias Verhaecht, Gillis Mostaert, Jan van Scorel und Hendrick de Clerck warten mit feinen Federzeichnungen auf; Jan Lievens, Esaias und Jan van der Velde mit Motiven 'vor der eigenen Haustür'. Ein weiterer Glanzpunkt des Katalogs ist die Studie des Peter Paul Rubens nach der berühmten antiken Laokoon-Gruppe (1601/02) sowie die subtilen Kreidezeichnungen nach dem Kentaur, der von Cupido gezähmt wird, den der Maler 1606/08 in der römischen Sammlung von Scipione Caffarelli Borghese gesehen hat (90-95).
Das Kapitel 'Invenit. Zeichnungen im kreativen Prozess' führt auf direktem Weg in die Werkstatt des Künstlers (114-137). Eine brillante Interpretation hat Hendrick Goltzius im Feder-Entwurf Der Demiurg ordnet das Chaos und trennt die vier Elemente geliefert. Die 'prima idea' des Cornelis Schut (I) Bacchantenzug mit dem trunkenen Silen verblüfft durch Spontanität und Verve. Maerten de Vos ist mit einer Stichvorlage vertreten, Gerard Seghers mit einer Präsentationszeichnung und Jacob Jordaens Lustige Gesellschaft ist aus vier Einzelteilen zusammengesetzt - eine Methode, die im nachfolgenden 'Spotlight' von Thomas Klinke vertieft wird. Schließlich der große Rembrandt mit seinem furiosen Feder-Pinsel-Blatt Christus und die Ehebrecherin, das nach einer turbulenten Zuschreibungsgeschichte hier wieder Rembrandt zugeordnet wurde.
Ein genuin niederländisches Thema wird im Kapitel 'Entschlüsselt? Bildthemen und Motive' angesprochen (144-155). Sprichwörter, Allegorien und Embleme haben eine reiche Tradition in der Ikonographie der Niederlande. Frans Snijders, Aegidius Sadeler (II), Crispijn de Passe, Philip Tideman, Jan Luyken und andere stehen dafür ein. Gefragt ist hier die Kenntnis des Betrachters, symbolische Bildmotive zu erschließen und verschüttete Bildkonstellationen aufzudecken. Belehrend ist auch der Komplex 'Kopie ungleich Kopie', der die Unterschiede in dieser Werkkategorie illustriert (160-175). Sonach haben Gerard ter Borch (II) nach Jacques Callot, Joachim von Sandrart nach einem Stich von Aegidius Sadeler (II), und Jan Wierix nach einem Holzschnitt von Hans Baldung Grien kopiert. Kopieren gehörte sowohl zur Künstlerausbildung als auch zur Werkstattpraxis und zum Gemäldeersatz. Zum Abschluss kommt der Katalog mit allerlei papier- und materialtechnischen Besonderheiten sowie Provenienzfragen und Sammlungsspezifischem. Ein technischer Anhang, der kaum Wünsche offen lässt, rundet das Werk ab.
Der Katalog überzeugt durch die Verknüpfung von historischer Kontextualisierung, Stilgeschichte und Kunsttechnik. Vor allem aber vermittelt er, dass die Beschäftigung mit der Zeichnung immer eine Forschungs- und Entdeckungsreise ist, ein offener Prozess mit Irrwegen, Überraschungen und Erkenntnissen. Annemarie Stefes und das Team des WRM schaffen es, diese Expedition nachvollziehbar zu machen. Trotz der Fülle an Technik und Information, die das Lesen und das Verständnis insbesondere für den wenig Geschulten nicht vereinfacht, öffnen die Beiträge den Blick für größere kulturhistorische Zusammenhänge im 17. Jahrhundert, für Werkstattpraxis, Auftraggeberkultur oder die Bedeutung des Papiers als Kommunikationsmotor. Die Mischung aus wissenschaftlicher Präzision und erzählerischer Leichtigkeit macht den Prozess der Zuschreibung transparent. Hier wird Forschung erzählbar. Sympathisch ist das handliche Format und die visuelle Aufmachung.
Expedition Zeichnung ist ein kluger Katalog, stellenweise etwas trockener Lesestoff, in summa ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Zeichnungsforschung. Er zeigt, dass Zeichnungen nicht stumm sind, sondern - wenn man ihnen zusetzt, sie durchleuchtet, digitalisiert und befragt - Sprache bekommen.
Zwei Einwände zur Anmerkung: Die Blätter Moses und Aron (216) und Die Israeliten sammeln die Schätze von den Ägyptern (217) sind bei dem Schüler von Giulio Romano Benedetto Pagni (1503-78) besser aufgehoben. [2] Die Taufe Konstantins (222), der Nachfolge Federico Zuccaros zugeschrieben, muss mit einem Fragezeichen versehen werden. [3]
Anmerkungen:
[1] Grundlage ist der Bestandskatalog der Niederländischen Zeichnung, den Hella Robels 1983 veröffentlicht hat. Von den bei Robels aufgeführten 864 Zeichnungen konnten 170 von Annemarie Stefes korrigiert und präzisiert werden.
[2] Vgl. die Zeichnung Fructus Belli im British Museum, Inv. 1946,0413.216, sowie die Benedetto Pagni zugeordneten Tapisserie-Kartons im Département des Arts graphiques, Musée du Louvre, Inv. 3531-33. Dominique Cordellier hat die Kölner Zeichnungen in seinem Katalog Luca Penni, un disciple de Raphael à Fontainebleau, Paris 2012, 13, Anm. 15, an Benedetto Pagni gegeben (freundlicher Hinweis von Michael Venator).
[3] Zur 'Nachfolge Zuccaros' konnte bislang kein eigenes Werk gefunden werden. Die alte Zuschreibung an Zuccaro stammt von Lambert Krahe und ist heute nicht mehr haltbar.
Dietmar Spengler