Rezension über:

Catherine Baker / Bogdan C. Iacob / Anikó Imre et al. (eds.): Off White. Central and Eastern Europe and the Global History of Race (= Racism, Resistance and Social Change), Manchester: Manchester University Press 2024, XVI + 357 S., ISBN 978-1-5261-7220-4, GBP 95,00
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Rezension von:
Anastasiia Marsheva
International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC), Justus-Liebig-Universität, Gießen
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Anastasiia Marsheva: Rezension von: Catherine Baker / Bogdan C. Iacob / Anikó Imre et al. (eds.): Off White. Central and Eastern Europe and the Global History of Race, Manchester: Manchester University Press 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 1 [15.01.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/01/40839.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Catherine Baker / Bogdan C. Iacob / Anikó Imre et al. (eds.): Off White

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"The little peoples of the troubled earth, the little nations that are weak and white: for them the glory of another birth [...] But we, the blacks [...] must still be offered up as sacrifice" (31). Mit diesen Zeilen des Gedichts "The Little Peoples" von Claude McKay, einem Vertreter der Harlem-Renaissance, beginnt James Mark seinen Beitrag. McKay meint hier auch die kleinen osteuropäischen Nationalstaaten, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden und als "weiß", aber politisch schwach galten. Er bringt mit seinem lyrischen Text auf den Punkt, was in der Ost- und Ostmitteleuropaforschung vernachlässigt wird - die Beteiligung Osteuropas an der als rassifiziert eingeschätzten globalen Weltordnung. Die Herausgeber:innen des Sammelbands, der zu einem großen Teil aus einer Tagung im Jahr 2019 in Bukarest hervorgegangen ist, erheben den Anspruch, die Geschichte und Gegenwart Ost- und Mitteleuropas aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und die Rolle von whiteness und race darin aufzuzeigen. Die Beiträge reichen von der Artikulation von whiteness [1] in den intellektuellen Elite-Diskursen über die Manifestation des Themas in der Kunst bis hin zur Analyse zwischenmenschlicher Interaktionen.

Die hinsichtlich ihrer Theorie und Methode heterogenen Beiträge des Sammelbandes werden durch drei Grundannahmen zusammengehalten, die die Herausgeber:innen in ihrer Einleitung hervorheben (6 f.). Erstens sei race keine biologische Eigenschaft, sondern im Sinne von Stuart Hall ein System von Bedeutungen und eine Art und Weise, wie die Welt organisiert und klassifiziert wird. Zweitens unterteile die globale rassifizierte Weltordnung den Planeten in zivilisierte und unzivilisierte Regionen und bringe diese mit bestimmten körperlichen Merkmalen in Verbindung, denen wiederum bestimmte Eigenschaften zugeordnet werden. Drittens sei das Erbe des Kolonialismus und der Sklaverei global und gehe über die Grenzen der tatsächlichen Kolonisatoren und Kolonien hinaus. Die Autor:innen gehen in ihren Beiträgen davon aus, dass es eine rassifizierte Weltordnung gebe und die Geschichte Ost- und Ostmitteleuropas nicht isoliert davon betrachtet werden könne. In der Einleitung weisen die Herausgeber:innen darauf hin, dass die postkoloniale Theorie aus der anglophonen Welt stamme, in der die sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen wesentlich durch koloniale Herrschaft geprägt wurden, und dass sich diese Ausgangslage erheblich von den historischen Erfahrungen Ost- und Mittelosteuropas unterscheide. Dennoch sei die Kategorie whiteness auch für die Geschichte Ost- und Ostmitteleuropas wichtig (20), wenn auch in ihren Erscheinungsformen instabil und neuen Aushandlungen unterworfen. Die vielfältigen Verflechtungen zwischen Imperien und ihren Teilgebieten, zwischen Ost- und Westeuropa, zwischen Mehrheiten und Minderheiten sowie zwischen verschiedenen Gruppen von Migrant:innen unterliegen nun einer Dekonstruktion.

So zeigt Zoltán Ginelli, dass vor 1989 die Solidarität mit unterdrückten Völkern in den Ländern Ostmittel- und Osteuropas - insbesondere in Ungarn - von den politischen Eliten instrumentalisiert wurde. Um ihre moralische Überlegenheit gegenüber dem Westen zu demonstrieren, inszenierten sich diese Akteure als vermeintlich unschuldige Osteuropäer:innen, die an der Seite der Unterdrückten stehen (114). Mark zeigt in seinem Beitrag, dass auch die Solidarität mit unterdrückten Völkern gewissen Bedingungen unterliegt - wenn sie nicht mehr den eigenen Bedürfnissen diene, distanziere man sich wieder davon. So beschreibt er, wie sich z. B. polnische und ungarische Nationalisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in ihren Unabhängigkeitsbestrebungen von ähnlich ausgerichteten Initiativen in den Kolonien distanzierten, weil sie fürchteten, dass insbesondere die kolonialen Führungsmächte Großbritannien und Frankreich sie dann nicht mehr unterstützen würden (38). Die globale rassifizierte Weltordnung manifestiert sich aber nicht nur in globalen Verflechtungen, sondern auch innerhalb der Länder selbst. So beschreibt Celsi West Ohueri, wie der Anspruch Albaniens, zu Westeuropa zu gehören, durch die Stigmatisierung als "post-osmanisch", "balkanisch" und "post-kommunistisch" (148) erschwert werde. In öffentlichen Diskursen und alltäglichen Interaktionen zwischen Albaner:innen, Rom:nja und Balkan-Ägypter:innen würden rassistische Zuschreibungen vorgenommen (149). Ein weiterer erwähnenswerter Punkt, der in mehreren Beiträgen thematisiert wird, ist die Manifestierung der rassifizierten Weltordnung durch Migration. Dies zeigt z. B. Daria Krivonos in ihrem Beitrag, der aus einer qualitativen soziologischen Studie in Finnland hervorgegangen ist. Sie beschreibt, wie sich whiteness und race in Interviews mit postsowjetischen Migrant:innen zeigen, wenn diese sich von anderen Migrant:innen abgrenzen - etwa mit dem Hinweis auf eine andere Kultur und ihren höheren Fleiß (282 f.).

Hervorzuheben ist die Vielfalt der Beiträge, die verschiedene Schwerpunkte, wie z. B. Nationsbildung und Migration, aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen und Zeiträume zusammenführen. Es wäre aber wünschenswert gewesen, wenn auch alternative Theorien aus der Region, u. a. die polnische Postdependenztheorie, Berücksichtigung gefunden hätten.

Generell zeigt der Sammelband, wie stark die Konzepte whiteness und race in der Region präsent waren und sind und wie sie - wie auch in anderen Teilen Welt - die Forschung zu Ostmitteleuropa beeinflusst haben. Obwohl der Region oft ein Narrativ vollkommener Unschuld zuerkannt wird, blieb sie nicht unberührt von global rassifiziertem Denken. Der Sammelband ist nicht nur für die Ost- und Ostmitteleuropaforschung von Interesse, sondern bettet die Region auch in die Diskurse der critical race theory ein. Damit ist er allen zu empfehlen, die sich mit Fragen von Rassismus und globalen Machtstrukturen auseinandersetzen.


Anmerkung:

[1] Die Begriffe whiteness und race werden im Folgenden im Sinne sozialer Konstrukte verwendet. Whiteness bezeichnet in diesem Verständnis keine Hautfarbe, sondern eine soziale Position, die in einem bestimmten Machtgefüge mit Vorteilen verbunden ist. Ebenso ist race keine rein biologische oder genetische Kategorie, sondern eine gesellschaftlich hergestellte und historisch wandelbare Form von Zugehörigkeit, Macht und Privilegien.

Anastasiia Marsheva