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Jörg Kirschstein: Der Erbe des Kaisers. Prinz Wilhelm von Preußen (1906-1940), Berlin: BeBra Verlag 2025, 152 S., 146 Farb-, s/w-Abb., ISBN 978-3-89809-272-2, EUR 28,00
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Rezension von:
Marcel Böhles
Stiftung Hambacher Schloss, Neustadt a.d.W.
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Marcel Böhles: Rezension von: Jörg Kirschstein: Der Erbe des Kaisers. Prinz Wilhelm von Preußen (1906-1940), Berlin: BeBra Verlag 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 1 [15.01.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/01/40727.html


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Jörg Kirschstein: Der Erbe des Kaisers

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Mit dem nur 33 Jahre währenden Leben des heute weitgehend vergessenen Prinzen und Kaiserenkels Wilhelm von Preußen (1906-1940) beschäftigt sich Jörg Kirschstein, Leiter des Neuen Palais bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Durch Publikationen unter anderem 2021 zu Kaiserin Auguste Victoria und 2004 zu Kronprinzessin Cecilie ist der Autor bereits als intimer Kenner der Hohenzollern-Dynastie in Erscheinung getreten. Mit der nun publizierten Bildbiografie erinnert Kirschstein an das "tragische" Leben des ältesten Sohnes des letzten Kronprinzen, in dessen Leben sich "die politischen und gesellschaftlichen Brüche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts [...] widerspiegeln" (135). In elf Kapiteln skizziert Kirschstein die Vita Wilhelms - angefangen von Kindheit und Jugend am kaiserlichen Hof bis zum frühen Soldatentod im Krieg gegen Frankreich im Mai 1940 -, wobei die über 140, teilweise bislang unveröffentlichten Abbildungen über ein Drittel der Publikation einnehmen.

Breiten Raum widmet der Autor den frühen Jahren Wilhelms, dessen Geburt 1906 die Zukunft der Hohenzollern-Monarchie bis weit ins 20. Jahrhundert hinein zu sichern schien. Als ältester Sohn von Kronprinz Wilhelm (1882-1951) und Kronprinzessin Cecilie zu Mecklenburg (1886-1954) stand Wilhelm hinter seinem Vater an Nummer zwei der Thronfolge und erhielt eine entsprechend umfassende Ausbildung, die nach preußischer Tradition schon ab dem siebten Lebensjahr militärisch geprägt war. Die bereits früh von Eifersüchteleien befeuerten Spannungen mit seinem jüngeren Bruder Louis Ferdinand (1907-1994) - später jahrzehntelang Chef des Hauses Hohenzollern - mögen heutige Leserinnen und Leser an den öffentlich ausgetragenen Konflikt des aktuellen britischen Thronfolgers mit seinem Bruder erinnern. Während des Ersten Weltkriegs fungierte Wilhelm zusammen mit seinen fünf Geschwistern als Teil der Öffentlichkeitsarbeit im Hause Hohenzollern, indem er etwa seine Mutter bei zahlreichen Lazarettbesuchen begleitete. Die Revolution im November 1918 beförderte ihn dann aber über Nacht auf das "Abstellgleis der Geschichte" (49), wenngleich es in den Wochen vor dem 9. November noch Planspiele gegeben hatte, den zwölfjährigen Kaiserenkel anstelle seines Großvaters auf dem Thron zu installieren und bis zu seiner Volljährigkeit einen Regenten einzusetzen. Auch eine militärische Karriere war ihm nun unter den neuen politischen Vorzeichen verbaut. Die erste Hälfte der 1920er Jahre verbrachte Wilhelm als Schüler am Realgymnasium Potsdam. Bei seiner Abiturrede 1925 übte er erstmals öffentliche Kritik an der Weimarer Republik. Deutschlandweite Aufmerksamkeit erlangte Wilhelm ein Jahr später im Zuge der sogenannten Prinzenaffäre: Mit ausdrücklicher Erlaubnis des Chefs der Heeresleitung, Hans von Seeckt, hatte Wilhelm in Uniform als Besucher an einer Truppenübung der Reichswehr teilgenommen. Nachdem diese brisante Information über die Presse an die Öffentlichkeit gelangte, musste Seeckt seinen Abschied nehmen.

Als entschiedener Gegner der Weimarer Demokratie trat Wilhelm 1928 dem Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten bei und stieg in der Hierarchie dieses rechtsnationalen Wehrverbands rasch auf. In Briefen an seinen im niederländischen Exil lebenden Großvater schmähte er in jener Zeit die Weimarer Republik als "jämmerlich" und "nichtswürdig" (68), Demütigungen und Erpressungen seien Folgen ihrer "wahnsinnigen Erfüllungspolitik" (67). Kirschstein wertet solche Einstellungen und Wilhelms Stahlhelm-Mitgliedschaft als "Konsequenz seiner monarchistischen Erziehung" (135). Das ist sicher nicht falsch, aber doch ein recht mildes Urteil, zeigte doch der Prinz auf einem anderen Gebiet sehr wohl den Willen und die Fähigkeit, sich von seiner Familie abzusetzen. Mit der Wahl seiner Braut, der aus einem preußischen Adelsgeschlecht stammenden Dorothea von Salviati (1907-1972), löste Wilhelm einen schweren Konflikt unter den Hohenzollern aus. Die junge Frau, die er während seines Studiums in Bonn kennengelernt hatte, galt nach den antiquierten Hausgesetzen der früheren Herrscherdynastie als nicht ebenbürtig, da sie keinem regierenden Hause entstammte. Als Wilhelm sie 1933 gegen alle Widerstände doch ehelichte, führte dies nicht nur zu einem lebenslangen Kontaktabbruch mit Ex-Kaiser Wilhelm II., sondern auch zum Verlust seiner Rechte als Erstgeborener, die fortan sein Bruder Louis Ferdinand innehatte.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten begrüßte Wilhelm, wenngleich er die Eingliederung des Stahlhelms in die SA kritisch beurteilte. Eine aktive Karriere in der Wehrmacht durfte Wilhelm nicht verfolgen, stattdessen verbrachte er die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg als Gutsbesitzer und Reserveoffizier. Aktiv nahm Wilhelm dann aber 1939 am Polen- und 1940 am Frankreichfeldzug teil, den er nicht überlebte. Sein Begräbnis am 29. Mai 1940 in Potsdam geriet - trotz kurzfristiger Ankündigung in der örtlichen Presse - zu einem Großereignis: Rund 50.000 Schaulustige säumten die Straßen, als der einstige Thronanwärter zu Grabe getragen wurde. Dies verärgerte die Nationalsozialisten derart, dass sie mit der sogenannten Prinzenverordnung fortan den Fronteinsatz von Prinzen ehemals regierender Häuser unterbanden.

Die Stärken von Kirschsteins Bildbiografie liegen eindeutig bei den familiären Aspekten wie der wechselvollen Beziehung Wilhelms zu seinem Großvater Wilhelm II. und den Auseinandersetzungen rund um die nicht-standesgemäße Hochzeit im Jahr 1933. Diese schildert der Autor ausführlich und fachkundig. Überzeugen können in diesem Zusammenhang auch die zahlreichen Fotografien im Band, die für alle Kapitel einen umfassenden Einblick in das Leben des jungen Hohenzollern-Prinzen eröffnen. Seltsam blass hingegen bleibt das Buch in der Darstellung der öffentlichen Person Wilhelms: Gerne hätte man beispielsweise gewusst, wie die Weimarer Öffentlichkeit das Engagement des Prinzen im Stahlhelm einschätzte und welche Chancen ihm eingeräumt wurden, eines Tages doch noch den Thron besteigen zu können. Auch wirkt Wilhelm wohl mangels eigener Aufzeichnungen häufig eher als Objekt denn als Subjekt, weniger als Handelnder denn als Getriebener der jeweiligen Zeitumstände. Schließlich erscheint die Gewichtung der einzelnen Kapitel mitunter unausgewogen, wenn etwa der Autor die Regelung von Vermögensfragen oder Wohnortwechsel in großer Ausführlichkeit schildert, wichtige Aspekte wie die Prinzenaffäre 1926 dagegen nur sehr knapp abhandelt. Insgesamt wird Kirschsteins Werk nicht die letztgültige Biografie des Kaiserenkels Wilhelm bleiben können, das Buch gibt jedoch zahlreiche Anregungen zur vertieften Beschäftigung mit einer bis heute im Schatten der Geschichte stehenden Persönlichkeit.

Marcel Böhles