Rezension über:

David A. deSilva: Judea under Greek and Roman Rule (= Essentials of Biblical Studies), Oxford: Oxford University Press 2024, 204 S., Diverse s/w-Abb., ISBN 978-0-19-026325-6, EUR 95,43
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Rezension von:
Jürgen Zangenberg
Universiteit Leiden
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen Zangenberg: Rezension von: David A. deSilva: Judea under Greek and Roman Rule, Oxford: Oxford University Press 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 1 [15.01.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/01/40647.html


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David A. deSilva: Judea under Greek and Roman Rule

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Studienbücher, oft auch text books genannt, gehören zweifellos auch heute noch zu den erfolgreichen Formaten auf dem modernen Buchmarkt - sicher auch im Bereich der Alten Geschichte. Sie bieten kompakt und kompetent, lesbar und vorstrukturiert wichtige Informationen zu Epochen, Personen oder Problemen eines bestimmten Fachgebiets nicht nur für Studierende, sondern auch für interessierte Leserinnen und Leser aus benachbarten Disziplinen oder der breiteren Öffentlichkeit. Damit erfüllen Studienbücher eine wichtige, kaum zu überschätzende Aufgabe fachwissenschaftlicher Vermittlung über Disziplingrenzen hinaus. Voraussetzung eines sinnvollen und erfolgversprechenden Studienbuches sind natürlich die fachliche Kompetenz und ein gewisser pädagogischer Impetus auf Seiten des Autors.

In diese Kategorie gehört auch das vorliegende, lediglich 204 Seiten umfassende Buch aus der Reihe "Essentials of Biblical Studies" der Oxford University Press. Der Autor David A. deSilva ist Trustees' Distinguished Professor of New Testament and Greek am Ashland Theological Seminary der Emory University (Atlanta, GA) und dank zahlreicher Publikationen ausgewiesener Experte zum Thema.

DeSilva beweist, dass Studienbücher nicht nur den Stand der Forschung zusammenfassen können, sondern durchaus durch Zugang und Aufbau eigene, innovative Akzente zu setzen vermögen, die vermeintlich Bekanntes in neuem, erhellendem Licht zeigen. Bereits der Titel zeigt deSilvas programmatischen Zugang: Im Mittelpunkt steht eine Region ("Judäa" und die dort anwesenden Kulturen), nicht lediglich die Geschichte oder Kultur eines bestimmten Teils ihrer Bewohner ("Juden"). So gelingt es deSilva, die Region in die volle Breite der Transformationsprozesse einzuordnen, die den gesamten Nahen Osten zwischen den Eroberungszügen Alexanders des Großen und der Niederschlagung des Zweiten Jüdischen Aufstands und der Gründung der Provinz Syria Palaestina unter Hadrian ergriffen haben. Dementsprechend teilt deSilva nach einer knappen Einleitung ("Introduction", 1-3 zu den zu behandelnden Themen und den seiner Rekonstruktion zugrunde gelegten Quellen) den Stoff in sechs Kapitel ein.

Im ersten Kapitel behandelt er die "geopolitische Wende" Judäas vom westlichsten Ausläufer des nahöstlichen Perserreichs hin zum östlichen Rand einer in Entstehung begriffenen mediterranen Oikumene ("Living with Giants: From Alexander to Antiochus III", 4-24), das zweite Kapitel widmet sich den inneren, kulturellen und sozialen Verwerfungen, die diese Wende mit sich brachte ("Abomination of Desolation: The Hellenizing Crisis and the Maccabean Revolution", 25-52). Die fragile Symbiose aus partikulär-traditioneller judäischer Religion und überregionaler, mediterran-hellenistischer Kultur nahm - unter Ausnutzung der Schwäche der Regionalmacht Syrien - Form an in der Dynastie der hasmonäischen Priesterkönige, die zwischen ca. 130 - 65 v.Chr. bewusst sowohl auf alte Vorstellungen eines charismatischen Königtums zurückgriffen als auch Raum boten für wegweisende Innovationen innerhalb der judäischen Religion ("Heirs of Phinehas: The Rise and Demise of the Hasmonean Dynasty", 53-86). DeSilva gelingt es, den kreativen Einfluss wie auch die Herausforderungen des Hellenismus auf die Institutionen und Denkmuster des traditionellen Judentums nuanciert darzustellen, ohne die politischen und sozialen Implikationen für die Entwicklung eines judäischen Staates oder die Entstehung vermeintlich "urjüdischer", tatsächlich aber neuer Frömmigkeitspraktiken im Judentum (Auftreten von Miqwe und Synagoge) auszublenden. Während deSilvas Darstellung dieser Umwälzungen breit angelegt ist, analysiert das nur wenig später erschienene Studienbuch von Yonathan Adler vor allem die theologischen und religionssoziologischen Veränderungen. [1] Eine vergleichende Lektüre der beiden Bücher lohnt sich durchaus! Der Höhepunkt des judäischen Hellenismus unter Herodes steht im Mittelpunkt des vierten Kapitels ("The King of the Jews: Herod and His Heirs", 87-121 - wobei Herodes natürlich nicht nur über die "Jews" in seinem Königreich regierte, vielleicht daher doch besser "King of Judaea"?). Die beiden letzten Kapitel behandeln Judäa unter direkter römischer Herrschaft, erst vor allem durch ritterliche Statthalter ("Under the Eagle's Wings: Judaea under Roman Rule", 122-153), schließlich als vollumfängliche Provinz unter einem konsularischen Legatus ("A Failed Messiah and a New Beginning: The Second Jewish Revolt and the Rise of Rabbinic Judaism", 154-182).

Eine leider unkommentierte Literaturliste ("Bibliography", 183-192), ein Verzeichnis antiker Texte (193-199) und ein Register von Sachen und Personen (201-204) schließen den gut lesbaren Band ab. Enttäuschend und angesichts der modernen Möglichkeiten in Druck und Herstellung eigentlich unverständlich ist die Qualität vieler der durchweg schwarz-weißen Abbildungen (vor allem Figures 4.1, 4.2 und 4.3). Zwar hat deSilva die Abbildungen mehr oder minder stark in die Argumentation im Haupttext eingebunden, sodass die durch sie repräsentierten materiellen Zeugnisse nicht nur - wie so oft - als bloße Illustrationen einer im Wesentlichen auf Textquellen beruhenden Darstellung dienen müssen. Deutlich schwerwiegender scheint mir jedoch ein tiefergehendes Versäumnis: Keine einzige Karte, kein einziger Plan und kein einziger Stammbaum etwa der für Nichtfachleute verwirrend verzweigten Hasmonäer- und Herodianerfamilien hilft uns Lesern, das im Haupttext narrativ Dargestellte zu visualisieren. Dabei geht es nicht allein um didaktische Anschaulichkeit, sondern um die Vermittlung der Tatsache, dass sich kulturhistorische Verschiebungen von einer Tragweite, wie sie deSilva beschreibt, eben in geographischen Räumen vollziehen und sich an konkreten Orten manifestieren, die an sich Quellenwert besitzen. Hierzu hat die mittlerweile sehr umfangreiche archäologische und "landeskundliche" Forschung breiteste Vorarbeit geleistet, die leicht zu rezipieren gewesen wäre. Leider jedoch haben Autor und Verlag hier nicht nur didaktische Gelegenheiten, sondern auch Möglichkeiten inhaltlicher Nuancierung ungenutzt gelassen, die dem Buch zusätzlichen Tiefgang gegeben hätten. Es ist zu hoffen, dass diese Versäumnisse bei einer verdienten zukünftigen Neuauflage korrigiert werden können.

Letztendlich bleibt mein Eindruck zwiespältig: Zweifellos hat David A. deSilva eine konzeptionell überzeugende, inhaltlich detailreiche und gut lesbare Darstellung Judäas unter griechischer und römischer Herrschaft geschrieben, die jeder Interessierte mit Gewinn lesen wird (wie auch ich es getan habe). Würde ich das Buch meinen Studierenden empfehlen? Ja! Als Dozent würde ich jedoch ergänzend darauf hinarbeiten, dass meine Studierenden verstehen, warum Räume, Orte und Artefakte nicht nur im Text begegnen sollten (wofür deSilva durchaus wiederholt sorgt), sondern als konzeptionell produktive, vollwertige Quellen eingesetzt werden müssen. DeSilvas regionaler Ansatz ist lehrreich und erhellend, allein fällt die Aufmachung seines Studienbuches hinter diesen Anspruch zum Teil zurück.


Anmerkung:

[1] Y. Adler: Between Yahwism and Judaism. Judaean Cult and Culture during the Early Hellenistic Period 332-175 BCE, Cambridge / New York 2025.

Jürgen Zangenberg