Daniel Stahl: Bedrohliches Geschäft. Waffenhandel und Völkerrecht in Zeiten imperialer Expansion (= Studien zur Internationalen Geschichte; Bd. 59), Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2024, 439 S., ISBN 978-3-11-123939-2, EUR 79,95
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Kyle Harvey: American Anti-Nuclear Activism, 1975-1990. The Challenge of Peace, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2014
Philipp Gassert / Tim Geiger / Hermann Wentker (Hgg.): The INF Treaty of 1987. A Reappraisal, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2020
James H. Lebovic: Flawed Logics. Strategic Nuclear Arms Control from Truman to Obama, Baltimore / London: The Johns Hopkins University Press 2013
Matthew J. Ambrose: The Control Agenda. A History of the Strategic Arms Limitation Talks, Ithaca / London: Cornell University Press 2018
Jonas Schneider: Amerikanische Allianzen und nukleare Nichtverbreitung. Die Beendigung von Kernwaffenaktivitäten bei Verbündeten der USA, Baden-Baden: NOMOS 2016
"Merchants of Death" oder "Arsenal of Democracy": Dies sind nur zwei Beispiele für ethisch konträr aufgeladene Einschätzungen der privaten Rüstungsindustrie im 20. Jahrhundert. Daniel Stahl rekonstruiert in seiner Studie "Bedrohliches Geschäft" - welche aus seiner Habilitationsschrift hervorgegangen ist - die vergessene Geschichte der Waffenhandelsregulation, und zwar vom globalen Imperialismus des späten 19. Jahrhunderts über die internationalen Neuordnungsversuche der 1920/30er Jahre bis in die Frühphase des Kalten Krieges. Als Folge der Neujustierung politischer Machthierarchien verortet Stahl die Entstehung der Regulierung des Rüstungsexports und des Waffenhandels am Schnittpunkt globaler ökonomischer Dynamiken, imperialer Expansion und neuartiger internationaler Organisationsformen: Der Völkerbund machte es kleineren Staaten, Gewerkschaften und der transnational vernetzten "Frauenliga für Frieden und Freiheit" möglich, als Akteure in den völkerrechtlichen Auseinandersetzungen über die Waffenhandelsregulation aufzutreten. Doch auch die alten Imperien Großbritannien und Frankreich sowie die neue Großmacht USA hatten zu unterschiedlichen Zeitpunkten Interesse daran, den Waffenhandel zu regulieren.
In vier Kapiteln schlüsselt das Buch die ungewöhnlichen Interessenüberschneidungen auf, deren Entstehung aus einer ideologischen Perspektive unwahrscheinlich wirkte. So liest man im ersten Kapitel von Sozialisten in der SPD um Karl Liebknecht und in der Labour-Partei, dem konservativen britischen Admiral Rosslyn Wemyss und dem durch die Anti-Trust-Politik der agrarisch-südstaatlichen Progressivisten beeinflussten US-Präsidenten Woodrow Wilson. Sie alle wollten die staatliche Handlungsfähigkeit gegenüber den seit dem späten 19. Jahrhundert transnational vernetzten Konglomeraten der Rüstungsindustrie ausdehnen. In den Gründungsverhandlungen des Völkerbunds wurden diese Forderungen in rechtliche Normen gegossen.
Im zweiten Kapitel wird erläutert, dass auch die Führungsschicht Großbritanniens aufgrund waffentechnischer Innovationen während der Verhandlungen um den Völkerbund Interesse an einer Form von Regulierung hatte. Für sie stand im Anschluss an den Brüsseler Akt von 1890 die Kontrolle des Waffenflusses in die imperialen Herrschaftsgebiete im Vordergrund. Aus Sorge vor zu gut bewaffneten "unzivilisierten Stammeskriegern" und schießwütigen antikolonialen "Intellektuellen" (111-115) war es insbesondere die Verbreitung von halbautomatischen Gewehren und Pistolen, die Whitehall Sorgen machte. Um den Weg der Waffen von den europäischen Produktionsstätten nach Indien zu unterbrechen, setzten die britischen Regierungen auf die Navy sowie auf politische Einheiten, die auf der arabischen Halbinsel Teil des imperialen Herrschaftssystems waren. Insbesondere das Sultanat von Maskat - der spätere Oman - spielte eine entscheidende Rolle bei der Unterbindung unerwünschter Waffentransfers über den Arabischen Golf im 19. Jahrhundert.
Das dritte Kapitel rekonstruiert die andersartige Interessenlage Frankreichs. Die Sorge vor einer geheimen Aufrüstung Deutschlands in der Zwischenkriegszeit beförderte eine Allianz innerhalb der Völkerbundgremien zwischen Frankreich, den Gewerkschaften der 1919 geschaffenen "Internationalen Arbeitsorganisation" und lateinamerikanischen Ländern. Nicht der Waffenimport, sondern die internationale Produktionskontrolle stand für sie im Vordergrund. Für die Gewerkschaften galt dies aus kapitalismuskritischen Gründen, für die lateinamerikanischen Staaten, um den Einfluss der USA zurückzudrängen, und für Frankreich wegen der privatwirtschaftlich organisierten, versteckten Aufrüstung Deutschlands.
Das vierte Kapitel beschreibt das Aufrüstungs-/Abrüstungsparadox der 1930er Jahre. Hinter den staatlichen Zentralisierungen in der Industrie durch die Volksfront-Regierung in Frankreich und der New-Deal-Politik Franklin D. Roosevelts stand ursächlich die Vorstellung, negative Folgen der privaten Rüstungsproduktion zu beschränken. Dies sollte paradoxerweise eine effektive staatliche Lenkung der Aufrüstung im Angesicht des Aufstiegs der Achsenmächte ermöglichen. Eingebettet waren diese Maßnahmen für die US-Regierung in die Ordnungsvorstellung, durch staatliche Rüstungskontrollen internationale Konflikte einzudämmen. Hier zeigt sich eine bisher in der Forschung nicht beachtete internationale Dimension vorgeblich isolationistischer Politik.
Kapitel fünf ist den vier Hauptkapiteln sowohl zeitlich als auch im Umfang nachgelagert. Es beschreibt einleuchtend, wie der Zusammenbruch der imperialen Ordnung und der Konflikt zwischen Ost und West neuartige Rahmenbedingungen für die Verbreitung von Waffen schufen. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs stand nun weniger die Regulation der Rüstungsindustrie, sondern der Transfer von Waffen als Militärhilfe an Verbündete während des globalen Kalten Kriegs im Vordergrund. Interessanterweise war es in Großbritannien die Labour-Partei, die als erste eine erneute Verlagerung auf privatwirtschaftliche Rüstungsproduktion anstrebte (370). Dies ist ein weiterer Beleg dafür, dass sich in den Zeiten des liberalen Konsenses der 1940er bis 1960er Jahre doch widersprüchlichere Tendenzen zeigten, als lange Zeit für die Geschichtswissenschaft sichtbar war. [1]
Die Stärken von Stahls Buch liegen in der erzählerischen Gestaltung, dem konzisen Narrativ, der Umsetzung des methodischen Zugriffs sowie dem gelungenen Zusammendenken der unterschiedlichen Forschungskontexte. Schwächen zeigen sich teilweise in den der Untersuchung vorgelagerten analytischen Kategorien. Weniger akademischer Zeitgeist wäre - aus Sicht des Rezensenten - mehr gewesen. "Globaler Süden" (2) wird in Bezug auf Staaten von Lateinamerika bis Asien der Komplexität der in den inhaltlichen Kapiteln entfalteten internationalen Zusammenhänge nicht gerecht. Ob sich für die amerikanische Hegemoniepolitik in Lateinamerika und die multiethnischen Herrschaftsgefüge der britischen und französischen Kolonialreiche wirklich gleichermaßen der Begriff des Imperialismus anbietet, darüber lässt sich diskutieren. Der Verweis auf die Unterstützung republikanischer Regierungen (63) in Lateinamerika durch die USA ist kein gutes Argument dafür. Irritierend ist der Verweis auf den - nach Ansicht Stahls - fehlenden Bezug der "Frauenliga für Frieden und Freiheit" zur zeitgenössischen pazifistischen Kritik an bellizistischen Männlichkeitsbildern. Gerade vor dem Hintergrund der im Buch dargestellten Forschungen zu Handlungsräumen und essenzialistischen Geschlechtervorstellungen in der Frauenbewegung überzeugt dieser Hinweis wenig (286-288).
Diese Kritikpunkte sollen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Stahls Buch gehaltvoll ein Forschungsdesiderat schließt. Bisher standen Studien über die jeweilige nationale Rüstungs- und Waffenhandelspolitik [2] und die Aufsichtsmechanismen des Völkerbunds [3] oft unverbunden neben Forschungen zur imperialen Dimension der Rüstungskontrolle, die darüber hinaus erst seit wenigen Jahren erschlossen wird. [4] Stahl gelingt es, die Geschichte des weltweiten Waffenhandels, die Regulierungsversuche unerwarteter Akteurskonstellationen und deren Zusammenwirken mit neuen internationalen Strukturen und Ordnungsansätzen in ihrer Widersprüchlichkeit spannend, nuanciert und überzeugend zu entfalten: eine empfehlenswerte Lektüre.
Anmerkungen:
[1) Kritisch zur Analysekategorie des liberalen Konsenses beispielsweise David Edgerton: The Rise and Fall of the British Nation. A Twentieth Century History, Milton Keynes 2019.
[2] Siehe die immer noch lesenswerte Studie von Michael Geyer: Aufrüstung oder Sicherheit. Die Reichswehr in der Krise der Machtpolitik 1924-1936, Wiesbaden 1980.
[3] Andrew Webster: The Transnational Dream: Politicians, Diplomats and Soldiers in the League of Nations' Pursuit of International Disarmament, 1920-1938, in: Contemporary European History 14 (2005), 493-518.
[4] Felix Brahm / Daniel Stahl: Arms Regimes Across the Empires, in: Journal of Modern European History 19 (2021), 411-415.
Grischa Sutterer