Rezension über:

Iacobus de Altavilla / Alexandra Anisie / Alexander Baumgarten u.a. (a cura di): Lectura in libros Sententiarum II. Questiones 7-17. QQ. 5- 15 Libri Primi (= Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis; 312A), Turnhout: Brepols 2025, XXIX + 504 S., ISBN 978-2-503-61736-7, EUR 425,00
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Rezension von:
Ralf Lützelschwab
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fischer
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Lützelschwab: Rezension von: Iacobus de Altavilla / Alexandra Anisie / Alexander Baumgarten u.a. (a cura di): Lectura in libros Sententiarum II. Questiones 7-17. QQ. 5- 15 Libri Primi, Turnhout: Brepols 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 1 [15.01.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/01/40260.html


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Iacobus de Altavilla / Alexandra Anisie / Alexander Baumgarten u.a. (a cura di): Lectura in libros Sententiarum II. Questiones 7-17

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Sie waren das Standardlehrbuch der Theologie an den mittelalterlichen Universitäten: die Sentenzen des Petrus Lombardus (†1160). Geordnet in vier Bücher (1. Gott und die Trinität; 2. Schöpfung, Engel und Mensch; 3. Christus und die Gnade; 4. Sakramente und Letzte Dinge), wurde in ihnen das gesamte theologische Wissen der Zeit in durchaus kritischer Auseinandersetzung mit der biblischen Offenbarung und den Aussagen einer Vielzahl von Autoritäten entfaltet. Sentenzenkommentare sind ihrerseits als Auslegung, Erläuterung und kritische Auseinandersetzung mit dem Werk des Petrus Lombardus zu verstehen. Sie bildeten das Herzstück der mittelalterlichen Theologie, weil sie zugleich Lehrbuch, Prüfungsleistung, Diskussionsforum und Innovationsmotor waren. Für angehende Doktoren der Theologie war die Abfassung eines solchen Kommentars Pflicht. Die einzelnen Quaestiones (Fragestellungen) lieferten Argumente für oder gegen einen strittigen theologischen Sachverhalt und bestachen durch begriffliche Präzision und logische Stringenz. Ohne die Sentenzenkommentare wäre unser Verständnis mittelalterlicher Theologie, Philosophie und Universitätskultur deutlich ärmer. Unmengen dieser Kommentare sind überliefert, aber nur die wenigsten liegen in einer kritischen Edition vor.

Dies gilt in besonderer Weise für die Kommentare aus der Feder von Ordensangehörigen. Zwar fanden sich insbesondere Vertreter der Bettelorden recht schnell an den theologischen Fakultäten in Paris und Oxford wieder; Benediktiner und weitere, der Benediktsregel folgende Reformgemeinschaften machten sich zunächst jedoch deutlich rarer. Zu ihnen gehörten auch die Zisterzienser. Mit der vorliegenden Schrift des Jakob von Eltville liegt nun die erste gedruckte kritische Edition eines Sentenzenkommentars aus der Feder eines Zisterziensers überhaupt vor.

Jakob wurde um 1325 in Eltville im Rheingau geboren und trat in das Zisterzienserkloster Eberbach ein. Er studierte Theologie an der Sorbonne in Paris, einem der wichtigsten akademischen Zentren des Mittelalters. Dort hielt er 1369/70 seine Sentenzen-Vorlesung (lectura). Paris verließ er als magister theologiae. 1372 wurde Jakob zum Abt des Zisterzienserklosters Eberbach gewählt und leitete das Kloster bis 1392. Er gehörte zu den angesehenen Theologen seines Ordens und gilt (noch immer) als Exponent des "goldenen Zeitalters" innerhalb der Zisterziensertheologie des 14. Jahrhunderts. [1]

Ein groß angelegtes, am Pariser Institut de recherche et d'histoire des textes und der Babeş-Bolyai-Universität im rumänischen Klausenburg angesiedeltes Forschungsprojekt zielt auf die Edition der Lectura in libros Sententiarum aus der Feder des Jakob von Eltville ab, genauer: auf die Edition des Kommentars zum ersten Buch von Petrus Lombardus' einflussreicher Schrift. Drei Bände sind geplant - und der Publikationsrhythmus präsentiert sich erfreulich rege. Nachdem 2024 der erste Band erscheinen konnte (er umfasst das Principium, zwei Quaestiones zum Prolog und die ersten vier Quaestiones des ersten Buches) [2], liegt nun ein Jahr später bereits der zweite Band vor. In ihm finden sich die Quaestiones 5-15 des ersten Buches versammelt, die trinitätstheologische Problemfelder behandeln. Er ist die Frucht eines Gemeinschaftsunternehmens, in das viele (vor allem) jüngere Wissenschaftler eingebunden waren, denen jeweils die Edition einzelner Quaestiones oblag - die Fülle an Editorennamen auf dem Titelblatt spricht in dieser Hinsicht Bände.

Jakobs Kommentar wurde häufiger Heinrich von Langenstein (†1397) zugeschrieben, der als Weltpriester in Paris und Wien lehrte. Hätte man sich etwas näher mit dem auseinandergesetzt, was Jakob von Eltville in Quaestio 11 (Utrum sola immensa natura deitatis alietatem excludat cuiuslibet mutabilitatis) verlautbaren lässt, hätte zumindest die Provenienz aus dem Zisterzienserumfeld deutlich vor Augen gestanden. Man liest dort nämlich, dass "eine jede andere Sache von Gott geschaffen werden wird, ganz so, wie es unser verehrter Vater Bernhard gesagt hat" (quod omnis res alia a Deo est creatura, secundum venerabilem patrem nostrum beatum Bernardum) (178). Mit dem "verehrten Vater Bernhard" ist kein anderer als Bernhard von Clairvaux (†1153) gemeint. In einer Erfurter Handschrift war dies bereits marginal vermerkt worden (Ecce apparet hic quod fuit de ordine Cisterciensi; Nota de autore qui videtur fuisse ordinis beati Bernhardi), ohne aber auf die Person Jakobs von Eltville zu verweisen.

An den kodikologischen Voraussetzungen der Edition hat sich nichts geändert: Für den Kommentar des ersten Buches existiert eine einzige Handschriftenredaktion. 19 Handschriften überliefern den Text vollständig (13) bzw. in Auszügen (6). Grundlage des Editionstextes bilden zwei Handschriften, heute in Erfurt (Universitätsbibliothek, Dep. Erf., CA F. 118, fol. 1ra-98ra) und Saint-Omer (Bibliothèque d'agglomération, 158, fol. 1ra-195rb) verwahrt. Der apparatus criticus vermerkt dabei nicht allein die Stellen, in denen die Lesarten der beiden Handschriften divergieren. Mitberücksichtigt wurden fünf weitere Handschriften. Der auf dieser Grundlage erstellte Apparat hält auch all diejenigen Informationen bereit, die von rezeptionsgeschichtlichem Interesse sind. Ein zweiter Apparat (apparatus fontium) weist die Quellen nach, aus denen Jakob bei der Abfassung seines Kommentars schöpfte.

Ein umfangreicher Bibel- und Quellenindex (Index locorum sacrae scripturae; Index fontium) öffnet nicht nur ein Fenster hinein in die Schreibwerkstatt des Jakob von Eltville, sondern zeugt auch von der Leistungskraft der Bibliothek, die ihm bei der Abfassung des Kommentars zur Verfügung gestanden haben muss.

Die Erforschung mittelalterlicher Sentenzenkommentare ist ein zeitaufwendiges Unterfangen, das enorme Spezialkenntnisse voraussetzt. Einschlägige Datenbanken erleichtern zwar die Kärrnerarbeit der Identifizierung von Zitaten, die Erstellung eines - wie in vorliegendem Falle - äußerst zuverlässigen Editionstextes bleibt aber den Happy few vorbehalten. Nicht nur die Mittelalter-Theologie tut gut daran, sich mit solcherart Texten zu beschäftigen. Auch die "Profanhistorie" wird auf vielerlei Informationen stoßen, die Einblick in die mittelalterliche Lebenswirklichkeit geben. Sentenzenkommentare sind nicht nur eine zentrale Quelle der mittelalterlichen Gelehrsamkeit: Sie erleichtern auch das Verständnis mittelalterlicher Denkweisen und Methoden und fungieren als Sammelbecken gesellschaftlicher und politischer Sachverhalte und Problemlagen. Obwohl theologisch angelegt, behandeln sie Themen mit direktem Bezug zur Lebenswelt: von Fragen zu Herrschaft und Gehorsam, Eigentum, Armut und Zins über Probleme von Ehe, Sexualität und Geschlechterrollen bis hin zur Bewertung von Krieg, Gewalt und Recht. Dadurch werden sie zu wertvollen Quellen für die Kultur-, Sozial-, Rechts- und Mentalitätsgeschichte.

Dem Abschluss des Editionsunternehmens darf man mit Spannung entgegensehen.


Anmerkungen:

[1] Zur Biographie vgl. Monica Brînzei / Christopher Schabel (eds.): The Cistercian James of Eltville (†1393). Author in Paris and Authority in Vienna (= Studia Sententiarum; 3), Turnhout 2018.

[2] Iacobi de Altavilla Lectura in libros Sententiarum, t. 1: Principium, Quaestiones 1-6 (= Corpus Christianorum. Continuation Mediaevalis; 312), ed. by Alexandra Anisie /Monica Brînzei / Luciana Cioca / Christopher D. Schabel, Turnhout 2024.

Ralf Lützelschwab