Rezension über:

Marga Voigt / Jörn Schütrumpf (Hgg.): Clara Zetkin. Die Briefe 1914 bis 1933. Band II: Die Revolutionsbriefe (1919-1923), Berlin: Karl Dietz 2023, XXVIII + 735 S., ISBN 978-3-320-02412-3, EUR 49,90
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Rezension von:
Jens Becker
Düsseldorf
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Empfohlene Zitierweise:
Jens Becker: Rezension von: Marga Voigt / Jörn Schütrumpf (Hgg.): Clara Zetkin. Die Briefe 1914 bis 1933. Band II: Die Revolutionsbriefe (1919-1923), Berlin: Karl Dietz 2023, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 1 [15.01.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/01/39476.html


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Marga Voigt / Jörn Schütrumpf (Hgg.): Clara Zetkin. Die Briefe 1914 bis 1933

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Wenngleich es an wissenschaftlich anspruchsvolleren biografischen Arbeiten über Clara Zetkins bewegtes Leben weiterhin mangelt, bezeugt das ansonsten reichlich vorhandene Schrifttum ihr bedeutsames Wirken. Nach wie vor fungiert sie als Vorbild für allerlei Linke und Feministinnen, die eine Transformation der kapitalistischen Demokratien herbeisehnen. Nicht zuletzt eine nach Zetkin benannte Treuhandstiftung unter dem Dach der Rosa-Luxemburg-Stiftung trägt dazu bei, Zetkins Motto zu befördern: "Ich will dort kämpfen, wo das Leben ist".

Ergänzend dazu vermitteln die auf drei Bände angelegten Briefe der Aktivistin zwischen 1914 und 1933, interessante Einblicke in die Gedanken- und Gefühlwelt der Revolutionärin. Bekannte und weniger bekannte Zeitgenossen rücken so in den Blickpunkt. Die Kriegs- und Revolutionsbriefe, der erste und der zweite Band, vermitteln einen tiefen Einblick über Politikverständnis und Diskussionskultur kommunistischer Funktionäre. Zeigen die bereits 2016 erschienenen Briefe aus der Zeit des Ersten Weltkriegs Zetkin als "markante Persönlichkeit der deutschen Linken" [1], die im regen Austausch mit Genossen und Genossinnen stand, so verstärkt sich dieser Eindruck in den nunmehr vorliegenden Revolutionsbriefen. Ähnliches gilt für die Pluralität der Korrespondenz und die Härte der politischen Auseinandersetzungen. Gleichwohl gehen die Revolutionsbriefe darüber hinaus, denn Zetkin vollzog in dieser Zeit des Umbruchs einen definitiven Bruch nicht nur mit der sozialdemokratischen und linkssozialistischen Arbeiter- und Frauenbewegung oder wichtigen Weggefährten aus der Spartakus- und Konstituierungsphase der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) 1918/19 wie etwa Paul Levi, sondern wandelte sich auch zur loyalen Parteikommunistin. Somit gleicht dieser Brief- und Dokumentenband auch einer Zeitreise in das Zentrum der Kommunistischen Internationale (KI) und den inneren Kreis der KPD. Zu ihren Briefpartnern gehörten sehr bekannte und weniger bekannte internationale Funktionäre wie Wladimir Lenin, Leo Trotzki, Grigorij Sinowjew, Karl Radek, Otto Kuusinen und Jelena Stassova und viele Mitglieder aus dem inneren Zirkel des früheren Spartakusbundes bzw. der KPD. Darunter befanden sich unter anderem Mathilde Jacob, Paul Levi, Zetkins in Moskau lebender Sohn Maxim, Heinrich Brandler, Wilhelm Pieck und Hertha Sturm.

Diese Namen deuten an, dass die Korrespondenz von politischen Zäsuren und persönlichen Schicksalsschlägen gekennzeichnet ist. Lenin schied ab 1922 wegen zahlreicher Schlaganfälle aus, mit Paul Levi brach sie grundlegend wegen dessen anhaltender Kritik an der dilettantischen Märzaktion der KPD 1921 und dessen Publikation von Rosa Luxemburgs "Die Russische Revolution", die stellenweise deutliche Kritik an den Bolschewiki übte. Mit Mathilde Jakob, langjährige engste Vertraute von Luxemburg und enge Mitstreiterin von Zetkin, kam es ebenfalls zum Bruch, weil erstere sich wie Levi weigerte, Rosa Luxemburg als bolschewismuskonforme Märtyrerin zu zeichnen. Radek, Sinowjew und Trotzki fielen den zahlreichen Fraktionskämpfen innerhalb der KPdSU zum Opfer, Brandler und andere Spartakuskämpfer der ersten Stunde wurden 1929 wegen ihrer Kritik an der Stalinisierung der KPD und der KI ausgeschlossen. Zetkin applaudierte oder schwieg im Falle Brandlers und seinen Mitstreitern bestenfalls dazu.

Die "Wandlung des deutschen Kommunismus" (Hermann Weber) ist auch die Wandlung von Clara Zetkin. Entsprechende Disziplinartechniken, auf die Jörn Schütrumpf im Anschluss in seiner sehr knapp gehaltenen Einleitung verweist, hatte Zetkin durch ihr auf protestantische Tugenden setzendes Elternhaus vermittelt bekommen. Sie manifestieren sich in ihrem unermüdlichen Arbeitsethos, politischen Werdegang und ihren politischen Grundüberzeugungen, die sich durch den Weltkrieg und die Revolutionswirren zunehmend radikalisierten. Für diese drei Gesichtspunkte finden sich etliche Hinweise. Im Übrigen zeigen beide Briefbände einen Rigorismus, der auch vor persönlichen Opfern, Krankheit und Isolation nicht zurückschreckte. Am Ende dominiert bei Zetkin ein "Weltanschauungstotalitarismus" (Jochen Staadt), in dem die Parteilinie über allem stand. Exemplarisch zeigte sich das 1922 an einer erregten Debatte zwischen der KI auf der einen und der Sozialistischen bzw. Linkssozialistischen Internationalen auf der anderen Seite. Zetkins grundsätzliche Befürwortung der Todesstrafe für 22 inhaftierte Mitglieder der Sozialrevolutionären Partei (SR), von denen 15 vollstreckt wurden, führte zum finalen Bruch mit langjährigen Mitstreiterinnen aus der sozialistischen Frauenbewegung wie Mathilde Wibaut. Mit Rekurs auf Friedrich Schillers Stück über Wilhelm Tell rechtfertigte sie das Recht der Revolution, Konterrevolutionäre zu liquidieren. Ihre Legitimität stehe über den Wünschen und Wollen, über Leben und Sterben einiger. Sie, Zetkin, wolle lieber mit den Bolschewiki in der Hölle schmoren als mit den "mutlosen" Sozialisten die Revolution zu gefährden (400). Damit ist alles gesagt: der Zweck heiligte die Mittel - die Transformation zur Parteisoldatin war vollzogen.

Neben solchen Funden, die für die weitere Zetkin-Forschung enorm hilfreich sein können, werden die Revolutionsbriefe durch zahlreiche Dokumente nach dem jeweiligen Korrespondenzjahr ergänzt, die Zetkins Wirken zwischen 1919 und 1923 verdeutlichen. So illustrieren unterschiedliche Artikel aus dem Jahr 1919 den Kampf um die Deutungshoheit des Vermächtnisses von Rosa Luxemburg. Geht es nach Zetkin, steht Luxemburg in der Tradition der siegreichen Russischen Revolution von 1917, folgt man Luise Kautsky sah die ermordete Protagonistin die russische Entwicklung differenzierter und skeptischer. Nach der Lektüre fragt sich der Leser, wie der Emanzipations- und Freiheitsgedanke der Arbeiterbewegung, der Zetkin und viele Protagonisten bewog, ihr Leben eben dieser zu widmen, so dermaßen entstellt werden konnte, dass am Ende die Unterwerfung unter eine übergriffige Parteihierarchie und -bürokratie stand.

Abgerundet werden die Revolutionsbriefe durch ein hilfreiches Abkürzungsverzeichnis sowie um ein sachkundiges geografisches und kommentiertes Personenregister. Insgesamt dienen die Revolutionsbriefe als weiterer Baustein für eine - noch zu schreibende - kritische Zetkin-Biografie. Wie im ersten Band haben die Herausgeber interessantes, weitgehend unbekanntes Material herausgesucht, chronologisiert und mit erläuternden Fußnoten versehen, so dass auch Nichtspezialisten etwas mit den Briefen anfangen können, zumal neben den politischen Abgründen auch persönliche Befindlichkeiten und Deutungen zutage treten. Deutlich wird ebenso, dass Clara Zetkin eine glänzende Stilistin und äußerst gebildete Frau war. Auch heutige Leser kommen auf ihre Kosten - die Lektüre lohnt.


Anmerkung:

[1] So Manfred Hanisch in seiner Rezension, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 9; URL: https://sehepunkte.de/2017/09/30089.html

Jens Becker