Herr Professor Schl├Âgl, was verstehen Sie unter 'Kommunikation' in der Fr├╝hen Neuzeit. Welche Aspekte umfasst der Begriff f├╝r Sie?

'Kommunikation' ist in der Geschichtswissenschaft und insbesondere in der Fr├╝hneuzeitforschung zu einem Schl├╝sselreizwort geworden, das Themen generiert, Forschungsfelder strukturiert und Gutachter ├╝berzeugen kann. Im Regelfall geht es dabei um ein alltagssprachliches Verst├Ąndnis von Kommunikation, das die - wie auch immer bewerkstelligte - ├ťbertragung von Informationen meint. Damit wird das wesentliche analytische Potenzial eines sozialwissenschaftlich informierten Kommunikationsbegriffes verschenkt. In den Sozialwissenschaften gibt es mittlerweile eine breite Diskussion, die von George Bateson ├╝ber Paul Watzlawick, Erving Goffman, bis zu Niklas Luhmann und Hans-Paul Bahrdt reicht. Unabh├Ąngig von den unterschiedlichen Perspektiven wird hier darauf aufmerksam macht, dass Kommunikation in sozialer Hinsicht nicht einfach als Transportvorgang zwischen Alter und Ego beschrieben werden kann. Wer sich f├╝r Kommunikation interessiert, beobachtet vielmehr, so die Einsicht, die 'Hervorbringung' von Sinn zwischen den an Kommunikation Beteiligten. Das ist so, weil Alter und Ego f├╝reinander undurchsichtig sind, so dass Ego nicht wissen kann, was Alter aus einer Mitteilung macht, was f├╝r ihn dabei einen Unterschied machen, also zur Information werden wird und wie er diese dann versteht, d.h. sie in seine eigenen Sinnhorizonte einbaut und sie mit den eigenen Erwartungen abgleicht. Erst wenn Alter geantwortet hat, wird der soziale Sinn einer '├äu├čerung' - sprachlich, k├Ârperlich, verschriftlicht oder per mail - f├╝r die Beteiligten greifbar. Was in Kommunikation also geschieht, ist f├╝r beide Seiten in einem hohen Ma├če kontingent und durch Absichten, Motive usw. nur sehr bedingt zu steuern.

Trotzdem gibt es soziale Ordnung. Es gibt Strukturen, Handlungszusammenh├Ąnge, 'Institutionen', in denen Ego mit relativer Sicherheit wissen kann, wie Alter eine Information verstehen und wie er auf sie antworten wird - wie Alter dann auch wei├č, was Ego von ihm erwartet. Gesellschaft kann an dieser Stelle allerdings nicht auf 'gute Absichten', d.h. auf das Bewusstsein der Beteiligten gebaut werden. Das w├Ąre heillos ├╝berfordert mit dieser Aufgabe. Diese Strukturierungs- und Ordnungsleistung muss vielmehr in Kommunikation selbst erbracht werden. Das geschieht durch sprachliche Codierungen, durch Symbole, in denen Situationsdeutungen mit Erwartungen eindeutig verkn├╝pft werden, durch Rituale und performative Gestaltung von Kommunikation. Soziale Ordnung entsteht durch die Formung von Kommunikation. Erst wenn solche Techniken der Formung von Kommunikation verf├╝gbar sind, ist Wiederholbarkeit gesichert, werden Erwartungen erwartbar und man ist dann nicht mehr mit der Stabilisierung von Kommunikation besch├Ąftigt, sondern kann sich anderen Dingen widmen. Gesellschaft kann komplexer werden.

Das ist ein Kommunikationsbegriff, der Historiker nicht in erster Linie auf ein neues Themenfeld verweist, sondern als ein analytischer Elementarbegriff dazu f├╝hren kann, bekannte und auch bereits gut erforschte Themen- und Gegenstandsfelder neu zu sehen. Ich sch├Ątze an ihm vor allem, dass er die Aufmerksamkeit auf die Fragilit├Ąt und Unwahrscheinlichkeit sozialer Strukturbildung lenkt und dazu anregt, nach deren Voraussetzung zu fragen.

Zweitens macht dieser Kommunikationsbegriff darauf aufmerksam, dass Soziales und Bewusstsein ganz verschiedenen Sph├Ąren angeh├Âren. Das mag als eine Trivialit├Ąt erscheinen, die allerdings, wenn man sie ernst nimmt, weit reichende Konsequenzen hat f├╝r das, was einen Historiker interessieren kann. Es werden dann n├Ąmlich Motive und Absichten - auch das handelnde Subjekt und dessen Erlebnisse - in sozialer Hinsicht als Konstrukte sichtbar, die in Kommunikation aus Zuschreibungen entstehen und deswegen historisch wandelbar sind. Insbesondere die Protagonisten einer Richtung der Kulturgeschichte behandeln sie hingegen gerne als die f├╝r Historiker unhintergehbaren ├äu├čerungen eines anthropologischen Subjekts.

Drittens m├╝sste nach meiner Auffassung dieser Begriff der Kommunikation an die Stelle des von den Historikern gew├Âhnlich pr├Ąferierten Begriff des Handelns treten, weil der Kommunikationsbegriff weiter ist und eine Theorie dessen, was Handeln ist, umfasst. Handeln ist Resultat einer speziellen Perspektivierung von Beobachtung in Kommunikation. Handeln wird in Kommunikation dann beobachtbar, wenn Alter die Kommunikation von Ego mit eindeutigen Motiven, Absichten und Strategien verbindet. Alter erlebt dann die Kommunikation von Ego als Handeln. Gewalt schr├Ąnkt den Interpretationsspielraum dabei deutlich ein, aber es kommt immer noch darauf an, ob man Absichten unterstellt oder nicht. Fallweise kann dann auch Gewalt erfahrbar werden, der nur noch mit Gewalt zu begegnen ist. Wahrscheinlich ist es unter anderem das Interesse am gewaltbewehrten politischen Handeln, das diesen Sondertypus sozialer Kommunikation so attraktiv f├╝r Historiker macht und es umgekehrt so sehr erschwert, sich auf den komplizierteren Begriff von Kommunikation einzulassen. Au├čerdem ist man ja auch in der Alltagswelt gelegentlich geneigt, sich selbst als handelnde Person wahrzunehmen.

Viertens schlie├člich lenkt dieser Begriff der Kommunikation die Aufmerksamkeit auf die mediale Dimension des Vergangenen. Es spielt eine wichtige Rolle f├╝r die Formbarkeit von Kommunikation, in welchen Medien sie sich vollzieht, ob Schrift und Druck verf├╝gbar sind und wie man sie verwendet, wie intensiv Rituale und performative Inszenierungen f├╝r die Formung von Kommunikation genutzt werden. Interessant sind dann die Mischverh├Ąltnisse: Woran kann man etwa ablesen, ob Schrift wirklich strukturierende Wirkung f├╝r die Kommunikation in einer Institution hat oder etwa nur in ihrer Aufbewahrungsfunktion genutzt wird?

Dieser Kommunikationsbegriff k├Ânnte in der Fr├╝hneuzeitforschung einiges in Bewegung setzen. Die Innovationskraft liegt meiner Ansicht nach auf verschiedenen Ebenen. Es w├Ąre schon ein Gewinn, wenn die g├Ąngigen Themen- und Gegenstandsfelder kommunikationstheoretisch reformuliert w├╝rden, weil dadurch unter anderem die Bedeutung der medialen Innovationen st├Ąrker ins Bewusstsein treten k├Ânnte. Im Bereich der Reformationsforschung kann man das bereits beobachten, auf anderen Feldern gibt es bislang kaum Anf├Ąnge, die medialen Voraussetzungen sozialer Ordnungsbildung zu thematisieren.

Das ber├╝hrt schon den zweiten Aspekt. Der Kommunikationsbegriff erm├Âglicht insofern einen neuen Blick auf soziale Institutionen und ihre Voraussetzungen, als er klar macht, dass es nicht damit getan ist, dass etwa Verhaltensma├čregeln verschriftlicht werden, sondern es immer um die Formung von Kommunikation durch Medien, Codierungen, Symbole, Rituale usw. geht. Ich glaube, dass man auf diese Weise wieder ein sch├Ąrferes Bewusstsein f├╝r die Historizit├Ąt vieler unserer zentralen Begriffe wie Politik, Macht, Herrschaft, Religion, Konflikt, Kulturkontakt usw. entwickeln k├Ânnte, mit denen wir doch oft Vorstellungen des 19. und 20. Jahrhunderts in die fr├╝he Neuzeit transportieren.

Deswegen sehe ich (drittens) im Kommunikationsbegriff auch eine Chance, die Eigenst├Ąndigkeit der fr├╝hen Neuzeit als einer Transformationsperiode wieder sch├Ąrfer zu fassen. Unter kommunikationstheoretischer Perspektive erscheint die fr├╝hneuzeitliche Gesellschaft gepr├Ągt durch den Umstand, dass soziale Ordnungsbildung zun├Ąchst ├╝berwiegend an Anwesenheit gekn├╝pft ist. Institutionen und Strukturen werden ├╝ber die Formung von Anwesenheitskommunikation durch Rituale, Beschr├Ąnkung von Kommunikationsrechten, Gliederung des Raumes, Figuration des K├Ârpers usw. gebildet. Das setzt der Ausbildung von Organisation oder auch der Etablierung von verfahrensm├Ą├čig hervorgebrachten Entscheidungen enge Grenzen, wie wir durch neuere Forschungen wissen. Der fr├╝hneuzeitliche Hof ist ein gutes Beispiel. Er erweist sich in dieser Perspektive als ein (letztlich gescheitertes) Experiment, in dem getestet wurde, wieviel Staatlichkeit sich mit Anwesenheitskommunikation realisieren lie├č. Das Eigent├╝mliche der fr├╝hen Neuzeit (in Europa) kommt nun dadurch zustande, dass es gleichzeitig auf vielen Feldern gelingt, soziale Strukturbildung von Anwesenheitskommunikation zu emanzipieren. Schrift und Druck tragen wesentlich dazu bei, aber auch die Ausdifferenzierung von institutionellen Zusammenh├Ąngen, in denen Kommunikation durch strikte Codierungen zentraler Rationalit├Ątskriterien gesteuert wird. Die Wirtschaft mit dem Geld geh├Ârt dazu, aber auch Recht oder die (neuzeitliche) Wissenschaft, schlie├člich ebenso die Transformation von Herrschaft in Politik. Dieses Neben- und Ineinander von Interaktionskommunikation und ihrer performativen Strukturierung, von Kommunikation, die ├╝ber Schrift und Druck abl├Ąuft und eigene Probleme der Stabilisierung zu bearbeiten hat, sowie schlie├člich von Kommunikation, die ├╝ber die strenge Codierung von Sinn Berechenbarkeit gewinnt, kennzeichnet neuzeitliche Gesellschaften ├╝berhaupt. Die Besonderheit der fr├╝hen Neuzeit besteht in der Verschiebung im Verh├Ąltnis dieser Kommunikationsformen. Das ist f├╝r die Menschen mit tief greifenden Entfremdungserfahrungen und entsprechenden sozialen Verwerfungen verbunden. Man kann beim derzeitigen Forschungsstand nur vermuten, dass die Ver├Ąnderungen, die sich im Verlauf der fr├╝hen Neuzeit im Verh├Ąltnis dieser Kommunikationstypen ergeben, auch in den Diskursen ├╝ber Handeln und Intentionalit├Ąt nachzuvollziehen sind. Was an den ├äu├čerungen eines K├Ârpers etwa als absichtlich oder als unwillk├╝rlich gedeutet wird, ver├Ąndert sich vom 16. bis zum 18. Jahrhundert ganz erheblich. Ich kann die kommunikationstheoretische Eigent├╝mlichkeit der fr├╝hneuzeitlichen Gesellschaft als Transformationsgesellschaft an dieser Stelle nur andeuten, aber mir scheint, dass hier ein fruchtbarer Ansatzpunkt f├╝r die Frage liegt, ob dieser Typus gesellschaftlicher Strukturbildung vielleicht ein weltgeschichtliches Ph├Ąnomen ist, das sich auch au├čerhalb Europas finden l├Ąsst. Das ist schon deswegen wichtig, weil Europa seit dem 16. Jahrhundert sich die Welt in unterschiedlichster Weise aneignet. Aber auch wenn diese Frage negativ beschieden w├╝rde, w├Ąre der Kommunikationsbegriff f├╝r die historische Erforschung des Kulturkontaktes und der sozialen Ordnung vormoderner nichteurop├Ąischer Gesellschaften ein Gewinn.

Welche methodischen Zug├Ąnge k├Ânnen demzufolge Ihrer Meinung nach unter dem Sammelbegriff 'Kommunikationsgeschichte' subsumiert werden? Und: W├╝rden Sie einem dieser Zug├Ąnge eine Leitfunktion zuweisen wollen?

Es gibt nach meiner Auffassung im strengen Sinn keine 'Kommunikationsgeschichte' als ein neues, separates Themenfeld, sondern nur eine Geschichtswissenschaft, die mit dem Kommunikationsbegriff arbeitet. Weil der Kommunikationsbegriff, an dem ich mich orientiere, eine analytische Kategorie ist, verlangt er keine methodischen Revolutionen, sondern eine Ver├Ąnderung der Kategorien, mit denen Historiker die Vergangenheit beobachten. Sie werden es dann weiterhin mit allen Sinntr├Ągern zu tun haben, die als Quellen und als ├ťberreste ├╝berliefert sind. Eine Ausweitung ergibt sich dabei durch die Aufmerksamkeit f├╝r die mediale Dimension von Kommunikation und das Interesse f├╝r die Formung von Kommunikation. Rituale, performative Inszenierungen, Verfahrensordnungen etc. erhalten neben Bildern ein sehr viel gr├Â├čeres Gewicht. F├╝r deren Analyse ist das Methodeninstrumentarium der Historiker derzeit noch nicht sehr gut entwickelt. Was wir br├Ąuchten, ist eine Methodologie der Analyse kommunikativer Formen.

Wie beurteilen Sie in diesem Kontext die derzeitige Verwendung des Kommunikationsbegriffes in der Historiografie?

Ich glaube, man tut niemandem Unrecht, wenn man sagt, dass die ├╝berwiegende Zahl der Historiker 'Kommunikation' derzeit haupts├Ąchlich als Informations├╝bertragung versteht. Daraus ergibt sich ein neues Themenfeld, das sehr stark technik- und organisationsgeschichtlich strukturiert ist. Deswegen besteht auch offenkundig eine gewisse Anf├Ąlligkeit f├╝r fortschrittsorientierte Teleologien. Ein solches Themenfeld hat seine Berechtigung im Spektrum historischen Forschens, wenn man sich aber darauf beschr├Ąnkt, wird nach meiner Auffassung ein gro├čer Teil des Irritationspotenzials verschenkt, das im Kommunikationsbegriff steckt.

Sie sind also der Auffassung, dass 'Kommunikation' als historiografischer Forschungsbegriff und als Forschungskonzept in der Zukunft fruchtbar sein kann. W├╝rden Sie die eben entwickelten Perspektiven noch weiterspannen?

Mir scheint, das sollte schon klar geworden sein, dass die Geschichtswissenschaft dabei erst am Anfang steht. Die meisten der g├Ąngigen Themenfelder lassen sich kommunikationstheoretisch rekonstruieren.

Ich vermute allerdings, dass die Versuche, dies zu tun, ├╝berschaubar bleiben und Historiker sich mehr auf die Kommunikationsgeschichte im konventionellen Sinn konzentrieren werden. Eine entscheidende H├╝rde in diesem Zusammenhang stellt die enge Verbindung zwischen Erz├Ąhlung und Handlung dar. Historiografisches Erz├Ąhlen (nicht die Geschichte!) braucht Agenten mit Absichten, um Kausalit├Ąten herzustellen und die Ereignisse in einem Sinngewebe miteinander zu verkn├╝pfen. Es wird schon der strukturgeschichtlich orientierten Analyse immer vorgeworfen, dass dort anonyme M├Ąchte und nicht Subjekte handeln - obwohl doch offensichtlich ist, dass auch Einzelereignisse kaum jemals wirklich auf individuelles Handeln zur├╝ck zu rechnen sind. Wer das tut, hat bereits viele Entscheidungen zwischen Alternativen getroffen.

Es w├Ąre einfach, wenn man dieses Problem schlicht darauf zur├╝ckf├╝hren k├Ânnte, dass Historiker sich als Erz├Ąhler verstehen. Leider ist die Lage komplizierter. Man kann in genauen Analysen von Kommunikationssequenzen zeigen, dass soziale Koordination stark an die erz├Ąhlerische Codierung jeweils gerade vergangener Kommunikation gebunden ist. Kommunikation stabilisiert sich, indem sie dem Gesagten und Gemeinten r├╝ckblickend einen Namen gibt, der alle im Vollzug noch herrschende Uneindeutigkeit des Sinns zudeckt und in einer codierten Deutung zusammenfasst, auf die sich dann Alter wie auch Ego f├╝r die weitere Koordination ihrer Erwartungen und Erwartungserwartungen beziehen k├Ânnen. Man kann das als Symbolisierung vorausgehender Kommunikationssequenzen bezeichnen, die erreicht wird, indem eine (eindeutige) Geschichte der laufenden Kommunikation 'erz├Ąhlt' wird. Kommunikation scheint also alle die in sie eingelagerten Kontingenzen und Unwahrscheinlichkeiten dadurch zu ├╝berwinden, dass sie sich f├╝r sich selbst als Kommunikation undurchsichtig macht. Kommunikation kann sich im Vollzug nicht selbst beobachten, au├čer sie schaltet um von Kommunikation auf Handlung und erz├Ąhlt sich eine Vorgeschichte der gerade laufenden Sequenz. Das gilt nicht nur f├╝r Interaktion, sondern auch auf den anderen Ebenen sozialer Ordnungsbildung. Organisationen rekonstruieren ihre interne Geschichte ohnehin als eine Abfolge von Entscheidungen, die bestimmten Entscheidern jeweils zuweisbar sind, und Gesellschaft scheint ├╝ber weite Strecken ├Ąhnlich zu verfahren. Trotz aller sozialwissenschaftlichen Aufkl├Ąrung bleibt daher die erz├Ąhlerische Verkn├╝pfung von Handeln ein dominierender Modus gesellschaftlicher Reflexivit├Ąt und Selbstbeobachtung. Solange deswegen Historiografie damit befasst ist, Sinn in die Geschichte zu bringen und Ereignisse zu einem Netz von Kausalit├Ąten zu verbinden, d├╝rfte es schwer sein, auf Agenten und Geschichten zu verzichten. Der Kommunikationsbegriff hingegen l├Âst Serialit├Ąt in ein Wissen darum auf, dass Zusammenh├Ąnge von Beobachterperspektiven abh├Ąngig sind. An die Stelle von Kausalit├Ąt treten dann Komplexit├Ąt und Emergenz. Die Eindeutigkeit historischer Ph├Ąnomene verliert sich in der Pluralit├Ąt m├Âglichen Sinns.

Selbst wenn man nicht so weit geht, bleibt dem Kommunikationsbegriff, wie ich ihn gerne verwenden m├Âchte, einiges Innovationspotenzial. Er f├╝hrt zu einer Verfl├╝ssigung vieler Begriffe, die f├╝r Historiker oft ontologischen Status gewonnen haben. Ein Beispiel w├Ąre 'Macht': wie muss Kommunikation beschaffen sein, dass jemandem Macht zugeschrieben wird und sich die Machtunterworfenen danach richten - ohne dass Macht ausgespielt wird? Die Frage so zu stellen, er├Âffnet ganz andere Perspektiven, als wenn Macht als soziales Faktum einfach unterstellt wird. Der hier vorgeschlagene Umgang mit dem Kommunikationsbegriff f├╝hrt deswegen haupts├Ąchlich auf die historische Analyse sozialer Ordnungsbildung. Man kann mit ihm beobachten, wie schwierig es beispielsweise in vormodernen Interaktionsgesellschaften ist, Verfahren f├╝r streitiges Entscheiden zu etablieren. In der mikrologischen Analyse einer bestimmten historischen Situation kann er die Sensibilit├Ąt f├╝r die Unsicherheiten und Uneindeutigkeiten sch├Ąrfen, von denen Kommunikation jeweils getragen ist. Er macht bei g├╝nstiger Quellenlage vielleicht auch die Strategien sichtbar, mit denen die Beteiligten der laufenden Kommunikation eine Form geben. Man wird aber dabei fast immer an einen Punkt gef├╝hrt werden, an dem der Sinn geronnen und erstarrt ist und wieder die Geschichte von handelnden Subjekten auftaucht. Es ist deswegen f├╝r Historiker eine Herausforderung, eine Situation als Kommunikation zu beobachten und nicht als Handlungszusammenhang. Aber vielleicht zeichnet sich ja Wissenschaft immer dadurch aus, dass sie versucht, das Kontraintuitive wahrzunehmen.

Bietet sich mit der 'Kommunikation' ein Zugang an, der in der gegenw├Ąrtigen Gro├čdiskussion innerhalb des Fachs zwischen Kultur- und Gesellschaftsgeschichte vermitteln k├Ânnte?

Das scheint mir ganz entschieden so. Kulturgeschichte grenzt sich von Struktur- und Gesellschaftsgeschichte durch den Verweis auf Sinnbildungsprozesse ab. Strukturgeschichte h├Ąlt der Kulturgeschichte umgekehrt ihre mangelnde Synthesef├Ąhigkeit vor. Orientiert man sich am hier skizzierten Kommunikationsbegriff, so wird Kommunikation als rekursiver Sinnbildungsvorgang beobachtbar. Alle Strukturbildung ruht entsprechend auf der Formung von Kommunikation auf - die aber nur in Kommunikation selbst gesichert und stabilisiert werden kann. Niemand in der Gesellschaft 'sorgt daf├╝r', dass es Familien oder Religion gibt. Solche Sinn- und Rationalit├Ątsfelder reproduzieren sich durch die Themen und die Formung von Kommunikation. Strukturen, auch institutionalisierte Handlungszusammenh├Ąnge wie etwa der Staat oder 'Religion' sind daher in diesem Verst├Ąndnis ebenfalls sinnbasiert.

Aber man kann dann auch sehen, dass Kommunikation sich auf unterschiedlichen Ebenen vollzieht. Die institutionell relevante Kommunikation in einer Organisation ist nicht identisch mit der Interaktionskommunikation in der zugeh├Ârigen Kantine. Organisation wird ├╝berhaupt erst m├Âglich, wenn man es schafft, ihre Kommunikation von der Kantinenkommunikation unabh├Ąngig zu machen. Am fr├╝hneuzeitlichen Hof etwa sind solche Differenzierungsprozesse kommunikativer Zusammenh├Ąnge in vielf├Ąltiger Weise zu beobachten. F├╝r die fr├╝hneuzeitliche Stadt erforsche ich das gerade mit einem Mitarbeiterteam in einem gr├Â├čeren Projekt.

Mikro- und Makroperspektive geh├Âren folglich zusammen, sind aber gleichzeitig etwas sehr Verschiedenes. An welcher Stelle man sich befindet, kann man aber meist nur sagen, wenn man auf einen ausgearbeiteten Gesellschaftsbegriff zur├╝ckgreift. Der Begriff der Kommunikation ├Ąndert nicht nur die Vorstellungen von der Konstitution des Sozialen gegen├╝ber handlungstheoretischen Konzepten nachhaltig, er ver├Ąndert auch die Relation zwischen individuellen und gesellschaftlichen Sinnwelten. W├Ąhrend Max Weber (und mit ihm Clifford Geertz) Kultur und subjektiven Sinn in eins setzt, trennt Bourdieu - wie auch Giddens - (gesellschaftliches) Wissen und soziale Praxis. Bourdieu definiert den Habitus als subjektiven Ort der Reproduktion von Strukturen, so dass das Subjekt in seiner Praxisautonomie letztlich im Gravitationszentrum gesellschaftlichen Regelwissens paralysiert ist. Der Kommunikationsbegriff trennt hingegen sozialen und psychischen Sinn und setzt auf diese Weise das Individuum frei - allerdings vertreibt er es aus dem Zentrum der sozialen Welt. Psychische Systeme geh├Âren zur Umwelt des Sozialen, dort wird entschieden, in welcher Weise deren Selektionen relevant werden. Aber immerhin ist ihnen ihr 'Eigensinn' zur├╝ckgegeben und dies sollte f├╝r Historiker, die ├╝ber die Bedingung der M├Âglichkeit sozialer Strukturbildung und ihrer Ver├Ąnderung nachdenken, interessant sein.

Fragen wir abschlie├čend nach dem Verh├Ąltnis von Kommunikation und Epochenbildung. Sind Sie der Auffassung, dass man von 'Kommunikationsrevolution(en)' in der Vormoderne sprechen kann?

Der Kommunikationsbegriff impliziert nat├╝rlich die Frage nach den (wandelbaren) Medien der Kommunikation und deren Bedeutung f├╝r historischen Wandel. Aber ich bin mir nicht sicher, ob 'Revolution' dabei nicht das falsche Signal setzt. Es sind schlie├člich lang laufende Prozesse, bis Schriftlichkeit sich in vormodernen Gesellschaften 'durchsetzt', also in verschiedenen Handlungsbereichen adaptiert wird. Die Konsequenzen sind dann jeweils sehr unterschiedlich. Dasselbe gilt f├╝r den Druck. Noch komplizierter wird es, wenn man Interaktionskommunikation einbezieht und etwa das Verh├Ąltnis von Schrift, Druck und Interaktion in speziellen Organisations- oder Handlungszusammenh├Ąngen betrachtet. Dann wird schnell klar, dass sich die Konsequenzen der Drucktechnik in ganz unterschiedlicher Geschwindigkeit bemerkbar machen. Man braucht nur den Hof und die konfessionelle Institutionalisierung von Religion in dieser Hinsicht zu vergleichen. Von 'Revolutionen' wird man deswegen nur sprechen k├Ânnen, wenn man voraussetzt, dass die Verf├╝gbarkeit einer Technik gleich bedeutend mit ihrer Nutzung sei und diese Nutzung immer die n├Ąmlichen kommunikativen und strukturellen Konsequenzen habe. Solche Fragen nach fundamentalen Br├╝chen in den Formen der Strukturbildung kann man nach meiner Auffassung nur hinsichtlich der Gesellschaft als Gesamtzusammenhang stellen. Aber auch hier hat man es dann eher mit komplizierten Transformationsprozessen zu tun als mit Br├╝chen. Man kann aber andererseits mit Gewinn dar├╝ber nachdenken, was es f├╝r eine Gesellschaft bedeutet, wenn sich das Bed├╝rfnis durchsetzt, 'Kommunikationsrevolution' als zentralen Begriff der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung zu w├Ąhlen oder ├╝berhaupt Formen der Kommunikation zu thematisieren. Der fr├╝hneuzeitliche Diskurs ├╝ber die Probleme der schriftlichen und der Interaktionskommunikation ist hier signifikant oder dann der Umstand, dass seit dem 18. Jahrhundert die 'Kommunikationsrevolution' tats├Ąchlich ein wichtiger Begriff gesellschaftlicher Selbstthematisierung wird.

Wenn man Kommunikationsgeschichte (und deren Erforschung) als einen ├╝berepochalen Prozess begreift, welchen Einfluss k├Ânnten die hier zu erzielenden Ergebnisse auf das Verst├Ąndnis von Epochenschwellen haben? Erwarten Sie hier Nivellierungen?

Ich bin mir nicht sicher, ob es an dieser Stelle wirklich zu Ver├Ąnderungen kommen wird. Auch wenn man analytisch sagen kann, was die Drucktechnik f├╝r Kommunikation bedeutet und welche Probleme sie macht, wei├č man noch nicht, wie sie dann tats├Ąchlich in spezifischen historischen Konstellationen genutzt wird. Aus der Verf├╝gbarkeit der Drucktechnik folgt noch nicht, dass politische ├ľffentlichkeiten entstehen oder 'moderne' Formen der gesellschaftlichen Produktion und Distribution von Wissen. Insbesondere der globale Vergleich der Kulturen, denken Sie etwa an Chinas Druckwesen, mahnt an dieser Stelle zur Vorsicht. Deswegen sind kommunikative Formen und die Medien, von denen diese getragen sind, nur ein Parameter - wenngleich ein zentraler - in komplexen sozialen Gef├╝gen, die man dann in ihrer Gesamtheit charakterisieren muss, um zu einigerma├čen ├╝berzeugenden Epochengrenzen zu kommen. Wie eine Gesellschaft in ihren Strukturmustern aussieht, daf├╝r sind noch viele andere institutionelle und soziale 'Erfindungen' ausschlaggebend und vor allem deren jeweils spezifische historische Kombination. Es scheint mir deswegen f├╝r Historiker nicht sinnvoll, eine Epoche der Schriftlichkeit, der Drucktechnik oder der elektronischen Medien usw. zu definieren. Das setzt auch einen sehr technizistischen Medienbegriff voraus, der sich nicht mit einem komplexen Kommunikationsbegriff vertr├Ągt. Dieser Kommunikationsbegriff w├╝rde es z.B. nahe legen, den Raum und den K├Ârper als Medien, die in der Vormoderne eine gro├če Bedeutung f├╝r die Gestaltung sozialer Konfiguration haben, zu betrachten, oder ├╝berhaupt nach der Bedeutung von Anwesenheitskommunikation (Interaktion) f├╝r bestimmte historische Konstellationen zu fragen.

Au├čerdem wissen wir, dass die bei uns ├╝bliche Epochengliederung neben ihrem heuristischen Wert haupts├Ąchlich die Funktion hat, historische Professionalit├Ąt zu strukturieren und das Fach institutionell und sozial zu gliedern. Deswegen wird der Kommunikationsbegriff - wie immer man ihn benutzt - auch nicht dazu f├╝hren, dass die 'Epochenscheide' zwischen Mittelalter und Neuzeit verschwindet. In der Forschung spielt sie auf bestimmten Feldern ohnehin schon lange keine wirklich wichtige Rolle mehr.

Die entscheidende Verschiebung sehe ich an anderer Stelle. Der Kommunikationsbegriff hat eine wichtige Vermittlungsfunktion zwischen den verschiedenen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen ├╝bernommen. Er ist damit ein Indikator daf├╝r, dass die zunehmende fachinterne Spezialisierung der Forschung mit Ver├Ąnderungen im Spektrum der F├Ącher verbunden ist. Wenn wir von Kulturwissenschaft sprechen, ist diese neue Unsch├Ąrfe der disziplin├Ąren Grenzen gemeint. In der institutionalisierten Verbundforschung geht man best├Ąndig mit der Verfl├╝ssigung disziplin├Ąrer Grenzen um. Es wird deswegen einerseits darauf ankommen, dass wir ├╝ber solche interdisziplin├Ąr angelegten Begriffe verf├╝gen. Gleichzeitig m├╝ssen wir sie aus der Perspektive unseres Faches fassen k├Ânnen. Wir m├╝ssen sie uns buchst├Ąblich aneignen. Das ist mit theoretischer Anstrengung verbunden. Im Falle des Kommunikationsbegriffes w├Ąre sie f├╝r Historiker ├╝beraus lohnend, wie mir scheint.

Herr Professor Schl├Âgl, vielen Dank f├╝r dieses Interview.

Das E-Mail-Interview f├╝hrten Ute Lotz-Heumann und Holger Zaunst├Âck im Juli 2004.

Empfohlene Zitierweise:

Perspektiven kommunikationsgeschichtlicher Forschung. Ein E-Mail-Interview mit Prof. Dr. Rudolf Schl├Âgl, Konstanz , in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 9 [10.09.2004], URL: <http://www.sehepunkte.de/2004/09/interview.html>

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