Der Dolopathos von Johannes von Haute-Seille von ca. 1200 erweist sich aus verschiedentlicher Sicht als ein außerordentlich wichtiges hochmittelalterliches Werk, das eine viel breitere Bekanntheit als bisher verdient, weswegen die deutsche Übersetzung durch Jan Müller uneingeschränkt zu begrüßen ist. Die Forschung hat sich schon recht intensiv mit dem Dolopathos auseinandergesetzt, wie die zwei kritischen Editionen (Hermann Oesterley, 1873; Alfons Hilka, 1913) und mehrere Übersetzungen ins Englische, Italienische und Französische bestätigen. Aber trotz einiger Bemühungen, die wiederum zu starken Kontroversen geführt haben, steht die umfassendere Behandlung dieser Dichtung noch aus. Wenn uns eine Taschenbuchausgabe zur Verfügung gestellt werden könnte, beständen viele Möglichkeiten, den Dolopathos in sehr unterschiedliche Seminare zu integrieren. Wenngleich zunächst 'nur' ein literarischer Text, erweist sich doch seine Aussagekraft für die globale Kulturwissenschaft als beträchtlich.
Johannes war ein Zisterziensermönch und offensichtlich nicht abgeneigt, eine extrem misogyne Perspektive einzunehmen. Dies betrifft insbesondere die Person der böswilligen Königin, die mit aller Macht und tiefer Frustration danach strebt, ihren Schwiegersohn Lucinius, der ihrem sexuellen Verführungsversuch widerstanden hat, der versuchten Vergewaltigung zu bezichtigen, was auf das biblische Motiv von 'Potiphars Frau' zurückgeht, das vielfach in der Literatur des Mittelalters aufgegriffen worden ist (siehe z.B. Marie de France, Lanval). Den sieben Weisen gelingt es jedoch über sieben Tage hinweg, Erzählungen anzubieten, wodurch sie jeweils einen Tag Aufschub der Hinrichtung erzielen. In manchen Versionen des Dolopathos, nicht hier freilich, präsentiert aber die Königin immer eine Gegenerzählung, um genau dies zu verhindern. Am Ende tritt jedoch, jedenfalls in Johannes' Vorlage und seiner Version, Vergil auf und kann durch seine Erzählung den wahren Sachverhalt an den Tag bringen, was dazu führt, dass Lucinius freigesetzt wird und sowohl seine Sprache als auch seine Anerkennung wiedergewinnt. Die Königin und ihre Hofdamen aber werden ins Feuer geworfen, was ihr Schicksal besiegelt.
Wäre also der Dolopathos als literarisches Zeugnis dafür anzusehen, dass der Autor stark von Misogynie beherrscht war? Auf den ersten Blick könnte dies zutreffen, aber Müller weist darauf hin, dass Johannes als Mönch generell das Ideal der Keuschheit vertrat und somit generell vor der Ehe warnen wollte. Zudem findet sich in den einzelnen Erzählungen eine ganze Reihe von anderen Frauenfiguren, die hohe Anerkennung genießen und würdig und treu auftreten, wozu u.a. auch Lucinius' biologische Mutter zu rechnen wäre. Wir müssen also sowohl hier als auch in vielen anderen literarischen Werken des Mittelalters viel vorsichtiger vorgehen und zu differenzieren lernen, wie es sich z.B. bei den Verserzählungen des Strickers deutlich zeigt.[1] Außerdem handelt es sich bei dieser extrem böswillig handelnden Figur der Stiefmutter um eine gänzlich stereotype Gestalt, wie sie oft in Märchen auftaucht, was den Vorwurf der Stereotypie bei Johannes weiter unterminiert und uns zwingt, seine Vorstellung von Frauen erheblich zu differenzieren.
Noch bedeutsamer ist, worauf uns Müller ausgiebig in der sehr wertvollen Einleitung aufmerksam macht, dass es sich beim Dolopathos bzw. den Sieben weisen Meistern um eine enorm in sich verschachtelte Erzählung handelt (Rahmen- und Binnenhandlung), die einiges an geistiger Beweglichkeit auf Seiten des Lesers voraussetzt.[2] Dies war aber nicht bloß ein Meisterstreich des Autors der lateinischen Quelle, sondern die geniale Idee eines Autors aus dem persischen oder indischen Kulturkreis. Es liegen zahllose Varianten bzw. Versionen vor, die eindeutig belegen, wie stark der literarische Austausch zwischen Ost und West gewesen sein muss, wobei hebräische Übersetzungen, wie es sich jetzt besser erkennen lässt, eine wesentliche Schlüsselrolle gespielt zu haben scheinen. Müller weist auf einige Parallelprojekte hin, wo orientalische Quellen in westliche Sprachen übersetzt wurden oder das Erzählmodell aufgegriffen und weiterverfolgt haben, so Petrus Alfonsis Disciplina clericalis, Caesarius von Heisterbachs Dialogus miraculorum und die anonym überlieferten Gesta Romanorum. Hinzuzufügen wären noch Boccaccios Decamerone oder die anonyme Erzählsammlung Les Cent Nouvelles Nouvelles, womit wir uns aber bereits im Spätmittelalter befinden.
In der Einleitung werden die wichtigsten relevanten Aspekte zur Biographie des Johannes und zur kritischen Betrachtung des Dolopathos präsentiert. Dazu gehören: Autor und Werk, Stoff und Themen, Text und Übersetzung und das Nachwort. Der lateinische Text erscheint auf der linken, die deutsche Übersetzung auf der rechten Seite. Darauf folgen der umfassende Kommentar, ein Abkürzungsverzeichnis und die Bibliographie. Bedauerlicherweise fehlt ein Index, was die Suche nach wichtigen Namen oder Werktiteln schwierig macht. Ein Verzeichnis der relevanten Sujets wäre auch sehr willkommen gewesen.
Die Übersetzung liest sich flüssig, und da auf beiden Seiten stets die Kapitelnummern eingefügt sind, lässt sich leicht ein Vergleich beider Texte durchführen. Stichproben ergaben keinerlei Probleme in der Übersetzung. Insgesamt kann man diese Neuausgabe zusammen mit der deutschen Wiedergabe nur begrüßen; damit ist uns ein doch viel zu wenig bekanntes Meisterwerk der Weltliteratur viel näher gebracht worden.
Anmerkungen:
[1] Siehe dazu jetzt Albrecht Classen: Violence against Wives and Violence against Husbands: The Dialectical Problematics of Married Life in the Thirteenth-Century Verse Narratives by Der Stricker, in: Current Research Journal of Social Sciences and Humanities 9.2 (Dez. 2026): online: https://bit.ly/46BUUlb.
[2] Vgl. dazu Sabine Obermaier: Das Fabelbuch als Rahmenerzählung, Heidelberg 2004, auch wenn sie sich mit dem Buch der Beispiele der alten Weisen, also einer Parallelerzähltradition beschäftigt (hier nicht konsultiert).
Johannes von Haute-Seille: Dolopathos. Sive: De rege et septem sapientibus. Oder: Vom König und den sieben Weisen. Eingel., übers. u. komm. v. Jan Müller (= Mittellateinische Bibliothek; Bd. 15), Stuttgart: Anton Hiersemann 2026, LXXII + 269 S., ISBN 978-3-7772-2521-0, EUR 98,00
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