sehepunkte 26 (2026), Nr. 10

Richard E. Frankel: Antisemitismus vor dem Holocaust

Bereits im Untertitel seines Buches kündigt Richard E. Frankel an, er wolle eine "Neubewertung" der Geschichte und Bedeutung des Antisemitismus in den USA und Deutschland vor dem Holocaust vornehmen [1]. Der Band versammelt Aufsätze, die bereits zu anderen Gelegenheiten publiziert wurden. Sein großer Gewinn für den Leser besteht in vielen Details zur Geschichte des Antisemitismus in den USA, die in Deutschland kaum bekannt sind.

Seine Antisemitismusdefinition übernimmt der Professor für moderne Geschichte an der University of Louisiana at Lafayette vom kanadischen Historiker Gavin Langmuir. Antisemitismus existiert danach als fremdenfeindliches Vorurteil und als chimärenhafte Projektion, die aus dem Christentum stamme. Eine der chimärenhaften Projektionen konstruiere Juden als eigenständige und minderwertige "Rasse" (15). Eine zweite beschuldige Juden, eine "jüdische Weltherrschaft" (15) herbeiführen zu wollen.

Im ersten Kapitel verwendet Frankel das Konzept des fremdenfeindlichen Antisemitismus und setzt die Behandlung osteuropäischer Juden an der deutschen Grenze mit der von chinesischen Einwanderern in den Vereinigten Staaten zwischen 1880 und 1914 gleich. Juden und Chinesen hätten in den USA und in Deutschland jeweils die Ängste vor der Globalisierung verkörpert.

Das zweite Kapitel wendet sich von Grenzkontrollen ab und anderen Sphären gesellschaftlicher Diskriminierung in den USA und Deutschland im selben Zeitraum zu: Hotels, Ferienanlagen und soziale Vereinigungen. Insbesondere zeigt Frankel die subtilen Mechanismen der Ausgrenzung in den USA, die dort trotz einer, in Deutschland damals nicht vorhandenen, Trennung von Religion, Kirche und Staat existierten.

Im umfangreichsten dritten Kapitel behandelt Frankel die Jahre 1914 bis 1923. Hier verwendet er zum ersten Mal das Konzept eines chimärenhaften Antisemitismus. Der Autor zeigt, dass Juden in Deutschland mit Begeisterung in den Ersten Weltkrieg zogen und hofften, dass dieses Opfer ihre volle Zugehörigkeit zur Nation bestätigen würde. Diese Hoffnung wurde spätestens mit der Dolchstoßlegende zunichte gemacht. Auch in den USA beteiligten sich Juden am Krieg, um ihren gesellschaftlichen Status abzusichern. Aber auch hier wurden diese Hoffnungen enttäuscht, wie Frankel an vielen Beispielen zeigt. In den USA setzte sich die Erwartung durch, dass ein echter Amerikaner sich von seiner Herkunft löse und sich vollkommen mit den USA identifiziere.

Das vierte Kapitel vergleicht Henry Fords Zeitung The Dearborn Independent mit dem nationalsozialistischen Völkischer Beobachter. Dabei unterstreicht Frankel vor allem, dass Henry Fords Zeitung kein Produkt aus Europa war, sondern ganz auf amerikanische Vorstellungen zurückging. Chimärenhaften Antisemitismus, so die Schlussfolgerung, gab es also nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA.

Im fünften Kapitel betont die der Autor, die Bedeutung der Weltwirtschaftskrise für die USA. Insbesondere verweist Frankel auf die antisemitischen Angriffe auf Franklin D. Roosevelt, dessen Politik eines New Deal als Zeichen jüdischer Vorherrschaft und sozialistischer Verschwörung angegriffen wurde. Frankel will deutlich machen, dass der "amerikanische Antisemitismus keineswegs davor gefeit war, den gleichen Weg der brutalen Judenvernichtung einzuschlagen, wie Deutschland ihn in Europa durchexerziert hat" (156).

Das sechste Kapitel wirkt falsch platziert. Hier behandelt Frankel ein Phänomen, das zeitlich vor dem vorherigen Kapitel angesiedelt ist. Es geht um eine 1925 in Deutschland gegründete Organisation, die sich am amerikanischen Ku-Klux-Klan orientierte. Sie wurde von drei Amerikanern geführt, hatte aber in Deutschland keinen großen Erfolg. Für Frankels Argumentation ist das Kapitel bedeutsam, weil er demonstrieren will, dass es in Deutschland auch einen importierten chimärenhaften Antisemitismus gegeben habe, der sich auf die Kategorisierung von Juden als Rasse bezog.

Der hier besprochene Band gehört in die lange Reihe von Büchern, die Theorien von einem deutschen Sonderweg, wie sie zum Beispiel Ralf Dahrendorf formulierte, ebenso ablehnen wie die eines amerikanischen Exzeptionalismus, wie ihn Seymour Martin Lipset postulierte.

Frankels Widerspruch steht jedoch auf tönernen Füßen. Die Darlegung, dass es auch in den USA mehr Antisemitismus gab als bislang in Publizistik und Wissenschaft zu Kenntnis genommen, belegt noch nicht, dass Antisemitismus dort in derselben Weise dem gesellschaftlichen Selbstverständnis angehörte, wie das in Deutschland der Fall war.

Auch Frankels dreigliedrige Antisemitismusdefinition ist problematisch. Spätestens nach dem Holocaust ist die Essenz des Antisemitismus bekannt. Die neuere wissenschaftliche Recherche und Diskussion hat längst gezeigt, dass auch die von Frankel als fremdenfeindlich konstruierte Form des Antisemitismus ihre Quellen in der christlichen Judenfeindschaft hatte und deshalb nicht mit Formen von Rassismus gleichgesetzt werden kann. [2] Forscher können sich heute nicht in die Zeit vor dem Zivilisationsbruch zurückversetzen, in der Antisemitismus oft lediglich als eine nicht auf Vernichtung von Juden angelegte Form der Fremdenfeindlichkeit angesehen wurde.


Anmerkungen:

[1] Das Buch ist bereits vor drei Jahren auf Englisch erschienen: Richard E. Frankel: Antisemitism Before the Holocaust. Re-Evaluating Antisemitic Exeptionalism in Germany and the United States, 1880-1945, New York / Abingdon 2023.

[2] Siehe insbesondere: Hyam Maccoby: Antisemitism and Modernity. Innovation and Continuity, London 2006.

Rezension über:

Richard E. Frankel: Antisemitismus vor dem Holocaust. Deutschland und die Vereinigten Staaten im Vergleich. Eine Neubewertung (= Studien zum Antisemitismus in Europa; Bd. 17), Berlin: Metropol 2026, 192 S., ISBN 978-3-86331-836-9, EUR 22,00

Rezension von:
Martin Jander
Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Martin Jander: Rezension von: Richard E. Frankel: Antisemitismus vor dem Holocaust. Deutschland und die Vereinigten Staaten im Vergleich. Eine Neubewertung, Berlin: Metropol 2026, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 10 [15.10.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/10/41239.html


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