sehepunkte 26 (2026), Nr. 10

Herbert Karner / Martina Stercken (Hgg.): Habsburg kartieren

1529 belagerte ein osmanisches Heer erstmals Wien, ohne die Stadt einnehmen zu können. Bereits ein Jahr darauf ließ der seit 1525 lutherische Rat der Reichsstadt Nürnberg eine großformatige Vogelschauansicht der Belagerung anfertigen, geschaffen von dem Drucker Niclas Meldeman (gestorben 1552). Wie Martin Scheutz in seinem Beitrag zum Sammelband "Habsburg kartieren. Schriftbildliche Entwürfe von Herrschaft im 16. und 17. Jahrhundert" zeigt, war dieser Auftrag für Meldeman ebenso politisch wie kartografisch motiviert: Gegenüber Ferdinand I. (1503-1564), dem Bruder Kaiser Karls V. (1500-1558) und designierten Herrscher über die österreichischen Erblande, sollte damit Loyalität demonstriert werden - ungeachtet (oder gerade wegen) der konfessionspolitischen Differenzen zwischen dem lutherischen Nürnberg und dem katholischen Herrscherhaus. Der teure Druck, den sich der verarmte Meldeman von der Stadt vorstrecken ließ, zeigt neben dem Wappen Wiens auch das Wappen Nürnbergs, ein Beleg für das Netzwerk und Narrativ, in das sich die Reichsstadt mit diesem Geschenk einschrieb.

Das Beispiel von Meldemans Ansicht verdeutlicht das Anliegen des Sammelbands und seiner sieben Beiträge: sich der Frage zu widmen, wie Herrschaftsräume der Habsburger im 16. und 17. Jahrhundert sichtbar gemacht wurden und welche Rolle dabei Karten und verwandte Medien spielten. Der Band geht auf einen 2022 veranstalteten Workshop zurück und eröffnet die neue Reihe "KartenRäume / Mapping Worlds". Von der Forschungsperspektive reiht sich der Band in eine seit den 1980er Jahren gewachsene Forschungstradition ein, die Karten nicht als neutrale Abbilder von Raum, sondern als kulturelle und politische Konstruktionen begreift. Zu den zentralen Impulsgebern dieser Tradition zählen die Arbeiten des britischen Kartographiehistorikers John Brian Harley (1932-1991), auf die sich auch die Herausgeber in ihrer Einleitung beziehen. Zugleich bleibt der Band nicht bei den von Harley angestoßenen Fragestellungen stehen, sondern verbindet diese mit neueren Ansätzen der Kartografie-, Raum- und Wissensgeschichte. Die Beiträge greifen damit einen etablierten Referenzrahmen auf, entwickeln ihn jedoch durch aktuelle Forschungsperspektiven weiter.

Wie ergiebig ein auf Harley basierender Zugriff im Verbund mit neueren Forschungsperspektiven sein kann, zeigt der Beitrag von Martina Stercken über den habsburgischen Anspruch auf im 15. Jahrhundert an die Eidgenossenschaft verlorene Stammlande. Sie vergleicht den handschriftlichen "Fuggerschen Ehrenspiegel" von 1555 mit dem gedruckten Atlas der österreichischen Länder, den der Wiener Arzt und Historiograf Wolfgang Lazius (1514-1565) 1561 vorlegte. Beide Werke, so Stercken, verschränken räumliche und zeitliche Dimensionen von Herrschaft: Während der "Ehrenspiegel" den verlorenen Besitz mit farbigen Bildern und historiografischen Texten spektakulär inszeniert, integrieren Lazius' Karten die Region unauffälliger in den habsburgischen Herrschaftsraum, indem Ortsnamen und historische Anmerkungen auf die frühere Herrschaft verweisen. Solche Beobachtungen zu Raum und Zeit als miteinander verschränkten Kategorien kartografischer Herrschaftsdarstellung knüpfen an Diskussionen zur Raumzeitlichkeit in der Raumgeschichte beziehungsweise Spatial History an.

Ein zweites prominentes Thema des Bandes ist das Zusammenspiel unterschiedlicher Medien bei der Konstruktion eines "Landbildes". Robert Šimůnek verfolgt dies am Beispiel des Königreichs Böhmen zwischen 1520 und 1720 und zeigt, wie gedruckte Karten, Landesbeschreibungen und Stadtansichten miteinander verbunden wurden, um ein Bild eines Raums zu erzeugen, das reale Verhältnisse mit einem idealisierten Anspruch verband.

Einen methodisch interessanten Akzent setzt Tanja Michalsky mit ihrer Untersuchung der großformatigen Ansicht Neapels von Alessandro Baratta (gestorben nach 1637) (1629 / 1670). Sie liest die Ansicht als politische Aussage über die Herrschaft der spanischen Vizekönige und zeigt an einer digitalen, an der Bibliotheca Hertziana erarbeiteten Annotation des Bildes, wie sich Detailanalyse und Gesamtaussage einer solchen Stadtansicht am Bildschirm miteinander verbinden lassen, ohne dass (wie im gedruckten Ausschnitt) der Zusammenhang verloren geht.

Die Stärke des Bandes liegt gerade in dieser Vielfalt der behandelten Quellen zur Konstruktion räumlicher Herrschaft von der handschriftlichen Chronik über die gedruckte Karte bis hin zur Stadtansicht, und auch in der geografischen Breite der Beispiele, die von der heutigen Schweiz über Österreich und Böhmen bis nach Ungarn und Neapel reichen. Positiv ist zudem die internationale Zusammensetzung der Autorinnen und Autoren, unter denen mit Robert Šimůnek sowie Katalin Szende und Bálint Lakatos auch tschechische und ungarische Forschungsperspektiven vertreten sind, die die deutschsprachige Forschung zu den Habsburgern und den von ihnen beherrschten Räumen erweitern.

Die im Band versammelten Beiträge betrachten die Konstruktion von Herrschaft in und durch Karten dabei überwiegend aus der Perspektive der Auftraggeber und Verfasser der Karten und verwandten Medien - Gelehrte, Höfe oder Stadträte, die mit Karten und verwandten Medien ein bestimmtes Bild der habsburgischen Herrschaftsräume entwerfen und verbreiten wollten. Daraus ergibt sich für künftige Forschung ein Anschlusspunkt: die Frage, ob und wie ein solches, medial erzeugtes Bild von Herrschaft auch im gelebten Raum vor Ort reproduziert oder durchgesetzt wurde. Ein Beispiel für eine dabei denkbare Erweiterung des Blicks liegt in der Verwaltungskartografie, wie sie in dieser Zeit auch andernorts entstand: Die schwedische Landvermessung des 17. Jahrhunderts, deren "geometriska jordeböcker" ganze Gemarkungen in einem großen Maßstab erfassten, zeigt, wie eng kartografische Herrschaftsvermittlung und praktische Verwaltung vor Ort miteinander verbunden sein konnten. Ein Bild von Herrschaft musste eben nicht nur medial erzeugt, sondern auch "on the ground" durchgesetzt werden; etwa dort, wo Grenzen nicht allein kartografisch behauptet, sondern durch ein entsprechendes Grenzregime tatsächlich durchgesetzt werden mussten. Mit dem "Bauernkartographen" Peter Anich (1723-1766) (der unter anderem Gegenstand des 2024 erschienenen Sammelbands "Peter Anich CCCI - Raumwissen im Wandel: 1723-2024" ist) liegt zudem ein besonders anschauliches Beispiel für eine Produktion von Raumwissen abseits gelehrter und höfischer Eliten in einem von den Habsburgern beherrschten Raum vor; auch wenn dieser Fall zeitlich außerhalb des vom vorliegenden Sammelband behandelten 16. und 17. Jahrhunderts liegt.

Der Sammelband leistet einen wichtigen und vielschichtigen Beitrag zur Kartografiegeschichte der Dynastie der Habsburger und der von ihnen beherrschten Räume in der Frühen Neuzeit. Als erster Band der neuen Reihe "KartenRäume / Mapping Worlds" setzt er damit einen vielversprechenden Auftakt, dessen Fortsetzung mit Interesse zu erwarten ist.

Rezension über:

Herbert Karner / Martina Stercken (Hgg.): Habsburg kartieren. Schriftbildliche Entwürfe von Herrschaft im 16. und 17. Jahrhundert (= KartenRäume/ Mapping Worlds; 1), Berlin: De Gruyter 2024, 197 S., 56 Farb-, 5 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-111736-2, EUR 99,95

Rezension von:
Simon Franzen
Universitetsbiblioteket, UiT Norges Arktiske Universitet, Tromsø
Empfohlene Zitierweise:
Simon Franzen: Rezension von: Herbert Karner / Martina Stercken (Hgg.): Habsburg kartieren. Schriftbildliche Entwürfe von Herrschaft im 16. und 17. Jahrhundert, Berlin: De Gruyter 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 10 [15.10.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/10/39575.html


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