Frankreich hat "sich über Jahrhunderte eine Geschichte erzählt, deren personalisierter und unabwendbarer Held es selber ist" - diese von Serge July übernommene Einschätzung (543) könnte als Leitmotiv des Buches stehen. Dass Frankreich den Abstieg von der Groß- zur Mittelmacht nicht verarbeitet habe, das ist die These, die Klaus Kellmann auf 648 Seiten in einem historischen Durchgang entwickelt - von der Dreyfus-Affäre bis zur Haushaltskrise 2025. Kellmann behauptet nicht nur einen psychologischen, sondern einen strukturellen Befund: Das Festhalten an der exception française, dem Anspruch auf kulturelle, zivilisatorische und politische Sonderstellung, hat laut Kellmann das Verhältnis zu Deutschland und die europäische Politik Frankreichs über mehr als ein Jahrhundert systematisch verzerrt. Er argumentiert, dass Frankreichs strukturelle Unfähigkeit, den eigenen Bedeutungsverlust anzuerkennen, das deutsch-französische Tandem dauerhaft asymmetrisch hält - und dass Europa genau in dem Moment, in dem es als eigenständiger Akteur gegenüber Washington, Moskau und Peking auftreten müsste, an dieser uneingestandenen Machtfrage scheitert.
Kellmann eröffnet mit der Dreyfus-Affäre. Dessen Unschuld war den entscheidenden Akteuren früh bekannt; die Staatslüge wurde trotzdem aufrechterhalten, weil das Militärprestige und der Anspruch auf nationale Unfehlbarkeit es verlangten. Der Antisemitismus, den die Affäre sichtbar machte, entstand nicht aus ihr, sondern fand in ihr seine gesellschaftliche Dramaturgie - mit Drumonts "La France juive" als Vorgeschichte, Maurras' Action française als direkter institutioneller Folge, Vichy als fernerer. Das Kapitel etabliert damit den Mechanismus, der das weitere Buch durchzieht: Wissen um eine unbequeme Wahrheit, Verweigerung der Konsequenz, Selbstimmunisierung durch ein Narrativ. Das ist die Grundspannung der exception française, und sie kehrt in jedem nachfolgenden Kapitel wieder.
Das Kapitel zum Ersten Weltkrieg ist historiografisch ungewohnt. Kellmann belegt auf der Grundlage von Quai-d'Orsay-Akten und Poincarés eigenen Äußerungen, dass Frankreich seit 1912 aktiv auf eine Konfrontation hinarbeitete - mit dem automatischen Kriegseintritt bei jeder deutschen Mobilmachung als bewusst gesetztem Mechanismus, mit einer massiven Finanzierung des russischen Eisenbahnnetzes zur Beschleunigung der Mobilmachung im Kriegsfall, und in Kenntnis des Schlieffenplans seit 1904. Die Unterscheidung, die Kellmann mit Rainer F. Schmidt trifft, ist differenziert: Kriegsprovokation durch Paris, Kriegsauslösung durch Berlin. Eine solche Argumentation erschüttert das Selbstbild Frankreichs als rein defensiver Macht - eine der tragenden Säulen der exception française - und erklärt, warum Versailles für Frankreich keine Friedensregelung, sondern die Einlösung eines lang aufgebauten Anspruchs war.
Das Versailles-Kapitel zieht die Konsequenz: Clemenceau setzte gegen Wilson und Lloyd George ein Präliminardiktat durch, das Deutschland nicht befrieden, sondern dauerhaft nachrangig halten sollte. Kellmann zeigt, dass Frankreich damit die Bedingungen für den nächsten Krieg mit schuf, obwohl es den Status quo zu sichern beabsichtigte - das erste historische Scheitern des Traums von der Großmacht.
Das Kapitel zur Kollaboration behandelt Vichy nicht als Ausnahmezustand, sondern als Kontinuität. Die antirepublikanischen, antisemitischen Kräfte bekamen in Pétains État français ihre Stunde. Kellmann zeigt, dass die Deportation der Juden von der französischen Verwaltung aktiv betrieben wurde, nicht nur geduldet. Der zweite Argumentationsstrang ist erinnerungspolitisch: De Gaulles Mythos der nation résistante war nicht historische Naivität, sondern strategische Konstruktion - Frankreich brauchte die Fiktion der geschlossen widerständigen Nation als Fundament für den Anspruch auf den Siegermacht-Status.
Das Kapitel über De Gaulle ist argumentativ konzentriert. Kellmann liest die Grandeur-Politik als Selbststilisierung ohne strukturelle Grundlage: die force de frappe militärisch marginal, die Ostpolitik ohne kohärente Konzeption, der Québec-Auftritt und die antiamerikanische Rhetorik als Demütigungs-Rückzahlung an die Alliierten, die den Londoner Exilanten im Krieg geringschätzten. Entscheidend ist die deutsch-französische Dimension: De Gaulles Verhältnis zu Deutschland war von Anfang an durch Überordnungsanspruch geprägt, und Deutschland - aus schuldgeschichtlichen Gründen - übernahm diese Zuschreibung als Regierungsmaxime. Helmut Schmidt formulierte es explizit: Er habe Frankreich stets "erkennbar den ersten Rang eingeräumt".
Das Mitterrand-Kapitel ist der beweiskräftigste Teil des Buches. Gestützt auf Archivquellen, Zeitzeugenberichte (Attali, Gysi, Teltschik) und Forschung (Lappenküper, Pfeil, Wirsching) rekonstruiert Kellmann, dass Mitterrand die deutsche Einheit nicht nur verzögerte, sondern aktiv zu verhindern versuchte. Die Belege sind konkret: das Gespräch mit Gysi vom Dezember 1989, in dem Mitterrand ein vereintes Deutschland als potenziell revanchistisch beschreibt; die Äußerung gegenüber Thatcher, Kohl könne "noch mehr Bodengewinne erzielen als Hitler"; die Verweigerung des gemeinsamen Gangs durch das Brandenburger Tor; die Wutreaktion auf Gorbatschows Zustimmung zur NATO-Mitgliedschaft. Die theoretische Einbettung ist präzise: Die exception française setzte ein Frankreich voraus, das Deutschland ebenbürtig blieb. Die Wiedervereinigung machte das dauerhaft unmöglich - daher der Begriff "Störfall", Mitterrands eigene Formulierung, die Kellmann analytisch aufgreift. Und dann die Memoiren, die das alles ins Gegenteil verkehren: Mitterrand sei "der erste" gewesen, der die Vereinigung begrüßt habe. Das ist für Kellmann nicht Vergessen, sondern der gleiche Mechanismus wie bei Dreyfus: Wissen, Verweigerung, Narrativ.
Das Macron-Kapitel, das bis in den Herbst 2025 reicht, ist hinsichtlich der Quellenlage weniger gesättigt als die historischen Teile. Die analytische Pointe ist dennoch klar: Macron ist der erste Präsident, der den strukturellen Rückstand Frankreichs explizit benennt - und trotzdem gaullistischen Führungsanspruch praktiziert. Seine Bodentruppen-Rhetorik zur Ukraine neben bescheidener Waffenhilfe, sein "Europe de pleine puissance" neben der Weigerung, nationale Souveränität teilweise abzugeben - der Widerspruch zwischen Diagnose und Habitus ist laut Kellmann kein Charakterfehler, sondern Systemzwang. Man weiß, dass man träumt. Man träumt weiter.
Zwei Einwände müssen hier erwähnt werden. Erstens ist die Argumentationsdichte über die zwölf Kapitel ungleich verteilt: Die Kapitel zu Giscard/Schmidt und zu Chirac/Sarkozy/Hollande referieren mehr als sie analysieren. Die These trägt diese Strecken, aber sie zeigen, wo der Quellenreichtum der historischen Kapitel fehlt. Zweitens - und das ist der substanziellere Einwand - kommt die Erfolgsgeschichte der Kooperation zu kurz. Kellmann bestreitet sie nicht; er nennt Briand und Schuman, er hält am Potenzial des Tandems fest. Aber als Analytiker des Scheiterns gewichtet er die strukturellen Hindernisse stärker als die Momente, in denen beide Länder trotz Misstrauen etwas aufgebaut haben, das bis heute trägt.
Kellmanns Schlusskapitel formuliert die europapolitische Konsequenz: Das Tandem Berlin-Paris bleibt unverzichtbar, ist aber strukturell dysfunktional, solange die Asymmetrie nicht aufgelöst wird. Unter Trump, der Amerika als Sicherheitsgaranten ausfallen lässt, wird die Frage der echten Augenhöhe dringlicher, nicht leichter.
Eine naheliegende Folgefrage stellt das Buch nicht: Was geschieht, wenn der Traum von der Großmacht nicht mehr als Staatsräson, sondern als Wahlkampfinstrument ohne diplomatischen Schleier eingesetzt wird? Die Präsidentschaftswahl 2027 steht unter dem Zeichen einer zersplitterten Mitte, eines gestärkten Rassemblement National - falls ein rechtskräftiges Ämterverbot für Le Pen greift, in Gestalt Bardellas - und einer Linken, deren lauteste Stimme, Mélenchon, antideutsche Ressentiments zur Programmatik gemacht hat. Kellmanns historische Analyse zeigt, dass der Traum von der Großmacht in seiner enthemmten Variante politisch mobilisierbar ist und war - bei Poincaré, bei de Gaulle, bei Mitterrand.
Kellmann demontiert bestimmte Versöhnungsnarrative nicht aus Zynismus, sondern weil er zeigt, dass sie eine Funktion hatten: Sie ermöglichten Kooperation, indem sie die strukturelle Asymmetrie überdeckten. Solange Deutschland bereit war, Frankreich den ersten Rang einzuräumen, und solange Frankreich bereit war, den europäischen Rahmen als Bühne für seine Grandeur zu nutzen, funktionierte das Tandem - nicht trotz der Selbsttäuschung, sondern mit ihrer Hilfe.
Ob das Buch heilsam oder schädlich wirkt, hängt davon ab, was man von einer Diagnose erwartet. Wer die Erzählung von der deutsch-französischen Freundschaft als politisches Kapital betrachtet, das man nicht leichtfertig verspielen sollte, wird Kellmann für unverantwortlich halten - zumal in einem Moment, in dem die politische Rechte genau diese Narrative zur Zielscheibe machen werden. Wer hingegen glaubt, dass eine Partnerschaft, die auf einer geteilten Fiktion beruht, beim ersten ernsthaften Test zusammenbricht, wird Kellmann für notwendig halten. Das eigentliche Argument für das Buch ist dieses: Eine Zusammenarbeit, die die strukturelle Asymmetrie weiter ignoriert, wird mit Kellmann den Anforderungen der nächsten Jahre nicht standhalten.
Klaus Kellmann: Der Traum von der Großmacht. Frankreich: Deutschlands schwieriger Nachbar, Berlin: Metropol 2026, 647 S., ISBN 978-3-86331-832-1, EUR 26,00
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