sehepunkte 26 (2026), Nr. 9

Jordi Gayà Estelrich (ed.): The Theology of Ramon Llull

Der mallorquinische Theologe und Missionar Ramon Llull (lateinisch Raimundus Lullus, 1232-1316) zählt zu den schillerndsten Figuren der europäischen Geistesgeschichte. Getrieben von dem Wunsch, die gesamte Menschheit mit Vernunftargumenten von der Wahrheit des christlichen Glaubens zu überzeugen, hinterließ er ein imposantes Œuvre von ca. 280 Werken.

Weil er nicht nur auf Latein für Gelehrte schrieb, sondern als Erster literarische wie philosophisch-theologische Schriften auf Katalanisch verfasste, gilt er als 'Vater der katalanischen Sprache'. Als solcher erfreut er sich im katalanischen Sprachraum einer gewissen Berühmtheit, während er anderswo selbst unter Theolog:innen weitgehend unbekannt ist. Daran hat auch die kritische Edition der lateinischen Werke Llulls, die seit 1957 am Raimundus-Lullus-Institut der Theologischen Fakultät in Freiburg erarbeitet wird und die inzwischen auf 41 Bände angewachsen ist, wenig ändern können. Wer weder Katalanisch spricht noch über solide Lateinkenntnisse verfügt und daher auf Übersetzungen angewiesen ist, konnte sich bislang kein auch nur annähernd präzises Bild von der Theologie Ramon Llulls machen, da nur wenige seiner theologischen Werke auf Deutsch oder Englisch vorliegen. Diese Lücke hat Jordi Gayà mit The Theology of Ramon Llull: A Compendium of Key Texts geschlossen.

Gayà, geboren 1948 auf Mallorca, ist zweifellos der beste Kenner der Theologie Ramon Llulls weltweit. 1971 kam er für vier Jahre ans Raimundus-Lullus-Institut nach Freiburg, wo er seine Dissertation über Llulls Korrelativenlehre verfasste und an der kritischen Edition mitarbeitete. Seit dieser Zeit hat er kontinuierlich auf akademischem Niveau zu Llull geforscht und publiziert, wobei dessen Theologie stets im Fokus seines Interesses stand. Darin unterscheidet er sich von der Mehrzahl der katalanischen Llull-Forscher:innen, die sich in der Regel eher auf philologische oder philosophiehistorische Fragen konzentrieren.

2021 erschien in Barcelona die katalanische Originalausgabe des hier zu rezensierenden Buchs unter dem Titel 'Enchiridion Theologicum Lullianum'. Es handelt sich nicht etwa um eine wissenschaftliche Abhandlung über die Theologie Ramon Llulls, sondern um eine thematisch gegliederte Sammlung von 150 Originaltexten und Auszügen aus dem Gesamtwerk des Autors, der für sich selbst sprechen darf. Den altkatalanischen und lateinischen Quelltexten ist eine Übertragung ins moderne Katalanisch synoptisch gegenübergestellt, die von einem Übersetzerteam angefertigt wurde. In The Theology of Ramon Llull tritt an die Stelle der neukatalanischen Version eine von Robert D. Hughes erarbeitete Übersetzung ins Englische. Hughes hat 2002 an der University of Lancaster über die Christologie Ramon Llulls promoviert, seitdem regelmäßig über Llull geforscht und sich vor allem als Übersetzer wichtiger einschlägiger Studien einen Namen gemacht. Neben der englischen Version des 'Enchiridion' sind 2024 und 2025 auch eine spanische und eine italienische Fassung erschienen, so dass das Werk nun in vier Sprachen vorliegt.

Nach einer konzisen, knapp 20-seitigen Einführung durch den Herausgeber gliedert sich The Theology of Ramon Llull in sieben Teile: I. The Life and Aims of 'Master Ramon', II. The Preaching of the Catholic Faith, III. The Art of Ramon Llull, IV. The Demonstrability of the Catholic Faith by Necessary Reasons, V. Ramon Llull's Definition of Theology, VI. The Articles of Faith, VII. The Signs of the Christian Faith.

Teil I bis V behandeln auf knapp 250 Seiten Ramon Llulls Selbstverständnis als Missionar der 'Ungläubigen', sein Missionsprogramm, seine kombinatorische Beweismethode (die 'Ars'), sein Postulat der Beweisbarkeit der christlichen Glaubenslehren sowie sein Konzept der Theologie als Wissenschaft. Teil VI ist den 14 Artikeln des Glaubensbekenntnisses gewidmet, die Llull selbst in zahlreichen Werken zur systematischen Strukturierung seiner Theologie verwendet. Dieser Teil des Buchs nimmt mit über 500 Seiten den größten Raum ein. Teil VII bietet auf 275 Seiten Texte zu weiteren Kernthemen des christlichen Lebens, unter anderem zur Kirche, den sieben Sakramenten, den Zehn Geboten, den Tugenden und Lastern sowie zu Gebet und Kontemplation.

Es war zweifellos keine leichte Aufgabe, aus dem umfangreichen Gesamtwerk Ramon Llulls eine Textauswahl zu treffen, die auf begrenztem Raum ein repräsentatives Bild seiner Theologie entstehen lässt. Jordi Gayà ist dies in jeder Hinsicht hervorragend gelungen. Über die im Buch abgedruckten Schlüsseltexte hinaus finden sich jeweils am Beginn der sieben Hauptteile und ihrer Unterkapitel Hinweise auf Paralleltexte in anderen Llull-Werken, die eine weiterführende Lektüre ermöglichen. Diese Zusatzinformationen sind von unschätzbarem Wert für Leser:innen, die mehr darüber erfahren wollen, wie Llull ein konkretes Thema behandelt und wie seine Theologie sich über Jahrzehnte hinweg entwickelt hat.

Abschließend einige Bemerkungen zur englischen Übersetzung:

Wie aus Gayàs Einleitung hervorgeht, hat Robert Hughes als Grundlage für seine Übersetzung die moderne katalanische Version der Texte aus der Originalausgabe von 2021 benutzt, allerdings "with judicious consultation of the Latin and Old Catalan source texts" (28). Ein solches Verfahren wäre akzeptabel, wenn die Quelltexte tatsächlich durchgehend Berücksichtigung gefunden hätten. Leider ist dies nicht der Fall, wie sich an einigen Übersetzungsfehlern zeigen lässt, die eindeutig auf Fehler in der neukatalanischen Textfassung zurückzuführen sind. Hier zwei Beispiele:

Text 23, S. 264/265, Originalausgabe S. 263:

"Utrum Deus sit subiectum theologiae sub aliqua ratione determinata."

→ "Si Déu és subjecte de la teologia per alguna raó determinada."

→ "Whether God constitutes the subject matter of theology for any determinate reason."

Mit 'ratio determinata' ist an dieser Stelle eine 'bestimmte Hinsicht' gemeint, unter der ein Gegenstand zu untersuchen ist. Die irrige katalanische Übersetzung "per alguna raó determinada" = "aus einem bestimmten Grund" hat den englischen Übersetzer offenbar in die Irre geführt. Die korrekte englische Übersetzung müsste lauten: " [...] in some determinate respect".

Text 26, S. 272/273, Originalausgabe S. 270/271:

"Totes sciencies son per theologia."

→ "Totes les ciències depenen de la teologia."

→ "All sciences are dependent upon theology."

Der altkatalanische Originaltext wird in der lateinischen Edition von 1737 korrekt übersetzt mit "Omnes scientiae sunt propter theologiam" = "Alle Wissenschaften sind wegen der Theologie", und zwar im Sinne von "Das Ziel aller Wissenschaften ist die Theologie". Die Theologie ist hier als causa finalis zu verstehen, auf die alle anderen Wissenschaften hingeordnet sind. Die Bearbeiter:innen der neukatalanischen Fassung haben das altkatalanische "per" jedoch im Sinn einer Wirkursache fehlinterpretiert und daher umformuliert zu: "Alle Wissenschaften sind abhängig von der Theologie" ("[...] depenen de la teologia"). Auch hier geht der Irrtum in der englischen Version eindeutig auf die neukatalanische zurück.

Fehler wie die hier zitierten treten zum Glück nicht allzu häufig auf, wie eine stichprobenhafte Überprüfung der englischen Übersetzung gezeigt hat. Insgesamt haben sie nur einen geringen Einfluss auf die Qualität von Jordi Gayàs Buch. Dieses ist und bleibt ein Meilenstein in der Llull-Forschung und ein unverzichtbares Hilfsmittel für alle Nichtkatalan:innen, die sich einen Überblick über die Theologie Ramon Llulls verschaffen wollen.

Rezension über:

Jordi Gayà Estelrich (ed.): The Theology of Ramon Llull. A Compendium of Key Texts, Turnhout: Brepols 2026, 1132 S., 10 Tbl., ISBN 978-2-503-62201-9, EUR 250,00

Rezension von:
Viola Tenge-Wolf
Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg
Empfohlene Zitierweise:
Viola Tenge-Wolf: Rezension von: Jordi Gayà Estelrich (ed.): The Theology of Ramon Llull. A Compendium of Key Texts, Turnhout: Brepols 2026, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/09/41056.html


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