sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8

Justin Marozzi: Captives and Companions

Endlich einmal eine moderne Gesamtgeschichte der Sklavereien und des Sklavenhandels in der Welt des Islam für eine breite Leserschaft. Durchaus auch für Wissenschaftler*innen. Kraftvoll erzählt und oft mit Berichten von Menschen an Orten des Sklavenhandels und der Sklavereien im Modus der applied history. Von einem Recherche-Journalisten, Reiseschriftsteller, Historiker und Politikwissenschaftler, der weiß, was er sagt und schreibt und offensichtlich Arabisch sehr gut beherrscht. Nach der Lektüre des Buches von Justin Marozzi muss klar sein, dass niemand mehr nur von einer Sklaverei (die sogenannte "transatlantische Sklaverei") in der globalen Welt der Sklavereien sprechen darf. Auch der weit verbreitete Glaube, Sklavereien seien durch Abolitionen und "Freiheit" im 19. Jahrhundert wirklich beendet worden, sollte nicht mehr vorkommen. Allen sollte auch klar werden, dass Sklavereien und Sklavenhandelssysteme heute als solche, ohne Zusatz von "Abolition" oder "Freiheit", d.h., "Beyond Abolition and Freedom" wissenschaftlich und eben, wie Marozzi, vor Ort und auf den Sklavenhandelsrouten untersucht werden müssen. Der Rezensent erwartet sich viel, unter anderem auch feste Zahlen über Versklavungen, Sklavenhandel und Sklavereien in den historischen Kerngebieten der islamischen Welt und ihren Peripherien. Die riesigen islamischen Gebiete mit eigenen Sklavereisystemen in Südasien/Indien und Südostasien sowie auf Java nimmt Marozzi allerdings von vornherein aus. Der Rezensent ist im Übrigen der Meinung, dass, wenn wir hier über Sklavereien und Sklavenhandel in der islamischen Welt (Dar al Islam) sprechen, wir auch immer über Sklavereien und Sklavenhandel im, sagen wir, "westlichen" Christentum sprechen sollten. Auch wenn dort wegen der mindestens vier Großkirchen eine solche Gemeinschaftsmentalität wie im Dar al Islam nicht existiert. Räumlich liegen Marozzis Schwerpunkte auf den Kerngebieten der Islamischen Welt. Hinzu kommt die selbst für Globalhistoriker große Zeitspanne zwischen dem 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung und heute, dem zweiten Viertel des 21. Jahrhunderts.

Ob Marozzi wirklich ein "unerschrockener Journalist" auf den Spuren Herodots ist, werden wir sehen. Für Historiker wäre das die bereits erwähnte applied history. Es geht jedenfalls gut los in diese Richtung. Marozzi hält im Vorwort sein Gespräch mit einem Sklaven in Bamako (Mali) im Jahr 2020 u.Z. fest: "Hamey war einer von vielen Sklaven in einem Dorf, das seit Jahrhunderten - und auch im 21. Jahrhundert noch immer - brutal zwischen Sklavenhaltern und Sklaven gespalten ist. Kayes ist eine der berüchtigtsten Regionen Malis, in der die erbliche Sklaverei nach wie vor fortbesteht. In dieser traditionellen ländlichen Gemeinschaft schufteten Generationen versklavter Männer und Frauen auf den Feldern für ihre Herren, schlachteten und zerlegten Tiere für Gemeinschaftsrituale, putzten Häuser, bedienten Familien und verrichteten alle möglichen niederen und demütigenden Arbeiten. Frauen werden regelmäßig vom Hausherrn vergewaltigt" (XXVII). Soweit zur wirklichen globalen "Abolition der Sklavereien". Diese Nachweise heutiger Sklaven und traditioneller Sklavereien im Rahmen dessen, was Sklaverei-Forscher als "moderne" Sklaverei bezeichnen, ist ein beeindruckendes Ergebnis des vorliegenden Buches. Zu den Quellen im frühen Islam und zu Mohammed mit seinen rund 70 Sklaven und Sklavinnen verweist Marozzi zu Recht darauf, dass diese eher literarischen Texte mehr als 100 Jahre nach dem Tod des Propheten entstanden sind und dass es eben (voreingenommene) Literatur ist. Aber er sagt auch, dass sie als einzige Quellen herangezogen werden müssen, da es nur Spärliches aus anderen Quellengruppen gibt. Erst seit der späteren Neuzeit, vor allem seit der Ausbreitung des Osmanischen Reiches im 17. Jahrhundert, existiert eine Fülle legaler Dokumente, wie etwa Kauf- und Verkaufsprotokolle (von Kadis), Testamente und Eheverträge (in denen Sklaven aufgelistet werden), Freilassungsurkunden, Gerichtsverfahren sowie staatliche Direktiven und Steuerunterlagen ("A Note on Sources", XXXI-XXXIV). Westliche Reisende, Ausgräber und Forscher verfassten zudem weitere wichtige Quellen.

Am leichtesten fällt dem Rezensenten, der kein Fachmann in Bezug auf islamische Sklavereien ist, aber Gesamtdarstellungen wie diese für die Globalgeschichte der Sklavereien gerne liest, die Analyse der Einleitung, in der Marozzi allgemeine Probleme der Geschichte der Sklavereien behandelt. So etwa: " Die Etymologie des Wortes 'Sklave' birgt eine faszinierende, komplexe und umstrittene Geschichte" (Introduction, 3). Marozzi fährt fort: "Im Arabischen beziehen sich eine Reihe von Begriffen für versklavte Menschen auch konkret auf deren Herkunft oder Aussehen - so beispielsweise saqlabi [oder "siqlab"]/saqaliba (Slawe/Slawen), sudan (Afrikaner), abd/abid (Schwarzer), mamluk/mamalik (Besitzstück/Besitzstücke oder Besitzperson/Besitzpersonen)" ("Introduction", 3). Neben weiteren wichtige Punkten nennt Marozzi: "Gefangene Frauen konnten zu Sklavinnen und Konkubinen werden - eine der am längsten bestehenden Formen der Versklavung" (Introduction, 4).

Das Buch deckt alle wichtigen Themenbereiche sowohl zeitlich wie auch strukturell ab: Die Geschichten um die radikale Gleichheitspredigt des Propheten und die Rolle des äthiopischen Sklaven Bilal sowie weiterer "slaves turned-warriors" (21) bei der Legitimierung und militärischen Festigung der neuen Glaubensgemeinschaft; ein großes Kapitel über den Koran als Rechtsquelle zur Begründung von Sklaverei. Dort sagt Marozzi: "In den Anfängen des Islam wurden Sklaven in der Regel nur in geringer Zahl gehalten, wobei die reichsten Personen höchstens einige Dutzend besaßen. So wird beispielsweise geschätzt, dass der Prophet im Laufe seines Lebens insgesamt siebzig Sklaven besaß, die meist koptischer, syrischer, persischer (Männer wie Salman) und äthiopischer (Männer wie Bilal) Herkunft waren" (41). Das sollte sich mit den großen militärischen Eroberungen bis ins 8. Jahrhundert und den späteren Expansionen im großen Stil ändern. Ein ganzes Kapitel ist dem praktischen Alltags-Rassismus gegenüber Schwarzen aus dem subsaharischen Afrika (Bilad al Sudan) gewidmet; ein weiteres Kapitel den versklavten Frauen als Konkubinen; ein Abschnitt analysierte Sklaven-Soldaten - die wahrscheinlich globalhistorische wirkungsmächtigste Erfindung von islamischen Provinzeliten (und eine weitverbreitete Realität im asiatischen Raum). Dann kommen Eunuchen und Renegaten (von beiden Seiten) in jeweils eigenen Teilen. Ein Kapitel ist den Barbary Wars der frühen US-amerikanischen Kriegsmarine gewidmet. Es folgt ein Teil zum Sklavenhandel über und durch die Sahara. Der Verfasser ist auf diesen Routen gereist (und hat auch ein Buch darüber geschrieben). Der Abschnitte über die Osmanische Sklaverei hat einen sehr passenden Titel: "The Ottomans: A Lordship of Slaves". Dann kommen zwei Studien über faktisch von außen erzwungene Abolitionen: eine für das Zentrum, eine für die Peripherien. Diese dauerten, worauf der Marozzi oft hinweist und vor allem on the spot-Beispiele bringt, formal bis weit in das 20. Jahrhundert; informell sind Sklavereien in vielen Gebieten noch heute an der Tagesordnung. All das war "part of an unbroken history of slavery and the slave trade in the region which endured for more than 1,300 years" (Introduction, 4).

Zu den Zahlen des Sklavenhandels sagt Justin Marozzi nichts Neues, fasst aber gut zusammen und erfasst auch die Zahl von Sklav*innen in muslimischen Gebieten Afrikas: Sklavereien in Afrika gab es lange vor dem transatlantischen Sklavenhandel. Afrika hatte viele Formen und internen Sklavereien. Der Kontinent fungierte - in stark reduzierter Form im Grunde bis heute - als Versklavungs-Raum für Männer, Frauen und Kinder. Sie wurden in verschiedene Weltregionen von Indien, in die islamisch geprägte Welt und bis hin zu den Amerikas verschleppt. Im historischen Großreich des islamischen Ghana war etwa ein Drittel der Bevölkerung versklavt. Ähnliches gilt Senegambia (heute Senegal, Gambia und Guinea-Bissau sowie angrenzende Gebiete Mauretaniens, Guineas und Malis) bis um 1900. In den den Fulbe-Dschihadstaaten, die sich am Anfang gegen die Versklavung von Muslimen gerichtet hatten, waren im westlichen und zentralen Sudan bis um 1900 c. ein Drittel bis zwei Drittel der Gesamtbevölkerung Sklaven. Möglicherweise hat es die meisten Versklavten in der Geschichte in Afrika gegeben. Marozzi zitiert zustimmend Paul E. Lovejoy, dass im Jahr 1861 "wahrscheinlich mehr Sklaven in den muslimischen Staaten Westafrikas als in der Konföderation [Südstaaten] oder sogar in Kuba und Brasilien" existierten. [1] Der transatlantische Sklavenhandel (1450-1900) übernahm von den Versklavern in Afrika zwischen 14 und 15 Millionen Menschen und transportierte sie über den Atlantik in die Amerikas. Rund 11 Millionen kamen lebend in den amerikanischen Sklavereigebieten an.

Debatten um die großen, sagen wir äußeren, Sklavenhandelssysteme verdecken, dass es langfristigen Sklavenhandel in den jeweiligen Sklaverei-Regimes, hier im Kernraum der islamischen Welt, gab. Die Schwerpunkte dieser Sklavenhandelssysteme lagen in Nordafrika und im Nahen Osten. Nachgewiesenermaßen existierten sie vom 7. bis ins 20. Jahrhundert. In verdeckter Form existieren sie bis in die Gegenwart; natürlich in geringerem Ausmaß. Ausgangsregionen waren, wie oben gesagt, vor allem Gebiete in Subsahara-Afrika. Unter den Osmanen und Krimtataren kamen Menschen aus Osteuropa, dem Balkan und dem Kaukasus hinzu ("Introduction", 6). Nicht zu vergessen sind die Millionen versklavter Menschen durch Piraten und Korsaren, auch im westlichen Mittelmeer und an den Atlantikküsten (von islamischer und christlicher Seite). Marozzi sagt zu den umstrittenen Zahlen der islamischen Sklaverei (hier inklusive Sklavenhandel): "Die Gesamtzahl der über diese rund vierzehn Jahrhunderte hinweg gefangen genommenen, versklavten und gewaltsam deportierten Menschen - eingesetzt in Haushalten, Harems, militärischen Strukturen und anderen sozialen Kontexten - dürfte in etwa derjenigen entsprechen, die im transatlantischen Sklavenhandel verschleppt wurden, also zwischen 12 und 15 Millionen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass es sich hierbei um eine konservative Schätzung handelt. Einer Studie zum Sklavenhandel in Nordafrika, dem Nahen Osten und Indien zufolge könnten zwischen 650 und 1905 insgesamt etwa 17 Millionen Menschen im Rahmen des sogenannten arabischen Sklavenhandels versklavt worden sein" ("Introduction", 7). Zum massiven Sklavenhandel aus und um Afrika, vor allem über Sahara-Routen, sagt Marozzi (nochmals): "Quellen für verlässliche Informationen aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert - als europäische Beamte begannen, die Zahlen der Sklaven zu erfassen, die bestimmte Handelszentren wie Murzuq und Ghadames passierten - sind äußerst rar. Zunächst einmal wissen wir nicht genau, wie viele Sklaven im Laufe der langen Geschichte dieses Handels die Sahara durchquerten. Eine der am häufigsten herangezogenen Schätzungen, die für den Zeitraum von 650 bis 1600 von 4.820.000 Menschen ausgeht, lässt nicht nur einen Zeitraum von mehr als drei Jahrhunderten außer Acht, sondern ist zudem mit enormen Unsicherheiten behaftet. Diese Zahl "könnte doppelt so hoch sein wie die tatsächlich verschleppte Anzahl oder aber weit unter dem Gesamtvolumen liegen". Erweitert man den Betrachtungsrahmen um den Sklavenhandel im Raum des Roten Meeres und in Ostafrika zwischen 800 und 1600, so wird die Gesamtzahl von 7.220.000 als denkbar grobe Schätzung genannt; "eine Spanne von 3,5 bis 10 Millionen trifft die Sache eher". Eines steht jedoch fest: Wie auch immer die tatsächliche Zahl aussehen mag - jene Männer, Frauen und Kinder, die von Arabern und Afrikanern bei Razzien von erschreckender Gewalt und Brutalität aus ihrer Heimat südlich der Sahara verschleppt wurden, waren Teil eines "gewaltigen Exodus versklavter Menschen" in Richtung Mittelmeerraum und darüber hinaus" (220). Das sind schon - auch im Vergleich - sehr hohe Zahlen.

Das Buch ist exzellenter, breiter und auf historische Forschungstexte gegründeter Recherche-Journalismus im Modus der applied history in symbolischer Herodot-Nachfolge. Das Werk ist lesbar geschrieben und übersichtlich strukturiert. Marozzi ist wirklich ein "unerschrockener Journalist". Das ist gut so. Der Autor ist auf der Höhe der vor allem englischsprachigen Fachliteratur (auch wenn ein paar wichtige Autoren fehlen). All das macht Captives and Companions zu einem interessanten Buch für ein generelles Publikum, vor allem aber für ein Publikum, dass in der Anglosphere daran gewöhnt ist, die "einzige" Sklaverei zu haben (nach der Sklaverei im "Alten Rom" selbstverständlich). Allerdings ist im englischen Sprach- und Geschichtsbereich nie ganz klar, ob die Sklaverei in den Südstaaten der USA oder die Sklaverei in der britischen Karibik als die "einzige" Sklaverei gemeint ist.


Anmerkungen:

[1] Paul E. Lovejoy: "Preface to the Third Edition", in: Ders.: Transformations in Slavery: A Aistory of Slavery in Africa, 3rd ed., Cambridge 2012, XXI-XXIV, hier XXIV.

[2] Michael Zeuske: "Versklavte weltweit in Zahlen", in: Ders.: Sklaverei. Eine Menschheitsgeschichte von der Steinzeit bis heute, Ditzingen 2021, 193-235.

Rezension über:

Justin Marozzi: Captives and Companions. A History of Slavery and the Slave Trade in the Islamic World, London: Allan Lane 2025, xxxvi + 523 S., ISBN 978-0-241-52215-8, GBP 35,00

Rezension von:
Michael Zeuske
Bonn
Empfohlene Zitierweise:
Michael Zeuske: Rezension von: Justin Marozzi: Captives and Companions. A History of Slavery and the Slave Trade in the Islamic World, London: Allan Lane 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8 [15.07.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/07/41496.html


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