sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8

Daria Santini: A Woman Named Edith

Edith Tudor-Hart (geborene Suschitzky) ist eine Schlüsselfigur der modernen Spionagegeschichte. Die gebürtige Wienerin und kommunistische Aktivistin spielte eine wesentliche Rolle bei der Rekrutierung des britisch-sowjetischen Doppelspions Kim Philby. Außerdem konnte sie 1942 mit Engelbert Broda auch einen wissenschaftlichen Mitarbeiter am anglo-amerikanischen Atomwaffenprojekt für den sowjetischen Geheimdienst als Quelle gewinnen. Darüber hinaus war Tudor-Hart eine der ersten politischen Fotografinnen, deren künstlerisches Werk eine Renaissance erlebt.

1987 wurde Tudor-Hart erstmals von dem ehemaligen Offizier des Military Intelligence Section 5 (MI5) Peter Wright im Zusammenhang mit Spionage erwähnt. In seinem Enthüllungsbuch Spycatcher schrieb Wright kryptisch, aber auch respektvoll, Tudor-Hart habe "zu lange in dem Spiel mitgespielt, um gebrochen werden zu können". [1] Später widmete sich ein Verwandter, Peter Stephan Jungk, der Biografie seiner Großtante Tudor-Hart: Er zeichnete ihr Leben in dem Dokumentarfilm Auf Ediths Spuren (2016) und in einem Buch [2] nach. Nun legt die Historikerin Daria Santini die erste englischsprachige und primärquellengestützte Monografie zu Tudor-Hart vor.

Angesichts der Tatsache, dass die Rolle von Frauen in der Spionagegeschichte bislang weniger reflektiert wurde als jene von Männern, ist das zweifellos ein wichtiger Input für die Intelligence Studies. Tudor-Hart sei dank ihrer Energie und Überzeugungskraft die "treibende Kraft" hinter dem wohl erfolgreichsten Spionagering des 20. Jahrhunderts, den Cambridge Five, gewesen (5). Damit ist eine fünfköpfige Gruppe von Absolventen der University of Cambridge gemeint, die als kommunistische Sympathisanten für eine Zusammenarbeit mit dem sowjetischen Geheimdienst gewonnen wurden und später wichtige Entscheidungszentren infiltrierten konnten.

Die Anwerbung von Philby gelang 1934 als erste, und zwar aufgrund der Empfehlung von Tudor-Hart, die zu diesem Zeitpunkt als talent scout vielversprechende Zielpersonen ausfindig machte. Während dies in zahlreichen Philby-Biografien erwähnt wurde, rückte die weitere Rolle von Tudor-Hart in den Hintergrund. Ende der 1930er und Anfang der 1940er Jahre hatte sie aber als Relais oder als Kurierin wesentlichen Anteil am Funktionieren der Informationsgewinnung und der Weiterleitung der Resultate. Ein Mitglied der Cambridge Five, Anthony Blunt, nannte Tudor-Hart in einem Verhör von 1961 sogar die "Großmutter von uns allen". 1951 hatten erste Enttarnungen zur allmählichen Zerschlagung des Rings geführt. Philby wurde schließlich 1963 mit Beweisen konfrontiert und entzog sich durch Flucht über den Eisernen Vorhang.

Zwischenzeitlich war auch Tudor-Hart immer stärker ins Visier der britischen Spionageabwehr gekommen. Auch wenn man ihr nie etwas nachweisen konnte, bedeuteten die zahlreichen Verhöre und die zeitweise dichte Überwachung eine schwere Belastung. Santini zufolge gibt es keinen Beweis dafür, dass - wie behauptet - 1952 ein Berufsverbot gegen Tudor-Hart als Fotografin erlassen wurde. Sie habe noch bis 1958 Fotoarbeiten gemacht und sich dann als Antiquitätenhändlerin in Brighton eine neue Existenz aufgebaut. Aber noch 1971, zwei Jahre vor ihrem Tod, wurde Tudor-Hart ein letztes Mal vom MI5 befragt. Dass das Ausmaß ihrer Verbindungen zur sowjetischer Spionage zeitlebens nicht aufgedeckt wurde, spreche sowohl für Ediths klandestine Fähigkeiten als auch für die Ineffektivität des damaligen britischen Geheimdiensts, so Santinis Befund.

Die Autorin geht außerdem der Frage nach, wie weit Tudor-Harts Hingebung an kommunistische Ideale reichte. Als Jüdin hatte sie in den 1920er Jahren den progressiven Fortschritt im sozialdemokratisch regierten Roten Wien genauso erlebt wie den wachsenden Antisemitismus. 1933 geriet Tudor-Hart in die Mühlen des Repressionsapparats der zunehmend autoritären christlich-sozialen Regierung Österreichs. Die Heirat mit dem britischen Chirurgen und KP-Aktivisten Alexander Tudor-Hart verschaffte ihr einen Ausweg nach London, wo sie alsbald ihre Rolle im Untergrund aufnahm. Dabei kam ihr die Einbindung in ein Netzwerk aus vor allem österreichstämmigen Exilanten zugute. Dazu zählte ihr Führungsoffizier und früherer Geliebter, Arnold Deutsch, der dann mit Ediths Hilfe die Cambridge Five rekrutierte. Laut Santini kamen bei Tudor-Hart im Lauf der Zeit immer mehr Zweifel auf, aber sie blieb ihren Prinzipien zeitlebens treu.

Das Interesse der Autorin gilt nicht nur der Geheimagentin, sondern auch der Künstlerin Tudor-Hart, denn gerade in ihren Fotos sei eine von der Geschichte geprägte Vergangenheit nach wie vor äußerst lebendig und halle nach. Mit viel Empathie für soziale Ungerechtigkeit porträtierte Tudor-Hart die drückende Armut im Wien der Zwischenkriegszeit genauso wie die Proteste walisischer Bergleute. Sie schuf ikonische Bilder modernistischer Architektur, etwa von der Eröffnung des Londoner Isokon-Gebäudes 1934. Zwischenzeitlich war Tudor-Hart als Kinderfotografin kommerziell erfolgreich. Ihr Leben blieb jedoch überschattet von unglücklichen Beziehungen, finanziellen Notlagen und Schicksalsschlägen wie dem schweren Autismus ihres Sohnes Tommy.

Das zunehmende Interesse an der über lange Zeit vergessenen Geheimagentin und Fotokünstlerin Tudor-Hart ist jedenfalls zu begrüßen. Das gut lesbare Buch von Santini leistet einen Beitrag dazu, diese komplexe Biografie, in der sich die Umbrüche der Zwischen- und Nachkriegszeit widerspiegeln, besser zu verstehen.


Anmerkungen:

[1] Peter Wright / Paul Greengrass: Spycatcher. Enthüllungen aus dem Secret Service, Frankfurt a.M. 1988, 257.

[2] Vgl. Peter Stephan Jungk: Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart. Geschichten eines Lebens, Frankfurt a.M. 2017.

Rezension über:

Daria Santini: A Woman Named Edith. Emigre, Photographer and Secret Agent - The Extraordinary Life of Edith Tudor Hart, New Haven / London: Yale University Press 2026, xix + 362 S., ISBN 978-0-300-27639-8, GBP 25,00

Rezension von:
Thomas Riegler
Wien
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Riegler: Rezension von: Daria Santini: A Woman Named Edith. Emigre, Photographer and Secret Agent - The Extraordinary Life of Edith Tudor Hart, New Haven / London: Yale University Press 2026, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8 [15.07.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/07/41364.html


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