sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8

Christoph Links: Verschwundene Verlage

Ein blaues Wunder dürften Mitarbeiter erlebt haben, deren Verlage - und damit ihre Arbeitsplätze - nach 1990 verschwanden. Von mindestens 230 Verlagen, die in der Sowjetischen Besetzungszone (SBZ) beziehungsweise in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zwischen 1945 und 1990 ursprünglich zugelassen waren, sind 150 mehr oder weniger plötzlich verschwunden. Ihren Schicksalen ist der Verlagshistoriker Christoph Links nachgegangen. Das Buch ist eine wahre Fundgrube! Der Autor hat ausgiebig recherchiert und äußerst detaillierte Firmenporträts vorgelegt. Die Studie entstand im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsprojekts des Landesverbands Berlin-Brandenburg des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. An mehr als 35 Orten recherchierte der Autor in Archiven, um Biografien der 150 verschwundenen von insgesamt 200 zwischen 1945 und 1949 lizenzierten Verlagsunternehmen erstellen zu können. Diese Firmenporträts sind alphabetisch angeordnet, um ein schnelles Nachschlagen zu ermöglichen. Mit dem aktuellen Band liegt nun in Ergänzung zum 2009 erschienenen Buch über das Schicksal der DDR-Verlage nach 1990 ein Gesamtüberblick über alle aktiven Verlage zwischen 1945 und 1990 vor. Dies möge, so betont der Autor einleitend, für die zeithistorische Forschung hilfreich sein und neue Einsichten in die Kulturgeschichte ermöglichen.

Dem informativen Überblick stellt der Autor eine längere Einleitung voran. Er macht vier Wellen der Lizenzierung, Enteignung, Profilierung und Abwanderung gen Westen aus: Während von den über 1000 nach 1933 erhalten gebliebenen Verlagen in Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkriegs in den drei westlichen Besatzungszonen über 800 Verlage eine Lizenz erhielten, waren es in der SBZ bis Ende 1949 nur knapp 200. Nach Gründung des DDR-Staats registrierten deren Behörden noch 151 Verlage, neben den Partei-, Organisations- und volkseigenen auch 91 private Verlage. Mit der Neulizenzierung 1951/52 wurden 50 Firmen - vor allem aus dem Privatbereich - geschlossen. Die Zahl der in der DDR verbliebenen Verlage sank auf 75. Diese Neulizenzierung durch die DDR-Regierung kann man wie der Autor als größten Eingriff in die Struktur der ostdeutschen Verlagslandschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ansehen. Danach hat sich die Anzahl der Verlage in Ostdeutschland kaum verändert. Auch die Profilierung des Verlagswesens, wonach für jedes Fach- oder Sachgebiet nur noch ein Verlag zuständig sein sollte, führte zahlenmäßig kaum zu Veränderungen. Private Verlage, die in den Westen abwanderten, wurden durch monopolartige Neugründungen ersetzt. Eine große Enteignungswelle folgte 1972. Etwa 12.000 private Betriebe wurden verstaatlicht. Private Verlage, soweit es sie noch gab, entzogen sich dieser Maßnahme durch Abwanderung in den Westen. Nach diesen Wellen änderte sich die Struktur des Verlagswesens in den 1980er Jahren kaum mehr: Von den 78 Verlagen in der DDR waren 50 Prozent volkseigen, also in staatlichem Besitz, rund 40 Prozent gehörten Parteien und Organisationen, weniger als zehn Prozent verblieben in Privatbesitz. Sie produzierten rund 6.500 Titel pro Jahr in einer Gesamtauflage von 140 bis 150 Millionen Exemplaren.

Christoph Links kennt das Thema wie kein anderer. Denn er begann seine Karriere als Journalist und wechselte als Assistent der Geschäftsleitung in den Aufbau Verlag. 1989, im letzten Jahr der DDR, gründete er selbst einen der seltenen Privatverlage mit zeitgeschichtlichem Profil. 2020 verkaufte er ihn an die Aufbau-Verlagsgruppe, in der der Verlag als Imprint weitergeführt wird. Seither forscht Christoph Links zur Verlagsgeschichte der DDR.

Das vorliegende Buch zeichnet sich durch konsistente Sachkunde aus. Nur eines kann der Rezensent kritisieren: Der Autor gibt an, dass bis 1947 192 Verlage von der Sowjetischen Militäradministration lizenziert wurden, von denen ein Viertel in den Westen ging. Bettina Jütte geht hingegen von 173 Buchverlagen in der SBZ bis Oktober 1949 aus. [1] Die Differenz mag aus der unterschiedlichen Behandlung von Zeitschriftenverlagen resultieren. Das mindert in keinem Fall die insgesamt präzise Sachlichkeit der Darstellung. Das Nachschlagewerk ist Zeithistorikern und Buchwissenschaftlern uneingeschränkt zu empfehlen.


Anmerkung:

[1] Vgl. Bettina Jütte: Nicht ohne Lizenz. Das Zulassungssystem für Verlage in der Sowjetischen Besatzungszone, in: Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert, Bd. 5: DDR, Teil 1, Berlin / Boston 2022, 36.

Rezension über:

Christoph Links: Verschwundene Verlage. Ein unbekanntes Kapitel ostdeutscher Kulturgeschichte (1945-1990), Berlin: Ch. Links Verlag 2026, 488 S., ISBN 978-3-96289-241-8, EUR 35,00

Rezension von:
Reimar Riese
Leipzig
Empfohlene Zitierweise:
Reimar Riese: Rezension von: Christoph Links: Verschwundene Verlage. Ein unbekanntes Kapitel ostdeutscher Kulturgeschichte (1945-1990), Berlin: Ch. Links Verlag 2026, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8 [15.07.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/07/41201.html


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