Aus dem Nachlass von Mireille Chazan (1938-2023) erschienen ist ihre Edition der Chronik des Pfarrers von Saint-Eucaire zu Metz, Pierre de Saint-Dizier (gestorben um 1456), über die Jahre 1231 bis 1445. Wie unten zu sehen sein wird, handelt es sich dabei um den früher unter dem Titel 'Chronique du doyen de Saint-Thiébaut' bekannten Text, mit einer Fortsetzung bis 1464 durch den Metzer Bürger Jean Aubrion (gestorben 1501). Chazan hatte sich mit der Geschichtsschreibung der Stadt Metz zuerst im Zusammenhang mit ihren Studien über Sigebert von Gembloux befasst und 2004 bereits eine Gesamtdarstellung mit dem Titel 'Écrire l'histoire à Metz au Moyen Âge' vorgelegt. Sie war daher in einzigartiger Weise qualifiziert, die Vorlagen der Schrift, ihre Überlieferungsgeschichte und besonders die zahlreichen Personen, die in der Chronik vorkommen, zu identifizieren. Schöpfen konnte sie dabei auch aus unveröffentlichten Vorarbeiten von Marthe Marot (1903-1996), namentlich ihrer Abschlussarbeit für die École des Chartes (1926). Für den Druck wurde das von Chazan hinterlassene Manuskript ergänzt. So konnte auch neuere Literatur, wie etwa die 2023 erschienene Dissertation von Hanna Schäfer, 'Jean Aubrion l'escripvain. Lebensweg, historiografisches Schaffen und posthume Rezeption eines Metzer Bürgers' noch berücksichtigt werden.
Die Nachrichten der Chronik über die Zeit von 1231 bis 1427 sind äußerst knapp, diejenigen über die Zeit von 1428 bis 1445, über die der Autor als Zeitzeuge berichtet, sehr ausführlich. Anscheinend hatte Saint-Dizier zunächst tagebuchartig über die Auseinandersetzungen der Stadt Metz mit Herzog Karl II. von Lothringen berichtet, die von 1427 bis 1431 währten - die sogenannte "Guerre de la Hottée de pommes". Anlass war der Streit um den Zoll auf eine Fuhre Äpfel gewesen, die der Abt von Saint-Martin-devant-Metz in sein Stadthaus hatte liefern lassen. Nach dem Ende dieses Konfliktes hatte der Chronist seine Aufzeichnungen fortgesetzt und namentlich über die "Jeanne d'Arc" berichtet, die 1436-1438 zu Metz auftrat, behauptete, sie habe die burgundische Gefangenschaft überlebt, und nach der Gesellschaft vornehmer Kreise strebte - was ihr insofern gelang, als sie zeitweilig von der Herzogin von Luxemburg beherbergt wurde und schließlich Robert d'Ardoises, den Herren von Jaulny, heiratete. Saint-Dizier scheint (wie viele andere in Metz) der Hochstaplerin zumindest anfangs Glauben geschenkt zu haben (XXXIII-XXXIV).
Schließlich führte er seinen Bericht bis August 1445 fort und verlieh ihm die Gestalt einer veritablen Stadtchronik, indem er seinen eigenen Notizen kurze Auszüge aus den Annalen der Schöffen (Chronique des maîtres échevins, Chronique des Célestins, vgl. XXXIX) über den Zeitraum ab 1231 voranstellte, also beginnend mit dem Jahr, in dem er die weitgehende Unabhängigkeit der Stadt von ihrem bischöflichen Stadtherren verortete (XXXV). Wiederkehrendes, gliederndes Merkmal seiner werkimmanenten Zeitrechnung sind entsprechend die wiederholten Nachrichten über die Wahl des Schöffenmeisters ("maître échevin"), der als Stadtoberhaupt dem Kollegium der 13 Geschworenen ("treize jurés") vorstand. Sie entstammten den führenden Patrizierkollegien ("paraiges") der Stadt. Einige Details schöpft Saint-Dizier auch aus zeitgenössischen Aufzeichnungen, etwa aus der Chronik des Jacques Dex über die Jahre 1430-1438 (XLI), aus dem Briefarchiv des Stadtrates, aus französischen Chroniken oder mündlichen Überlieferungen (XLIII-XLVIII).
Die Chronik des Pfarrers von Saint-Eucaire bietet große Weltgeschichte en detail, insofern der Hundertjährige Krieg den allgegenwärtigen äußeren Rahmen der Ereignisse darstellt. Für ihren Verfasser ist es allerdings ein 36-jähriger Krieg, weil er näherhin jenen Teil des Konfliktes vor Augen hat, der mit der Ermordung des Herzogs von Orléans im Jahre 1407 begann (XXXVI).
Sie stellt das Geschehen aus der Perspektive der Stadt Metz und des lothringischen Raumes dar.
Die Stadt lag in der Nachbarschaft des Herzogs von Lothringen und des Herzogs von Bar, sie war ständig in Gefahr, in ihre Konflikte verwickelt oder von den durchziehenden Heeren in Mitleidenschaft gezogen zu werden (XXIX). Mit besonderer Sympathie berichtet der Verfasser von (der echten) Jeanne d'Arc und ihren Taten; Johann Ohnefurcht hingegen, Philipp der Gute und die Burgunder im Allgemeinen stehen in einem sehr ungünstigen Licht. Große Fürsten und Gesandte kommen durch die Stadt und werden mit exquisiten Geschenken begrüßt, der Stadtrat führt geschickte Verhandlungen zur Beilegung von Streitigkeiten und zur Befreiung von Gefangenen.
Im Vordergrund des Berichtes stehen im weiteren Verlauf indes die Bürger von Metz, die Patrizier, Kaufleute und Handwerker, ihre Intrigen und Verschwörungen, allfällige Verbrechen und deren Bestrafung (meistens mit dem Tode) durch Rädern, Ertränken oder Verbrennen (XXXI). Der Pfarrer steht auf der Seite des patrizischen Stadtrates und hat kein Verständnis für Unruhestifter, er lobt "bonne justice" und "bon gouvernement" (XXXII). Häufig finden Theateraufführungen, Turniere, Passionsspiele und kirchliche Prozessionen Erwähnung. Eine wichtige Einnahmequelle für die Bewohner seines Stadtviertels stellen (neben der Verarbeitung von Leder) ihre nahegelegenen Weinberge dar - entsprechend spielt das Wetter in seiner Chronik eine große Rolle, besonders Frost, Hagel, zu große Trockenheit, oder was sonst dem Wein schaden kann, öfter kommt es auch zu Überschwemmungen.
Der Band beginnt mit einigen Nachforschungen über den Verfasser der Chronik, über den man nur weiß, dass er Pfarrer von Saint-Eucaire in Metz war, und besonders über die Geschichte seiner Pfarrkirche und des Stadtviertels an der Seille, im Osten der Altstadt, mit seinen Bewohnern und den dort ansässigen Patrizierfamilien, namentlich der Familie Dex (XXVII-XXVIII).
In der Einleitung bietet Chazan weiter einen erhellenden Überblick über die älteren Metzer Annalen, die in die Chronik des Saint-Dizier eingeflossen sind (XXXVII-XLIII) und eine ausführliche Diskussion der Handschriftenbasis ihrer Edition (LI-LXVII), mit akkuraten Beschreibungen der acht Textzeugen (LXXXV-C) unter besonderer Berücksichtigung ihrer Besitzgeschichte. Ihre Ausgabe folgt in erster Linie Paris, BnF, NAF 6699 (letztes Viertel des 15. Jahrhunderts), wo die hier fragliche Chronik des Saint-Dizier (fol. 30r-83v) auf eine französische Übersetzung der 'Gesta episcoporum Mettensium' (fol. 1r-28v) folgt, und Wien, ÖNB, 3378, aus dem Besitz des Philippe de Vigneulles. In dieser Handschrift wird die Chronik des Saint-Dizier fortgesetzt bis 1465, darauf folgt das 'Journal' des Metzer Bürgers Jean Aubrion über die Jahre 1465 bis 1501. Offensichtlich war er selbst es, der die hier vorliegenden Ergänzungen vorgenommen hatte, um die Lücke zwischen dem Ende der ursprünglichen Chronik-Redaktion und dem Beginn seiner eigenen Aufzeichnungen zu schließen. In der Fassung der ÖNB fehlt dafür der erste Teil der Chronik, bis zum Jahr 1346, stattdessen gibt es dort eine Liste der Schöffenmeister von 1170 bis 1345. In der Handschrift Nancy, BM, 96 schließlich folgt die Chronik des Saint-Dizier auf einen Bericht des Dekans der Stiftskirche Saint-Thiébaut in Metz, Nicole de Neufchâteau, über die Taten der Jeanne d'Arc und die Weihe Karls VII. im Jahre 1429. Im Hinblick auf dieses erste Stück hatte man auf fol. Ar des Manuskriptes notiert "ce sont les Annales du doyen de Saint-Thiébault de Metz", und als Dom Calmet die Texte aus dieser Handschrift 1728 im zweiten Band seiner 'Histoire ecclésiastique et civile de Lorraine' publizierte, musste er entsprechend davon ausgehen, sie wären insgesamt von Neufchâteau verfasst, weshalb auch die hier fragliche Chronik, die in Wirklichkeit vom Pfarrer von Saint-Eucaire stammt, lange Zeit als "Chronique du doyen de Saint-Thiébaut" bekannt war. Die übrigen fünf Handschriften hängen von den drei hier genannten ab.
Die Edition selbst enthält einen textkritischen Apparat und einen Sachkommentar in Gestalt von Endnoten, dessen Erstellung enorm viel Arbeit gekostet haben muss. Chazan bietet gründliche Recherchen zu den zahllosen Bürgern und Würdenträgern, die in der Chronik genannt werden, ihren Wohnhäusern, ihren Besitztümern und Rechtsstreitigkeiten - kaum jemand hätte dies in dieser Detailfülle zu leisten vermocht.
Eine Beigabe stellt die Edition dreier kleinerer Stücke dar, nämlich der genannten Liste der Schöffenmeister aus Wien, ÖNB, 3378 (177-180), sowie des 'Dit sur la guerre des rois' (181-182) und des Berichtes über die 'Sorcières de Verdun' (183), beide aus dem Jahre 1445 und aus Nancy, BM, 96. Weiter gibt es zwei Karten ('La Lorraine' und 'La région de Metz'), einen Exkurs über Dom Calmet und seine 'Histoire ecclésiastique et civile de Lorraine' (LXVIII-LXXIV), eine reichhaltige Bibliographie und ein detailliertes Personenregister.
Die beiden großen Stärken der hier vorgelegten Edition sind die eingehende Kontextualisierung der (an sich schon vorher bekannten) Chronik vor dem Hintergrund der spätmittelalterlichen Metzer Historiographie und die Fülle der prosopographischen Informationen im Kommentar.
Mireille Chazan: Chronique du Curé de Saint-Eucaire de Metz (1231-1445) et Continuation (1445-1464 / 1465), Turnhout: Brepols 2025, CXX + 292 S., 2 Kt., ISBN 978-2-35407-161-5, EUR 75,00
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