Die deutsche Geschichtswissenschaft hat in den vergangenen Jahren ihren eigenen Kautschukboom erlebt. Die Dissertation von Bastian Linneweh-Kaçmaz reiht sich ein in eine ganze Anzahl von Neuerscheinungen. [1] Seine Langzeitanalyse des globalen Kautschukmarkts ermöglicht es, frühere Forschungsergebnisse in einen zeitlich und räumlich größeren Kontext zu setzen. Zudem liefert er über die Geschichte des Kautschuks hinaus Daten zur langfristigen Entwicklung globaler Rohstoffmärkte.
Seine Untersuchung versteht der Autor als Beitrag zur Debatte, ob in der Zwischenkriegszeit eine Deglobalisierung stattgefunden habe. Hierzu untersucht er drei Warenketten des globalen Kautschukmarkts von 1900 bis in die 1960er Jahre: Wild-, Plantagen- und Synthesekautschuk. Eine Stärke der Arbeit liegt darin, dass sie anhand von staatlichen und Unternehmensarchiven am konkreten Fall Probleme, Strategien und Entscheidungsprozesse nachzeichnet. Statt einer Deglobalisierung, so die These des Autors, sei in der Zwischenkriegszeit ein "Formwandel der Globalisierung" (36) eingetreten. Staatliche Akteure wickelten durch Marktinterventionen nicht die Globalisierung ab, sondern entwickelten sich zu ihrer treibenden Kraft. Kritisch sei hierzu angemerkt, dass das Buch die Globalisierung immer wieder als quasi natürlichen Prozess begreift, der sich in Abwesenheit des Staates vollzog. Vieles spricht hingegen dafür, Globalisierung als Folge staatlicher Entscheidungen zu begreifen: etwa auf Freihandel zu setzen - aber auch Kolonien zu erobern und kooperationsunwilligen Partnern Kanonenboote zu schicken.
Die Untersuchung ist in drei Teile gegliedert. Teil I untersucht Entstehung und Entwicklung der Warenketten von Wild-, Plantagen- und Synthesekautschuk, die einander zwischen 1900 und 1960 ablösten, aber auch lange überlappten. Bei der Untersuchung des Wildkautschukhandels weist Linneweh-Kaçmaz darauf hin, dass Gewalt in dieser Warenkette häufig überbetont wird. Stattdessen unterstreicht er die agency der Sammler, die trotz allem meist ein Interesse am Handel hatten. Dies zeigt die Studie anhand von Brasilien, dem wichtigsten Wildkautschuklieferanten, und Deutsch-Ostafrika - wobei bei letzterem unklar bleibt, warum für Afrika gerade dieser marginale Kautschukproduzent herangezogen wird.
Während das Unterkapitel zum Wildkautschuk vor allem bestehende Forschungsergebnisse zusammenfasst und häufig etwas pauschal ausfällt, zeichnet der Autor durch intensive Quellenarbeit den Aufstieg des Plantagenkautschuks durch die Kultivierung von Hevea brasiliensis in Südostasien nach. Er zeigt die Rolle des Agency-Systems bei der Einrichtung und beim Betrieb von Plantagen in Britisch-Malaya, warum Reifenproduzenten eigene Plantagen gründeten, die große Rolle lokaler Kleinproduzenten und spart die Ausbeutung von indentured laborers nicht aus. Kritisieren ließe sich, dass der Autor die Blase auf dem Kautschukmarkt von 1910 bis 1913 nicht erwähnt. Hierdurch erscheint das Investment in Kautschukplantagen weniger spekulativ als es vielfach war. Problematischer ist, dass der Autor die Etablierung der Plantagenkultur als rein privatwirtschaftliche Angelegenheit zeichnet, um dann in Teil II - demjenigen über staatliche Markteingriffe - mit großer Vehemenz die Bedeutung des Staates herauszuarbeiten. Dies ist der Anlage der Arbeit geschuldet. Es weist dennoch erneut auf die problematischen Grundannahmen zu Staat und Globalisierung hin.
Teil II untersucht "Versuche, globale Warenketten zu steuern" (165) - wiederum unter der Annahme, Freihandel und Kolonisierung seien keine Steuerung. Der Autor zeichnet akribisch nach, wie der koloniale Staat in Britisch-Malaya Finanzierung, Erforschung und den Betrieb von Kautschukplantagen förderte. Das Unterkapitel über Plantagen in deutschen Kolonien ist indessen ungenau und sein analytischer Mehrwert unklar. Plantagenkautschuk verdrängte nach 1910 den Wildkautschuk aufgrund seiner besseren und gleichmäßigeren Qualität schnell vom Markt. Wildkautschuk spielte jedoch im Zweiten Weltkrieg wieder eine Rolle.
Linneweh-Kaçmaz macht anhand der Etablierung des Plantagenkautschuks eine erste Annäherung von Staat und Privatwirtschaft fest. Die eigentliche Wasserscheide lokalisiert er - wie andere - im Ersten Weltkrieg. Infolge der Versorgungskrisen während des Krieges, aber auch durch mehrfachen Preisverfall in den Jahren danach begannen Staaten und Privatunternehmen, über staatliche Interventionen in den Kautschukmarkt nachzudenken und diese auch durchzusetzen. Linneweh-Kaçmaz zeigt dies anhand der deutschen Rohstoffbewirtschaftung in der Kriegs- und Nachkriegszeit sowie am Beispiel des britischen Stevenson Restriction Plan von 1922, der durch Produktionsbegrenzung in Malaya die Preise für Plantagenkautschuk wieder erhöhen sollte. Der Autor verdeutlicht, dass dieser unilaterale staatliche Eingriff neue Konkurrenten auf den Markt brachte: US-Unternehmen gründeten Plantagen, etwa in Liberia, und lokale Kleinproduzenten pflanzten Kautschuk in Niederländisch-Indien. Diese Probleme versuchte das International Rubber Regulation Agreement von 1934 durch internationale Kooperation zwischen Kolonialstaaten, Rohstoffproduzenten und Verarbeitern zu beheben. Insgesamt, so konstatiert der Autor, war der Kautschukhandel der Zwischenkriegszeit nicht von einem Rückbau der globalen Verflechtung geprägt. Allerdings übernahmen zusehends staatliche Stellen deren Koordination.
Eine Deglobalisierung des Kautschukmarkts stellt Linneweh-Kaçmaz während des Zweiten Weltkriegs fest. Anhand des synthetischen Kautschuks veranschaulicht er, wie NS-Deutschland und die USA eine Warenkette für ein nicht konkurrenzfähiges Produkt etablierten. Grund dafür waren NS-Autarkiebestrebungen sowie - im Falle der USA - die Substituierung nach der japanischen Eroberung der Plantagen Südostasiens und dem Zerreißen der globalen Verflechtungen im Zweiten Weltkrieg.
Teil III befasst sich mit dem Wiederaufbau globaler Warenketten in der Nachkriegszeit und untersucht, wie das heute bestehende Nebeneinander von Plantagen- und Synthesekautschuk entstand. Linneweh-Kaçmaz stellt die fortbestehende zentrale Stellung der Nationalstaaten in der Neuordnung der Warenketten fest: erstens durch die International Rubber Study Group, in der Regierungen und Unternehmen gemeinsam die Marktentwicklung steuerten, zweitens im langsamen Rückzug des Staates aus der Förderung des Synthesekautschuks, der inzwischen konkurrenzfähig geworden war, drittens durch die Rolle der kautschukproduzierenden neuen Nationalstaaten nach der Dekolonisierung, die erstaunlich wenig Raum im Buch einnimmt.
Neben der schon erwähnten fragwürdigen Annahme zur Beziehung zwischen Staat und Globalisierung treten bei der Studie weitere inhaltliche und methodische Probleme zutage. So enthält die Arbeit einige Ungenauigkeiten - etwa zum afrikanischen Wild- und Plantagenkautschuk. Die Auswahl der Fallbeispiele hätte Linneweh-Kaçmaz besser begründen können. Warum die deutschen Kolonien bei der Etablierung der Plantagen berücksichtigt werden, nicht jedoch das viel wichtigere Niederländisch-Indien ist unklar. Die Konzentration auf die deutsche und US-amerikanische Kautschukstrategie im Zweiten Weltkrieg ist logisch, hätte aber besser erklärt werden können. Ausführungen zur Sowjetunion oder zu Japan wären ebenfalls interessant gewesen. Wenn Linneweh-Kaçmaz sich vor allem auf die zentralen Fälle hätte konzentrieren wollen, wäre es sinnvoller gewesen, einige Fallbeispiele wegzulassen. Zudem verirrt sich der Autor häufig im Nachzeichnen einzelner Entscheidungsprozesse. Irritierend ist auch, dass er in den Fußnoten oft auf die gesamte Akte in einem Archiv verweist, obwohl er sich auf ein bestimmtes Dokument bezieht. Trotz dieser Monita ist Linneweh-Kaçmaz eine beeindruckende Syntheseleistung gelungen, die ein Standardwerk zur Geschichte des Kautschukhandels darstellt.
Anmerkung:
[1] Vgl. Samuel Eleazar Wendt: Körper, Kautschuk, Kolonien. Die C. Müller Gummiwaren AG und der Beginn des Massenmarkts, 1875-1948, Bielefeld 2026; Hendrik Böttcher: "Fortan direkt" - Die Traun'schen Gummiwerke und der afrikanische Kautschuk, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, 70 (2025), 217-235; Tristan Oestermann: Kautschuk und Arbeit in Kamerun unter deutscher Kolonialherrschaft 1880-1913, Köln 2022.
Bastian Linneweh-Kaçmaz: Formbarkeit von Globalisierung. Kautschuk, Warenketten und Marktinterventionen (1900-1965), Frankfurt/M.: Campus 2024, 568 S., ISBN 978-3-593-51723-0, EUR 54,00
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