sehepunkte 26 (2026), Nr. 3

Agostino Paravicini Bagliani: Sorpresi dalla storia

Es lässt sich festhalten, dass jeder historiografische Weg als persönlich, einzigartig und unwiederholbar zu betrachten ist. Er ist charakterisiert durch eine Vielzahl von Begegnungen und Verflechtungen scheinbar zufälliger Umstände, die das Leben und die Forschung eines Menschen maßgeblich prägen. Ein exemplarisches Zeugnis dieser untrennbaren Verflechtung zwischen biographischem Werdegang und wissenschaftlichem Wirken ist das Buch von Agostino Paravicini Bagliani im Gespräch mit Pietro Silanos.

Die Publikation ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil mit dem vielsagenden Titel "Begegnungen" zeichnet in weitgehend chronologischer Reihenfolge die Karriere und die Kontakte nach, die das historische und biografische Profil Paravicini Baglianis geprägt haben. Aus der Vielzahl der genannten Namen bedeutender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wird die jahrzehntelange Mitarbeit in anregenden und produktiven Forschungsumfeldern und -gruppen deutlich. Von besonderer Bedeutung ist die Tätigkeit in der Vatikanischen Bibliothek als scriptor latinus. Eine wichtige Etappe waren die zwölf Jahre in Rom - nicht nur wegen der Teilhabe an der Welt des Vatikans, die mehrfach als besonders reich an Ideen und wissenschaftlichem Austausch beschrieben wird (32), sondern auch wegen der gleichzeitigen Begegnung mit der römischen Wissenschaftswelt durch die Präsenz von Instituten wie der École Française de Rome, dem Deutschen Historischen Institut und dem Istituto Storico Italiano per il Medioevo sowie deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Die lange Lehrtätigkeit in Lausanne als Lehrstuhlinhaber für mittelalterliche Geschichte, die Paravicini Bagliani 1981 antrat, ermöglichte es ihm einerseits, eine Vielzahl von Themen zu vertiefen und zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auszubilden. Dabei nutzte er die Kontakte und das Umfeld seiner Jahre in Rom und griff diese Form des akademischen Austauschs auch an der Universität wieder auf. Das letzte große Projekt, das Erwähnung verdient, ist die SISMEL (Società Internazionale per lo Studio del Medioevo Latino). Ausgehend von einer zunächst vor allem redaktionellen Zusammenarbeit, die 1991 mit der Reihe Micrologus begann, übernahm Paravicini Bagliani von 2008 bis 2024 den Vorsitz der Internationalen Gesellschaft für das Studium des lateinischen Mittelalters.

Der zweite Teil des Bandes widmet sich den Themen und Forschungswegen und bildet den historiografischen Kern des Werkes. Die thematische Entfaltung der im Laufe der Karriere behandelten Inhalte zeichnet auf faszinierende Weise die Wege nach, die durch die grundlegenden Studien zur Prosopographie der Kardinalsfamilien und zu den Testamenten der Kardinäle des 13. Jahrhunderts eröffnet wurden. Von dieser Prämisse ausgehend, entwickelten sich Forschungswege zur Kultur und Wissenschaft am Hof der Päpste des 13. Jahrhunderts, die in den Studien zum Körper des Papstes gipfelten. Die Beschäftigung mit Körperlichkeit und Alchemie führte zur Gründung der Reihe Micrologus, die sich durch diese Forschungsansätze auszeichnet (96). Ein weiterer bedeutender historiografischer Strang mit zahlreichen Auswirkungen im europäischen Kontext betrifft die Symbole und Rituale am päpstlichen Hof im Hochmittelalter sowie deren Entwicklung. Abschließend wird Paravicini Baglianis Studien zu Bonifaz VIII. Aufmerksamkeit geschenkt, die in einer Kontinuitätslinie mit den Forschungen über den Körper des Papstes, seine Macht, seine Symbole und seine Performativität stehen (120). Auch dieser Abschnitt weist - wie bereits zuvor - eine Vielzahl von Namen, Kontakten und Beziehungen auf. Dies veranschaulicht eindrucksvoll, in welchem Ausmaß der wissenschaftliche Austausch die Forschung von Paravicini Bagliani geprägt hat.

Der Band wird durch einen dritten und letzten Teil ergänzt, der sich methodischen Problemen und offenen Forschungsperspektiven widmet. Die erste explizite Frage, die sich in diesem Kontext stellt, betrifft den spezifischen Grund für die Wahl des päpstlichen Hofes im Mittelalter (153) und leitet eine Überlegung zur Interaktion verschiedener historiografischer Tendenzen (historisch-institutionell, historisch-juristisch, Sprachen der Performativität) in Bezug auf Studien zum mittelalterlichen Papsttum ein. Vor allem methodische Überlegungen zur symbolischen Konstruktion des mittelalterlichen Papsttums im monarchischen Sinne - von seiner Kontinuität und Entwicklung in den zentralen Jahrhunderten des Mittelalters über seine Darstellung bis hin zu seiner Einbindung in eine kulturelle Referenzgemeinschaft - prägen diese Seiten. Institutionelle Veränderungen - etwa die größere Mobilität des päpstlichen Hofes oder der Umzug nach Avignon - führten auch zu Veränderungen in der symbolischen Kommunikation. Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass die symbolische und performative Dimension des mittelalterlichen Papsttums untrennbar mit dessen institutioneller Dimension verbunden ist, ohne dabei einer teleologischen Sichtweise zu verfallen. Hierbei handelt es sich um einen der zentralen methodischen Ansätze, die Paravicini Bagliani in diesem Werk präsentiert.

Der Schluss des Werkes besteht aus einigen kurzen, aber sehr dichten Seiten, auf denen Paravicini Bagliani und Silanos über den Beruf des Historikers im Zeitalter der künstlichen Intelligenz und über Zukunftsperspektiven der Geschichtsforschung diskutieren. Auf diese Weise manifestiert sich die Expertise des Historikers des mittelalterlichen Papsttums, geleitet von den Fragen des Interviewers und getragen von jahrzehntelangen Begegnungen, Beziehungen, Dialogen, Anregungen und Vergleichen. Agostino Paravicini Bagliani konnte aus diesen Quellen reichen Ertrag ziehen - dank seiner ausgeprägten Neugier und seiner großen menschlichen Sympathie für seine Gesprächspartner, auch für junge oder sehr junge. Der besondere Mehrwert der in diesem Interviewband enthaltenen Gespräche liegt in der bedeutsamen methodischen Lehre, die Paravicini Bagliani vermittelt. Die Lektüre zeigt, dass die Auseinandersetzung mit der kleinen wie der großen Geschichte überraschend fruchtbare und anregende Wege eröffnet.

Rezension über:

Agostino Paravicini Bagliani: Sorpresi dalla storia. Percorsi intorno al Medioevo. Conversazione con Pietro Silanos (= mediEVI; 45), Firenze: SISMEL. Edizioni del Galluzzo 2025, xi + 193 S., ISBN 978-88-9290-403-3, EUR 38,00

Rezension von:
Caterina Cappuccio
Deutsches Historisches Institut, Rom
Empfohlene Zitierweise:
Caterina Cappuccio: Rezension von: Agostino Paravicini Bagliani: Sorpresi dalla storia. Percorsi intorno al Medioevo. Conversazione con Pietro Silanos, Firenze: SISMEL. Edizioni del Galluzzo 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 3 [15.03.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/03/40509.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.