Stephanos Efthymiadis' Monographie The Hagiography of Byzantine Cyprus: Saints, Hagiographers and Texts (Fourth to Thirteenth Century) stellt einen Meilenstein für die Erforschung der byzantinischen Hagiographie dar und schließt eine bislang auffällige Forschungslücke innerhalb der Byzantinistik. Während die hagiographische Produktion zentralbyzantinischer Räume wie Konstantinopel, Kleinasien oder Palästina seit Jahrzehnten intensiv untersucht worden ist, blieb Zypern trotz seiner besonderen kirchenpolitischen Stellung und seiner reichen literarischen Überlieferung weitgehend marginalisiert. Efthymiadis legt mit dieser Studie erstmals eine systematische, diachron angelegte Analyse der zypriotischen Hagiographie vom 4. bis zum 13. Jahrhundert vor und positioniert die Insel überzeugend als eigenständigen, produktiven Akteur innerhalb des byzantinischen Kulturraums.
Ausgangspunkt der Untersuchung bildet die autokephale Stellung der Kirche von Zypern, die seit dem Konzil von Ephesos (431) institutionell abgesichert war und maßgeblich die Entstehung und Funktion hagiographischer Texte beeinflusste. Efthymiadis zeigt, dass Heiligenviten, Märtyrerakten und Enkomien nicht primär als Ausdruck lokaler Frömmigkeit zu verstehen sind, sondern als strategische literarische Mittel zur Legitimation kirchlicher Autorität und zur Konstruktion kollektiver Erinnerung. Besonders die Texte zum Apostel Barnabas fungieren als narrative Eckpfeiler zypriotischer Identitätsbildung, indem sie die apostolische Herkunft der Kirche betonen und ihre Unabhängigkeit gegenüber konkurrierenden kirchlichen Zentren rhetorisch absichern.
Methodisch zeichnet sich die Monographie durch eine konsequente Verbindung philologischer Detailarbeit mit historischer und kulturwissenschaftlicher Kontextualisierung aus. Die Analyse der handschriftlichen Überlieferung, der Textgenese sowie der intertextuellen Bezüge erlaubt es, die hagiographischen Texte als literarisch hochgradig reflektierte Konstruktionen zu lesen. Efthymiadis vermeidet dabei eine reduktionistische Lesart der Hagiographie als bloße historische Quelle und betont vielmehr deren performativen Charakter als Medium sozialer Kommunikation. Die Spannung zwischen historiographischem Anspruch und hagiographischer Topik wird nicht als Defizit, sondern als konstitutives Merkmal dieser Textgattung interpretiert.
Besonderes Gewicht kommt den Kapiteln zur spätantiken Hagiographie des 4. und 5. Jahrhunderts zu, in denen die Viten der frühen zypriotischen Bischöfe einer eingehenden Analyse unterzogen werden. Hier gelingt es dem Autor, literarische Strategien der Autoritätsstiftung offenzulegen und zugleich die Einbettung der Texte in die theologischen und politischen Debatten ihrer Zeit nachzuzeichnen. Die zypriotische Hagiographie erscheint in diesem Zusammenhang als aktiver Diskursraum, in dem Fragen von Orthodoxie, kirchlicher Jurisdiktion und regionaler Zugehörigkeit verhandelt werden.
Die diachrone Perspektive der Studie ermöglicht es darüber hinaus, Wandlungsprozesse innerhalb der hagiographischen Tradition Zyperns sichtbar zu machen. Politische Einschnitte wie die arabischen Expansionen oder die Etablierung der lateinischen Herrschaft führten nicht zu einem Abbruch der hagiographischen Produktion, sondern zu deren funktionaler und narrativer Neujustierung. Efthymiadis zeigt überzeugend, wie sich Themen, Heiligentypen und literarische Formen an veränderte Rahmenbedingungen anpassten, ohne ihre grundlegende identitätsstiftende Funktion einzubüßen. Gerade in diesen Passagen wird deutlich, dass die zypriotische Hagiographie als dynamisches literarisches System zu begreifen ist, das Kontinuität und Anpassungsfähigkeit miteinander verbindet.
Der wissenschaftliche Ertrag der Monographie liegt nicht zuletzt in der systematischen Erschließung eines heterogenen Textkorpus, das bislang nur fragmentarisch oder randständig behandelt worden ist. Durch die präzise Verortung der Texte innerhalb der byzantinischen Literaturgeschichte leistet Efthymiadis einen wichtigen Beitrag zur Neubewertung sogenannter peripherer Räume und stellt deren produktive Rolle im kulturellen Gefüge des Reiches heraus. Die Studie fügt sich damit überzeugend in aktuelle Forschungsansätze ein, die die Hagiographie als komplexes Medium kultureller Selbstbeschreibung und sozialer Aushandlungsprozesse verstehen.
Kritisch anzumerken ist lediglich der hohe Spezialisierungsgrad einzelner philologischer Passagen, die eine erhebliche Vertrautheit mit byzantinischer Textkritik voraussetzen und den Zugang für fachfremde Leser erschweren könnten. Für die intendierte Zielgruppe eines wissenschaftlichen Publikums stellt dies jedoch keinen Nachteil dar, sondern unterstreicht vielmehr den methodischen Anspruch und die analytische Tiefe der Arbeit.
Insgesamt ist der Band als grundlegendes Referenzwerk zu bewerten, das die zypriotische Hagiographie erstmals in ihrer gesamten historischen, literarischen und institutionellen Komplexität erfasst. Efthymiadis gelingt es in überzeugender Weise, hagiographische Texte nicht nur als Spiegel religiöser Praxis, sondern als aktive Akteure kirchlicher und kultureller Selbstdefinition zu interpretieren. Die Monographie setzt damit Maßstäbe für die zukünftige Forschung zur byzantinischen Hagiographie und empfiehlt sich uneingeschränkt für die internationale Fachdebatte.
Stephanos Efthymiadis: The Hagiography of Byzantine Cyprus. Saints, Hagiographers and Texts (Fourth to Thirteenth Century), Cambridge: Cambridge University Press 2025, XI + 346 S., ISBN 978-1-009-35560-5, EUR 105,04
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