sehepunkte 26 (2026), Nr. 2

Maximilian Görmar: Socialitas, urbanitas, humanitas

Ein des schieren Umfangs, vor allem aber der Methodensicherheit, der breit angelegten Expertise seines Autors und der geradezu erschlagenden Materialbasis wegen ganz ungewöhnliches Buch - ich wage gar nicht die Frage zu stellen, wie viele Jahre seines Lebens der Verfasser dieser Leipziger Dissertation von 2023 in sein "erstes Buch" investiert hat, das von seinem Niveau her weit über normale Doktorarbeiten hinausragt. Und es ist zugleich ein Buch, das mit seinen 940 Seiten Text (ohne Anhänge, Quellen- und Literaturverzeichnis und Register) und annähernd 5000 Anmerkungen auch dem Rezensenten einen langen Atem abverlangt.

Auf eine derart "gewichtige" Publikation - deren Verfasser Kompetenz und fundiertes Wissen ebenso über die antike Philosophie und deren Rezeption wie über die Musikgeschichte, der Kunstgeschichte und Emblematik ebenso wie der Literaturgeschichte, von den Methoden der Statistik und der computergestützten Netzwerkanalyse einmal ganz abgesehen, mitbringen musste, um nur weniges anzusprechen - und deren vielfältige Ergebnisse kann man nur mit einem zwanzigseitigen Aufsatz, den die Vorgaben der sehepunkte freilich nicht vorsehen, oder mit einem knappen Résumé des Forschungsgangs reagieren. Letzteres ist, so scheint es mir, die einzige vorstellbare Option.

Um aus der Überfülle von durch Freiwilligkeit und ein Minimum an Organisation seit der Antike ins Leben getretenen Assoziationen ein operables Kriterienbündel zu entwickeln, hat sich der Verfasser für ein Terzett von Quellenbegriffen entschieden, die die Spezifik der Sozietäten fassen und sie zugleich von den aufgeklärten Sozietäten des 18. Jahrhunderts unterscheiden sollen. Der Abschnitt "socialitas" soll die "Voraussetzungen, Modellvorstellungen und universelle Strahlkraft des Sozietätswesens in der Mitte Europas" klären, den Weg von den italienischen Akademien der Renaissancezeit und den ersten humanistischen Sodalitäten nördlich der Alpen über die Schärfung des Ideals der respublica litteraria bis zu den Collegia publica seu privata an den europäischen Universitäten mit Einschluss der Sonderform der Collegia Gelliana. Für Leipzig, dessen Sozietäten zahlenmäßig weit über das Normale einer 20.000 Menschen zählenden Stadt hinausreichen, werden unter anderem die universitären Tischgemeinschaften und die studentischen Landsmannschaften, die Tugendgesellschaften und die für Leipzig zentralen Predigerkollegien, Predigergesellschaften und Begräbnisgesellschaften untersucht, in denen der Adel übrigens nur eine verschwindend geringe Rolle spielte. Sie werden quantitativen, chronologischen und typologischen Analysen unterzogen, um ausblickartig auf die im Rahmen der Stadtgemeinschaft von den großen Geistern wie Leibniz entwickelten Sozietätspläne und nicht verwirklichten Projekte hinzuweisen, die letztlich ja in die Errichtung der Berliner Akademie der Wissenschaften einmündeten.

Der zweite Schlüsselbegriff, gewidmet den "Voraussetzungen und Strukturen der Leipziger Sozietäten im 17. Jahrhundert im urbanen Kontext", ist "urbanitas". Hier werden die gesellschaftlichen und rechtlichen Voraussetzungen der Leipziger Assoziationen, ihre organisatorischen Unterschiede, ihre Mitgliedschaften und Ämterstrukturen, ihre Finanzen und das Ausmaß ihrer obrigkeitlichen Kontrolle behandelt. Vor allem aber wird die Gesamtheit der Mitglieder computergestützt nach ihrer Sozialstruktur, ihrer Altersstruktur und Mitgliedsdauer, nach Herkunftsorten und vor allem ihrer Vernetzung in und über Leipzig hinaus untersucht (und im Anhang mitsamt Biogrammen vorgestellt: ein riesiges Quellenmaterial). Die Abschnitte III/5 und III/6 sind von zentraler Bedeutung und finden ihre Ergänzung durch rd. zehn Fallbeispiele von Individuen im Leipziger Sozialitätsnetzwerk, darunter die Mitglieder der Familie Carpzov, Gottfried Wilhelm Leibniz und der mit Christian Thomasius verbundene Joachim Feller, der, an sich atypisch, zu den Verteidigern der Pietisten zählte, gewaltige acht Sozietätsmitgliedschaften pflegte und sie zudem noch mit einer auswärtigen Mitgliedschaft verband, der des "Historischen Reichskollegiums".

Der dritte große Abschnitt ist unter dem (wie alle anderen Schlüsselbegriffe vielschichtigen) Quellenbegriff "humanitas" den "Praktiken, Medien und Diskursen der Leipziger Sozietäten im 17. Jahrhundert" gewidmet. Das meint unter anderem das öffentliche Auftreten der Sozietäten, insbesondere der Begräbnisgesellschaften, erstreckt sich auf deren Feste und Feiern und die Formen ihrer Sozialfürsorge, das umschließt die Produktion der Gelegenheitsschriften und ihre Autoren und reicht bis in die Versmaße und Strophenformen der Gelehrtendichtung hinein. Aus der Normalität fielen die Collectores Actorum Eruditorum heraus, also die Träger des riesigen und über ganz Europa hinweg Beachtung findenden Unternehmens der Acta Eruditorum, das gemeinsam mit dem Collegium Gellianum und dem Collegium Anthologicum zu den philologisch-historischen Sozietäten zu rechnen ist. Ihre wissenschaftsgeschichtlich ungemein wertvollen schriftlichen (und mündlichen) Beiträge zu den altertumswissenschaftlichen Disziplinen, zur Philosophie, Theologie und, besonders spannend, zur Orientalistik, zur Geschichte und ihren Hilfswissenschaften, zur Rechtswissenschaft und nicht zuletzt zu den Naturwissenschaften und zur Mathematik bilden einen letzten Schwerpunkt der Darstellung. Die Vorstellung zweier Literarischer Gesellschaften beschließt den Hauptteil des Buches.

Es ist ein ungemein reiches, klug durchdachtes und auf ein gewaltiges ungedrucktes Quellenmaterial, das aus einem Dutzend Leipziger Archive, Bibliotheken und Sammlungen und etlicher anderen sächsischen und norddeutschen Archive geschöpft wurde, zurückgreifendes opus maximum, das zudem deutlich über 300 "Gelegenheitsschriften" der Leipziger Sozietäten auswertet und nicht zuletzt durch alte und moderne Quelleneditionen und Forschungsliteratur abgerundet wird, deren Verzeichnis allein 100 Druckseiten ausmacht. Es ist ein Buch, das weit über den Gegenstand im engeren Sinn die Sozial- und Wissenschaftsgeschichte von Leipzig, dieser ungewöhnlichen, nicht zufällig immer wieder mit Athen verglichenen Stadt der Gelehrsamkeit und des Buchdrucks, auf eine neue Stufe stellt und das moderne Sozial-, Gelehrten- und Wissenschaftsgeschichte auf höchstem Niveau miteinander verbindet. Leipzig kann sich glücklich schätzen, dass sein 17. Jahrhundert so magistrabel und sicherlich auf Jahrzehnte hinaus gültig erforscht worden ist.

Rezension über:

Maximilian Görmar: Socialitas, urbanitas, humanitas. Die Leipziger Sozietäten im 17. Jahrhundert zwischen Späthumanismus, lutherischer Orthodoxie und Frühaufklärung (= Quellen und Forschungen zur sächsischen und mitteldeutschen Geschichte; Bd. 53), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2024, 2 Bde., XVI + 1132 S., 71 s/w-Abb., 15 Tbl., ISBN 978-3-515-13742-3, EUR 206,00

Rezension von:
Heinz Duchhardt
Mainz
Empfohlene Zitierweise:
Heinz Duchhardt: Rezension von: Maximilian Görmar: Socialitas, urbanitas, humanitas. Die Leipziger Sozietäten im 17. Jahrhundert zwischen Späthumanismus, lutherischer Orthodoxie und Frühaufklärung, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/02/40671.html


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