sehepunkte 26 (2026), Nr. 2

Karen Froitzheim: Nachhaltigkeit im unternehmerischen Diskurs

Die Geschichte des Leitprinzips 'Nachhaltigkeit' ist bislang vor allem aus politischer und ideengeschichtlicher Perspektive untersucht worden. Unternehmen erscheinen in diesen Studien häufig entweder als Bremser ökologischer Transformation oder als Adressaten staatlicher Regulierung. Karen Froitzheim setzt mit ihrer Arbeit bewusst an dieser Leerstelle an. Sie fragt nach Unternehmen als eigenständigen Akteuren im diskursiven Feld der Nachhaltigkeit und untersucht, wie sich deren Selbstverständnisse, Kommunikationsstrategien und Praktiken seit den 1980er Jahren entwickelten. Damit leistet die Studie einen wichtigen Beitrag zur Verzahnung von Unternehmens-, Wirtschafts- und Umweltgeschichte.

Ausgangspunkt der Arbeit ist die Beobachtung, dass sich seit den 1970er Jahren Debatten über Umweltschutz, Ressourcenknappheit und wirtschaftliches Wachstum zunehmend verschränkten, nicht zuletzt durch globale Impulse wie den Bericht des Club of Rome. Froitzheim richtet ihren Blick jedoch weniger auf diese Diskurse selbst als auf die Kontaktzonen zwischen Wirtschaft und Politik und fragt, "wie die Politik die Rolle der Wirtschaft als Akteur im diskursiven Feld der Nachhaltigkeit definierte." (19) Im Zentrum steht damit nicht eine normative Bewertung unternehmerischen Handelns, sondern eine diskurs- und praxisgeschichtliche Analyse.

Methodisch verbindet die Studie einen systematischen Ländervergleich zwischen Deutschland und Großbritannien mit vier Unternehmensfallstudien: Merck und AstraZeneca aus der Chemie- und Pharmaindustrie sowie die Otto Group und Marks & Spencer aus Handel und Konsumgüterbranche. Die Auswahl multinationaler Unternehmen, die jeweils als Vorreiter gesellschaftlicher Entwicklungen gelten können, ist plausibel und ermöglicht einen Vergleich unterschiedlicher Branchen, nationaler Kontexte und unternehmerischer Selbstbilder. Zugleich macht Froitzheim deutlich, dass viele deutsche Unternehmen, insbesondere entlang des stark verschmutzten Rheins, bereits früh umweltpolitische Maßnahmen auch als Mittel reputationspolitischer Positionierung verstanden.

Die Arbeit ist klar strukturiert und folgt vier leitenden Fragestellungen. Welche Kontaktzonen bestanden zwischen Politik und Wirtschaft bei der Entwicklung des Leitbildes Nachhaltigkeit? Welche Praktiken kommunizierten Unternehmen und wie inszenierten sie sich als nachhaltige Akteure? Welche weiteren Akteursgruppen etwa Wissenschaft oder Mitarbeitende spielten dabei eine Rolle? Diese Fragen werden konsequent durch alle Kapitel verfolgt und verleihen der Studie eine hohe innere Kohärenz.

Ein zentrales Ergebnis des Ländervergleichs ist die unterschiedliche Gewichtung der Nachhaltigkeitsdimensionen. Während in Großbritannien soziale Fragen über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg eine zentrale Rolle spielten, dominierte in Deutschland lange Zeit die Verknüpfung von Ökologie und Ökonomie. Diese nationalen Rahmungen spiegeln sich deutlich in den untersuchten Unternehmen wider. Am Beispiel von Merck zeigt Froitzheim, dass in den 1980er und frühen 1990er Jahren vor allem der Begriff des Umweltschutzes verwendet wurde, während Nachhaltigkeit, wenn überhaupt, eng an ökonomische Aspekte gekoppelt blieb. Umweltschutz galt primär als Kostenfaktor und Zusatzaufgabe für wirtschaftlich stabile Zeiten. Erst ab Mitte der 1990er Jahre, etwa im Kontext des Responsible Care-Programms der Chemiebranche, verschob sich der Diskurs hin zu Verantwortung und später zu einem holistischen Nachhaltigkeitsverständnis, das zunehmend als Wettbewerbsvorteil kommuniziert wurde.

Besonders überzeugend ist Froitzheims Analyse der Rolle von Mitarbeitenden. Für alle vier Unternehmen zeigt sie, dass nicht allein das Management, sondern häufig engagierte Beschäftigte zentrale Treiber nachhaltigkeitsbezogener Praktiken waren - etwa mit dem Argument der Standortsicherung oder der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit. Nachhaltigkeit erscheint so weniger als externer Zwang denn als internes Handlungsfeld, das zugleich ökonomisch funktionalisiert wurde. Die Analyse von AstraZeneca ergänzt dieses Bild um eine britische Perspektive. Hier dominierten bereits früh Begriffe wie Safety, Health und Environment, und Umweltziele wurden formaler formuliert als im deutschen Vergleich. Die frühe Veröffentlichung von Umweltberichten und Investitionen in Forschung und Entwicklung unterstreichen Froitzheims These, dass Deutschland in diesem Feld keineswegs als Vorreiter gelten kann. Auffällig ist zudem, dass ökologische und ökonomische Ziele bei AstraZeneca bereits in den frühen 1990er Jahren nicht mehr als Gegensatz wahrgenommen wurden, etwa bei der Entwicklung umweltfreundlicher Ersatzstoffe.

Die Beiträge zu Otto und Marks & Spencer erweitern die Analyse um den Handels- und Konsumgütersektor. Bei Otto zeigt Froitzheim, wie sich der Diskurs um die Jahrtausendwende von Umweltschutz hin zu Nachhaltigkeit verschob und dabei insbesondere soziale Dimensionen, etwa gender equality oder Kinder- und Jugendprojekte, an Bedeutung gewannen. Nachhaltigkeit wurde explizit als "Business Case" (209), d.h. als Geschäftsszenario mit Rentabilitätsaussichten, gerahmt und zugleich stark personalisiert, nicht zuletzt durch den Vorstandsvorsitzenden Michael Otto. Marks & Spencer hingegen erscheint im Vergleich als zögerlicher Akteur, dessen Nachhaltigkeitsverständnis sich langsamer und weniger systematisch entwickelte.

So überzeugend die empirische Dichte und der symmetrische Aufbau der Studie sind, so bleiben doch einige Punkte kritisch anzumerken. Die Analyse konzentriert sich stark auf unternehmerische Selbstbeschreibungen und politische Rahmungen, während umweltgeschichtliche Ereignisse und konkrete ökologische Krisen wie Gewässerverschmutzung oder Umweltkatastrophen nur am Rand erscheinen. Nachhaltigkeit wird damit vor allem als diskursives und strategisches Konstrukt untersucht, weniger als Reaktion auf materielle Umweltveränderungen. Gerade aus umwelthistorischer Perspektive wäre eine stärkere Rückbindung an konkrete Umweltprobleme wünschenswert gewesen, um umwelt- und unternehmenshistorische Perspektiven stärker zusammenzubringen. [1] Zudem bleibt der systematische Vergleich zwischen den Unternehmen teilweise unterentwickelt. Zwar werden ähnliche Kategorien angewandt, doch eine explizite vergleichende Synthese beispielsweise entlang konkreter Praxisfelder wie Abwasser, Emissionen oder Ressourcennutzung hätte die analytische Schärfe weiter erhöht. Auch die Rolle von Verbänden, Öffentlichkeit und Konsumentinnen und Konsumenten erscheint gegenüber Politik, Wissenschaft und Unternehmen selbst unterbelichtet.

Trotzdem handelt es sich um eine überzeugende, theoretisch klar verortete und quellengesättigte Studie, die eine wichtige Forschungslücke schließt. Froitzheim zeigt eindrücklich, dass Unternehmen nicht nur Adressaten, sondern aktive Mitgestalter des Nachhaltigkeitsdiskurses waren und dass Nachhaltigkeit dabei frühzeitig in ökonomische Rationalitäten übersetzt wurde. Die Arbeit bietet damit wertvolle Impulse für die Unternehmens-, Wirtschafts- und Umweltgeschichte und lädt dazu ein, Nachhaltigkeit weniger als normatives Ziel denn als historisch kontingentes Aushandlungsfeld zu begreifen.


Anmerkung:

[1] Sebastian Haumann / Roman Köster: Umwelt- und Unternehmensgeschichte. Ansätze zur Verflechtung divergierender Forschungsfelder, in: Nina Kleinöder u.a. (Hgg.): Neue Perspektiven der Unternehmensgeschichte, Paderborn 2024, 262-285.

Rezension über:

Karen Froitzheim: Nachhaltigkeit im unternehmerischen Diskurs. Eine Analyse deutscher und britischer Konzerne seit den 1980er Jahren (= Geschichte der Nachhaltigkeiten; Bd. 1), Frankfurt/M.: Campus 2024, 351 S., ISBN 978-3-593-51998-2, EUR 49,00

Rezension von:
Anna Corsten
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Empfohlene Zitierweise:
Anna Corsten: Rezension von: Karen Froitzheim: Nachhaltigkeit im unternehmerischen Diskurs. Eine Analyse deutscher und britischer Konzerne seit den 1980er Jahren, Frankfurt/M.: Campus 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/02/40230.html


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