sehepunkte 26 (2026), Nr. 2

Hal Brands: War in Ukraine

Eines seiner Ziele dürfte Wladimir Putin mit dem Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 schon erreicht haben: Die Ausübung militärischer Gewalt ist wieder zu einer wichtigen Währung der internationalen Beziehungen geworden. Die von der UdSSR übernommenen Kernwaffen erwiesen zudem ihren Wert, indem sie es Russland allein durch ihre Existenz erlaubten, den Konfliktschauplatz in nicht unerheblichem Maße gegenüber Dritten abzuschirmen und in dem so geschaffenen Sanktuarium einen langwierigen Zermürbungskrieg gegen die Ukraine zu führen. Die von den USA und ihren europäischen Bündnispartnern der Ukraine geleistete Militärhilfe blieb unter der russischen Kernwaffendrohung deutlich zu zögerlich, um Kiew zu befähigen, die häufig dysfunktional agierende russische Militärmacht so weit niederzukämpfen, dass die Aussicht auf eine militärische Niederlage die russische Führung zu einer Beendigung des Krieges hätte bewegen können. Die Administration des US-Präsidenten Joe Biden ging wohl davon aus, dass dem Kreml schon irgendwann die Lust an diesem Krieg vergehen würde, wenn ihm nur lange genug die Aussicht auf einen Sieg verwehrt bliebe. Bidens Präsidentschaft ist nunmehr Geschichte, und die Unterstützer-Koalition der Ukraine zeigt nach den Regierungswechseln in Tschechien, der Slowakei und maßgeblich in den USA selbst deutliche Risse.

Der von Hal Brands, Professor an der Johns Hopkins Universität, herausgegebene Band gehört gewissermaßen dieser bereits vergangenen Phase des Ukraine-Kriegs an, als die Biden-Administration Kiew zaudernd, doch insgesamt zuverlässig unterstützte, während sich gleichzeitig der mit Russland diffus verbundene Donald Trump anschickte, in den USA die Präsidentschaft zurückzuerobern. In seiner Einleitung beklagt Brands, wie schwierig es sei, die Geschichte eines laufenden Krieges zu schreiben, und wie unterschiedlich Bewertungen ausfallen können, je nachdem zu welchem Zeitpunkt des sich entfaltenden Geschehens Schlussfolgerungen gezogen werden.

Brands' Wertung, es handele sich bei Putins Krieg um einen Hegemonialkrieg, der die geopolitischen Realitäten des 21. Jahrhunderts maßgeblich mitbestimmen werde, kann allerdings als gesicherte Erkenntnis gelten. Gleiches gilt für seinen Hinweis, dass der Krieg das Ergebnis von Putins vergeblichen Versuchen gewesen sei, die Ukraine im Zustand eines unterwürfigen und dysfunktionalen Vasallenstaats zu fesseln. In den Jahren 2004/05 hätten Putins verdeckte Interventionen in die ukrainische Innenpolitik die "Orangene Revolution" befeuert, während sein Versuch, die Annäherung des Landes an die Europäische Union (EU) zu durchkreuzen, 2014 die "Revolution der Würde" zur Folge gehabt habe. Darauf reagierte der Kreml-Chef mit der Besetzung der Krim und dem als Bürgerkrieg getarnten Angriff auf die Ost-Ukraine. Ebenfalls gesicherte Erkenntnis ist Brands' Beobachtung, dass es der Westen nach diesen Ereignissen nicht vermocht habe, ein Abschreckungskonzept zu entwickeln, das Putin davon hätte abhalten können, im Februar 2022 zur Zerschlagung des ukrainischen Staates auszuholen und so den größten europäischen Krieg seit 1945 zu entfesseln.

Durch die seit Erscheinen des Bandes eingetretene Veränderung der Lage befindet sich der Leser so in der Rolle des zukünftigen Historikers, der zumindest partiell entscheiden kann, welche der Beiträge bleibenden Wert für das Verständnis dieses Konflikts haben werden. Zuvörderst wäre hier der Aufsatz von Alexander Bick "Planning for the Worst. The Russia-Ukraine 'Tiger Team'" zu nennen. Als hochrangiger Mitarbeiter von Präsident Bidens National Security Council liefert Bick eine Innenansicht von der Arbeit dieses Gremiums im Vorfeld des russischen Angriffskrieges, als die amerikanischen Nachrichtendienste bereits ein klares Bild von Putins Vorhaben besaßen. Das von Bick geleitete "Tiger Team" trat Anfang Dezember 2021 erstmals zusammen, um Handlungsanweisungen für jeweilige Gegenschritte der USA auszuarbeiten. Die wichtigste Entscheidung hierbei war wohl, mit den nachrichtendienstlichen Erkenntnissen an die Öffentlichkeit zu treten und die Verbündeten in die entsprechenden Vorbereitungen einzubeziehen. In Planspielen wurden Optionen für unterschiedliche Szenarien entwickelt, so dass die USA den jeweiligen russischen Handlungen geordnet und effizient entgegentreten konnten. Die russische Niederlage in der Anfangsphase des Krieges sieht Bick denn auch als Ergebnis dieser Arbeit. Bidens Nationalen Sicherheitsberater, Jake Sullivan, lobt er ausdrücklich. Mittlerweile ist Sullivan stark umstritten, da er im Folgenden die eher zögerliche Aufrüstung Ukraine mitzuverantworten hatte.

Der Stalin-Biograf Stephen Kotkin betont in seinem Beitrag ebenfalls die Wechselhaftigkeit des Krieges. Während er die Anfangserfolge der Ukraine 2022 lobt, sieht er die tagtägliche Fortsetzung des Krieges als einen wichtigen Erfolg Putins, dem es dadurch gelänge, den Ukrainern ein friedliches und wohlhabendes Land vorzuenthalten. Im nun vorherrschenden Abnützungskrieg würden die Ukrainer der russischen Armee zwar hohe Verluste an Menschen und Material zufügen, dies bliebe aber ohne militärische oder politische Wirkung, solange Russland in der Lage sei, neue Truppen nachzuschieben. Um die russische Regenerationsfähigkeit zu brechen, seien massive Schläge gegen die Rüstungsindustrie erforderlich. Während dies beim Abfassen von Kotkins Aufsatz noch nicht der Fall war, verfügt die Ukraine nunmehr über Mittel, um industrielle Ziele im rückwärtigen Raum Russlands anzugreifen. Ihre Schläge konzentriert sie recht erfolgreich gegen die russische Ölindustrie, deren Exporte die ökonomische Grundlage für Putins Krieg liefern. Im Zentrum von Kotkins Ausführungen steht allerdings nicht die Frage, wie der Krieg zu gewinnen ist, sondern der anschließende Friede. Als Voraussetzung für einen gewonnenen Frieden, in dem sich die Ukraine als prosperierende Demokratie etablieren kann, sieht Kotkin einen baldigen Waffenstillstand, erreichbare Sicherheitsgarantien und einen EU-Beitritt. Er betont, wie sehr die Bevölkerungsverluste durch Krieg und Abwanderung die Zukunft des Landes bedrohen. Als Mittel, um Putin zur Beendigung seiner Aggression zu zwingen, empfiehlt Kotkin den politischen Angriff auf die Stabilität seines Regimes. Diesen Weg wollte die Biden-Administration aber nicht beschreiten, und zu den ersten Amtshandlungen des Präsidenten Trumps gehörte es, die dafür geeigneten Auslandsinformationsdienste der USA abzuschaffen; der von Kotkin als Hoffnungsträger genannte Alexej Nawalny wurde mittlerweile ermordet.

Lawrence Freedman, emeritierter Professor für War Studies am Londoner King's College, analysiert den strategischen Fanatismus Wladimir Putins. Dieser habe mit seiner "bad strategy" (67) zur politischen Unterwerfung der Ukraine das Land immer weiter nach Westen getrieben. Putins strategischen Fanatismus sieht er in dessen Weigerung, zu akzeptieren, dass das von ihm beklagte Problem nicht lösbar sei. Freedman lässt bei seiner Analyse allerdings außer Acht, dass der Moskauer Autokrat sich gut in der Kriegsgesellschaft eingerichtet hat, zu der Russland nach seinem Großangriff auf die Ukraine geworden ist.

Der Militärwissenschaftler Michael Kofman liefert einen soliden Überblick zu den Militäroperationen und der Dynamik auf dem Schlachtfeld, der von der Anfangsperiode des Kriegs bis zur Schlacht um Bachmut und dem anschließenden Winter 2023 reicht. Auch Dara Massicot, ebenfalls vom Eurasia Program der Carnegie Endowment for International Peace, begibt sich auf die Ebene des Gefechtsfelds und analysiert die Widerstandsfähigkeit, die die russischen Soldaten trotz ihrer häufig katastrophalen Einsatzbedingungen und einer menschenverachtenden Führung bislang an den Tag gelegt haben. Zu Auflösungserscheinungen sei es bislang nur im August 2022 gekommen, als die Ukrainer im Raum Charkiw ein größeres Stück der russischen Front aushebeln konnten. Die Rezepte der russischen Streitkräfte zur Aufrechterhaltung der Kampfmoral seien durchaus wirksam, da aber Maßnahmen für eine mentale Dekompression und für die Wiedereingliederung der Soldaten in die Gesellschaft fehlten, sei bei den Veteranen in hohem Maße mit Posttraumatischen Belastungsstörungen und anderen psychischen Erkrankungen zu rechnen.

Insgesamt sind die 17 Beiträge des Bandes vor allem eine zeitgebundene Momentaufnahme der jeweiligen Einschätzungen des politik- und strategiewissenschaftlichen Establishments der USA. Peter D. Feaver und William Inboden widmen sich dementsprechend in ihrem Abschlussbeitrag der "globalen Rolle Amerikas im Schatten des Ukraine-Konflikts". Auch ihre Analyse beginnt mit dem durchaus erfolgreichen Agieren des Präsidenten Biden in der Anfangsphase des Krieges. So sei es diesem zunächst gelungen, einen parteiübergreifenden Konsens in den USA herbeizuführen und die amerikanischen Verbündeten um sich zu sammeln. In einem historischen Überblick analysieren sie sodann, den Gegensatz zwischen amerikanischem Isolationismus und Internationalismus. Die Ursachen für die gegenwärtige Krise des amerikanischen Internationalismus sehen sie in der Aversion vor "another Iraq" (298) einem christlichen Nationalismus, der in Putin einen Glaubenshelden sieht, dem Wunsch nach einem stärkeren Einsatz der Europäer und der Annahme, dass die USA ihre Kräfte dringend nach Asien umgruppieren müssten. Den Isolationisten bescheinigen Feaver und Inboden, dass es ihnen im Grunde egal ist, ob die ukrainische Regierung in Kiew kollabiert, massive Kriegsverbrechen gegen ukrainische Zivilisten begangen werden und sich die russische Kontrolle von ukrainischem Gebiet ausweitet.

Rezension über:

Hal Brands: War in Ukraine. Conflict, Strategy, and the Return of a Fractured World, Baltimore / London: The Johns Hopkins University Press 2024, VI + 313 S., ISBN 978-1-4214-4984-5, USD 32,95

Rezension von:
Michael Ploetz
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Michael Ploetz: Rezension von: Hal Brands: War in Ukraine. Conflict, Strategy, and the Return of a Fractured World, Baltimore / London: The Johns Hopkins University Press 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/02/40041.html


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