Emma Goldman (1869-1940) gehört heute selbstverständlich zum Kanon klassischer feministischer Theorie, wenngleich es fraglich ist, ob sie für sich die Bezeichnung als Feministin in der politischen Lesart ihrer Zeit hätte gelten lassen. Sie begriff sich vielmehr als Anarchistin, die aber mit ihren reproduktions- und sexualpolitischen Themen dezidiert die Unterdrückung der Frau thematisierte. Geburtenkontrolle, Schwangerschaftsabbruch und die "sexuelle Befreiung des weiblichen Geschlechts" (9) waren für Goldman lebenslang ebenso wichtig wie der Kampf gegen staatliche Repressionen, Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Diktaturen.
Frank Jacob legt neben einer einfühlsamen Biografie auch eine Auswahl von teilweise recht unbekannten Texten von Goldman vor, die ihren Aktivismus, ihre historischen Interpretationen sowie politischen Positionierungen hervorheben. Der Autor zeichnet das Bild einer emanzipierten Frau nach, deren Lebensweg durch hohe internationale Mobilität und Vernetzung und gleichzeitig stets von Brüchen und Krisen gekennzeichnet war.
Im ersten Teil des Buches beschreibt der Autor Meilensteine in Goldmans Biografie. Der Anarchismus und insbesondere eine Revolution waren für sie nicht nur politisch, sondern auch emotional besetzt. Für die Anarchistin stand demnach nicht nur die Geschlechtergleichstellung im Mittelpunkt, vielmehr ging es ihr um die unbedingte und allumfassende Freiheit für jeden Menschen.
Die Situation im zaristischen Russland und die familiären Zwänge ließen für Goldman die USA als strahlende Zukunftsaussicht erscheinen. Auch sie war mit dem Nihilismus und dem Gedankengut Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewskis (1828-1889) in Berührung gekommen. Gemeinsam mit ihrer Schwester Helena und deren Ehemann verließ sie 1885 Russland in Richtung der neuen Welt. In New York City angekommen und in einer Textilfabrik tätig, politisierte sie insbesondere der Haymarket-Aufstand 1886: Die Streiks und erbitterten Auseinandersetzungen mit der Ordnungsmacht, der Bombenanschlag sowie die darauffolgende recht willkürliche Verurteilung von sieben Anarchisten hinterließen einen tiefen Eindruck, denn hier zeigte sich, dass das Land der unbegrenzten Möglichkeiten - ebenso wie Russland - politische Gegner herrschender Eliten inhaftierte und zum Tode verurteilte. Goldmann knüpfte Kontakte zu Anarchisten und setzte sich unter anderem mit den Schriften Michail Alexandrowitsch Bakunins (1814-1876) auseinander. Auf Rat von Johann (John) Most machte sie sich mit eigenen Schriften und Vorträgen selbstständig. Mit 24 Jahren hielt sie eine Rede vor über 5000 Menschen, in der zur direkten Aktion aufrief. Deshalb wurde sie wegen Anstiftung zum Aufruhr für ein Jahr inhaftiert.
Frank Jacob definiert den Anarchismus, den Goldman propagierte, als basisdemokratisch. Auch akzeptierte sie Gewalt als politische Aktionsform, da diese ein "Ausdruck der Machtlosigkeit der Unterdrückten" sei (18). Prägend waren für sie zudem ihre Fabrik- und Migrationserfahrung in den USA. Goldmans Konfrontation mit feminisierter Armut zeigte ihr aus erster Hand, dass Frauen in der Fabrik und in der Familie ausgebeutet wurden. Die Ehe als reglementiertes Instrument von Konservativen, Staat und Kirche sowie fehlende Geburtenkontrolle und Verhütungsmöglichkeiten für Frauen seien die Unterdrückungsmechanismen moderner Gesellschaften (20). Ihre dezidierte Kritik am US-amerikanischen Puritanismus kam bei den kirchlichen Würdenträgern genauso wenig an, wie ihre offene Haltung zu freier Sexualität und Homosexualität bei einigen Anarchisten (22).
Auch agitierte Goldman aktiv gegen den Ersten Weltkrieg, die Wehrpflicht und für die Revolution nach russischem Vorbild, was ihre Ausweisung aus den USA und ihre Rückkehr in die alte Heimat zur Folge hatte. Ähnlich wie andere Zeitgenossinnen sah sie in der russischen Revolution zunächst die Befreiung der Menschen. Sehenden Auges wurde Goldman allerdings auch gewahr, dass diese in eine Parteidiktatur umgeschlagen war - ein Zustand, den sie später mit dem Faschismus verglich. Goldman "erlebte sozusagen einen postrevolutionären Schock, der ihre Agitation in den Folgejahren bestimmen würde" (31 f). Sie verließ Russland 1921 wieder. Ihre öffentliche Kritik an der Sowjetunion brachte ihr aus dem linken Lager Anfeindungen ein (34).
Die Auswahl an Texten beginnt mit biografischen Notizen und Aufzeichnungen: "Eine Anarchistin schaut auf das Leben" von 1933 und "War mein Leben lebenswert?" von 1934. Eindrücklich vermittelt Goldman in den Artefakten ihre Erfahrungen und die daraus resultierenden politischen Erkenntnisse. Zum Haymarket Riot schrieb sie: "Dieses Justizverbrechen brannte sich unauslöschlich in mein Denken und mein Herz ein und veranlasste mich dazu, mich mit dem Ideal vertraut zu machen, für das die Männer so heldenhaft gestorben waren" (47). Und für Goldman war vollkommen klar, dass "eine Diktatur, sei sie rechts oder links, nie funktionieren kann - sie hat nie funktioniert und die Zeit wird zeigen, was schon zuvor bewiesen wurde" (51). Nur der Anarchismus ermögliche dem Individuum nach seinen Möglichkeiten und Bedürfnissen in einer freien Gesellschaft zu leben (56).
Im Text "Anarchismus: Wofür er wirklich steht" von 1911 geht es Emma Goldman vor allem um eine historische und philosophische Herleitung des Konzepts. Interessant an ihrer Analyse ist, dass sie nicht nur den Kapitalismus kritisiert, sondern vielmehr die Bedingungen moderner industrialisierter Massenproduktion, die sich auch im Sozialismus finden: "Es ist schwer nachvollziehbar, aber es gibt Menschen, die diese abstumpfende Methode zentralisierter Produktion als beste Errungenschaft unserer Zeit preisen" (65).
Russlands politische Entwicklung analysierte sie in "Meine weitere Desillusionierung in Russland" von 1924. Die Schrift ist vor allem als Argumentation gegen marxistisch-orthodoxe Linke zu verstehen. Die Autorin argumentierte, dass die Genossenschaften und die Arbeiterorganisationen, die Stadt und Land verknüpften, die Sowjets sowie die Intelligenzija als selbstorganisierte und -bestimmte Organisationsformen die Emanzipation Russlands voranbrachten, aber durch die Bolschewiki mit "Methoden der Unterdrückung und Verfolgung" und "Terror und die Vernichtung aller anderen politischen Ansichten aus" (79) eingehegt wurden. Goldman ging so weit, dass sie die Neue Politische Ökonomie als "Lenins neue[s] Evangelium" (80) bezeichnet. Die Schrift ist in ihren Angriffen auf die Bolschewiki, deren Revolutionsbegriff und Menschenbild sehr scharfsinnig, die überlegte Wortwahl treffsicher: Der Vergleich mit dem evangelischen Christentum war für orthodoxe Marxisten in deren Ablehnung von Religion und Kirche sicherlich mehr als nur ein Affront.
In den Beiträgen "Ehe und Liebe" (1911) und "Sex als Element" (ohne Veröffentlichungsdatum) kritisierte sie die rigiden Geschlechterverhältnisse und die Ehe als Institution. Mutterschaft sollte frei entfaltet werden können, auch ohne Ehe (120). Sexualität sei zudem ein menschliches Grundbedürfnis, das von jeglicher Schamhaftigkeit befreit werden müsse (131).
Als überzeugte Anarchistin war für Emma Goldman der Nationalsozialismus und der Bolschewismus mit ihrer Unterdrückung jeglicher Individualität zu bekämpfen. In den letzten zwei Jahrzehnten ihres Wirkens schrieb Emma Goldman vorwiegend gegen diese Diktaturen an. Sie unterstützte mit Spendensammlungen 1936 die spanischen Anarchistinnen und Anarchisten, bevor sie im Alter von 70 Jahren während einer Vortragsreise in Kanada 1940 verstarb.
Die Kurzbiografie von Frank Jacob sowie die zusammengestellten Beiträge sind - gerade auch aus heutiger Perspektive - lesenswert und aufschlussreich. Die Kompromisslosigkeit Goldmans, die sich in der Erwerbsarbeitsbiografie, dem politischen Aktivismus, ihren Schriften sowie in der Art ihrer persönlichen Beziehungen widerspiegelt, wird in dieser Publikation deutlich. Denn "für sich selbst denken, frei handeln und in vollen Zügen leben" (56) war für Goldman alltägliche Praxis und ein zu erreichendes gesellschaftliches Ziel für alle Menschen.
Frank Jacob (Hg.): Emma Goldman oder: Freiheit um jeden Preis (= Biografische Miniaturen), Berlin: Karl Dietz 2023, 160 S., 8 s/w-Abb., ISBN 978-3-320-02408-6, EUR 12,00
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