Die große Herausforderung, der sich Handbücher stellen müssen, besteht darin, einen umfassenden Überblick über ihr Objekt zu geben. Handelt es sich um ein historisches Objekt, beginnt diese Herausforderung mit dessen Konzeptionalisierung. Der Titel Le monde des Grecs au VIe siècle avant J.-C. lässt schon einmal keine Zweifel aufkommen bezüglich des zeitlichen Rahmens, den sich die Herausgeber Francis Prost (Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne), Jean-Manuel Roubineau (Université Rennes 2) und Didier Viviers (Université libre des Bruxelles) stecken: Ihr Buch behandelt das 6. vorchristliche Jahrhundert, genau genommen das lange 6. Jahrhundert, das noch das Ende des 7. Jahrhunderts umfasst. Der behandelte Raum franst notwendigerweise aus, da 'le monde des Grecs' zwar den Ägäisraum als Ankerpunkt hat, die 'société grecque', wie das Objekt in der Introduction ebenfalls bezeichnet wird, im 6. Jahrhundert jedoch bereits eine markante mediterrane Verflechtung aufweist und sich im Zuge der sogenannten 'Kolonisation' einige Zweigstellen im Mittelmeerraum erlaubt hat.
Warum das 6. Jahrhundert? Die Herausgeber sehen es in der Introduction als ein "laissé-pour-compte", ein Zukurzgekommenes. Es liegt zwischen den modernen althistorischen Periodenschwergewichten der Archaik und der klassischen Zeit und konnte somit bislang kein eigenständiges Profil entwickeln, da es entweder Anhängsel oder Vorfeld (mit der somit auferlegten Teleologie) war. Diese Lücke zu schließen ist das Ziel des Buches, und zwar im Sinne einer distinkten Strukturgeschichte der "allgemeinen Dynamik der société grecque" des 6. Jahrhunderts. Dementsprechend kreisen sämtliche Beiträge um die Frage nach den strukturierenden Aspekten des gesellschaftlich gelebten Raums (Durkheims 'espace vécu' drängt sich hier auf), der im Sinne des spatial turns als Produkt menschlicher Praktiken und techné (Fertigkeiten) verstanden wird. Aus Letzteren lässt sich folglich die spezifische Ausformung der société grecque des langen 6. Jahrhunderts ableiten.
Diesem Zugriff entsprechend wurde die Rahmung der Beiträge gestaltet. Das Buch unterteilt sich in drei große Partien: Acteurs et pratiques untersucht zentrale Akteure und soziokulturelle Praktiken der communautés grecques: 1. Le paysan et sa terre (Julian Zurbach), 2. L'artisan et la commande (Francis Prost), 3. Le marchand et le risque (Alain Bresson), 4. Le soldat et le métier des armes (Ionnis Chalazonitis), 5. L'athlète et la couronne (Jean-Manuel Roubineau), 6. Le tyran et la politique (Francis Prost), 7. Le magistrat et la loi (Michael Gagarin), 8. Le sage et la nature (Leopoldo Iribarren) und 9. Le dieu et l'offrande (Vinciane Pirenne-Delforge).
Espaces et circulations fokussiert auf die Manipulation des 'gelebten Raums', sei es in Form der Gestaltung und Organisation des Naturraums (10. Paysages et territoires (Julien Zurbach)) als auch des bewohnten Raums (11. Colonnes, colonnades et paysages urbains (Jean-Yves Marc), 12. Marqueurs urbains: l'acropole (Roland Étienne), 13. Marqueurs urbains: l'agora (Emanuele Greco), 14. Marqueurs urbains: le rempart (Nota Kourou), 15. La tombe et l'espace funéraire (Reine-Marie Bérard)), oder der Schaffung von Kommunikationsmöglichkeiten und -wegen (16. La mule et le bateau (Patrice Pomey [verst.]/Georges Raepsaet)).
Ècarts et systèmes meint grundlegende soziale und diskursive Strukturen der société grecque, sei es als Konsequenz grundlegender Dichotomisierungen (17. Libres et esclaves (Paulin Ismard), 18. Époux et épouses (Jérôme Wilgaux), 20. Jeunes et vieux (Nadine Bernard), 21. Agathoi et kakoi (Evelyne Scheid-Tissinier)), soziokulturelle Grundzüge (19. Erôs et culture (Sandra Boehringer), 22. Sociabilités et communauté (Pauline Schmitt Pantel), 23. La monnaie et la dette (Raymond Descat), 25. L'écrit et la voix (Didier Viviers)) oder die Auswirkung von techné (v.A. Alphabetisierung: 24. Le texte et l'autorité (Didier Viviers)) und der Konsequenzen der zunehmenden Verflechtung des Mittelmeerraums (26. Rencontres et face-à-face (Pierre Rouillard/Damien Agut-Labordère), auch auf die Wahrnehmung der Welt: 27. Distances et confins (Pierre Schneider)).
Das große Problem des Versuchs einer Darstellung der griechischen Gesellschaft des 6. Jahrhunderts ist natürlich die Quellenlage hinsichtlich schriftlicher Zeugnisse, was die Herausgeber zu Recht auch als einen Grund für das 'Zukurzkommen' des 6. Jahrhunderts ausmachen: Der Mangel an Schriftquellen rückte den Fokus der althistorischen Forschung konsequenterweise auf das darauffolgende Jahrhundert. Dieser Mangel macht sich noch bemerkbarer, wenn, wie das Konzept des Handbuchs vorsieht, möglichst zeitgenössischen Quellen der Vorzug gegeben werden soll. Der Fokus auf soziokulturelle Praktiken macht diesen Mangel allerdings durch eine konsequente Integration archäologischer Quellen wett, da diese im Endeffekt die Überreste der Manifestation ebendieser Praktiken und techné und somit Spuren grundlegender soziokultureller, diskursiver structures sind. Diese 'semiotische' Lesart kann auch als Erbe der École de Paris um Jean-Pierre Vernant, Pierre Vidal-Naquet und Marcel Détienne gesehen werden, die die französischsprachige Forschung nachhaltig prägte und denen auch im vorliegenden Buch immer wieder Reverenz erwiesen wird.
Funktioniert das Panoptikum relevanter soziokultureller Praktiken als Abbild einer Epoche? Definitiv: Der Zugriff und die kluge Wahl der verschiedenen Themen erlauben es, einen möglichst umfassenden Eindruck des Zustands der société grecque zu vermitteln.
Hervorzuheben ist hierbei das immer wieder hervortretende Bestreben, über den quellenbedingten Fokus auf die Zentren Athen und Sparta hinauszugehen, um einen vergleichenden, andere Schauplätze inkludierenden Überblick zu bieten, oder auch das ländliche Griechenland mitzudenken (etwa die beiden Beiträge von Julien Zurbach (Kap. 1 und 10)). Dennoch gibt es Themenbereiche, die ein wenig zu kurz gekommen sind: Etwa die Frage nach der Rolle der Divination, erstaunlich, da die Kommunikation mit den Göttern eine zentrale gesellschaftliche techné war und als solche gut in das Konzept gepasst hätte; oder die Frage nach der Selbstwahrnehmung der 'Grecs', also etwa der Konzeptionalisierung der ethnē oder eines übergeordneten hellenischen Zusammenhangs - sicherlich ein Thema von Relevanz für das 6. Jahrhundert (wobei natürlich eine Vielzahl von Praktiken in diesen Komplex involviert sind, die sicherlich nicht leicht in einen Beitrag zu fassen wären); ich hätte auch gerne ein dem 'colon' gewidmetes Kapitel gelesen: Zwar waren die meisten prominenten apoikiai im 6. Jahrhundert längst etabliert, dennoch gab es nach wie vor eine Reihe von Sekundärgründungen und auch die 'französische' apoikai Massalia entstand erst im 6. Jahrhundert und wird auch als Vergleichsbeispiel der gegensätzlichen Kontaktformen im nordwestlichen Mittelmeer respektive in Ägypten im Beitrag von Pierre Rouillard und Damien Agut-Labordère (Kap. 26) beleuchtet. Und gerade Kyrene, jene eigentlich in den antiken Quellen am 'besten' dokumentierte Gründung, dessen Geschichte definitiv zum langen 6. Jahrhundert gehört, hätte dem Bild der société grecque wohl weitere Nuancen verleihen können.
In ihrem Fazit D'un Mégakles à l'autre. Esquisse d'un siècle... versuchen die Herausgeber das 6. Jahrhundert auf den Punkt zu bringen. Schlagwörter, die auch in den Beiträgen immer wieder anklingen, sind dynamique, intensité oder accélération. Dieses Jahrhundert wies keine großen Revolutionen auf, sondern ein "ruhiges" (apaisé, tranquille) Umfeld, das ein Zusammenspiel kleinerer Innovationen ermöglichte, die die Dynamisierung gesellschaftlicher Entwicklungen vorantrieben. Dies ist es, was das 6. Jahrhundert auszeichnet, ihm ein eigenständiges Profil verleiht und es vom vorangegangenen und vom folgenden Jahrhundert unterscheidet. Dieses Bestreben, das 6. Jahrhundert abzugrenzen, ist auch zumindest implizit ein Leitmotiv der einzelnen Beiträge: Was ist anders, speziell? Eine Frage, die sich jedoch aufgrund der Quellenlage oft nur andeutungsweise beantworten lässt, vor allem weil es schwer ist, den Ursprung einer Praktik oder techné klar zeitlich zu verorten. Grundsätzlich ist diese Frage absolut berechtigt und führt zu einer nuancierteren Bewertung nicht nur des behandelten Jahrhunderts, sondern auch, die angrenzenden Jahrhunderte eingerechnet, eines größeren Zusammenhangs in der Geschichte der société grecque. Dass die Herausgeber dem 6. Jahrhundert den Status eines âge d'or oder einer belle époque (jener gesellschaftlich dynamischen und friedlichen Ära am Ende des 19. Jahrhunderts) zuschreiben, wirkt dann doch etwas verklärend (was auch in der Idee der belle époque selbst angelegt ist) angesichts der nicht nur positiven Auswirkungen der Dynamisierung auf Teile der société.
Francis Prost / Jean-Manuel Roubineau / Didier Viviers: Le monde des Grecs au VIe siècle avant J.-C., Rennes: Presses Universitaires de Rennes 2024, 750 S., zahlr. Abb., ISBN 978-2-7535-9573-6, EUR 34,00
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